Regeneration

Auf dem Nil

Am Morgen des 01.01.2019 befand sich unser Nilkreuzfahrtschiff bereits wieder in Edfu. Nach dem Frühstück stiegen die Passagiere aus, die in Assuan zugestiegen waren und die jetzt die Tempelanlage besichtigen wollten, die unsere Reisegruppe schon auf der Hinfahrt besucht hatte (hier!). Da es sich hierbei in der Mehrzahl um leider doch recht laute Gäste handelte, genoss ich in der Folge die Zeit auf dem Sonnendeck mit kurzweiligen Spielen und Unterhaltungen. Andere Reiseteilnehmer machten sich auf, die kleine Stadt Edfu auf eigene Faust zu entdecken, mich zog allerdings absolut nichts in die staubigen Gassen.

Nach dem Mittagessen ging es zurück nach Luxor. Leider bewölkte sich der Himmel, sodass es auf dem oberen Deck kalt und ungemütlich wurde. Gut, dass es einen gemütlichen Salon auf dem Schiff gab, der zum Verweilen einlud.

Gerade heute hätten wir uns über einen warmen Sonnentag gefreut!

Unser Reiseleiter informierte uns noch ca. eine Stunde über das moderne Ägypten und wir hatten auch noch Gelegenheit Fragen zu stellen.

Dies war also insgesamt ein Tag, der ganz der „Regeneration“ gewidmet war.

Daß der Ägypter seit sehr alter Zeit in der Verjüngung und Regeneration den eigentlichen Sinn des Todes erblickt hat, bezeugt eine Fülle von textlichen, seit dem Neuen Reich auch von bildlichen Aussagen (…)

Zu Beginn des Neuen Reiches hat das ‚Amduat‘ diese alte und verbreitete Vorstellung in eine neue, bildhaft-eindrucksvolle Form gekleidet. Als „Alte, Greise, Altersschwache und Ergraute“ treten der Sonnengott und sein unübersehbares Gefolge von Göttern und seligen Toten in der letzten Nachtstunde in den Leib einer riesigen 1300 Ellen langenSchlange ein, um sie verjüngt als „Kleine Kinder“ zu verlassen. Diese Schlange, diese vom Schwanz zum Maul durchwandern, heißt „Weltumringler“ – es ist die anschaulich gemachte, weltumspannende Grenze zwischen Welt und Nichtwelt, zwischen Sein und Nichtsein. Regeneration ist nicht in der geordnet-begrenzten Welt möglich, sie kann sich nur vollziehen, indem das Alt-Verbrauchte hinabtaucht in das Unbegrenzte, das die Schöpfung umgibt, in die auflösend-heilenden Kräfte des Urozeans Nun. Aus ihm wird der Sonnengott in seiner Barke jeden Morgen emporgehoben, wie es das Schaubild des Pfortenbuchs zeit; in ihm verjüngt sich der Schläfer, und die Verstorbenen rufen in einem ramessidischen Hymnus dem Sonnengott zu, dass auch sie sich durch den Eintritt in den Nun verjüngen, ja, daß sie ihr bisheriges Wesen „ablösen“ und ein anderes „anlegen“, wie die Schlange ihre Haut. Kein Wunder, dass dieses Umgreifende und zugleich Verjüngende im ‚Amduat‘ als Schlange gesehen wird! Doch es gibt für diesen geheimnisvollen Vorgang vielerlei Bilder, die einander nicht ausschließen: die verjüngende Nachtfahrt der Sonne kann sich im Leib der Himmelsgöttin abspielen oder im Leib eines riesigen Krokodils. In vielen Texten wird das morgendliche „Aufwachen“ von Göttern und heiligen Gegenständen geschildert – die ganze Welt geht aus nächtlichem Chaos verjüngt hervor.

Regeneration ist auch zeitlich nur außerhalb der geordneten Schöpfungswelt möglich. Um sich zu verjüngen, also den Ablauf der Zeit umzukehren, muß man vorübergehend aus der Zeit hinaustreten und sieht sich am Anbeginn der zeitlichen Welt in der Schöpfung oder gar in der Welt vor der Schöpfung, die keine Zeit kennt.

Hornung, Erik: Der Eine und die Vielen. Ägyptische Gottesvorstellungen, Darmstadt 1971, S. 154 f.
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