Heiligers Brunnen

p1000679
Am Sonntag habe ich mit einem Freund einen kleinen Spaziergang unternommen.

Startpunkt war die Herderstraße 6 in Hannover, was laut dieser Informationsseite die postalische Adresse des im 18. Jahrhundert errichteten Brunnens sein sollte, den ich mir unbedingt einmal anschauen wollte.

Zuerst musste dieser aber erst einmal gefunden werden. Zuvor beeindruckte die Herderstraße durch imposante Villen, die bei mir die Frage nach sozialen Gerechtigkeiten hervorrief, womit ich eigentlich nur sagen möchte: Ja, ich war neidisch und möchte auch gerne ein solch repräsentatives Gebäude mein eigen nennen.

Wo war das Denkmal? Nach einigen Suchen nahmen wir den Weg geradeaus direkt in die Eilenriede (Startpunkt war in der Tat die besagte Adresse!)  und erreichten den kleinen Stein, der Heiligers Brunnen heißt, nach kurzer Zeit.

Obwohl hier  einmal eine schwefelhaltige Quelle gewesen sein soll,  die vom Stein eingefasst wurde, ist kein Wasser mehr zu sehen. Vermutlich ist der Born versiegt, auch wenn ich bei Wikipedia lese:

Das Wasser tritt heute aus einem Rohr zwischen Steinen als kleiner Quell in Höhe eines Fußweges zutage.

Hier muss widersprochen werden, denn: Nein, davon haben wir leider nichts gesehen.

Unweit des Gedenksteins befindet sich eine Informationstafel, die ¬†davon spricht, dass die Quelle „nahezu versiegt“ sein soll, womit dann (mal wieder) bewiesen ist, dass Wikipedia nicht unbedingt eine verl√§ssliche Quelle (sic!) sein muss.

p1000678

Die Informationstafel inspirierte uns, nach dem „Teufelsbad“ und den 100 Meter westlich liegenden Findling Ausschau zu halten.

Vergeblich. Insofern machten wir uns in ¬†Richtung Hermann-L√∂ns-Park auf und wurden sogleich von einem Radfahrer-Paar angesprochen, die uns fragten, ob wir wissen w√ľrden, wo sich „der Findling“ befinden solle, was ja an sich schon lustig ist, kann ich mir n√§mlich nicht vorstellen, dass sich viele Menschen am Sonntag aufmachen, um Heiligers Brunnen, das Teufelsbad oder den Findling aufzusuchen.

Wir konnten leider nur den Weg zur Informationstafel weisen, begegneten ihnen dann¬†aber ca. 20 Minuten, kurz vor dem Park, wieder, wo sie uns erz√§hlten, dass der Findling winzig w√§re und das „Teufelsbad“ links von der Tafel zu finden w√§re.

Nach unserem Spaziergang durch den Hermann-L√∂ns-Parks kehrten wir zur versiegten Quelle zur√ľck und fanden¬†vermutlich (???)¬†das Teufelsbad, eine ehemalige Badestelle, was eigentlich Kopperloch hei√üt, allerdings in¬†wenig attaktivem¬†¬†Zustand, unweit der Infotafel, vor. ¬†Es sah bei weitem nicht so gepflegt aus, wie auf der Info-Tafel zu sehen! Ob es sich beim unnah gelegenen Steinchen am Weg, um den omin√∂sen Findling handeln soll, vermag ich ebenfalls¬†nicht¬†mit Sicherheit zu behaupten.

Es w√§re sch√∂n, wenn die Besucher dieses denkmalgesch√ľtzten Ortes mit detaillierteren Informationen¬†versorgt werden w√ľrden, √§hnlich wie dies beispielsweise im Hermann-L√∂ns-Park bereits geschehen ist.

Das Gef√ľhl von Heimat und Verbundenheit mit einem Ort entsteht n√§mlich auch durch die Pflege der historischen Hinterlassenschaften seiner vormaligen¬†Bewohner.¬†Denkmalschutz kann zur Lebensqualit√§t beitragen.¬†Erinnerungspunkte m√ľssen nicht nur „Stolpersteine“ sein, sondern k√∂nnen auch auf positiv besetzte Geschichte verweisen.

Friedhofs“kultur“

Beim Spaziergang √ľber dem Engesohder Friedhof erfuhr ich heute, dass die vier kleinen Granitplatten vor dem imposanten Grabmal mit Mosaikengel sozusagen Leer-Urnenbestattungsm√∂glichkeiten darstellen, die f√ľr ca. 5000 Euro f√ľr 20 Jahre gemietet werden k√∂nnen. Der Gestorbene partizipiert dann quasi am individuell gestalteten historischen Grabmahl, jedoch wird ihm – f√ľr die befristete Zeit – nur ein normierter – g√§nzlich nicht-individueller – Stein zugestanden.

Der √∂konomisch betriebene Friedhof wird so zum Abbild einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit √ľber Geld erworben werden kann. Wahrnehmung l√§sst sich – auch √ľber den Tod hinaus – erkaufen, indem man sich eine Grabstelle in Nachbarschaft zu den (scheinbar) Gro√üen, M√§chtigen und Finanzstarken der Vergangenheit mietet. Das sind – auch nicht sonderlich erstaunlich – in der √ľberwiegenden Anzahl M√§nner.

Der sogenannte Urnenhain¬†wurde √ľbrigens von den historischen „√úberresten“ befreit (fragen wir lieber nicht nach dem Wie) und weist jetzt viele Pl√§tze f√ľr neue Urnen auf. Diese werden – auch nicht √ľberraschend – zur Miete angeboten.

Anscheinend gilt das, was Carl Peters (oder seine Nachkommen) auf seinem Grabstein hat notieren lassen, ¬†√ľber das banale Leben hinaus: Man muss sich seine gesellschaftliche Wahrnehmung auch im Tode verdienen.

Insofern verabschiede ich mich f√ľr den heutigen Tag mit diesem d√ľsteren Todesengel:

Kleiner Nachtrag: Eine Brosch√ľre informiert √ľber den Friedhof. Dort habe ich auch erfahren,¬†dass der Erfinder der B√∂ttcherstra√üe in Bremen, Ludwig Roselius, auf dem Engesohder Friedhof¬†begraben ist. Da auch noch eine Plastik von Bernhard Hoetger sein Grab zieren soll und ich die Werke dieses expressionistischen K√ľnstlers quasi visuell sammle, ¬†muss ich demn√§chst – das ist klar – noch einmal den¬†Friedhof besuchen.

Soviel ist jetzt schon  sicher: Diese Figur von Hoetger steht nicht in Hannover, stattdessen in Worpswede und trägt von dort ein kosmisches Lachen in die Welt.

 

2 x Erinnerungskultur

Die ¬†Nationalsozialisten haben – immer in Hinblick auf ihre eigene Ideologie – Geschichte erforscht und ¬†„passend“ gemacht.

Aus diesem Grund haben sie Erinnerungsorte geschaffen. Der Sachsenhain, ¬†der an die Zwangschristianisierung der Sachsen durch Karl den Gro√üen erinnern soll, ist ein eindrucksvolles Beispiel daf√ľr.

Unter umgekehrten Vorzeichen wird Geschichte auch heute¬† noch „passend“ gemacht, indem durch Gedenkmonumente, die T√§terrolle am Leben erhalten wird.¬† Mein Mitgef√ľhl f√ľr das nationalsozialistische Unrecht, was vor allem j√ľdischen Menschen in Deutschland widerfahren ist, m√∂chte ich nicht in Abrede stellen. Doch ich frage mich, ob der unbestreitbare Schrecken des Holocaust es rechtfertigt,¬†¬†Deutschland schon seit nunmehr fast 70 Jahren wie ein kleines Kind in eine dunkle Ecke¬†¬†zu stellen und zu befehlen: „Sch√§m dich, ansonsten kommst du hier nie mehr raus!“ ‚Äě2 x Erinnerungskultur‚Äú weiterlesen

Porta Westfalica

Ich möchte von einer Wanderung berichten, die ich vor einigen Wochen unternommen habe.

Zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal im Wiehengebirge sollte es gehen. Allerdings startete ich in Porta Westfalica nicht bei der Freilichtb√ľhne, sondern am Parkplatz. Dort fand sich keine vern√ľnftige Beschriftung, sodass ich dann den erstbesten Weg nahm, der mich „nach oben“ f√ľhrte. Letztendlich war das eine gute Entscheidung, da sich im Nachhinein herausstellte, dass die Alternative ein Steilaufstieg gewesen w√§re. So ging es gem√§chlich ansteigend bis zur Wittekindsquelle, die leider 1936 versiegt ist.

Dies scheint, so meine Vermutung, ein bedeutendes vorchristliches Quellheiligtum gewesen zu sein, denn schlie√ülich befand es sich nicht nur im Zentrum einer Burganlage aus der Lat√®nezeit, sondern auch in unmittelbarer Nachbarschaft von christlich „bespielten“ Pl√§tzen.

Diese wären: Die Kreuzkirche Wittekindsberg, die erst im Jahre 1996 wiederentdeckt wurde, und die Margarethenkapelle.

Eine christliche Bebauung geht mindestens bis ins 10. Jahrhundert zur√ľck.

Am 15. August 993 best√§tigte K√∂nig Otto III. dem Mindener Bischof Milo, dass dieser ein Kloster f√ľr fromme Nonnen im Namen der Jungfrau Maria in seiner Wedegenburg genannten Burg erbauen k√∂nne. Dort n√§mlich … habe eine gewisse Thetwif als fromme Inkluse zuerst ein Einsiedlerleben gef√ľhrt und dann die Regel des heiligen Benedikt mit anderen frommen Nonnen befolgt. Diesen Nonnen habe sie selbst von deren Kindheit an das Leben der heiligen Religion vorgelebt und sie habe diese gelehrt. Zu diesem Kloster habe der erw√§hnte Bischof Milo zur Ausstattung der gegenw√§rtig und k√ľnftig dort lebenden Nonnen drei Orte gegeben, n√§mlich Homelbeke, J√∂llenbeke und Brunnenhusen mit vierzig Familien.“ (Dietrich W. Poeck, Aufsatz √ľber St. Marien in Minden, zitiert nach: http://www.gefao.de/bilder/publikation/AiO04-PDF/AiO4-04.pdf, 28.06.2014)

F√ľr mich ist es kein Zufall, dass sich neben einem alten Quellheiligtum christliche Bauten befinden. Auch die Sage um die Wittekindsquelle legt die Vermutung nahe, dass es sich um ein bedeutendes „heidnisches“ Quellheiligtum gehandelt hat, was dann aber im Zuge der Christianisierung als Beweis f√ľr die √úberlegenheit der christlichen Lehre √ľber den alten Glauben umgeschrieben wurde.

Wie dem auch sei: Vorbei an der wilhelminischen Ausflugsgaststätte Wittekindsburg und den Moltketurm erreichte ich schließlich das imposante Denkmal, von dem sich ein hervorragender Ausblick auf die Norddeutsche Tiefebene bot.

Der Abstieg f√ľhrte mich zur Freilichtb√ľhne. Von dort war es nicht mehr weit bis zur Weser und da ich immer noch unternehmungslustig war, entschied ich mich spontan, den ausgebauten Radweg zu folgen und erst in Minden, die R√ľckreise per Zug anzutreten.

Der Zahn der Zeiten!

Blankenburg - Schloss
Blankenburg – Schloss

Endlich habe ich einmal etwas Ruhe, sodass ich √ľber das vergangene Wochenende res√ľmieren kann. Irgendwie stand es ja im Zeichen des Nicht-Perfekten, des Vorl√§ufigen und des Flie√üenden.

– Erst stattete unsere allmonatliche Wildfrauenhaus-Wandergruppe Blankenburg im Harzvorland einen Besuch ab.

Dies scheint ein ungeheuer kraftvoller Ort zu sein, dessen Schloss – gerade durch seine nicht zu √ľbersehenen Verfallserscheinungen – den unvergesslichen Charme des Niedergangs ausstrahlt. Ein gro√ües Plakat verhei√üt aber eine beabsichtigte Renovierung, die eindeutig notwendig ist, andererseits aber auch eine durchaus ambivalent zu betrachtende „Sch√∂n-Verbesserung“ zur Folge haben k√∂nnte.

Schlie√ülich folgen zeitgen√∂ssische Renovierungsversuche eigentlich immer den „sch√∂n-kitschigen“ Perfektionsbestrebungen der Neuzeit, deren Ergebnisse ansonsten √ľberall im Lande zu bestaunen sind, die aber „irgendwie“ auch seltsam falsch und „√ľbert√ľncht“ wirken. Insofern erfreute ich mich am unrenovierten Zustand des Blankenburger Schlosses und fragte mich, warum alte Gem√§uer eigentlich nie so instandgesetzt werden, dass sie das Denkmal zwar „erhalten“, jedoch aber trotzdem den „Zahn der Zeit“, der ja offensichtlich sein Werk getan hat, wertsch√§tzen k√∂nnen?

РDann war letzten Sonntag Muttertag (und sicherlich haben die meisten Leserinnen dies in unserer schnelllebigen Zeit schon wieder vergessen!). Wir Рwas also die gesamte vitale Rest-Kernfamilie meint Рbesuchten, quasi als Muttertags-Ausflug, der dem unbeständigen Wetter trug, die Kestnergesellschaft, die sich langsam zum Event-Ausrichter entwickelt.

Dies ist allerdings ein anderes, durchaus auch ergiebiges Thema. Jedoch weist meine hier ge√§u√üerte Einsch√§tzung durchaus Zusammenh√§nge zur aktuell dort gezeigten Ausstellung auf, die von irgendwelchen Gremien ausgew√§hlte britische K√ľnstlerinnen (m√§nnliche K√ľnstler sind selbstverst√§ndlich mitgedacht!) zeigt, die wiederum repr√§sentativ f√ľr die dortige Kunstszene sein sollen.

Ein solches auf ein Land bezogene Thema reiht sich dann ein, in den derzeitig hochpromoteten hannoverschen Hype, anlässlich des 300jährigigen Jubiläums der Personalunion Hannovers mit Großbritanniens. (Man könnte meinen, dass wir in Hannover immer noch ein Monarchie hätten!).

„Kunst als Event!“, soll hier aber nicht Thema sein, stattdessen das Unperfekte.

Besagte GB-K√ľnstlerinnen lie√üen sich davon inspirieren, dass die Kestner-Gesellschaft ihre R√§ume in einer ehemaligen Badeanstalt bezogen hat. (Auch hier sei mir eine Randbemerkung erlaubt: Die „Zerst√∂rung“ eines Jugendstil-Bades, auch wenn dieses geschickt zur Ausstellungsplattform umfunktioniert wurde, zeugt von der historisch-√§sthetischen Ignoranz der mir unbekannten Entscheidungstr√§ger. Frauen sind hier nicht mitgedacht!)

Wasser, das Flie√üende, die Metamorphose, die durch das reinigende Element Wasser vollzogen wird, die Transformation von einem Zustand in den anderen und eben auch die Zerst√∂rung des anscheinend „Perfekten“, all dies sind Themen, die die K√ľnstlerinnen bearbeitet haben.

Besonders beeindruckt haben mich die dilettantisch anmutenden Tonarbeiten, die auf provisorischen Holztischen platziert sind.

Und hier – an dieser Stelle – schlie√üt sich dann f√ľr mich der Kreis zum Blankenburger Schloss mit der Aufforderung auch dort dem Unperfekten Raum zu geben und der marktkonformen, glatten √Ąsthetik eine Absage zu erteilen.

Das wäre dann wahre (sic!) KUNST!

T√ľr√∂ffner2

T√ľr√∂ffner