Alles erledigt und offen für das Neue! 

EH, Mischmaterialien, 29 x 39.5 cm, Rauhnächt 2017/18

Die Weihnachtstage habe ich im Kreis meiner Familie verbracht. Endlich war Zeit, um die Serie meiner Blogbeiträge über meine Rumänien-Rundreise fertigzustellen. Die Zeit der Dunkelheit gab auch genug Gelegenheiten, um sich mit Freunden und Bekannten zu treffen. Bücher konnten gesichtet werden und ich stellte fest, dass, selbst wenn für ein halbes Jahr der Kontakt zur Außenwelt abreißen würde, ich genug zu lesen und zu bedenken hätte.

Die Neujahrskartenlegung bestätigte mir das, was ich ohnehin schon wusste, führte es mir aber noch einmal eindringlich vor Augen. Diesmal nutzte ich das an das Crowley-Tarot  angelehnte “Black Flame Tarot“.

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Über die Riesen!

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Kleine Vorbemerkung: Ein Essay aus dem Jahre 2012, was ich aus durchaus aktuellem Anlass hier erstmals veröffentliche. Nicht jeder wird es  indes verstehen. Wie heißt es so schön? Das Mysterium schützt sich selbst.

„Was bedeuten Riesen für dich?“, wurde ich unlängst gefragt. Wer sich jetzt wundern sollte, wieso mir solch merkwürdig-märchenhafte Fragen gestellt werden, dem sei gesagt, dass eine solche Fragestellung in manchen Kreisen eine durchaus legitime Diskussionsgrundlage darstellt, was für mich Grund genug sein soll, sich damit – auch an dieser Stelle – ausführlicher zu beschäftigen. „Und wer weiß“, sagte ich mir voller Hoffnung, „vielleicht würde ich dabei unverhofft die Lösung für mein „alltägliches Elend“ finden. Doch damit ging ich – wie sich noch zeigen wird – in die Irre und alles wurde noch komplizierter und herausfordernder, als es sowieso schon war.

„Was bedeuten Riesen für mich?“, fragte ich mich also wiederholt selbst und erinnerte mich dabei an die großen, hünenhaften Gestalten der Volksmärchen, deren Körpergröße im eigenartigen Widerspruch zu deren kleinem Verstand stand. „Leicht zu übertölpeln“, kam mir als Beschreibung für einen Umgang mit ihnen in den Sinn; ein konkretes Volksmärchen, mit dem ich all dies hätte untermalen können, fiel mir allerdings nicht ein.

Um diesen Erinnerungseindruck vom „dummen Riesen“ näher zu erforschen, schlug ich in der Edda nach und traf dort u.a. auf Wafthrudnir, einen Riesen, der von Odin inkognito besucht wird, einzig allein, um im Wettstreit die Frage zu klären, wer von den beiden Kontrahenten weiser sei. Wafthrudnir unterliegt zwar, doch Odins Sieg kommt nur mit Hilfe einer List zustande, ist also eher ein Pyrrhussieg. Odin stellt nämlich Wafthrudnir u.a. eine Frage, die nur er selbst beantworten kann. Er möchte von ihm wissen, was er Balder vor seinem Tod auf dem Scheiterhaufen ins Ohr geflüstert haben soll. Dies kann Wafthrudnir nun wirklich nicht wissen; er erkennt aber, dass er Odin vor sich hat, der ihm eine intellektuelle Falle stellt. So sagt er:

Nicht Einer weiß, was in der Urzeit du

Sagtest dem Sohn ins Ohr.

Den Tod auf dem Munde meldet ich

Schicksalsworte

Von der Asen Ausgang

Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden:

Du wirst immer der Weiseste sein.

(Simrock, Karl (Übersetzung): Die Edda. Stuttgart 1878)

„Wenn die Riesen aber doch so klug sind wie Wafthrudnir, dann macht es Sinn, ihr Reich zu besuchen“, sagte ich mir und machte mich auf – in einer schamanischen Reise – ihre Welt zu besuchen, von der ich nur wusste, dass sie Utgard heißt und eine der neun Welten ist.

Ein Flößer war mir behilflich, das Grenzgewässer zu überqueren. Auf der anderen Seite des Flusses erwartete mich eine kalte, gebirgige Welt, deren kahle Berge immer wieder von nur spärlich bewachsen Ebenen aufgelockert werden. Ich drang in diese Einöde nicht weit vor, zu kalt und abweisend kam mir diese Welt vor, in der sich alles – wie in einer zähflüssigen Masse – stark verlangsamt bewegen musste. So traf ich schon bald, an einen Felsen gelehnt, einen Riesen, der sich langsam und zögerlich vom felsigen Grund abhob. Ich stellte ihm eine persönliche Frage und erhielt als Antwort nur Schweigen. In dieser zeitverzögerten Welt ist alles Wollen und Streben vergebens. Stattdessen händigte mir der Koloss einen grauen, runden Stein aus, der symbolisch die Antwort auf meine Frage enthalten sollte. Gleichzeitig wusste ich, denn ich nahm – zeitgleich mit meinem eigenen – auch das Bewusstsein des Riesen wahr, dass er mir gegenüber vollkommen gleichgültig  eingestellt war und mir, die ich in seinen Augen so unendlich klein und unbedeutend war, jedes Geheimnis ganz offen verraten konnte, wohlwissend, dass dies für das Weltgeschehen vollkommen unbedeutend war. Was könnte ich, der ich nur ein Mensch bin, überhaupt bewegen? Nichts.

So kehrte ich zurück in meine Welt und der Stein verriet mir, dass er ein Zeichen für all die Kräfte ist, die sich einem in den Lebensweg stellen. An seiner runden Form erkannte ich, dass er eine Druse war, die, wenn sie denn vorsichtig aufgeschlagen werden würde, ihre ganze Schönheit und Pracht entfalten würde. Dies wiederum, soviel war mir klar, stand für die Kräfte des eigenen Selbst, die zur Entfaltung gebracht werden sollten, was aber – was nun ein wenig obskur ist – von den Riesen verhindert wird.

Um gerade Letzteres zu verstehen, müssen wir uns erneut an germanische Mythenwelten erinnern. Dort nämlich ist ein Riese, nämlich Ymir, das erste Lebewesen, aus dem die neun Welten entstehen. Diese Schöpfungsmythologie verweist auf indoeuropäische Wurzeln. Im vedischen Mythos gehen aus den Körperteilen des Riesen Purusha die verschiedenen Teile der Welt hervor. Die Edda dagegen berichtet von der Quelle Hvergelmir, die der Mitte Nebelheims entspringt, und aus der wiederum Wasserläufe hervorgehen, die in eine „gähnende Kluft“, genannt Ginungagap, münden. Dort, wo heute unsere Welt ist, trifft das Eis auf die Hitze und das Feuer Muspelheims. Aus dem geschmolzenen Eis entsteht schließlich der Riese Ymir, ein Zwitterwesen, von dem all die Reifriesen abstammen.

Als das Eis taut, entsteht daraus die Kuh Audhumla. Von den vier Milchströmen, die aus ihrem Euter rinnen, ernährt sich Ymir. Die Kuh wiederum erhält sich dadurch am Leben, dass sie die salzigen Eisblöcke (oder Steine) ableckt. Beim ersten Mal, als sie das tut, taucht aus den Steinen ein Mann auf, genannt Búri. Er hat einen Sohn, der Burr heißt. Snorri teilt nicht mit, ob er ihn mit einer Riesin zeugt, wie später Burr, oder ob er ihn, genauso wie Ymir, aus sich selbst heraus schöpft.

Ymir nämlich kann dies. Einer seiner Füße erschafft mit den anderen einen Sohn, von dem die Reifriesen abstammen. Die Tochter des Riesen Bölthorn, genannt Bestla, vermählt sich mit Burr. Ihre drei Söhne sind die ersten Götter, nämlich Odin, Wili und We. Diese töten den Riesen Ymir. In seinem Blut ertrinken alle Hrimthursen (Reifriesen), nur der Riese Bergelmir und sein Weib retten sich und zeugen ein neues Riesengeschlecht. Die Götter bilden aus dem Körper des Riesen Ymir die Welt. „Und längs den Seeküsten jenseits gaben sie den Riesengeschlechtern Wohnplätze, und nach innen rund um die Erde machten sie eine Burg wider die Anfälle der Riesen, und zu dieser Burg verwendeten sie die Augenbrauen Ymir, des Riesen, und nannten die Burg Midgard.“ (Gm 41/Die Burg Midgard ist nicht zu verwechseln mit Midgard, der Menschenwelt.)

Warum die Götter Odin, Vili und Vé Ymir erschlagen und aus seinem Körper die Welt erschaffen, darüber geben die Quellen keine Auskunft. Wenn wir diesen Mord aber in Zusammenhang mit 1 Mose 6,4 ziehen, wo von einer ersten Schöpfung die Rede ist, mit der der biblische Gott nicht zufrieden ist und die er deshalb zerstört, verweist der universale Zerstörungs-Mythos (von dem beispielsweise ja auch Platon in seinem Atlantis-Mythos berichtet) – ganz vorsichtig ausgedrückt – evtl. auf eine historische Tatsache, in der die Erde in den Zeiten einer nicht spezifizierbaren Urzeit von männlichen Göttern, wir können auch von Außerirdischen sprechen, kolonialisiert war, die sich mit Menschenfrauen vereinigten und so die Nephilim, riesenhafte Mischwesen, zeugten.

Dies korrespondiert letztendlich mit der protogermanischen Überlieferung, in der drei Götter den Urriesen töten. Im germanischen Kontext muss ich annehmen, dass die Riesen Außerirdische sind, welche die Energien aus sich selbst heraus erschufen, die wir als göttlich empfinden und für die wir unendlich viele Namen besitzen. Die Riesen mussten dann aber bemerken, dass sich diese Götter und Göttinnen gegen sie selbst wandten. Schließlich wurde nicht nur der Urriese umgebracht, die Götter schufen auch das erste Menschenpaar aus Bäumen und sie fungierten in der Folge als Verteidiger der Menschenwelt gegen die Riesen.

Im christlich-hebräischen Kontext muss ich, im Gegensatz dazu, davon ausgehen, dass die „Götter“ (und eben nicht die „Riesen“) ein Synonym für die Außerirdischen sind, die mit Menschenfrauen besagte Halbwesen, genannt Riesen, erschufen, diese dann aber, nachdem dadurch ihre Geheimnisse ausgeplaudert worden waren, vernichteten. In der Lutherbibel heißt es dann auch: „Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.“

Die Riesen verrieten den Menschen, wie uns die Apokryphen berichten, verbotenes Wissen und werden deshalb von den Göttern bis zum Ende der Welt „gebunden“; ihre Nachkommenschaft kommt dagegen in einer Sintflut ums Leben.

In der Edda – hier gibt es Parallelen zur christlich-hebräischen Überlieferung – sind die Riesen ebenfalls “gebunden“ und zwar in „Jötunheim“. Schließlich sind die Riesen nicht nur unkontrollierbare Naturgewalten, mit der sie auf einer profanen Interpretationsebene gerne gleichgesetzt werden. Über diese einfache Deutung hinaus erschließt sich eine weitere Interpretationsebene, und in der versuchen die Riesen, warum auch immer, Macht über die Menschenwelt zu erlangen, indem sie die Energien, die entstehen, wenn Menschen sich zusammenschließen – freiwillig oder unfreiwillig – kontrollieren und für Zwecke nutzen, die uns destruktiv vorkommen, die aber – wertfrei ausgedrückt – darauf ausgerichtet sind, die Welt, so wie wir sie kennen, zu destabilisieren.

Nach dem mystischen Weltbild, dem ich ja durchaus anhänge, lassen sich intellektuelle  Erkenntnisse auch in der Prosa finden; die Science-Fiction-Literatur erscheint mir dafür besonders geeignet zu sein, spielen deren Autoren doch mitunter mit obskuren Ideen, die sich dem üblichen, einengenden Gedankenkorsett entziehen und gerade dadurch auf eine Wirklichkeit jenseits der objektivierbaren Zahlenspielereien, die heutzutage sehr in Mode sind, verweisen. So sei mir an dieser Stelle ein Zitat aus einem Roman erlaubt, in dem die „Bewusstseinsparasiten“ (die ich mit „riesenhafte Kräfte“ übersetzen würde) wie folgt beschrieben werden:

„Sie zapfen den Menschen die Lebenskraft ab, ohne dass diese sich dessen bewusst werden. Ein Mensch, der sie erkennt und besiegt, wird für sie doppelt gefährlich, denn seine Kräfte der Selbsterneuerung werden die Oberhand behalten. Geschieht dies, so versuchen die Bewusstseinsparasiten vermutlich, ihn auf andere Weise zu vernichten – indem sie etwa andere Menschen gegen ihn aufbringen. (Wilson, Colin: Die Seelenfresser. Hemsbach über Weinheim 1983, S. 78)

Diese riesenhaften Kräfte versteht das menschliche Bewusstsein (noch) nicht und die Riesen müssen uns deshalb als „dumm“ erscheinen. Die Götter jedoch können diese Bewusstseinsebene verstehen, denn sie stammen selbst von Riesen ab, sind also ihre Geschöpfe. Sie wissen aber auch von den destabilisierenden Gefahren, die von den Riesen ausgehen. Warum sonst schützt Thor die Welt der Menschen mit einem Wall und ist auch ansonsten ständig damit beschäftigt, nicht nur gegen die Midgardschlange, sondern auch gegen die Riesen zu kämpfen? Vielleicht will er aber auch nur verhindern, dass das Wissen der Riesen zu uns dringt, da diese Kenntnis dem Menschen, aus Sicht der Asen, nicht dienlich wäre, evtl. gar zum Verderben führen würde, was an die biblische Paradiesgeschichte erinnert, wo der Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis auch von Gott verboten wurde.

Doch Thor tut vermeintlich gut daran, uns vor den riesenhaften Kräften zu schützen. Schließlich werden diese Kräfte schließlich gemäß der nordischen Eschatologie, Ragnarök herbeiführen. Andererseits ist besagte Vernichtung keine endgültige, sondern vielmehr – im Sinne des zyklisch-germanischen  Weltbildes – wird aus den Trümmern der alten eine neue, gereinigte Welt aufsteigen.

An dieser Stelle komme ich wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was bedeuten Riesen für mich? Diese Frage führt letztendlich, wie mein Essay hoffentlich gezeigt hat, zum Konflikt, ob ich mich, und auch hier muss ich differenzieren zwischen persönlichen und weltgesellschaftlichen Belangen, eher für eine Stabilisierung der Verhältnisse ausspreche oder aber Auflösung herbeiführen möchte.

Niko Paech sagt im TAZ-Interview vom 21.01.2012:

„Für gesellschaftlichen Wandel brauchen Sie zunächst Pioniere, die geringe Risikoaversion haben und keine Angst, sich lächerlich zu machen. Dann kommen die, bei denen die Beobachtung der Pioniere ausreicht, um auch mitzumachen. Dann die, die ein Netzwerk brauchen. Dann werden jene stimuliert, die sich erst kuschlig genug fühlen, wenn das Neue von genug Leuten gemacht wird. Und irgendwann sind wir am Punkt angekommen, wo eine soziale Dynamik ausgelöst wird. Diese Diffusionslogik zeigt, dass es gar nicht funktionieren kann (wenn man denn positiven, gesellschaftlichen Wandel möchte, Anm. d. Autorin), gleich in den Mainstream zu gehen.“

Da ich mir an dieser Stelle (noch) nicht anmaßen möchte, Belange von universaler Bedeutung zu lösen, beschränke ich mich im Folgenden auf eine persönliche Ebene, wobei mir natürlich bewusst ist, dass persönliche Entscheidungen niemals abgelöst vom gesellschaftlichen Arrangement gesehen werden können und dass die persönliche Entscheidung für eine „Destabilisierung“ im eigenen Leben auch – quasi als Dominoeffekt – Auswirkungen auf die unmittelbare Umwelt hat.

Jedoch wird eine „Stabilisierung der Verhältnisse“ als Lösungsansatz für die Mehrzahl meiner Zeitgenossen, so sie sich denn überhaupt mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen, attraktiver sein als eine „Destabilisierung“, die nur risikofreudigen Naturen vorbehalten sein wird.

Die „Festigung des Bestehenden“ verheißt schließlich süße, verlockende Sicherheit. Die überwiegende Mehrheit der Menschen möchte in ihrer vermeintlichen Ruhe nicht gestört werden. Wer mag es ihnen auch verdenken, schließlich wäre alles andere auch düster-beängstigend. Dabei wird gerne übersehen, dass das menschliche Leben selbst ständiger Veränderung unterworfen ist. Die „Stabilität“ erscheint uns nur harmonisch, wenn wir sie mit einem gewissen inneren Abstand betrachten; bei näherer Sichtung tun sich jedoch bei jedem von uns Dramen auf, die unterschwellige, destruktive Abgründe nur mühsam verdecken. Dies liegt – wie ich schon mit meinem kleinen Ausflug in die Welt der Science-Fiction-Literatur gezeigt habe – an den „riesenhaften Kräften“, die unser Bewusstsein kolonisieren, seitdem die Menschheit sich entschlossen hat, die nur instinktgebundene Existenz zu verlassen.

Ist ein solcher Status Quo, wie ich ihn aufgezeigt habe, es wert, erhalten zu bleiben? Ich meine „Nein“, denn alles andere verdient die Bezeichnung „Tod“.

Eine „Festigung des Bestehenden“ wäre für mich, um auf eine gesellschaftliche Argumentationsebene zurückzukehren, nur wünschenswert, wenn wir in einer Welt lebten, die derjenigen der Wanen, der Fruchtbarkeitsgötter, gleichen würde, die wiederum nichts anderes als eine freundlich-fröhliche Wicca-Welt darstellt.

Edred Thorsson beschreibt diesen Existenzbereich wie folgt:

„In diesem Reich wird das organische Vorbild der organischen Existenz geformt. Das ist eine Welt des ewigen Gleichgewichts der zyklischen Natur – hier gibt es ständiges Wachstum, aber man kann hier keine tatsächlichen Veränderungen oder Geschehnisse sehen. Es gibt ewiges Wohlergehen, Frieden, Freude und Bequemlichkeit. Es ist das Reich sowohl der organischen als auch der persönlichen Zyklen.“ (Thorsson, Edred: Die neun Tore von Midgard. Uhlstädt-Kirchhasel 2004, S. 74 f).

Wenn wir aber in diesem Land, welches wir auch mit „Utopien“ benennen könnten, (noch) nicht leben können, dann zeigen sich für mich im persönlichen Leben nur zwei praktikable Möglichkeiten auf, nämlich entweder gegen die riesenhaften Kräfte – wie Thor – zu kämpfen (und dieses „Kämpfen“ beinhaltet auch – obwohl sie es abstreiten würden – die Attitüde der sogenannten Lichtarbeiter und selbsternannten Lebensratgeber, sich zwanghaft alles schönzureden, um so den negativen Kräften keine Aufmerksamkeit zu geben) oder aber, was unbequem ist, sich mit den riesenhaften Kräften zu verbinden und sie dadurch letztendlich zu beherrschen. Dadurch lernen wir die Waffen unserer Gegner zu nutzen und können so die „benannten“ und „erkannten“ Kräfte – zumindest für uns selbst – unschädlich machen oder – um einmal den Sprachgebrauch meines Anti-Virus-Programmes zu bemühen – „in Quarantäne schicken“.

Eine schwierige Entscheidung ist dies und ich neige dazu, sozusagen hin und her zu switchen, wohlwissend, dass gerade letztere Möglichkeit keine Option für die Allgemeinheit darstellt und ich mich damit auf Wirkkräfte einlasse, deren Intentionen ich nicht immer verstehen kann.

Das Reich der Riesen charakterisiert Thorsson nämlich folgendermaßen:

„Als Ausgleich zu Vanaheimr ist Jötunheimr ein Ort ständigen Wechsels. Es und seine Bewohner versuchen alles, das ihnen begegnet, zu opponieren und zu ändern. Aber das Reich selbst kann in keiner eigenen Metamorphose untergehen. Es ist ein Katalysator für Veränderung und Evolution, kann sich selbst nicht ändern oder entwickeln. Jötunheimr ist ein Ort der Auflösung – und der möglichen Täuschung für die, die auf seine „Tricke“ nicht vorbereitet sind. Jötunheimr ist die reaktive Kraft der Zerstörung, die zur evolutionären Veränderung nötig ist. (Thorsson, S. 75)

Jötunheimr als Raum der „evalutionären Veränderung“ ist immer dann gefragt, wenn auch im persönlichen Leben Transformationen angesagt sind. Doch die Riesen sind – wie ich ja schon mit Hilfe der Schilderung meiner schamanischen Reise dargelegt habe – uns gegenüber gleichgültig eingestellt, und mehr als einen lässig von ihnen hingeworfenen Hinweis auf unsere vermeintlich großen Fragen können wir von ihnen – ganz praktisch gesehen – nicht erwarten. Um aber wahre Veränderungen herbeizuführen, müssen wir uns, so wir denn Magier sind, mit göttlichen Energien verbinden oder aber – dies ist die zweite Möglichkeit – göttliche Eigenschaften oder religiöse Vorstellungen zu einem eigenständigen göttlichen Wesen (aus uns selbst) personifizieren. Um aber erstere Möglichkeit zu praktizieren, muss die göttliche Kraft dazu bereit sein. Die Riesen, die ich quasi als Götter der Götter ansehe, sind es jedenfalls nicht. Loki aber, der zu den Asen gehört, andererseits aber sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite von Riesen abstammt, bietet uns diese Möglichkeit, verlangt aber durchaus seinen Preis dafür. Schließlich ist er ein „Trickster“ und daher müssen wir wissen, worauf wir uns bei ihm einlassen, was wiederum schier unmöglich ist.

Insbesondere stellt sich mir die Frage, ob es eine Option ist, sich mit der Energie von Loki zu verbinden, um die „Seelenfresser“, die meinem Weltbild entsprechend ja von den Riesen initiiert sind, zu isolieren

Zuerst erschien es mir unklar, ob Loki, der ja selbst von seiner Abstammung – sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite – ein Riese ist, hier unterstützend wirken kann.

Nachdem ich diese Frage eine Zeitlang mit mir herumgetragen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass er dafür geeignet ist, schließlich verhält er sich gegenüber den Riesen ambivalent, hilft einerseits zum Beispiel Thor bei der Rückholung des Hammers Mjölnir, andererseits verschuldet er Balders Tod, was letztendlich zu Lokis „Fesselung“ durch die Asen führt, die sich dadurch – meine Interpretation – von nun an in besonderem Maße den „riesischen Energien“ ausgesetzt fühlen. Schließlich ist derjenige, der sie, eben durch seinen ständigen Gestaltwandel davor schützen konnte, nicht mehr dazu in der Lage. Insofern ist die Gefahr groß, dass die Asen von einer Gesellschafts-Hypnose heimgesucht werden und in Zukunft auch immer weniger die Menschen vor den Riesen schützen können, was sich gegenwärtig u.a. dadurch zeigt, dass sich die westlichen Gesellschaften zunehmend zu Überwachungsstaaten entwickeln.

So können wir uns also auf die Götter nicht mehr verlassen und sind auf uns selbst zurückgeworfen. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, sich mit Lokis Kräften zu verbinden. Loki, mit seiner Vorliebe für den Gestaltwandel, kann uns, wenn ich einmal auf der Ebene von Midgard argumentieren darf, lehren, es ihm gleichzutun. Dies wiederum enthält die Option zu verhindern, dass sich die riesenhaften Kräfte an unser Bewusstsein andoggen. Wahrscheinlich ist eben dieser Gestaltwandel, wir könnten auch vom ständigen Paradigmenwechsel sprechen, im Ursprung eben eine riesenhafte Eigenschaft, die wiederum befähigt, den Einfluss der Riesen, der letztendlich zum Massenbewusstsein führt, zu beherrschen. Insofern kann Loki uns lehren, die soziale Matrix beständig zu unterbrechen und Stagnation, was immer gleichbedeutend mit einer Anpassung des Selbst an gesellschaftliche Konventionen ist, zu unterminieren.

Wenn wir uns mit Loki verbinden, dann lassen wir uns nicht mehr – ungewollt und getäuscht – von der Kraft der Riesen, die immer dann entsteht, wenn Menschen   aufeinandertreffen, verführen. Vielmehr haben wir es nun selbst in der Hand, die riesenhaften Energien für unsere Zwecke nutzbar zu machen. All das, was mit den Stichwörtern „Revolution“, „Rebellion“, „unorthodoxe Ideen“, „schillernder Charakter“ und „Verwandlungsfähigkeit“ beschrieben wird, holen wir so in unser Leben und dabei habe ich, um einmal zum Ausgangspunkt meiner Argumentation zurückzukehren, durchaus die Hoffnung, dass ich auf einer persönlichen Ebene damit mein „alltägliches Elend“ verändern kann. Du vielleicht auch!

Doch, auf eine gesellschaftspolitische Dimension bezogen, halten wir Ragnarök mit einer solchen Vorgehensweise nicht auf. Schließlich ist die aufgezeigte Handlungsweise eine individuelle, die niemals für die Mehrheit der Menschen einen praktikablen Weg darstellt. Und so wird am Ende aller Tage Loki, der sich von seiner Fesselung befreit hat, das Naglfar-Schiff steuern, um gemeinsam mit den von ihm mit der Riesin Angrboda gezeugten Ungeheuern, den Riesen und den Bewohnern Hels gegen die Asen zu ziehen (Gylf 50). Bevor Surtr, der Feuerriese, schließlich die Welt in Flammen aufgehen lässt, töten sich Loki und Heimdall gegenseitig und uns bleibt nur die Hoffnung auf eine bessere, neue Welt.

Heil Loki!

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Urd

Die Nornen  sind die Schicksalsfrauen der germanischen Mythologie, die unterhalb der Weltenesche Yggdrasil sitzen und das Schicksal  (Wyrd) der Menschen bestimmen.
Da dieses nicht immer positiv ausfällt, sehe ich hier durchaus Parallelen zum westafrikanischen Elegba, der die Wünsche der Menschen an die höchste Gottheit nicht immer zur Zufriedenheit der Bittsteller ausrichtet und über den ich in der Vergangenheit an dieser Stelle schon ausführlich berichtet  habe.
Ähnlich wie bei ihm  verhält es sich auch bei uns:  Wer kennt  schließlich nicht das bekannte Märchen von Dornröschen? Dort segnen   zwölf Feen  das neugeborene Mädchen; die dreizehnte Fee spricht  aber  einen bösen Fluch aus.
Der Ursprung für ein solches  “märchenhaftes”  Verhalten liegt   in der germanischen Religion begründet. In der Snorra-Edda  aus dem 13. Jahrhundert heißt es in Gylf 4: “Unter der Esche bei der Quelle, steht eine schöne Halle; aus diesem Saal kommen drei Mädchen, die so heißen: Urd, Verdandi, Skuld; diese Mädchen bestimmen das Leben der Menschen; wir nennen sie Nornen; aber es gibt mehr Nornen, die zu jedem Kind kommen, das geboren wird, um sein Leben zu bestimmen, und die sind von göttlicher Abstammung, andere aber aus dem Geschlecht der Alben, und die dritten aus dem Zwergenschlecht (….). Die guten Nornen aus gutem Geschlecht bestimmen gute Leben, aber die Menschen, denen Unglück zustößt, verdanken das den bösen Nornen.”  (zitiert nach Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart 2006,  S. 306)
Die drei Nornen werden häufig als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gedeutet,  was auf die noch ältere Völuspá zurückgeht.
Meine getöpferte Norne,  deren Bilder ich hier hineingestellt habe, ist eindeutig Urd.
Barbara G. Walker  sieht in ihr  die Mutter Erde verkörpert, was sicherlich auf meine Töpferart auch haptisch zutreffen mag, jedoch, da  die Autorin  Urd als “ursprüngliche, einzeln auftretende und älteste Norne” anspricht, entspricht dies eher einer verklärenden Wicca-Welt im Sinne von “die große Mutter und ihr Sohn” als der  realen Quellenlage. (siehe: Walker, Barbara: Das geheime Wissen der Frauen. Frankfurt a. M. 1993, S. 797)
Schade.
Schön wäre es ja auf eine solche Urmutter zurückblicken zu können.  Doch im Zeitalter der  QUANTitäten erfreuen wir uns auch  an einer  Nornen-Trinität, die sich mit Hilfe von römisch-griechischen Vorstellungen,  im Rheingebiet zu einem  regelrechten  gesamteuropäischen Matronenkult entwickelt hat. Zukunftsweisend: Wer will da noch am europäischen Staatenzusammenschluss zweifeln!
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