Wilde Tiere, nackte Frauen und die Seele Afrikas. Essen, Teil 2

Eine Reise nach Essen lohnt sich, darin war ich mir auch am zweiten Tag meines kleinen Aufenthaltes im Ruhrgebiet sicher.  Über die Erlebnisse des ersten Tages könnt ihr hier mehr erfahren.

Der Sonntag begann für mich mit einen opulenten Frühstücksbüffet im Hotel Atlantic . Danach ging es  in den benachbarten Grugapark.

Diese städtische Grünanlage ging aus der ersten Gartenausstellung Deutschlands hervor und wurde 1929 als Volkspark gegründet. 1938 fand hier die Reichsgartenausstellung statt. Nachdem der Park während des Bombenkrieges zerstört wurde, fand hier 1952 eine zweite Gartenausstellung und 1965 eine weitere Bundesgartenschau statt. “Wilde Tiere, nackte Frauen und die Seele Afrikas. Essen, Teil 2” weiterlesen

Georg Kolbe, der Tanz und andere Entdeckungen

Der Georg-Kolbe-Hain ist ein magisch anmutender Platz. Dionysos ist hier zu Hause und sicherlich noch viele andere magische Gestalten.

Ursprünglich war er als ein kleiner Landschaftspark angelegt worden, der die niedersächsische Landschaft nach Berlin holen sollte, ähnlich wie wir in Hannover den Hermann-Löns-Park kennen, der die Weite Norddeutschlands in die Landesshauptstadt holt. In Berlin jedoch wurde das Konzept aufgegeben und der kleine Park in den 50ziger Jahren Georg-Kolbe umgewidmet. Das Eingangsportal mit seinen Pferde-Giebeln zeugt jedoch noch von der ursprünglichen Intention des Gartengestalters.

Mir selbst war, auch schon vor meinem Besuch, Georg Kolbes Geschwisterpaar am hannoverschen Maschsee  bekannt, wo Mann und Frau gleichermaßen stark wie auch ansprechend dargestellt werden, was auch in der heutigen Zeit, wo Frauenbilder mehrheitlich die Ikonographie der Verführung und dümmlichen Unterordnung bedienen, selten ist.

Georg Kolbe hat sich mit der inneren Stärke des Menschen, egal ob Mann oder Frau,  auseinandergesetzt. Wie manifestiert sich das in der Körperlichkeit und wie lässt sich dies  künstlerisch darstellen, waren wohl Fragen, die ihm bewegt haben. Während sich im  Skulpturengarten seines ehemaligen Wohnhauses die Tänzerin  noch leichtfüßig über die Wasserdämonen erhebt, ringt Zarathustra schon kraftvoll mit sich selbst, um zum Übermenschen zu werden. Auch die Frau, die sich über die Natürlichkeit erhebt, erscheint gleichermaßen schön wie auch stark. All dies zeugt u.a. auch von Georg Kolbes intensiver Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsche, was nicht nur ein Zeitphänomen war, sondern ihm, auf einer persönlichen Ebene, half, sich über den Verlust seiner geliebten Frau hinwegzutrösten.

Auseinandersetzung mit Körperlichkeit, ganz und gar anders, fand ich später dann auch in der Pina-Bausch-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Die Ausstellungshalle war für mich eine architektonische Entdeckung; die Ausstellung an sich ging jedoch nicht in Resonanz mit mir. Vielleicht liegt es daran, dass für mich Tanz ein Ritual ist und deshalb Tanz niemals Theater sein kann, der Darsteller und Zuschauer voneinander abtrennt und immer unterhaltend sein will? Darüber hinaus, so meine Überzeugung,  lässt sich Tanz niemals in eine Ausstellung bannen, auch wenn durch Videoaufzeichnungen und Trainingssequenzen, denen ich jedoch nicht beiwohnte, von den Ausstellungsmachern versucht wurde, dieses Problem zu beheben. Der Tanz aber entzieht sich dem. Beschwingt.

In der Pina-Bauch-Ausstellung sah ich eine filmische Aufzeichnung, in der ein Tänzer das mythische Fabelwesen eines Zentaur eindrucksvoll darstellte. Dieses magische Wesen fand ich dann, unweit des Checkpoint Charly’s, vor der LBB,  als Skulptur wieder vor.  Der Zentaur streckt dort die Hände aus, um Erlösung zu finden. Mit diesem Bild schließt sich dann der Kreis dieses erlebnisreichen Tages in Berlin für mich, der mir  gezeigt hat dass alles mit allem zu tun haben kann,  vorausgesetzt nur, dass man offen für die Zeichen ist, die einem im Alltag begegnen.

 

Hier sind meine fotografischen Souvenirs vom Georg-Kolbe-Hain.

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Zarathustra am Maschsee. Teil 3

“Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf”, heißt es im Zarathustra.

Teil 1, Teil 2

Das Menschenpaar bildet eine Linie mit dem Fackelträger, der über den Maschsee schwebt.

Das Paar schaut  direkt zum Fackelträger. Tun wir es ihm nach:
Fackelträger

Fackelträger2

Der Fackelträger, übrigens genauso wie  der Fischreiter und der Putto von Hermann Scheuernstuhl gestaltet, tänzelt auf einer Weltkugel, streckt seine rechte Hand in die Höhe, während seine linke eine Fackel hält.

Er blickt von Norden nach Süden, steht dabei auf einer Säule, die aus weißen Steinquadern errichtet ist und die auf diese Art und Weise  –  vielleicht nicht nur zufällig  –  an die Prestigebauten des alten Roms erinnert, für die weißer Carrera-Marmor benutzt wurde.

Die Fackel verweist  sicherlich auf die 1936 in Berlin stattgefundenen Olympischen Spiele. Der Fackelträger selbst wurde 1937 aufgestellt.

Im Fackelträger erfährt das Kind seine Steigerung.

Wirklich? Aufgepasst:  An dieser Stelle verlasse ich die auf Friedrich Nietzsche bezogene  Rezeption des “Zarathustras” .   Von nun an  müssen wir die Weltsicht des Nationalsozialismus in unsere Überlegungen  miteinbeziehen, um zu verstehen, was hier gemeint sein könnte.

Dabei  kann ich allerdings nicht oft genug betonen, dass es sich wohlgemerkt um meine persönliche  Interpretation des Skulpturen-Ensembles am Maschsee handelt. Sie ist  bisher durch keinerlei Quellen belegt (,bzw. habe ich mich  (noch) nicht auf eine entsprechende Suche begeben).

Meine Interprettion kann “an den Haaren herbeigezogen” sein. Sicher bin ich mir jedoch, dass der  Blick auf die Skulpturen mit der Gedankenschablone, die ich hier entwickle, interessante Fragestellungen aufleuchten lässt, die es verdienen näher betrachtet zu werden.

Und so wiederhole ich es ein zweites Mal: Im Fackelträger erfährt das Kind seine Steigerung.

Diese Aussage ergibt durchaus einen Sinn, besonders, wenn wir jetzt einen kleinen Abstecher zu Aleister Crowley, dem großen britischen Okkultisten, unternehmen, der sich selbst als das Große Tier 666 bezeichnet hat.

In seiner Thelema-Bewegung  beschreibt ein Æon ein spirituelles Zeitalter. Laut ihm befinden wir uns im Zeitalter des Horus oder des Kindes, vorausgegangen sind die Zeitalter des Osiris und  der Isis.

Die Vorstellung von einer Abfolge von Æonen war schon beim Hermetic Order of the Golden Dawn gebräuchlich, der sich wiederum auf gnostisch-ägyptische Quellen berief, in der das göttliche Pleroma-Licht Mutter und Vater ins Sein brachte, deren Kinder wiederum die  Æonen oder auch die Götter sind.

Kannten die Nationalsozialisten dieses Gedankengut? Wollten sie das Zeitalter des Horus, was von Crowley auch als  Zeitalter des Kindes beschrieben ist, implantieren? Oder wollten sie ein ganz neues, eigenes Æon erschaffen, das Nietzsches postulierte “ewige Wiederkehr” durchbricht? Wollten sie den Übermenschen erwecken und das, was Nietzsche als individuelle Entwicklungsstufe gemeint hat,  zum arischen Volks-Gott umdeuten?

Säule

All dies  muss an dieser Stelle  unbeantwortet  bleiben. Leider verschwanden Unterlagen (oder wurden zum Verschwinden gebracht), die Auskunft hätten geben können, beispielsweise  aus der Zeit, in der sich Crowley im Berlin aufhielt (1930 – 32) genauso wie “Dokumente, die den Einfluss esoterischen Denkens auf die Naziführung belegten”.  (Siehe auch: Goodrick-Clarke, Nicholas: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus,  S. 206 und Baigent, Michael/Leigh, Richard: Geheimes Deutschland, S. 321 f.)

Nietzsches Zarathustra  jedenfalls wurde  im Nationalsozialismus häufig und gerne rezipiert  (siehe auch: Wikipedia), womit ich jetzt  – wie versprochen –  zum Menschenpaar zurückkomme. Georg Kolbe, ihr  Bildhauer,  hat sich erwiesenermaßen nicht nur gedanklich, sondern auch  künstlerisch  mit  Zarathustra auseinandergesetzt, u. a. um den Tod seiner Frau zu verarbeiten.   Auch  Hermann Scheuernstuhl ist eine solche Lektüre  zuzutrauen, immerhin hat er einen reformierten Zarathustrismus als Religion gepflegt, genannt:  Mazdaznan.

Menschenpaar1

Wie die Künstler der Skulpturen im Einzelnen  zum Nationalsozialismus standen, ist ein anderes Thema, was ich hier abschließend nur kurz anreißen möchte.

Siegfried Schildmacher  jedenfalls betont im  HAZ-Artikel,  dass die Fackel  des Läufers als Symbol der Aufklärung gesehen werden kann, die dadurch, dass sie nach unten gehalten wird, zur heimlichen Kritik Hermann Scheuernstuhls am dunklen Zeitgeist wird.

Bei den Modellen für das Menschenpaar von Georg Kolbe, die  melancholisch auf den Fackelträger blicken,  handelt es sich um jüdische Geschwister, sodass hier – vom Künstler gewollt oder ungewollt – im Figurenensemble am Maschsee  eine Art von  “Stolperstein” implantiert ist,  der  auf die vielen Opfer der  nationalsozialistische Ideologie verweist.

Über eine Maschsee-Figur, die nicht am Maschsee steht, könnt ihr hier nachlesen: Fischreiher

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Zarathustra am Maschsee. Teil 2

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Wir setzen also unseren kleinen Spaziergang fort.

Ein Wort zur Warnung: Mit  Teil 1  dieser Artikelserie solltest du dich zuvor vertraut gemacht haben, denn andernfalls wird dir das Folgende seltsam vorkommen. Nachdem wir die Bronzelöwen hinter uns gelassen haben, begegnen wir knapp vor der Höhe der Geibelstraße einen Menschenpaar.
Auf diese Doppelfigur von Georg Kolbe möchte ich zum Schluss unseres Spazierganges  noch einmal zurückkommen.

An dieser Stelle  meiner Argumentation ist es erst einmal nur bedeutsam, dass das Menschenpaar im Kontext der von mir verfolgten Interpretation der Skulpturen-Landschaft als Illustration zum Zarathustra – zumindest oberflächig betrachtet  –  “nicht passt”.

Der Löwe nämlich verwandelt  sich bei Nietzsche  in ein Kind.

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Das Kind begegnet uns gleich zweimal am Maschsee, nämlich im Fischreiter, der nächsten Skulptur, und später  im Putto auf dem Musikpavillon. Beide Skulpturen befinden sich am Südufer und gehen auf dem Bildhauer Hermann Scheuernstuhl zurück.

Die tierischen Vorstufen  sind nun überwunden. Das Kind ist das autonome Individuum und der ÜBERMENSCH.

Fischreiter1

Fischreiter2

Was macht aber einen ÜBERMENSCHEN aus?

Das ist  u.a. der Künstler. Er ist der Prototyp des Übermenschen, der neue Werte aus sich selbst erschafft und fröhlich hinaus in die Welt trägt.

Der Künstler, in Nietzsches ambivalenter Sicht zugleich leidenschaftlicher Welterzeuger und Vampir ohne große Leidenschaften, verwirklicht die ästhetische Vernunft (und “vernünftelt” (Kant) nicht darüber). Als der – wie Nietzsche herausfordernd formuliert – “im verwegensten Sinne …Unnütze” (Ü 37, 1870/71) will er nicht zur allgemeinen Kultur und Bildung beitragen, sondern verkörpert in seiner Person die höhere Form einer künstlerischen Kultur. Deren Signatur ist die Verwandlung des abgelehnten Lebens in ein bejahtes Dasein, der vorgefundenen Welt in einen gewollten Entwurf. Die ästhetische Vernunft ist keineswegs der zweifelhafte Versuch, die aus Praxis und Geschichte  vertriebene Wahrheit im Schongebiet der Kunst überwintern zu lassen (das sind spätmoderne Hirngespinste), sondern schon im Ansatz leiborientierte Weltbewältigung. Wahrheit gibt es für die ästhetische Vernunft nur, solange es Lust gibt, und als Verführung zum guten Leben und Gelingensethik wird ästhetische Vernunft aktiv. (Schirmacher, Wolfgang: Kunst und Künstlichkeit der Wahrnehmung: Kulturphilosophie nach den Nihilismus, zitiert nach: http://www.egs.edu)

Rückblickend  verstehen wir nun auch die Funktion der Menschenpaar-Skulptur, die uns zwischen “Löwe” und “Kind” begegnet ist.

Das Paar stellt die radikale Zensur dar, die die Verwandlung des Löwen zum Kind erfordert.

Man muss nämlich den Gedanken an die ewige Wiederkunft, dass sich nämlich  alles unendlich wiederholt, ertragen, um den Nihilismus des Löwen zu überwinden und sich stattdessen mit einem “Akt der gänzlichen Einverleibung”  idendtifizieren, um als Übermensch geboren zu werden.

Wie könnte dies besser bildlich umgesetzt werden, als durch einen Mann und eine Frau,  die immer die Möglichkeit in sich tragen, dass sie durch Vereinigung und Empfängnis ein neues Leben erschaffen können?

Das Menschenpaar verweist so auf die Geburt von etwas Neuem, dass seine Vorstufen vergessen hat: Wenn wir  als Kind in das Leben treten, wissen wir nicht darum, was vorher war.  Wir können uns nicht an jene Existenzstufen erinnern, die wir durchlebten, bevor wir Mench geworden sind.

Insofern erstaunt es auch nicht, dass das Fischreiter-Kind, das den Fisch lenkt, gerade beabsichtigt, diesen in das erfrischende Nass des Sees hüpfen zu lassen, denn schließlich verweist die allgemeine Symbolik des Wassers auf das Urmeer und das mütterliche  Fruchtwasser, aus dem jegliches Leben entspringt.

Ein neues Leben beginnt im Kind, was vollkommene Unschuld und freudiges Spiel ist.

Jedoch birgt der Zustand des Kindes  eine  nicht zu unterschätzende Gefahr in sich. Wenn das Kind  nämlich die Stimme des Common Sense vernimmt oder die des einsamen Denkens, anstatt ihnen mit den Mitteln der ästhetischen  Vernunft zu begegnen, kann es zurückfallen in das unkritische  und einlullende Wir oder in jenes des einsamen Ichs, was sich feindlich gegen die Welt aufstellt.

Das Putto-Kind auf dem Musikpavillion  streckt dann auch optimistisch sein Ärmchen  in den Himmel und will uns damit vermutlich sagen:

“Ich bin kein statischer Endzustand, sondern muss immer wieder neu errungen werden.”

Hier geht es weiter: Zarathustra am Maschsee. Teil 3

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