Opfertanz

Thomas Altmann schreibt im „Manifest der Diloggún”:

„Durch die Vernichtung des körperlichen und formhaften Zustandes eines Gegenstandes, einer Pflanze oder eines Tieres wird geistige Energie freigesetzt, indem sie der Stofflichkeit entbunden, aus ihrer Bindung an Stoff befreit wir, und dies in überproportionalem Maße. Diese geistige Energie kann – und muss- sinnvollerweise auf ein geistiges Ziel gerichtet werden, um Resultate im Orun zu erzielen, die ihrerseits wieder in der diesseitigen Welt (Ayé) Realitäten bewegen. Ein Opfer ist ein magischer Akt.“
(Altmann, Thomas, 11/2009: Manifest der Diloggún, S.3)

In Afrika werden Hühner geopfert, um diese Kraft freizusetzen. In Deutschland ist es mittlerweile subtiler. Dort werden die Seelen von Menschen geopfert, um mit ihrer Lebensenergie die gesellschaftliche Trance, genährt aus Stasis und Angst, zu nähren. Wenn die Seele sich aber erst einmal vom Körper gelöst hat, dann bleibt der Mensch „seelenlos“ zurück. Er wird zum Zombie, zum blechernen Maschinenmenschen, der nur noch funktioniert.

Und der Maschinenmensch fragt sich, sofern er überhaupt noch dazu in der Lage ist, welchen Anteil er selbst am Schrecken der Welt, um ihn herum, hat?

Marko Pogacnik  schreibt:

„Lasst uns in Gedanken an den Anfang aller Existenz gehen. Die Welt, die um uns herum schwingt, stellt sich unseren Sinnen als eine fest in Form gegossene Welt dar. Die feste Form der Umwelt könnte sich jedoch eines Tages als Täuschung entpuppen, wenn sich die Vermutung bestätigen sollte, dass unsere fünf Sinne die Funktion haben, aus den Schwingungsfeldern unserer Umgebung diejenigen Elemente herauszupicken, die sich in einem festen, logisch nachvollziehbaren Weltbild zusammenfassen lassen. Würde das dann nicht bedeuten, das die Wirklichkeit, die wir beobachten, lieben oder sogar hassen, unsere eigene und eigenartige Schöpfung ist? Ich frage mich immer wieder, wie die Welt, durch die Augen einer Biene oder eines Bären gesehen, aussieht. (Pogacnik, Marko: Synchrone Welten. Geomantie des zwölfdimensionalen Lebensraums. Aarau und München 2011, S. 8?)

Doch NEIN: Ich widerspreche der Vorstellung einer 100% Konstruktion der Wirklichkeit durch das einzelne Individuum, wie es uns manche Esoteriker vermitteln wollen, schließlich würde dies auch bedeuten, dass ich mich selbst zum Opfer mache. Und obwohl ich – wie es uns Marko Pogacnik nahelegt – sicherlich meine Welt immer auch  konstruiere,  sie also durch verschiedene Gedanken-Filter betrachte, existiert  – da bin ich mir gewiss – eine objektive Welt, die wir mehr oder weniger vollständig, abhängig von der persönlichen Tagesform und von der uns zur Verfügung stehenden  Intelligenzleistung,  sowie der Synthese von intuitivem und intellektuellem Wissen,  … etc. erfassen, die wir aber nicht immer in unserem Sinne beeinflussen können.  So erkennt die Biene einen Teil der Wirklichkeit, wir aber einen anderen. Als Mensch, der  – um mit Nietzsche zu sprechen-  bestrebt sein sollte, sich zum Übermenschen zu entwickeln, obliegt es uns, auch die Wirklichkeitserfassung einer Biene in unser Weltbild zu integrieren, das eines Elefanten und jenes unser Mitmenschen. Und so werden wir, indem wir die terra mundi in all ihren Facetten erkennen, die objektive Wirklichkeit  also „paradimensional“ erfahren, zum Übermenschen, zum Magier und zur Zaunreiterin.

Mehr noch: Wir sind diejenigen, die Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe innehaben und dies häufig nicht wahrhaben wollen. Deshalb sei es LAUT verkündet: Wir sind die Hüterinnen der Erde.

Und wenn wir unsere Kraft nicht mehr verleugnen, dann ist der erste Schritt dafür getan, dass uns die äußere Welt keinerlei Leid mehr zuzufügen vermag. Schließlich, das wissen wir nun,  haben wir dieses Elend  teilweise (aber nicht vollständig!!!)  auch selbst erschaffen und dadurch haben wir  –  jetzt JA – das willfähige Opfer  der Zustände der objektiven Welt abgegeben. Unbewusst. Entfremdet von uns Selbst.

Rahel Jaeggi  schreibt dazu:

„Entfremdet (nämlich) sind wir immer von etwas, das uns zugleich eigen und fremd ist. In entfremdete Verhältnisse involviert, scheinen wir auf komplizierte Weise immer zugleich Opfer und Täter zu sein. Derjenige, der sich in seiner bzw. durch seine Rolle entfremdet, spielt diese gleichzeitig selbst; wer sich durch fremde Wünsche geleitet sieht, hat diese doch gleichzeitig  verursacht – und  es würde die Komplexität der Situation verkennen, wenn wir hier schlicht von internalisiertem Zwang oder von psychischer Manipulation sprächen. Soziale Institutionen, die uns erstarrt und fremd gegenüberstehen, sind gleichzeitig von uns geschaffen. Wir sind hier, das ist das Spezifische der Entfremdungsdiagnose, nicht Herr über das, was wir zusammen — tun.“ (Entfremdung: Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems, 2005)

Erich Fromm bringt das im  o.g. Zitat ausgedrückte  Gefühl der Ohnmacht noch drastischer auf dem Punkt, u.a.  auch,  indem er, ganz zufällig, eine Referenz auf meine  Riesen-Thematik  gibt. Er nutzt nämlich den Begriff „Riesenmaschine“, um zu beschreiben, was den bürgerlichen Menschen in einem Indifferenz-Verhältnis beherrscht.

„Er (der bürgerliche Mensch) produziert eine Welt der großartigsten und wunderbarsten Dinge; aber diese seine eigenen Geschöpfe stehen ihm fremd und drohend gegenüber; sind sie geschaffen, so fühlt er sich nicht mehr als ihr Herr, sondern als ihr Diener. Die ganze materielle Welt wird zum Monstrum einer Riesenmaschine, die ihm Richtung und Tempo seines Lebens vorschreibt. Aus dem Werk seiner Hände, bestimmt, ihm zu dienen, und ihn zu beglücken, wird eine ihm entfremdete Welt, der er demütig und ohnmächtig gehorcht.“

Und nachdem wir nun die tödliche Mechanik der Riesenmaschine erkannt haben: endlich,  erinnern wir uns daran, dass wir nicht Sklavin, sondern gleichsam Erbauer und Zerstörerin sind: ganz wie es uns beliebt. Wenn wir das Leid der objektiven Wirklichkeit teilweise selbst zu verantworten haben, dann können wir auch dessen  dumpfen Staccato durchbrechen, indem wir den Weg der EIGENMACHT beschreiten.  BEWUSST! Er besteht im beständigen Wandel, im beständigen „Werden“, womit wir die Festlegung auf ein starres Weltbild ablehnen müssen, denn dies würde erneut die riesenhaften Kräfte herbeirufen, die immer dann erwachen, wenn sich ein unbewusster Schlaf, oder  – anders ausgedrückt – eine Gesellschaftshypnose, über die Menschen wie ein starres Leichentuch legt.

Insofern sollte es unser beständiges Trachten sein,  die objektive Wirklichkeit in all ihren Facetten zu erkennen  und  auch zu beherrschen, indem wir unser subjektives Wollen in die objektive Welt tragen: gleichsam dekonstruktivistisch wie auch konstruktivistisch.

Dies ist auch die Botschaft von Odin, dem männlichen Hauptgott des germanischen Pantheons, dem mit Loki eine spirituelle Bruderschaft verbindet, hinter der sich das tiefe Geheimnis verbirgt, dass es sich bei Loki um einen abgespaltenen Schattensaspekt  von Odin handelt.

Loki hat  in seiner göttlichen Triade, bestehend aus Odin und seinen Brüdern Vili und Vé, dem Riesen Ymir getötet. Dadurch sorgt er dafür, dass das menschliche Leben dazu dienen soll, sich aus der Abhängigkeit zu ihren riesenhaften Schöpfern, symbolisiert durch Ymir,  zu  befreien und stattdessen das eigene Bewusstsein und damit gleichsam  eine  freudvolle Ekstase  zu entwickeln, um letztendlich  von ihnen – den Thursen-Riesen – eine Erklärung für ihre  fehlerhafte Schöpfung einfordern zu können.  Dann – und nur dann –  begegnen sich Gleiche unter Gleichen, was zu einer  reinigenden Metamorphose führen wird, wie sie uns nach dem Ende dieser Welt in der Edda versprochen wird.

Und so tanzt das einstige  Opfer auf den Überresten einer Zivilisation, die aufgehört hat, diesen Namen zu verdienen.

Schluss nun – ein für allemal – mit Riesen. Fort mit euch! „Existenz existiert“, wir erinnern uns an das Paradigma von Ayn Rand und trachten danach in der Kraft dieses Augenblicks,  unser Bewusstsein zu leben. Totentanz. Opfertanz. Freudenzauber.

050620151718

de.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

Zarathustra am Maschsee. Teil 3

“Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf”, heißt es im Zarathustra.

Teil 1, Teil 2

Das Menschenpaar bildet eine Linie mit dem Fackelträger, der über den Maschsee schwebt.

Das Paar schaut  direkt zum Fackelträger. Tun wir es ihm nach:
Fackelträger

Fackelträger2

Der Fackelträger, übrigens genauso wie  der Fischreiter und der Putto von Hermann Scheuernstuhl gestaltet, tänzelt auf einer Weltkugel, streckt seine rechte Hand in die Höhe, während seine linke eine Fackel hält.

Er blickt von Norden nach Süden, steht dabei auf einer Säule, die aus weißen Steinquadern errichtet ist und die auf diese Art und Weise  –  vielleicht nicht nur zufällig  –  an die Prestigebauten des alten Roms erinnert, für die weißer Carrera-Marmor benutzt wurde.

Die Fackel verweist  sicherlich auf die 1936 in Berlin stattgefundenen Olympischen Spiele. Der Fackelträger selbst wurde 1937 aufgestellt.

Im Fackelträger erfährt das Kind seine Steigerung.

Wirklich? Aufgepasst:  An dieser Stelle verlasse ich die auf Friedrich Nietzsche bezogene  Rezeption des “Zarathustras” .   Von nun an  müssen wir die Weltsicht des Nationalsozialismus in unsere Überlegungen  miteinbeziehen, um zu verstehen, was hier gemeint sein könnte.

Dabei  kann ich allerdings nicht oft genug betonen, dass es sich wohlgemerkt um meine persönliche  Interpretation des Skulpturen-Ensembles am Maschsee handelt. Sie ist  bisher durch keinerlei Quellen belegt (,bzw. habe ich mich  (noch) nicht auf eine entsprechende Suche begeben).

Meine Interprettion kann “an den Haaren herbeigezogen” sein. Sicher bin ich mir jedoch, dass der  Blick auf die Skulpturen mit der Gedankenschablone, die ich hier entwickle, interessante Fragestellungen aufleuchten lässt, die es verdienen näher betrachtet zu werden.

Und so wiederhole ich es ein zweites Mal: Im Fackelträger erfährt das Kind seine Steigerung.

Diese Aussage ergibt durchaus einen Sinn, besonders, wenn wir jetzt einen kleinen Abstecher zu Aleister Crowley, dem großen britischen Okkultisten, unternehmen, der sich selbst als das Große Tier 666 bezeichnet hat.

In seiner Thelema-Bewegung  beschreibt ein Æon ein spirituelles Zeitalter. Laut ihm befinden wir uns im Zeitalter des Horus oder des Kindes, vorausgegangen sind die Zeitalter des Osiris und  der Isis.

Die Vorstellung von einer Abfolge von Æonen war schon beim Hermetic Order of the Golden Dawn gebräuchlich, der sich wiederum auf gnostisch-ägyptische Quellen berief, in der das göttliche Pleroma-Licht Mutter und Vater ins Sein brachte, deren Kinder wiederum die  Æonen oder auch die Götter sind.

Kannten die Nationalsozialisten dieses Gedankengut? Wollten sie das Zeitalter des Horus, was von Crowley auch als  Zeitalter des Kindes beschrieben ist, implantieren? Oder wollten sie ein ganz neues, eigenes Æon erschaffen, das Nietzsches postulierte “ewige Wiederkehr” durchbricht? Wollten sie den Übermenschen erwecken und das, was Nietzsche als individuelle Entwicklungsstufe gemeint hat,  zum arischen Volks-Gott umdeuten?

Säule

All dies  muss an dieser Stelle  unbeantwortet  bleiben. Leider verschwanden Unterlagen (oder wurden zum Verschwinden gebracht), die Auskunft hätten geben können, beispielsweise  aus der Zeit, in der sich Crowley im Berlin aufhielt (1930 – 32) genauso wie “Dokumente, die den Einfluss esoterischen Denkens auf die Naziführung belegten”.  (Siehe auch: Goodrick-Clarke, Nicholas: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus,  S. 206 und Baigent, Michael/Leigh, Richard: Geheimes Deutschland, S. 321 f.)

Nietzsches Zarathustra  jedenfalls wurde  im Nationalsozialismus häufig und gerne rezipiert  (siehe auch: Wikipedia), womit ich jetzt  – wie versprochen –  zum Menschenpaar zurückkomme. Georg Kolbe, ihr  Bildhauer,  hat sich erwiesenermaßen nicht nur gedanklich, sondern auch  künstlerisch  mit  Zarathustra auseinandergesetzt, u. a. um den Tod seiner Frau zu verarbeiten.   Auch  Hermann Scheuernstuhl ist eine solche Lektüre  zuzutrauen, immerhin hat er einen reformierten Zarathustrismus als Religion gepflegt, genannt:  Mazdaznan.

Menschenpaar1

Wie die Künstler der Skulpturen im Einzelnen  zum Nationalsozialismus standen, ist ein anderes Thema, was ich hier abschließend nur kurz anreißen möchte.

Siegfried Schildmacher  jedenfalls betont im  HAZ-Artikel,  dass die Fackel  des Läufers als Symbol der Aufklärung gesehen werden kann, die dadurch, dass sie nach unten gehalten wird, zur heimlichen Kritik Hermann Scheuernstuhls am dunklen Zeitgeist wird.

Bei den Modellen für das Menschenpaar von Georg Kolbe, die  melancholisch auf den Fackelträger blicken,  handelt es sich um jüdische Geschwister, sodass hier – vom Künstler gewollt oder ungewollt – im Figurenensemble am Maschsee  eine Art von  “Stolperstein” implantiert ist,  der  auf die vielen Opfer der  nationalsozialistische Ideologie verweist.

Über eine Maschsee-Figur, die nicht am Maschsee steht, könnt ihr hier nachlesen: Fischreiher

PDF24    Sende Artikel als PDF   

Zarathustra am Maschsee. Teil 2

PICT0040

Wir setzen also unseren kleinen Spaziergang fort.

Ein Wort zur Warnung: Mit  Teil 1  dieser Artikelserie solltest du dich zuvor vertraut gemacht haben, denn andernfalls wird dir das Folgende seltsam vorkommen. Nachdem wir die Bronzelöwen hinter uns gelassen haben, begegnen wir knapp vor der Höhe der Geibelstraße einen Menschenpaar.
Auf diese Doppelfigur von Georg Kolbe möchte ich zum Schluss unseres Spazierganges  noch einmal zurückkommen.

An dieser Stelle  meiner Argumentation ist es erst einmal nur bedeutsam, dass das Menschenpaar im Kontext der von mir verfolgten Interpretation der Skulpturen-Landschaft als Illustration zum Zarathustra – zumindest oberflächig betrachtet  –  “nicht passt”.

Der Löwe nämlich verwandelt  sich bei Nietzsche  in ein Kind.

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Das Kind begegnet uns gleich zweimal am Maschsee, nämlich im Fischreiter, der nächsten Skulptur, und später  im Putto auf dem Musikpavillon. Beide Skulpturen befinden sich am Südufer und gehen auf dem Bildhauer Hermann Scheuernstuhl zurück.

Die tierischen Vorstufen  sind nun überwunden. Das Kind ist das autonome Individuum und der ÜBERMENSCH.

Fischreiter1

Fischreiter2

Was macht aber einen ÜBERMENSCHEN aus?

Das ist  u.a. der Künstler. Er ist der Prototyp des Übermenschen, der neue Werte aus sich selbst erschafft und fröhlich hinaus in die Welt trägt.

Der Künstler, in Nietzsches ambivalenter Sicht zugleich leidenschaftlicher Welterzeuger und Vampir ohne große Leidenschaften, verwirklicht die ästhetische Vernunft (und “vernünftelt” (Kant) nicht darüber). Als der – wie Nietzsche herausfordernd formuliert – “im verwegensten Sinne …Unnütze” (Ü 37, 1870/71) will er nicht zur allgemeinen Kultur und Bildung beitragen, sondern verkörpert in seiner Person die höhere Form einer künstlerischen Kultur. Deren Signatur ist die Verwandlung des abgelehnten Lebens in ein bejahtes Dasein, der vorgefundenen Welt in einen gewollten Entwurf. Die ästhetische Vernunft ist keineswegs der zweifelhafte Versuch, die aus Praxis und Geschichte  vertriebene Wahrheit im Schongebiet der Kunst überwintern zu lassen (das sind spätmoderne Hirngespinste), sondern schon im Ansatz leiborientierte Weltbewältigung. Wahrheit gibt es für die ästhetische Vernunft nur, solange es Lust gibt, und als Verführung zum guten Leben und Gelingensethik wird ästhetische Vernunft aktiv. (Schirmacher, Wolfgang: Kunst und Künstlichkeit der Wahrnehmung: Kulturphilosophie nach den Nihilismus, zitiert nach: http://www.egs.edu)

Rückblickend  verstehen wir nun auch die Funktion der Menschenpaar-Skulptur, die uns zwischen “Löwe” und “Kind” begegnet ist.

Das Paar stellt die radikale Zensur dar, die die Verwandlung des Löwen zum Kind erfordert.

Man muss nämlich den Gedanken an die ewige Wiederkunft, dass sich nämlich  alles unendlich wiederholt, ertragen, um den Nihilismus des Löwen zu überwinden und sich stattdessen mit einem “Akt der gänzlichen Einverleibung”  idendtifizieren, um als Übermensch geboren zu werden.

Wie könnte dies besser bildlich umgesetzt werden, als durch einen Mann und eine Frau,  die immer die Möglichkeit in sich tragen, dass sie durch Vereinigung und Empfängnis ein neues Leben erschaffen können?

Das Menschenpaar verweist so auf die Geburt von etwas Neuem, dass seine Vorstufen vergessen hat: Wenn wir  als Kind in das Leben treten, wissen wir nicht darum, was vorher war.  Wir können uns nicht an jene Existenzstufen erinnern, die wir durchlebten, bevor wir Mench geworden sind.

Insofern erstaunt es auch nicht, dass das Fischreiter-Kind, das den Fisch lenkt, gerade beabsichtigt, diesen in das erfrischende Nass des Sees hüpfen zu lassen, denn schließlich verweist die allgemeine Symbolik des Wassers auf das Urmeer und das mütterliche  Fruchtwasser, aus dem jegliches Leben entspringt.

Ein neues Leben beginnt im Kind, was vollkommene Unschuld und freudiges Spiel ist.

Jedoch birgt der Zustand des Kindes  eine  nicht zu unterschätzende Gefahr in sich. Wenn das Kind  nämlich die Stimme des Common Sense vernimmt oder die des einsamen Denkens, anstatt ihnen mit den Mitteln der ästhetischen  Vernunft zu begegnen, kann es zurückfallen in das unkritische  und einlullende Wir oder in jenes des einsamen Ichs, was sich feindlich gegen die Welt aufstellt.

Das Putto-Kind auf dem Musikpavillion  streckt dann auch optimistisch sein Ärmchen  in den Himmel und will uns damit vermutlich sagen:

“Ich bin kein statischer Endzustand, sondern muss immer wieder neu errungen werden.”

Hier geht es weiter: Zarathustra am Maschsee. Teil 3

PICT00392

PDF24    Sende Artikel als PDF   

Zarathustra am Maschsee. Teil 1

Wahrscheinlich ausgelöst durch meine momentane Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche habe ich beim letzten Maschsee-Spaziergang Zarathustras “Rede von der Verwandlung”  durch diverse  Skulpturen illustriert gefunden.

Für die Hannover-Unkundigen sei erklärt: Der Maschsee ist ein künstlich angelegter See, der den Hannoveranern als Naherholung dient.  Erste Pläne für das Anlegen eines Sees gehen bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Umgesetzt wurden sie allerdings erst von der nationalsozialistischen Regierung, die beabsichtigte den Maschsee an ein Gauforum anzubinden, das u.a. aus Stadion, Aufmarschplatz, Feierhalle, Glockenturm und diversen Parteibauten bestehen sollte.

Wenn wir am Südufer unseren  Spaziergang beginnen und  den Weg am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer entlanggehen, erreichen wir die Löwenbastion mit zwei großen Bronzelöwen von Arno Breker, die eine Treppe flankieren.

PICT0043

 

Das  Maschseeufer kann insgesamt als militärischer Festungswall angesehen werden, aus dem  ausgearbeiteten Vorsprünge, von denen die Löwenbastion der größte ist,  jeweils hervorbrechen.

Diese Bollwerke erinnern in ihrer  Funktion an die Wachtürme einer mittelalterlichen Burganlage und wecken  Assoziationen von Verteidigungssituationen. Zu dieser Beobachtung passt auch, dass die Blicke der Löwen dem Maschsee abgewendet sind.

Der Löwe wird allgemeinhin als “König der Tiere” angesehen. Er wird  als Symbol der Stärke, des Mutes und der Macht  gedeutet und findet sich häufig in Wappen wieder.

Genauso wie in der Heraldik stehen auch die Maschsee-Löwen auf ihren Hinterfüßen, wodurch ihre Körperhaltungen “aufsteigend”  und damit “siegreich” wirken.

Dieses heroische Tier begegnet uns schon bei Nietzsche:

In der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen Wüste.
Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem großen Drachen ringen.[293]
Welches ist der große Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heißen mag? »Du-sollst« heißt der große Drache. Aber der Geist des Löwen sagt »ich will«.
»Du-sollst« liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppentier, und auf jeder Schuppe glänzt golden »Du sollst!«
Tausendjährige Werte glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der mächtigste aller Drachen: »Aller Wert der Dinge – der glänzt an mir.«
»Aller Wert ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert – das bin ich. Wahrlich, es soll kein ›Ich will‹ mehr geben!« Also spricht der Drache.
Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das lastbare Tier, das entsagt und ehrfürchtig ist?
Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des Löwen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.
Recht sich nehmen zu neuen Werten – das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Tieres Sache.
Als sein Heiligstes liebte er einst das »Du-sollst«: nun muß er Wahn und Willkür auch noch im Heiligsten finden, daß er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.

Der Löwe steht  bei Nietsche für den Menschen, der sich in die Einsamkeit begibt, um der Fremdbestimmung zu entkommen.

Zuvor nämlich hat sich der Geist zum “Kamel” verwandelt, was bei Nietzsche für eine Sklaven-Existenz steht, die dem sogenannten “Common Sense” niemals hinterfragt. Im Gegenteil: Das Kamel ist  darauf angewiesen, sich fremden Vorstellungen  zu unterwerfen  und seine dumpfe Erfüllung in der Zugehörigkeit zu einem “Rudel” zu sehen.

Erst wenn es seine Lasten zerfetzt und in die  sinn- und wertbereinigte  und “einsamste” Wüste stürmt, wird das Kamel zum Löwen. Nun ist es der Rebell, der die überkommende Werte in Frage stellt und sie kompromisslos zurückweist.   Als Nihilist entdeckt er seinen Willen zur Autonomie, ersetzt aber die alten Werte, gegen die er  einst aufbegehrte, nicht durch neue. Als radikaler Skeptiker entwickelt er keinen Sinnentwurf, der den Gesetzen des “Rudels” etwas entgegensetzen könnte. Der Löwe verharrt in der bloßen Verneinung: Er  entdeckt zwar seinen eigenen Willen, wird aber selbst nicht zum handelnden Subjekt.

So sagt er zwar: “Ich will”, kann aber die Frage  nicht beantworten:

“Was willst du überhaupt?”

Hier geht es weiter: Zarathustra am Maschsee. Teil 2

PDF24    Sende Artikel als PDF