Risikomanagement

Der Soziologe Niklas Luhmann konnte in den 50ziger Jahren noch  folgende Aussage treffen, die er vielleicht nicht ganz ernst gemeint hat:

„Ich finde es einfach ungerecht, dass man Vorgesetzte, die durch ihre Stellung ohnehin schon privilegiert sind, auch noch von der Forschung her stützt, mit Kursen über Menschenführung beglückt und mit entsprechenden Techniken ausrüstet, die von der Struktur her disprivilegierten Untergebenen dagegen ohne jede Hilfe lässt.“ Der neue Chef

Mittlerweile sind die scheinbaren „Führungskompetenzen“, wie der Kurs zur Menschenführung  neusprachlich überschrieben ist, durchgesickert von der obersten zur untersten Hierarchie-Ebene. Jetzt werden auch die im luhmannschen Sinne Unterprivilegierten in Methoden und Skills ausgebildet, die es ihnen ermöglicht, die in der Hierarchie noch weiter unter ihnen stehenden zu manipulieren und zu domestizieren. Ganz neurolinguistisch eben!

Das neuzeitliche Lumpen-Prekariat ist von all den wirtschaftlich-pragmatischen Infusionen, die das eigene Leben pervertieren, nicht verschont geblieben. Und so arbeitet das Unterschichts-Coaching der Privatsender systemisch. Ziele werden ausgearbeitet  und auf eilig aufgestellten Whiteboards in der heimischen Wohnlandschaft visualisiert und referiert.  Die Frauenzeitschriften geben mittlerweile Tipps zur manipulativen Führung von Beziehungen, derweil die Männer sich durch zweifelhafte „Pickup“-Ratgeber „im Frauen rumkriegen“ schulen lassen.

Herausgekommen ist dabei eine zombifizierte Gesellschaft, die Aggressionen und Ängste  als persönliche Schwäche abwertet,  sie „in Watte packt“ und PROZESSMANAGEMENT betreibt, wo jemand durch die Unwegbarkeiten des Lebens  in Mitleidenschaft gezogen wird. Das wirtschaftliche Denken hat  jeden Bereich unseres Lebens übernommen. Manipulationstechniken, die irgendwann einmal für Führungskräfte erdacht worden sind, die auf diese Art und Weise „ihr Personal“ zu maximaler Leistung anspornen sollten, haben sich mittlerweile in jeglichen „sozialen Kommunikationsprozessen“ durchgesetzt – so unbewusst und perfide, dass die meisten Menschen, dies sogar abstreiten würden!  „Ich doch nicht!“, rufen sie entrüstet aus.

In solch einer pervertierten Gemeinschaft von Arbeitnehmern und Konsumenten, Leistungsempfängern und Leistungsgebern, Sklavenhaltern und Sklaven, Sklaven und Sklaven wird jeder zwangsweise Teilnehmende in seinen vielfältigen Interaktionen zuerst seinen eigenen Nutzen berechnen und sich fragen: „Lohnt sich das für mich?“ Wenn er dann feststellen muss, dass es sich eben nicht lohnt, wird er entweder von diesen Mitmenschen Abstand nehmen oder diesen insofern zu manipulieren versuchen, als dass sich ein monetärer  oder machterzeugender Nutzen für ihn ergeben wird. Letztendlich quetschen wir uns so gegenseitig wie Zitronen aus, um uns dann der unerfreulichen Überreste zu entledigen, bis wir irgendwann selbst diesen zweifelhaften System zum Opfer fallen werden.

Wenn dies geschehen ist, vielleicht in einer Position als „Sklave“, für den das Bossing und Mobbing existenzbedrohliche Dimensionen angenommen hat, dann kann man sich an die Burnout-Beratung wenden. Diese empfiehlt dann – ganz der kapitalistischen Logik  folgend – RISIKOMANAGEMENT!

Ich selbst würde jedoch dringend anraten, das luftabschnürende Korsett der singulär wirtschaftlichen Bezugnahme in Frage zu stellen und das Geld, was im Zentrum unseres Lebens zu stehen scheint, zu entsakralisieren.

  • Vielleicht bietet die Familie (oder selbst gewählte Lebensgemeinschaften), sofern sie noch funktioniert und sich von den heutigen Verwerfungen distanzieren können,  eine letzte Enklave in der globalisiert-optimierten Welt. Ein Hinweis darauf, dass meine Überlegung richtig zu sein scheint und hier eine Bedrohung für die zombifizierte Gesellschaft besteht, sehe ich in der zunehmenden Verstaatlichung der Kindererziehung, die die Familie und den Zusammenhalt, der dort eventuell entstehen mag, schwächt, selbstverständlich um vordergründig die Bürger zu fördern, in Wirklichkeit sie aber zu flexiblen Lohnsklaven des Kapitals und/oder bloßen Konsumenten zu machen.
  • Auch sollten wir uns wieder alternativen Lebensmodellen zuwenden, wie sie in den 70iger Jahren erdacht, mittlerweile aber zu Geschäftsmodellen pervertiert worden sind. Es kann nicht sein, dass der Trend zur Selbstversorgung und Eigenproduktion dazu führt, sich für teures Geld erst ein entsprechendes Equipment inkl. Pachtgarten, der nur mit Auto erreichbar ist, zulegen zu müssen. Naturerfahrung braucht kein buchbares Gesamtpaket,  Ernährung keinen vegane Hype mit teuren Tofu-Würstchen und Soja-Milch.   Spiritualität lässt sich auch ohne Seminar beim Indianer ihres Vertrauens erleben. Hier die ehemals interessanten Ideen wieder vom Kommerz zu befreien und zu den Wurzeln zurückzukehren, ungeachtet dessen, dass das,  was dabei erneut ins Dasein gelangt  und von uns nun weitergedacht werden kann, nicht dem  aalglatten Perfektionsanspruch der Stock-Fotografie entspricht, dafür aber individuell und eigen ist.
  • Die Rückbesinnung auf die Nation und die eigene Identität, ohne dabei in Intoleranz zu verfallen, scheint mir die beste Gewähr gegen eine austauschbare Welt von Konsum-Sklaven zu sein. Ungezügelte Einwanderung, gerade von –  zur einheimischen Bevölkerung aus gesehenen –  kulturell und religiös stark differenzierenden Bevölkerungsgruppen,  ist abzulehnen, überfordert sie nämlich schnell die Stabilität des Bestehenden und fördert so das Entstehen von Parallelkulturen, die sich gegenseitig bekämpfen und so die Finanzeliten stärken, in dem die Kräfte der Menschen im alltäglichen „Kampf der Kulturen“ aufgebraucht werden, anstatt sich der größeren Zusammenhänge bewusst zu werden und sich ggf. diese zu kritisieren.
  • Religion ist Privatsache. Eine staatliche Förderung und Einflussnahme ist abzulehnen.
  • Großen Zentralverwaltungen, wie der EU in Brüssel, sollten wir genauso misstrauen wie Bildungs- und Gesundheitsfabriken. Letztendlich trachten solche Systeme, einmal entfacht, immer nur dazu, sich selbst zu erhalten. Sie festigen sich dabei selbst beständig, auch wenn jeder der dortigen Mitarbeiter schon eingesehen hat, dass die eingeschlagene Richtung mindestens in eine Sackgasse, schlimmstenfalls in einem Crash münden wird. Im Zuge der Digitalisierung von Arbeitsabläufen ist die Gefahr groß, dass hier die Maschinen Prozesse übernehmen, die von Menschen nur noch schwer gestoppt werden können! (Um den letzten Punkt nachzuvollziehen, empfehle ich das Anhören des Beitrags  „Zukunftsfähig. Arbeit im digitalen Zeitalter“ vom 16.02.2016 im Philosophischen Radio. Der Podcast dazu ist hier zu finden.)
  • Misstraue dem Kollektiv  (auch dem eigenen!) und stelle es immer wieder in Frage! So verhindern wir, ausgehend vielleicht von einer gut gemeinten Idee, eine totalitäre Meinungsdiktatur zu befördern! Wie dies geschehen kann, können wir nur allzu einprägsam an der Partei der Grünen sehen, die sich mittlerweile zur schlechten Karikatur ihrer selbst entwickelt hat!
  • Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte den Menschen die Existenznot nehmen, denen sie in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung ausgesetzt sind. Mindestens  50% der Berufsbilder, die wir jetzt noch kennen, werden in den nächsten Jahren wegfallen. Ich selbst gehe sogar von höheren Zahlen aus. Daraus resultierende Verteilungskämpfe um prekäre Beschäftigungsverhältnisse könnten durch ein bedingungsloses Grundeinkommen verhindert werden. Die Arbeitsgesellschaft gehört der Vergangenheit an!
  • Volksabstimmungen könnten verhindern, dass die Politik ihre Bodenhaftigkeit verliert und nur noch den Lobbyisten zuarbeitet, anstatt den Bürgern verpflichtet zu sein.
  • Die Medien, die zur manipulativen Propaganda und zur Dauerwerbung, verkommen sind, sollten wir nicht mehr unterstützen und stattdessen auf alternative Quellen der Information, wie soziale Netzwerke, Blogs (sofern sie nicht nur Promoting-Werkzeuge sind) und persönliche Kontakte ausweichen. Unsere Meinung sollten wir auf die Straße tragen und uns über eventuell bestehende Maulkörbe im Zuge der „politischen Korrektheit“ hinwegsetzen. Wir brauchen wieder Diskussionen und Diskurse, die ausgetragen werden können, ohne dass man dabei um seine Existenz fürchten muss! 

P1000146

Risikomanagement. Mixed Media, 40 x 29 cm. Februar 2016.

Die Vorskizze ist im Landesmuseum Hannover entstanden, inspiriert von den Gemälden  „Jacob Jordaens, Die Heilige Familie mit Elisabeth, Johannes und Zacharias“ und Frans Snyders „Das Stillleben beim Wildhändler“. Der Titelgebung ist von Überlegungen und Erfahrungen beeinflusst, die im oben stehenden Artikel angeführt werden.

Read Offline:
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments