Pyramiden und die eigene Unsterblichkeit!

Unlängst habe ich ja erst die steinerne Pyramide im Parc Monceau in Paris besuchen dürfen. In Derneburg, im Kreis Holle, begegnete  mir nun erneut eine Pyramide. Auch diese entspricht – ähnlich wie das Pariser Beispiel – freimaurerischen Gedankengutes.

Wie ich  nämlich der Broschüre „Laves-Kulturpfad“ entnehmen kann, die im „Glashaus“-Café ausliegt, soll über der steinernen Tür der von Laves erbauten Begräbnisstätte einst gestanden haben:

„Ewig ist die Fortschreitung zur Vollkommenheit, wenngleich am Grabe die Spur vor dem Auge verschwindet.“

Vielleicht wird damit die Pyramide als ein Sinnbild des menschlichen Lebens verstanden, dass  sich immer weiter entwickelt, bis es dann in der Spitze fast das Göttliche erreicht, was – je nach Weltanschauung – extern oder intern -gedacht werden kann. 1839, als das Mausoleum errichtet wurde, wird man – so meine Vermutung – das Göttliche über den Menschen verortet haben.

Die Pyramide folgt in ihrem Aufbau der heiligen Geometrie, die vom Göttlichen bestimmt wird.  Der Mensch steht nicht außerhalb der Schöpfung, sondern verfolgt seine bewusste Weiterentwicklung innerhalb von Gottes Plan. Stufig strebt die Pyramide nach oben und verliert dabei an Fläche, was sinnbildlich für eine Konzentration auf das Wesentliche stehen kann. Die Pyramide ist somit mit dem Menschen vergleichbar, der seine Persönlichkeit immer weiter schult, ähnlich wie Faust, der  zum Schluss der Tragödie  göttliche Gnade erfahren darf. Schließlich verkünden die Engel dort:

„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Der Spruch am Mausoleum verheißt dagegen, dass  „die Spur vor dem Auge verschwinde“.

Wenn ich nun das Auge als Sinnbild für das Göttliche, das allsehende Auge also, interpretiere, dann wird, im Widerspruch zum Goethe-Zitat, nicht mehr die Perspektive des Menschen eingenommen, sondern die Sichtweise von Gott antizipiert, für den dann das menschliche Leben nur eine Spur ist, die letztendlich nichtig ist. Ob Erlösung hier noch zu erwarten ist, bleibt fraglich.

Die Selbstvermessenheit, in der der kleine Spruch die Gott-Perspektive einnimmt, muss Zeitgenossen übel aufgestoßen sein. Was aber meiner Meinung nach schwerer ins Gewicht fällt, ist die tiefe Verzweiflung angesichts des Todes, der keine Hoffnung auf einem gütigen Gott ermöglicht, die  hier durchscheint. Gott ist unser Leben egal. Das lese ich aus den Zeilen.

Und da, wo man auf keinem Gott mehr vertraut, da lässt man sich selbst ein Denkmal, wohl nach dem Vorbild der Cestius-Pyramide in Rom, errichten und triumphiert  so selbst über die Vergänglichkeit der Zeiten. Man wird zum eigenen Gott. Die Nachkommen, im Angesicht eines solchen Selbstbewusstseins, lassen den Spruch  ängstlich wegmeißeln.

Zum Weiterlesen – Derneburg im Internet

Pyramide

2 Antworten auf „Pyramiden und die eigene Unsterblichkeit!“

  1. Herzlichen Dank, Martin Siebert, für den Kommentar und dass sie mich an Ihrer Interpretation des Grabspruches haben teilhaben lassen. Ihre Sicht ist mir nachvollziehbar, setzt aber, wie Sie richtig festgestellt haben, erst einmal voraus, dass das Auge eben nicht als die göttliche Allwissenheit, sondern als das menschliche Auge interpretiert wird. Dies vorausgesetzt macht es in der Tat Sinn , den Spruch als eine Aufforderung zu lesen, seinen Weg der Selbstwerdung und Selbstbewusstwerdung auch nach dem Tode auf einer anderen als der irdischen Ebene fortzusetzen. Ich neige jedoch zu der Annahme, dass das göttliche und das menschliche Auge sich im Idealfall schon während des irdischen Lebens verbunden haben und der Mensch so sukzessive zum Gott geworden ist. Abgeschwächt könnte man es auch so ausdrücken, dass er den göttlichen Funken in sich zur Entfaltung gebracht hat oder – um ein freimaurerisches Bild zu bemühen – den rauen Stein erfolgreich bearbeitet hat. Göttliche Erlösung jedenfalls – und da werden Sie mir vermutlich zustimmen – erwartet der Grabinhaber nicht, vielmehr wird er – laut Spruch – im Jenseits weiter zur Vollkommenheit fortschreiten. Es handelt sich dann also, wenn ich meiner Interpretation folge und Ihre Interpretation miteinbeziehe, um einen noch unvollkommenen Gott. Wann wird dieser Vollkommenheit erringen? Nie, denn im Stein steht ja gemeißelt: „Ewig ist die Fortschreitung zur Vollkommenheit“.

    Die Inschrift am Mausoleum gibt uns ein interessantes Rätsel auf. Dieses lässt sich nicht unumstößlich auflösen. Indem wir uns aber auf einer intuitiv-intellektuellen Ebene, gerade im Dialog, damit auseinandersetzen, sind wir selbst im aufgezeigten Prozess der Bewusstwerdung und erleben die Initiation, die mit der Pyramide in Derneburg ihren irdischen Ort bekommen hat, selbst. Dies ist das Vermächtnis des Toten.

  2. Sehr interessanter Artikel, aber ich denke, dass der Spruch gar nicht so selbstvermessen gemeint war.

    Das wäre er nur dann, wenn man, wie hier die Autorin, das in der Inschrift vorkommende Auge als das göttliche Auge interpretiert und die Spur als endlich und das jeweilige Leben aus Sicht des Göttlichen als nichtig ansieht.

    Versteht man die Inschrift aber etwas direkter, so sieht das menschliche Auge die Spur am Grabe nicht mehr. Rein optisch. Unsichtbar. Aber nicht endlich.

    Das passt auch besser zum ersten Teil der Inschrift :Ewig ist die Fortschreitung zur Vollkommenheit.

    Und das passt wiederum besser zum freimaurerischen Gedankengut, dass der Mensch sich selbst verwirklichen, weiter entwickeln soll.

    Daraus kann man dann aber schließen, dass mit dem Tod die Selbstverwirklichung weiter geht, eben der Weg zur Vollkommenheit fortschreitet. Auf einer anderen, höheren Stufe, die für das menschliche Auge nicht sichtbar ist.

    Eigentlich ist die Inschrift somit ein Plädoyer für das ewige Leben und steht nicht im Gegensatz zum christlichen Grundgedanken, dem ewigen Leben.

    Hätten die Nachkommen also etwas mehr „Selbstbewusstsein“ gehabt, hätten sie die Inschrift nicht wegmeißeln lassen müssen. Zumindest nicht aus einem falschen Verständnis der Inschrift. Allerdings sind Freimaurer immer schon verfolgt worden. Insoweit kann man für die Nachkommen Verständnis aufbringen. Man will ja möglichst lange auf Erden leben. Egal, ob unvollkommen oder schon etwas etwas weiter.

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