Elfen-Kuckucksheim

Paul Scheerbart beeinflusste  mit seinen Gedanken über Glasarchitekten den Architekten Bernd Taut.


 

Auch das Haus Atlantis in Bremen ist eindeutig von der Glasarchitektur beeinflusst, wobei ich allerdings nicht zu sagen vermag, ob dies willentlich geschah oder eher  in Hinblick auf eine Öffnung zum Kunsthandwerk. Jedenfalls ist es im Innern fantastisch, im Äußeren leider durch eine vorgehängte Fassade zerstört.

Ursprünglich zeigte die Außenfassade Odin, der an einem Kreuz hängt, das sich wiederum innerhalb eines Rades, das mit den 24 Runen des älteren Futhark beschriftet ist, befindet.

Die Bilder von Berit, die sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, zeigen Details aus dem von Bernd Hoetger entworfenen Himmelssaal, der heute zu einem Hotel (Radisson Blu) gehört. Mit etwas Glück (oder mit Voranmeldung) kann es aber besichtigt werden.

Das Revolutionäre an der Glasarchitektur war der Versuch, die Abgrenzung zur Außenwelt architektonisch zu überwinden.

Lichtdurchfluteten Kuckucksheime sollten so entstehen.

Kennt ihr die Volksmärchen von Johann Karl August Musäus? Er verfolgte den Anspruch in gesteigerten Maße märchenhaft zu sein und dies mit einem romantisch-ironischen Unterton. In den Büchern der Chronika der drei Schwestern lässt er eine Königstochter  einen Delphin heiraten, mit dem sie fortan im schönen Schloss, den Rest der Zeit aber tief unten im See in einer kristallenen Wohnung hausen muss. Der Bruder besucht sie und möchte sich dort verstecken, damit ihr verzauberter Gemahl sie nicht finden kann. Bertha antwortet darauf: „Ach, …, wie könnt ich dich verbergen? Siehst du nicht, dass diese Wohnung von Kristall ist, und dass alle Wände so durchsichtig sind, wie der Eishimmel. „

Oh, diese Bilder verzaubert mich, inspiriert mich, läsat meine Phantasie nach oben, in dem Himmelssaal, fern ab all der Banalitäten und Gemeinheiten des irdischen Lebens, steigen.

Die heutigen Glasburgen der Banken, Versicherungen, aber auch der Politik, wirken längst nicht so filigran-fragil, wie es der Baustoff Glas vermuten lässt.  Musäus „Eishimmel“ scheint mir eine treffliche Begrifflichkeit zu sein, denn schließlich spielt die moderne Glasarchitektur den Betrachter nur Offenheit und demokratische Mitbestimmung vor. In Wirklichkeit handelt es sich bei ihnen  jedoch um eine gläserne Abschottung, die diejenigen, die sie umschließt, mit einer Aura der Exklusivität und des Arkanwissens versorgt. Von der  Realität sind ihre Insassen genauso abgeschnitten, wie Bertha in ihrem gläsernen Haus. Doch sie wird erlöst.

Sommerliche Impressionen aus Hannover

Friedrich Wilhelm Engelhard schuf ein Wotan-Denkmal, was sich – etwas versteckt – an der Rückseite des Niedersächsischen Landesmuseums befindet.

Als ich heute dort vorbeispazierte, musste ich leider feststellen, dass der  Göttervater  eingezäunt und – man könnte fast sagen – gefangen ist, was sich vielleicht – ganz pragmatisch – mit irgendwelchen notwendigen Restaurierungsarbeiten erklären lässt, was aber auch sinnbildlich stehen kann für eine Zeit, in der die eigenen Wurzeln beschnitten werden, zugunsten eines Neoliberalismus, der nur noch Beliebigkeit kennt.

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Weiter ging es zum  Sprengel-Museum. Dieses  versprach heute nicht nur freien Eintritt, sondern auch eine wohlklimatisierte Zone, in der sich eine Videoinstallation  – mit virtuellem Meer  und mit einem kraulenden Mann im Schwimmbecken davor – in der Ausstellung „Vom Faulenzen und Nichtstun“ genießen ließ.

Die Ausstellung gliedert sich in vier Freizeitverwendungen, die da wären „Ruhe und Wiederherstellung der Kräfte (Schlafen, Liegen, Genesen), Unterhaltung, Zerstreuung und Vergnügen (geselliges Beisammensein, Urlaub machen), Selbstverwirklichung (etwas durch das künstlerische Tun) und Erbauung, womit dann der Müßiggang, das Schlendern und das Spazieren gemeint ist).

Ich meine ja, dass die letzen beiden Punkte zusammengehören. Ohne Müßiggang kann kein künstlerisches Tun mit Substanz entstehen. Wenn die Freizeit ge“taktet“ ist, zwischen Fitness-Optimierung, Shopping und  Event-Besuch,  dann freut dies die Konsum-Industrie.  Wir wiegen uns in der Harmonie der vielfältigen Freizeitvergnügen und bewahren uns so davor, aufzuwachen und hinter  die Schatten der Wirklichkeit zu blicken, die nur eine bunte Illusion aus Warenwelt-Attrappen ist.  Kunst aber durchbricht die Camouflage. Sie  braucht die Freiheit, die sich nur in der Zwecklosigkeit findet.  Muße eben, die sich auch der Schwimmer in besagter Film-Sequenz nicht gönnt. Die Freiheit ist so nahe, aber er schwimmt nur stupide Bahnen: immer das Trainingsziel vor Augen.  Wir aber legen uns auf die Liegesäcke und betrachten die Szenerie, die sich in endloser Sequenz wiederholt. Absichtslos.

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Und dann entdecke ich noch – kurz vor dem Heimweg – in der zweiten aktuellen Sonderstellung des Museums, eine kleine Grafik von Bernhard Hoetger, der mir ja schon durch die Böttcherstraße in Bremen bekannt ist.  Ein DRACHENKAMPF ist darauf zu sehen.

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Friedhofs“kultur“

Beim Spaziergang über dem Engesohder Friedhof erfuhr ich heute, dass die vier kleinen Granitplatten vor dem imposanten Grabmal mit Mosaikengel sozusagen Leer-Urnenbestattungsmöglichkeiten darstellen, die für ca. 5000 Euro für 20 Jahre gemietet werden können. Der Gestorbene partizipiert dann quasi am individuell gestalteten historischen Grabmahl, jedoch wird ihm – für die befristete Zeit – nur ein normierter – gänzlich nicht-individueller – Stein zugestanden.

Der ökonomisch betriebene Friedhof wird so zum Abbild einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit über Geld erworben werden kann. Wahrnehmung lässt sich – auch über den Tod hinaus – erkaufen, indem man sich eine Grabstelle in Nachbarschaft zu den (scheinbar) Großen, Mächtigen und Finanzstarken der Vergangenheit mietet. Das sind – auch nicht sonderlich erstaunlich – in der überwiegenden Anzahl Männer.

Der sogenannte Urnenhain wurde übrigens von den historischen „Überresten“ befreit (fragen wir lieber nicht nach dem Wie) und weist jetzt viele Plätze für neue Urnen auf. Diese werden – auch nicht überraschend – zur Miete angeboten.

Anscheinend gilt das, was Carl Peters (oder seine Nachkommen) auf seinem Grabstein hat notieren lassen,  über das banale Leben hinaus: Man muss sich seine gesellschaftliche Wahrnehmung auch im Tode verdienen.

Insofern verabschiede ich mich für den heutigen Tag mit diesem düsteren Todesengel:

Kleiner Nachtrag: Eine Broschüre informiert über den Friedhof. Dort habe ich auch erfahren, dass der Erfinder der Böttcherstraße in Bremen, Ludwig Roselius, auf dem Engesohder Friedhof begraben ist. Da auch noch eine Plastik von Bernhard Hoetger sein Grab zieren soll und ich die Werke dieses expressionistischen Künstlers quasi visuell sammle,  muss ich demnächst – das ist klar – noch einmal den Friedhof besuchen.

Soviel ist jetzt schon  sicher: Diese Figur von Hoetger steht nicht in Hannover, stattdessen in Worpswede und trägt von dort ein kosmisches Lachen in die Welt.