Die ÜSTRA in Hannover, ein ÄRGERNIS!

Über dieses Thema ist sicherlich schon viel in vergleichbaren Foren geschrieben worden, und glücklich derjenige, der nicht in Hannover wohnt und nicht auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist!

Jetzt bin ich ja letztendlich immer dafür, dass die Menschen so wenig Auto fahren sollen wie nur möglich, doch in Hannover kann ich wahrlich jedermann und jedefrau verstehen, die darauf nicht verzichten möchten.

Hannover zeichnet sich dadurch aus, dass ständig Fahrkartenkontrollen erfolgen, ausgeführt von Menschen, die meist so aussehen und auch so auftreten, als ob sie direkt einem Verbrecherfilm entsprungen sind. Und …: Sie wären dabei nicht die Darsteller der „Guten”.

Ich nehme an, dass diese Menschen von der Üstra “Kopfpauschalen” für jeden gefangenen “Schwarzfahrer” erhalten, anders ist es nicht zu erklären, dass – sobald nur unbeabsichtigt das falsche Ticket gekauft worden ist – , von ihnen und auch von der dahinterstehenden “Organisation” kein Pardon gewährt wird.

Konkreter Anlass für meine Wut, die sich nun hier Luft verschafft, ist, dass mein Sohn von diesen “Subjekten” mit einem “Ermäßigungsticket” erwischt wurde, was aber – laut Richtlinien der Organisation – nicht gültig war, da er mit 15 Jahren nicht mehr ermäßigungsberechtigt ist. Auch dies übrigens – diese kleine Bemerkung sei mir erlaubt – ist eine asoziale Bestimmung, die nicht am Wohl der Gemeinschaft orientiert, sondern nur aus turbokapitalistischen Gesichtspunkten nachvollziehbar ist. Schließlich ist mein Sohn Schüler und verfügt über keinerlei Einkommen.

Allerdings hätte ich auch diese “Geschichte” jetzt heruntergeschluckt und sie wäre nicht Anlass für einen langen Blogeintrag geworden, wenn sie nicht der Gipfel von ähnlich gelagerten Erfahrungen wäre, die ich (und nicht nur ich!) in den vergangenen Jahren mit dieser Organisation habe machen müssen.

Die schlimmste diesbezügliche Erfahrung hatte ich vor zwei Jahren: Da wurde ich von der Polizei vorgeladen, weil mein Sohn ohne gültigen Fahrausweis angetroffen worden war und sich nicht ausweisen konnte. Daraufhin wurde mein Sohn von der Polizei nach Hause gebracht (meinen Schreck muss man sich vorstellen!), wobei die Beamtin mich mit den Worten begrüßte: “Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht!” Fakt war, dass mein Sohn sein gültiges Schulticket nur zu Hause vergessen hatte. Selbstverständlich hatte die hannoversche Nahverkehrs-Organisation unverhältnismäßig reagiert und gleich eine Anzeige gegen mein Kind aufgegeben, was wiederum dazu führte, dass wir einen sommerlichen Nachmittag bei der Polizei verbringen durften, wo ein Beamter eine Stunde mit einem Protokoll beschäftigt war, das letztendlich zur “Einstellung des Verfahrens” führte.

Auf diese Art und Weise lassen sich in Hannover die Ordnungshüter mit sinnlosen Aktivitäten beschäftigen, wobei ihre Arbeitszeit letztendlich von uns allen (den Steuerzahlern) beglichen wird und die sicherlich Besseres zu tun haben, als “Abzockemechanismen” des öffentlichen Nahverkehrs in Hannover, der obskurerweise zwar privatwirtschaftlich organisiert, ansonsten aber in “staatlicher Hand“ ist, zu bedienen.

Diese Aktivitäten der ”ÜSTRA” in Hannover führen dazu, dass die Kriminalitätsstatistik hier sehr hoch und die “Mobilitäts”-Lebensqualität in Hannover sehr gering ist.

Ich selbst bin der Meinung, dass Mobilität ein Grundrecht darstellt und dass wir die Städte weitgehend “autofrei” gestalten und den städtischen Nahverkehr durch Steuergelder finanzieren sollten, wodurch einer solchen “Kriminalisierung” der Bevölkerung nicht Vorschub geleistet werden würde.

Normalerweise würde ich jetzt gerne auf das Fahrrad ausweichen, wohne allerdings leider “zu weit” von meiner Arbeitsstelle entfernt. Schade – so bleibe ich erst einmal angewiesen auf diese obskure “Organisation” und muss “gute Miene zum bösen Spiel machen”.

Mehr Informationen über Alternativen, hier: attac

Die „Alte Taufe“

Einmal im Monat gehen wir – das ist eine Gruppe von interessierten Hannoveraner/inne/n – gemeinsam  wandern. Dabei verknüpfen wir das Wandern mit spirituellen Themen und lernen darüber hinaus die  nähere Umgebung kennen.

Das letzte Mal waren wir  hier:

Alte Taufe. DetailAlte Taufe

Das ist die „Alte Taufe” und mein Sonntagsausflugs-Führer von Ingeborg Müller sagt dazu:

„Dabei ist dieser sagenumwobene Stein einen Besuch wert, auch wenn seine Geschichte recht blutrünstig ist. Offensichtlich ist dieser mächtige Steinquader mit seiner schüsselartigen Vertiefung von Menschenhand behauen. Angeblich sollen hier einst in dem von Cheruskern bewohnten Gebiet Blutopfer durch das Schlachten von weißen, als heilig angesehenen Pferden erbracht worden sein. Sie galten dem germanischen Kriegsgott Tiu, von dem auch der Name Deister abgeleitet werden kann. Später aber habe ein heidnischer Adliger auf jenem Stein, der damals inmitten eines Burghofes gestanden haben soll, die Erstgeborenen der von ihm besiegten Christen geopfert, ehe er sich dort voller Reue als Christ taufen ließ. Damit wurde die ‘Alte Taufe’ zum Taufstein.” (S.51 f.)

Nun, mich selbst interessieren die germanischen Wurzeln mehr als die christlichen Schauergeschichten, die später auf die alten Kraftplätze projiziert worden sind. Insofern nehme ich an, dass an diesem Stein früher Recht gesprochen worden ist, schließlich ist Tiu oder auch Tyr der Gott des Things, des Rates also.

Doch er ist noch viel mehr: Genauso wie Odin, der ihn später verdrängte, ist er der große Himmelsgott. Ihm ist eine eigene Rune zugeordnet. Es ist ein Pfeil, der nach oben zeigt und den die Krieger einst auf ihre Speere zeichneten.

Diese Rune steht für Gerechtigkeit und verweist durch ihre aufstrebende Form auf das Irminsul, womit ich dann – für alle, die es verstehen wollen – den Zusammenhang zu den Externsteinen hergestellt habe.

Erholung im Neofeudalismus, 3. Teil: Greetsiel

Greetsiel-Impression

Eine Woche waren wir an der Nordsee, genauer gesagt in Greetsiel.

Das ist ein pittoresker Küstenort, der dadurch, dass er eben nicht mit langen Sandstränden aufwarten kann, ein Refugium für ruhesuchende Naturliebhaber/innen geworden ist. Besonders viel Spaß macht es, mit dem Fahrrad die Umgebung zu entdecken und dabei u.a. das Naturschutzgebiet Leyhörn zu erkunden, das immerhin zur Hälfte für Besucher/innen gesperrt ist und so einenSchutzraumfür Tiere und Pflanzen darstellt.

Allerdings wirkt das kleine Dorf leicht überfüllt, immer dann nämlich, wenn Scharen von Ausflügler/inne/n durch die Einkaufsstraße ziehen und sich in den Läden die immer gleichen Sortimente von maritim-touristischem Kitsch anschauen. Glücklicherweise ist aber um 18 Uhr das geschäftige Treiben vorbei. Die Läden schließen, die Ausflügler sind urplötzlich verschwunden und Ruhe kehrt ein. Das gefällt mir, habe ich doch in der Stadt genug Hektik und Unruhe.

Alles wirkt plötzlich so entspannend-ruhig-inspirierend, dass ich gleich in die Gemeinde Krummhörn umziehen und mich in ein kleines Fischerhäuschen zurückziehen möchte. Doch natürlich weiß ich, dass ich hier einer städtischen Illusion vom ”friedlichen Landleben” aufsitze. Angelus Eisinger, Städtebau- und Planungshistoriker, sagt im Montagsinterview der TAZ vom 6. Juli 2009, dass die Stadt eine Quelle der Innovation ist. Das Land dagegen “war immer, außer für die Wochenendler, ein Ort enorm starker Hierarchisierung, Kontrolle, Zentralisierung, Durchsetzung von obrigkeitlicher Macht mit einer Radikalität, der sich der Einzelne nicht entzieht.” Und weiter führt er aus:

Ich bin – wie alle richtigen Städter – auf dem Land groß geworden. Ich glaube aus eigener Anschauung zu wissen, dass es zutrifft, was in der Literatur so übers Land geschrieben wird. Ich kenne soziale Kontrolle, ich kenne Unfreiheit, ich kenne Macht von Obrigkeiten, seien sie politischer oder religiöser Natur, von alteingesessenen Familien. Das sind Dinge, die die letzten Spurenelemente von Romantik wegwischen, wirklich auf dem Land leben zu wollen. Dennoch kann ich mich nicht ganz vom kulturell ererbten Erwartungshorizont befreien, und suche diese Idyllen von Zeit zu Zeit auf.”

Und wirklich scheint in Greetsiel ein kleiner Krieg zu toben, und zwar zwischen den Investoren eines geplanten Ferienparks und einer Bürgerinitiative, die einen “Ballermann”- Tourismus befürchtet. Beides nachzulesen hier: www.ferienpark-greetland.de und hier: www.stopp-greetland.de

Ich selbst bin der Meinung, dass das “Greetland”- Projekt eindeutig “zu groß” dimensioniert für das kleine Greetsiel ist und die Gemeinde gut daran täte, verstärkt auf nachhaltig-ökologischen Tourismus zu setzen. Allerdings – und dazu muss ich keine Hellseherin sein – werden wohl die Interessen des Kapitals siegen, die mit scheinbaren Arbeitsplätzen locken, und so wird die “Idylle”, die ja – wie ich schon ausgeführt habe, sowieso nur die Illusion einer Idylle ist – wohl bald nur noch das Ambiente für diverse kommerzielle Angebote liefern (sofern dies nicht sowieso schon der Fall ist; um dies aber zu beurteilen, war mein dortiger Aufenthalt definitiv zu kurz).

Insofern muss ich nun mit Erschrecken feststellen, dass die Überschrift meines Beitrages “Erholung im Neofeudalismus” nicht wirklich stimmig ist, scheinen doch gerade in Greetsiel neofeudalistische Verteilungskämpfe stattzufinden. Allerdings – dies muss ich nun wirklich zugegeben – boten auch die bisherigen “Events” meiner Neofeudalismus-Serie nur begrenzt Erholung vom Neofeudalismus, schließlich verweisen die Refugien innerhalb einer entfesselten Moderne immer wieder zurück auf die eigentlichen Schwachstellen einer Gesellschaft.

Auf der Rückfahrt im Zug, dicht gefolgt von über Ostfriesland herziehenden Tornados (kein Witz, siehe Wetterbericht vom Montag!), vertiefte ich mich dann in die Lektüre der Zeitschrift “LandLust. Die schönsten Seiten des Landlebens” und schaute mir besonders die idyllischen Bilder an und las interessiert den Artikel, über das Ruhrpott-Ehepaar, das sich in Ostfriesland ”den Traum von einem ruhigeren Leben erfüllt”.

Meine Kunst!

shot-the-sherif

Hanno Rauschenberg schreibt  in seinem durchaus empfehlenswerten Buch „Und das ist Kunst?!“:

Wo Künstler als Missionare und Propheten auftreten, wo die Kunstwerke ein Medium werden sollen, um mit Höherem in Kontakt zu treten, da ist es in aller Regel mit der Qualität nicht weit her. (S. 247)

Obwohl ich ja durchaus in meiner Kunst eben genau diesen “Anspruch” erfüllen möchte (nämlich den Kontakt zu einer höheren Bewusstseinsebene herzustellen), hoffe ich dabei doch inständig, trotzdem künstlerische “Qualität” jenseits von pastellfarbenen Mandalazeichnungen zu erreichen. Immerhin möchte ich ja – ganz chaosmagisch – gedankliche Paradigmen außer Kraft setzen und so dann doch beim Betrachter/bei der Betrachterin visuelle Verwirrung anstiften, die letztendlich – so meine Anrufung an das Göttliche – zur gesellschaftlich-individuellen Heilung führen soll.

Ob mir dies gelingt, davon könnt ihr euch noch bis zum 02.07. im Kargah, Hannover, ein Bild machen, danach wohl eine Weile nicht (da ich mir selbst künstlerische Klausur verschrieben habe!).

Rendevous mit Aphrodite und Mami Wata

Letztens habe ich einen Kurs zum Thema „Mediale Heilung“ an der VHS Hannover belegt und dabei die Kursleiterin Brigitte Göbel, www.mahuna-institut.de,  kennen- und schätzen gelernt. Daraus hat sich mittlerweile ein interessanter Kontakt ergeben, zumal wir festgestellt haben, dass Brigitte sich schwerpunktmäßig mit Aphrodite und ich eben mit Mami Wata, der afrikanischen Aphrodite, beschäftige. Diese Gemeinsamkeit hat uns viel Lust auf eine Zusammenarbeit gemacht, an der wir auch andere Menschen teilnehmen lassen wollen. Insofern sind wir sehr glücklich darüber, dass uns die VHS Hannover die Möglichkeit bietet, im Herbst zusammen ein Wochenendseminar anzubieten. Es wird am 23./24.10.2010, also am letzten Wochenende der niedersächsischen Herbstferien, stattfinden und ihr seid herzlichst dazu eingeladen. Anmeldung  bitte über die VHS Hannover.

Tänzerisch-spielerischer Dialog zwischen den Kulturen:  Rendezvous mit Aphrodite und Mami Wata

Wem ist sie nicht bekannt? Die griechische Göttin Aphrodite,  die Liebe und  Fruchtbarkeit spendet. Sie verkörpert die ewige Macht der Liebe, ihrer Verheißungen, Erfüllungen und Enttäuschungen. Sie hat eine dreitausendjährige Geschichte aufzuweisen, und ein Ende ist nicht abzusehen. In vielfältiger Form wollen wir uns mit ihr auseinandersetzen.

Aphrodite,   die Schaumgeborene, heißt in Westafrika Mami Wata. Sie besitzt eine weiße Hautfarbe und erinnert  auch  rein äußerlich an eine europäische Meerfrau.  Später kamen noch indische Einflüsse hinzu, sodass es sich bei ihr  wahrlich um eine „multikulturelle“ Göttin handelt.

Genauso wie Aphrodite wird Mami Wata  mit Liebe, Schönheit und Fülle in Verbindung gebracht. Spätestens dann, wenn dir Mami Wata in deinen Träumen mit langen Haaren und hellem Teint erscheint,  solltest du ihrem Ruf folgen und in das Blau-Grün des Wassers hinabtauchen, um dich auf die Suche nach einer Vision für dein Leben zu begeben.

Mit Hilfe der Methode „Jeux Dramatique“, die aus dem freien Theaterspiel stammt,  werden wir zuerst eine spielerisch-tänzerische   Begegnung mit Mami Watas Element, dem Wasser, erleben. Mit Hilfe von  tänzerischen Kreisen, Spiralen und Achten vertiefen wir dieses Erlebnis, um danach Bewegung als Auslöser für eine schamanische Reise zu erfahren.  Während der Reise können tiefgreifende Erlebnisse möglich sein.

Zum Schluss dieses Wochenendseminars werden wir Aphrodite mit Mami Wata in den Dialog treten lassen  und unsere Assoziationen ausdrücken, was Aphrodite und Mami Wata mit uns selbst zu tun haben und wie wir sie in unser alltägliches Leben integrieren können.

Bitte eine Decke, bequeme Tanzkleidung und Zeichenmaterial mitbringen.

Spielend scheitern!

Christoph Schlingensief soll – laut TAZ – sein Scheitern in Afrika in seiner neuesten Inszenierung “Via Intolleranza II” collagenartig zum Thema gemacht haben.

Scheitern in Afrika – das wundert mich nicht. Als ich erstmals von Schlingensiefs Operndorf in Ouagadougou gelesen hatte, war mein erster Impuls: Da kommt also wieder so ein Europäer, ist fasziniert von der afrikanischen Kreativität und scheinbaren Lebenslust, baut dort irgendetwas im roten Staub auf, um dann letztendlich mit Lethargie, unermesslichen Erwartungshaltungen und einer Einstellung konfrontiert zu werden, die nur nehmen möchte (schließlich sind die Europäer an der afrikanischen Misere schuld, eine Meinung, die ich in Westafrika häufig gehört habe), letztendlich aber mit den Gaben nichts anzufangen weiß oder auch nichts anfangen will und alles schließlich wieder dem Verfall preisgibt.

In Bakau in Gambia gibt es beispielsweise einen Kinderspielplatz, der von irgendwelchen Holländern – wahrscheinlich mit besten Absichten – gesponsert wurde.

Jetzt stellt sich als Erstes die Frage, wozu die Kinder dort einen Kinderspielplatz benötigen, wo doch die ganze Umgebung wie ein “Abenteuerspielplatz” aussieht. Ein Kinderspielplatz in einer Gesellschaft, die Kindheit in der europäischen Form (also als behüteten Schonraum, der andererseits aber von Leistungszwängen einer schwindenden Mittelschicht kontaminiert ist, was sich dann wiederum in diversen Frühförderungsprogrammen manifestiert) nicht kennt, hat schon einen gewissen grotesken Reiz. Als ob dies alles nicht nun schon bizarr genug wäre, erhebt sich neben dem Kinderspielplatz eine wilde Müllhalde, was letztendlich auch nur ein Zeichen für die Wertschätzung ist, die dem Gutmenschen-Projekt von den Bewohner/innen beigemessen wird.

Plakatmalerei
Kreativität in Afrika, am Beispiel eines Plakatmalers in Gambia

Dieser Kinderspielplatz ist für mich ein mächtiges Bild (sehr viel zeichenhafter als all die elektrischen Wasserpumpen, die mangels Wartung in der feuchten Luft dahinrosten), was aufzeigt, wie all die netten, europäischen Bemühungen in Afrika letztendlich dem Verfall preisgegeben sind.

Schlingensief ist nach Afrika gegangen, um dort seinen Traum von einer Einheit von Kunst und Politik in die Tat umzusetzen. Dies ist sicherlich eine Vision, die es verdient, in die Realität umgesetzt zu werden, und dies nicht nur in Afrika. Aus einer Metaperspektive heraus stellt Schlingensief sich nun in der aktuellen Inszenierung selbst die Frage, was ihn (hier wohl stellvertretend für alle “Gutmenschen”) dazu bewegt (hat), Afrika helfen zu wollen, wo doch die Industrienationen vor ebenfalls großen und unlösbar erscheinenden Problemen stehen und eigentlich genug mit sich selbst zu tun hätten. Was gibt den Europäern also das Gefühl einer Dominanz, die sie die Rolle des Retters/der Retterin für einen ganzen Kontinent übernehmen lassen möchte?

Ich habe “Via Intolleranza II” leider nicht gesehen, weiß also nicht, ob in der Oper eine Antwort lesbar ist, kann allerdings für mich die Frage so beantworten, dass Afrika erst einmal “fremd” ist und so eine Projektionsfläche bietet, die alles möglich erscheinen lässt. Außerdem ist Afrika, gerade dadurch, dass es weitgehend eben nicht industrialisiert ist, noch von einer Kreativität beseelt, die das scheinbare Versprechen abgibt, dass hier möglich ist, was in Europa schon durch zementierte Vorschriften in der Planungsphase blockiert wird. Dass all die “Hilfsprojekte” dann letztendlich aus anderen Gründen zum Scheitern verurteilt sind, dass sie also nicht viel mehr als ein lustiges Spiel im Sand sind, ist letztendlich sympathisch-skurril. Afrika ist eine Chimäre und entzieht sich jeglicher, wenn auch gut gemeinter, Erwartungshaltung. Afrika ist eben “anders”.

Fantastische Architektur: das Junkerhaus

Durch Zufall bin ich auf das Künstlerhaus in Lemgo aufmerksam geworden und gleich hingefahren. Deshalb kann ich euch hier mit einigen Bildern aus dem Haus und dem angrenzenden Museumsbereich erfreuen.

Das Haus wurde von Karl Junker (1850 -1912) errichtet.

Bis zu seinem Tod führte Junker ein zurückgezogenes Leben, lebte nur für die Arbeit an seinem Haus und verzierte es mit Tausenden von geschnitzten Profilleisten.

Unzählige figürliche und ornamentale Holzreliefs, einander umarmende Paare, christliche Motive oder einfach nur Buckel oder Knorpel überziehen wie ein engmaschiges Netz Außenwände, Vertäfelungen, Bodendielen, Decke und sogar die Treppenstufen. Mit feinen Pinselstrichen akzentuierte Junker Details, fügte in Medaillons farbenfrohe Szenen ein und bemalte die Außenwände in Rot-, Gelb- und Blautönen. Auch die Möbel fertigte er selber an und verzierte sie ebenfalls mit überbordenden Schnitzereien, die ein Eigenleben zu führen scheinen. (Taschen, Angelika (Hrsg.): Fantasy Worlds. Köln 2007, S. 64)

Das ganze Haus erinnert mich an die Architektur Gaudís (die ich allerdings leider noch nicht persönlich gesehen habe), wenngleich Junker niemals den gleichen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Das ist letztendlich nicht zu verstehen (oder zeigt, dass Qualität und Originalität nicht per se ein Publikum finden), hat Junker doch im Haus eine eigene, fantastische Welt geschaffen, die Romanik-, Gotik-, Renaissance-, genauso wie auch Jugendstil- und Expressionismus-Elemente, zu einer eigenen Formsprache komponiert und weiterentwickelt. Funktionalität wird hier von fulminanten Ornamenten überlagert, Naturelemente gehen ein in eine allegoristisch-individuell-mythologische Welt.

Das ist absolut faszinierend. Junker hat hier schließlich eine eigene Parallelwelt erschaffen, die bemüht war, den “rechten Winkel” zu vermeiden und so auch als ein Pamphlet für eine am Menschen orientierte Kunst und Architektur aufgefasst werden kann und somit immer noch eine zeitgemäße (wenn auch zumeist ungehörte) Botschaft vertritt.

Ursprünglich waren die Holzmaterialien bunt bemalt, teilweise sogar mit Metallfarbe überzogen. Das Junkerhaus war also niemals so “düster”, wie es uns heute erscheinen mag, zumal Junker auch bemüht war, möglichst viel Außenlicht in das Haus eindringen zu lassen. Außerdem war es in eine Gartenlandschaft integriert, freistehend auf einem Hügel stehend, mit einem Blick in die Landschaft versehen. Leider steht es jetzt inmitten von einer Bebauung, sodass dieser ursprüngliche Eindruck von den Besucher/innen nur mit ein wenig Fantasie konstruiert werden muss.

Nichtsdestotrotz schaut es euch an, lasst es auf euch wirken und euch so für ein ästhetisches Leben inspirieren.

Hier seht ihr erst einmal meine kleine Diashow, die euch zumindest einen kleinen Eindruck vermitteln kann:

Esoterik und Politik!

Mein esoterischer Ratgeber “Mami Watas Tanz” ist längst geschrieben. Darin berühre ich an einer Stelle eine politische Dimension. Ich schreibe dort:

“Wenn ich dir im Folgenden wirkungsvolle Methoden empfehle, um dich selbst auf deine eigenen Visionen hin auszurichten, dann immer mit dem Hintergrundwissen, dass du, wenn du denn scheiterst, niemals alleine dafür verantwortlich bist, dass es durchaus Rahmenbedingungen gibt, die dich unterstützen oder niedermachen können. An dieser Stelle ist eine politische Dimension erreicht. Ich gehe nämlich davon aus, dass du – trotz Demokratie in den Industrienationen (In einer neuen Auflage würde ich wohl eher die Formulierung ‘trotz weitgehender Demokratie’)  – wenig Einfluss auf die politisch-ökonomische Machtebene hast. Insofern lasse ich im Folgenden die politisch-gesellschaftlichen Bedingungen als Rahmen stehen, ohne sie näher zu reflektieren. Schließlich hilft es dir persönlich wenig, wenn du in einem ständigen Gejammer über die Umstände verharrst. Insofern ist es für dich hilfreicher anzunehmen (sic!) , dass jede Veränderung in deiner Eigenmacht liegt, um zu erreichen, was du erreichen möchtest. Und wer weiß, eventuell liegen deine persönlichen Visionen,  deren Erfüllung die Rahmenbedingungen  nicht nur für dich, sondern auch für viele andere Menschen verbessern könnte, auch in einem politischen Bereich. Trotz dieser Ausklammerung des Politischen verrate ich dir an dieser Stelle noch, dass auch diese Umrandung deines persönlichen Lebens aufgebrochen werden kann, und zwar immer dann, wenn du solch einem altmodischen Begriff wie Solidarität folgst, dich mit anderen zusammenschließt, um durchzusetzen, was du für notwendig erachtest, oder indem du bestimmte allgemeingültige Spielregeln nicht mehr für dich als gültig erachtest und sie insofern boykottierst. Dies stellt aber nicht das Thema des vorliegenden Buches dar. Falls du dich damit auseinandersetzen möchtest, empfehle ich dir den Besuch einer Bibliothek, in der du dich mit der soziologisch-politischen Literatur der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts auseinandersetzen kannst. Seit dieser Zeit wurde der politische Mensch fast vollständig vom Begriff der Kundin ersetzt, sodass die nachfolgenden Jahrzehnte diesbezüglich kaum Anregungen bieten. (S. 32 f)

Soweit also das Zitat aus meinem Buch, das ich an dieser Stelle weiterdenken möchte. So hilfreich ich esoterische Techniken nämlich im Alltag finde, behagt mir die Wechselbeziehung zwischen Esoterik und Politik überhaupt nicht.  Grund genug, mich dem Thema „spiralförmig” anzunähern, auch in der Hoffnung, hier evtl. eine Diskussion (ja, es gibt eine Kommentarfunktion!)  zu initiieren.

Zu Beginn möchte ich mein Unbehagen erläutern:

Ausgangspunkt sind die ständig neu erscheinenden Bücher – meist aus dem Amerikanischen übersetzt -, in denen die Hauptvertreter/innen der Esoterik (überwiegend übrigens Männer, warum eigentlich?) das Scheitern an der Welt als persönliches Defizit interpretieren. Dann klappt es eben mit der persönlichen Wunscherfüllung nicht, weil man/frau, an negativen Glaubenssätzen verhaftet, nicht richtig affirmiert und insgeheim den eigenen Wunsch torpediert hat. In letzter Konsequenz sind dann die Menschen, denen Unglück widerfährt, selbst schuld daran (was aber in dieser Deutlichkeit in den meisten Büchern nicht formuliert wird, wahrscheinlich aus Feigheit!)

Insofern steht diese Form der Esoterik in der Tradition der “protestantischen Ethik”, die wiederum die Voraussetzung für den modernen Turbo-Kapitalismus darstellt, den sie aber andererseits „scheinbar” ablehnt.

Was ist da los?

Eine Antwort bietet evtl. folgender (langer) Artikel  #Esoterik# , dessen für meine Frage relevanteste Passage ich im Folgenden zitiere und kommentiere.

Esoterik ist der Bezug des Menschen auf sich als Subjekt, die Erhöhung, die Totalität der Subjektivität aufs absolute Innere und wird von vielen gerade als Verneinung von Konkurrenz und Verwertungslogik empfunden, ist letztendlich aber das genaue Gegenteil. Die totale Subjektivierung verneint, dass der Mensch ein soziales Wesen ist: Ich bin nicht mehr Subjekt und Objekt der Welt, nicht mehr Produkt meiner Umwelt und der Verhältnisse, sondern irgendwas Übergeordnetes, habe einen wahren, inneren Kern, der von dieser Welt unbeeinflusst ist, und zu dem ich durch Meditation, Selbstfindung, Trance oder Rückführung in frühere Leben vordringen kann.

Ob der Mensch dabei, als von der Welt unbeeinflusst gesehen ist, kann ich nur daraus entnehmen, dass dieses Thema in der esoterischen Literatur ignoriert wird. Der Mensch wird allerdings insofern als ein soziales Wesen angesehen, als dass er ja eine „Einheit” mit der belebten und sogar der unbelebten Natur um sich herum erfährt. Insofern liegt der esoterischen Literatur eine neue Definition vom Menschen als sozialem Wesen zugrunde, der sich eben von der herkömmlichen Sichtweise abhebt und letztendlich sogar darüber hinausweist.

Der Kapitalismus suggeriert dem Subjekt, dass es alle Möglichkeiten hätte, doch es ist letztlich immer das Objekt, das dem System dient. Während die kapitalistische Verwertungslogik nun nur das Objekt Mensch sieht, das seine Arbeitskraft verkaufen muss, sieht die Esoterik ein vermeintlich reines Subjekt. Der Mensch ist aber beides und Subjekt und Objekt stehen in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Die Esoterik versucht, den realen und empfundenen Widerspruch, der zwischen der verdinglichten Welt und der vermeintlich abgespaltenen „entrückten Existenz einer anderen Welt“ besteht, durch irrationales Denken zu überbrücken. Die Wirklichkeit als solche wird verneint oder im Sinne einer Übernatürlichkeit uminterpretiert.

(Die Wirklichkeit wird nicht unbedingt verneint, wird aber als subjektiv veränderbar angesehen, auch wenn dies nur bedeutet, die eigene Einstellung ihr gegenüber zu verändern.)

Dadurch, dass dieses von der Umwelt unberührte totale Subjekt Bezugspunkt ist, wird diesem Subjekt auch die Funktion als Einspruchsinstanz gegen das Bestehende abgesprochen bzw. als eigene Beschränkung selbst auferlegt. Da mein Kern nichts mit dieser Welt zu tun hat, muss oder sogar KANN ich auch nichts mit ihr zu tun haben, keinen Einfluss auf sie ausüben. So wird jegliches gesellschaftliche Handeln verweigert, gesellschaftlicher Wandel kann dann nur noch aus einem übergeordneten Kosmos oder Göttlichen kommen oder aus der subjektiven Innerlichkeit, wenn nämlich genug Individuen erleuchtet sind, um dem kosmischen Willen zum Durchbruch zu verhelfen, wie es im New Age gedacht ist.

(Das erscheint mir in der Tat ein interessanter Erklärungsansatz zu sein und korrespondiert letztendlich mit der Erwartung der „Zeitenwende” im Jahre 2012, die ja den Menschen einen Bewusstseinssprung ermöglichen soll und die letztendlich eben eine politische Dimension hat, ohne dass die Menschen im herkömmlichen Sinne politisch aktiv werden müssen.)

Oftmals wird gesellschaftlicher Wandel aber auch gar nicht unbedingt gewünscht, es geht für das totale Subjekt nur noch darum, dass es selbst mit der gegebenen Situation klarkommt. Nicht die Gesellschaft ist das Problem, sondern mein Umgang mit ihr, wenn ich leide, dann bin ich selbst schuld, weil meine Einstellung dazu falsch ist, weil ich mich noch nicht genug von dieser Welt gelöst habe. Für die kapitalistische Verwertungslogik ist das natürlich super: Der Mensch hält still und spielt das Spiel mit, kauft sich noch diverse Ratgeberbücher und Schnickschnack, konsumiert fleißig und ist durch das gelegentliche Abdriften in andere Welten ruhig gestellt.

(Diese Einschätzung korrespondiert mit dem von mir eingangs erwähnten „Unbehagen”.)

Aus diesen Zitat- und Gedankensplittern ziehe ich den folgenden (provisorischen) Schluss,

dass – falls denn die prophezeite Zeitenwende eintreten sollte – in der Esoterik durchaus eine politische, wenn auch zumeist unbewusste Dimension enthalten ist. Letztendlich – mal eine These – enthält sie eine Erlösungs-Hoffnung, die nur aus einem tiefen Unbehagen mit der gegebenen Realität resultieren kann. Diese Erlösungs-Hoffnung wird vom Kapitalismus absorbiert, da sie sich dem nicht klar entgegenstellt und die “Anhänger/innen” zu individuellen Kund/inn/en von ©-Prozessen macht, die fern von Solidaritätsgefühlen “Einheit” erfahren.

Je mehr Menschen sich aber auf die postulierte höhere Schwingungsebene einklinken, desto mehr wird dies auch Auswirkungen auf unsere Realität haben, unabhängig davon, ob diese Zeitenwende auf irgendeiner Ebene Realität oder eben eine realitätserschaffende Prophezeiung ist.

Ich würde mir aber wünschen, dass dies etwas „geerdeter” (sprich konkreter) ablaufen und dass mehr Lust an der Selbstreflexion einsetzen würde, als dies oftmals geschieht, womit ich dann – so hoffe ich zumindest – an dieser Stelle einen Anfang gesetzt haben möchte.

Walpurgis in Schierke

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in raue Berge zurück. (Goethe)

Mein Sohn Masaite hat gefilmt und ich habe „geschnitten“. Herausgekommen ist ein kleiner Eindruck von der Walpurgisfeier in Schierke. Viel Spaß dabei!