In Rübezahls Reich. 1. Teil

Die Anreise nach Schlesien gestaltete sich zwar lang, aber ging relativ entspannt vonstatten. In Görlitz war ich vom schönen Jugendstil-Bahnhof überrascht, hatte aber leider keine Zeit, um mir die  Stadt in Ruhe anzuschauen.

Ich kaufte mir dort ein Oder-Neiße-Ticket für 13€ mit dem ich den polnischen Zug nach Hirschberg benutzen durfte. Wahrscheinlich wäre es billiger geworden, in der Mini-Eisenbahn ein Ticket zu kaufen, jedoch war ich mir nicht sicher, ob mein polnisches Kleingeld gereicht hätte. Euros werden nämlich nicht angenommen.

Das letzte Teilstück der Reise, insgesamt 1:34 Stunden, war dann etwas unbequem, waren die Sitze nämlich hart und der Zug rumpelte so dermaßen über die Schiene, dass mein ganzer Körper vibrierte.

In Hirschberg angekommen regnete es dermaßen heftig, sodass ich erst einmal im Bahnhofsgebäude Platz nehmen musste. Einen Geldautomaten gab es dort nicht ( zumindest fand ich ihn nicht), sodass ich mir kein polnisches Geld ziehen konnte. Die Dame im Kiosk verstand weder Deutsch noch Englisch, sodass ich mir auch keine polnische Internet-Karte für mein Handy besorgen konnte. Auf diese Art und Weise war dann auch mir klar geworden, dass ich erst einmal nur Abwarten musste.

Irgendwann ließ der Regen ein klein wenig nach, sodass ich mich auf dem Weg zum Hotel machte. In einem Internetladen konnte ich mir eine Prepaid-Karte, die dort auch gleich registriert wurde, kaufen. Danach ging alles ganz einfach. Google Maps leitete mich zielführende zum Hotel, das sehr verkehrsgünstig direkt in der malerischen Altstadt von Hirschberg lag.

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Wilde Tiere, nackte Frauen und die Seele Afrikas. Essen, Teil 2

Eine Reise nach Essen lohnt sich, darin war ich mir auch am zweiten Tag meines kleinen Aufenthaltes im Ruhrgebiet sicher.  Über die Erlebnisse des ersten Tages könnt ihr hier mehr erfahren.

Der Sonntag begann für mich mit einen opulenten Frühstücksbüffet im Hotel Atlantic . Danach ging es  in den benachbarten Grugapark.

Diese städtische Grünanlage ging aus der ersten Gartenausstellung Deutschlands hervor und wurde 1929 als Volkspark gegründet. 1938 fand hier die Reichsgartenausstellung statt. Nachdem der Park während des Bombenkrieges zerstört wurde, fand hier 1952 eine zweite Gartenausstellung und 1965 eine weitere Bundesgartenschau statt. “Wilde Tiere, nackte Frauen und die Seele Afrikas. Essen, Teil 2” weiterlesen

“Mythos” Heimat

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Angesichts der Verwerfungen die unsere Heimat momentan erleben muss, erscheint die Ausstellung “Mythos Heimat“, die das Niedersächsische Landesmuseum aktuell zeigt, irgendwie passend und dennoch anachronistisch zu sein.

Da, wo eben kein Heimatgefühl in einer prekär-verschleierten Stadt wie Hannover mehr aufkommen kann, da, so wollen uns die Ausstellungs-Macher vielleicht anraten, haben wir immer noch die Freiheit, uns den Mythos einer Heimat selbst zu erschaffen und brauchen uns dann nicht mehr an einer Realität zu stoßen, die verstört und letztendlich erst schiere Verzweiflung und dann Protest hervorrufen müsste.

Doch diese zeitgenössischen Ausblicke, die ich eben geschildert habe und zu der mich der Ausstellungsbesuch inspiriert hat, ist im musealen Kontext – vermute ich mal – konzeptuell nicht vorgesehen. Stattdessen werden uns bildnerische Werke von Künstlern des 19. und 20. Jahrhundert gezeigt, die in ländlichen Künstlergemeinschaften eine Heimat abbildeten, die mit der Realität des ärmlichen Landlebens und der hereinbrechenden Industrialisierung in den Städten, vor der sie damals flohen, nicht viel gemein haben sollte. So erzählt es mir jedenfalls der Audio-Guide.

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Diese gesellschaftlich-soziologischen Umbrüche  der damaligen Zeit hielten meine Künstlerinnenkollegen nicht davon ab, moorige Birkenwäldchen und baltische Strandszenen mit Fischern darzustellen. Frauen in bizarren Trachten transportieren auf Gemälden das Heu über den Chiemsee, während sich – nur ein paar Bilder weiter – Ausdruckstänze auf den Monte Verità vollzogen haben. Ganz und gar nackt.

“Vielleicht sollte ich mir diese Künstlerkolonien zum Vorbild nehmen und aufhören, mich beständig darüber aufzuregen, was verloren geht?”, fragte ich mich einem kurzen Augenblick lang, bevor mich der zeitgenössische Film vom Ende des letzten Jahrhunderts (vielleicht 1980???), der in der Aussstellung präsentiert wird, in seinem Bann zog. Dort wird u.a. eine Kontinuität zwischen der Künstlerkolonie und der ökologischen Bewegung der Grünen aufgezeigt. Die bange Frage wird gestellt, wie sich ein Zusammenschluss von Menschen, die alle künstlerisch individualisiert waren, verändert, wenn eine solche Bewegung in der breiten Masse angekommen ist und ob eine solche Transformation überhaupt auszuhalten ist?

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Anscheinend NEIN: Angesichts all der merkwürdigen Entwicklungen der letzten Jahre in Deutschland, wo das, was einst idealistisch und “gut” war, zur Meinungsdiktatur verkommen ist, muss ich an dieser Stelle fast frustriert die Filmvorführung verlassen und mich – vor einem toten Fisch im Stillleben beschaulich versenken – leise seufzen:

“Ach, Heimat, wo bist du geblieben?”
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Die Kulturseele

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Die Kulturseele ist geprägt vom „Paideuma“, das- nach Hans Fischer (1) – das „geistig-seelische Potential einer Kulturgemeinschaft (…), von dem die schöpferischen Impulse ausgehen“ beschreibt. Sie wird nicht vom Menschen geschaffen, stattdessen durchlebt die Kultur verschiedene Lebenszeiten, die denen des Menschen vergleichbar sind. Dies sind: Jugend, Blütezeit, Alter und Tod. Leo Frobenius nennt diesen Vorgang Kulturmorphologie.

Diese Kulturseelen-Idee nutzte ich, was gewagt ist, um es auf das Seelenverlust–Konzept von Sandra Ingermann (2) zu übertragen. Dieses umfasst eine schamanische Technik, in der eine Seele, die sich aufgrund eines Traumas vom Menschen gelöst hat, aus der nicht-alltäglichen Wirklichkeit zurückgeholt wird.

Wenn ich – nach Frobenius – davon ausgehe, dass auch Kulturen, genauso wie Individuen, eine Seele haben, dann können auch Kulturgemeinschaften aufgrund eines schrecklich empfundenen Erlebnisses einem Seelenanteil verlieren.

Wenn das Individuum im Verlauf seiner Entwicklung einen Seelenanteil verloren hat, dann kann das Konzept der Seelenrückholung helfen, vorausgesetzt, dass ich mich im schamanischen Paradigma bewege. Wenn ich kein Heimatgefühl habe, dann bin ich meiner Kultur entfremdet und insofern kann auch hier eine „Rückholung“ angezeigt sein, die immer auch eine neue Verbindung zu unseren Kulturwurzeln beschreibt.

Haben wir nicht irgendwann das Gefühl für Heimat verloren, fühlten uns unbehaust, allein gelassen und wurzellos? Wann war das? Wir können eine Trance-Reise dorthin unternehmen, um zu erfahren, welcher Punkt es war, an dem wir verloren haben, was uns als Menschen zusteht. Und wenn wir ihn dann gefunden haben, diesen Punkt des Verlorenseins, der absoluten Einsamkeit, dann können wir den Seelenanteil, der uns abhanden gekommen ist, zurückgeben an uns selbst, um dann letztendlich heil und ganz zu werden. Wir sollten uns nun gestärkt und „vollständig“ fühlen. Sandra Ingerman würde sagen: „Welcome back!“ (Auszug aus meinem Buch “Lasst uns böse sein! Marinas Lesehilfe zum Till Eulenspiegel”)

(1) Nach: Fischer, Hans: Völkerkunde im Nationalsozialismus. Aspekte der Anpassung, Affinität und Behauptung einer wissenschaftlichen Disziplin, Berlin/Hamburg 1990.
(2) Siehe: Ingerman, Sandra: Auf der Suche nach der verlorenen Seele: Der schamanische Weg zur inneren Ganzheit. Berlin 2005.

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Gedanken zum Heimat-Begriff

Im Folgenden  ein Ausschnitt aus meinem Buch Lasst uns böse sein! Marinas Lesehilfe zum Till Eulenspiegel)

Was ist das  – Heimat?

Zuerst einmal ist es der Ort, an dem wir leben. Doch dieser Ort kann auch eine Wartehalle sein oder ein Durchgangslager: „Ich lebe hier, aber ich wohne hier nicht“, habe ich in einer Radioreportage die Bewohnerin eines Kölner „Brennpunkt“viertels sagen hören.

Wie fühlt es sich an – Heimat?

Heimat braucht Sicherheit, Verlässlichkeit und Vertrauen. Wenn dies fehlt, dann ist es keine Heimat.

Heimat, das ist die Erinnerung an Lebenszeit, die wir an diesem einen Ort verbracht haben. Heimat, das ist oft mit Kindheit verbunden, obwohl es sicherlich auch möglich ist, in späteren Lebensphasen ein Heimatgefühl für bestimmte Orte zu entwickeln, was sich mit dem Adjektiv „heimisch“ adäquat ausdrücken lässt.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Heimat mit Spießigkeit in Verbindung gebracht wurde, mittlerweile ist Heimat wieder salonfähig geworden – wahrscheinlich weil die Heimat  in einer globalisierten Welt so ungemütlich geworden ist und letztendlich Gefahr läuft, verlustig zu gehen. Meine Zukunftsprognose: Entweder „dezentralisieren“ wir wieder, da wir sowieso, was zu hoffen ist, „arbeitslos“ im herkömmlichen (sic!) Sinne sind oder die Städte werden mehr und mehr in die Höhe anstatt in die Fläche gebaut, um Landschaft zu erhalten (siehe Venusprojekt) Heutzutage, wo die Urbanisierung vermutlich ihren „Peak Point“ überschritten hat, einfach deshalb, weil sie auf eine Definition von „Arbeit“ aufgebaut ist, die anhand der wirtschaftlichen Entwicklungen überholt zu sein scheint, hängen wir, indem wir Zeitschriften wie „Landlust“ lesen, einem Heimatgefühl hinterher, das ganz und gar in unserer Phantasie geboren ist und das sich genauso von der Abgrenzung von der unbehausten Realität nährt wie es gleichzeitig von ökonomischen Geschäftsinteressen gesteuert wird.

Es ist das Perfide am Heimatbewusstsein, dass man ein Gefühl dafür am ehesten entwickelt, wenn man von ihr, der Heimat, weit entfernt ist. Insofern erstaunt es auch nicht wirklich, dass unser Heimat-Begriff erst in der Romantik entstanden ist, die ja – was eben nicht zufällig ist – als literarisch-künstlerische Epoche zeitliche Überschneidun-gen mit der einsetzenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert aufweist, der Ära also, in der die verarmte Landbevölkerung in die neuen Ballungsräume strebte.

Erste Fabriken entstanden und große Teile der bäuerlichen Bevölkerung lösten sich aus ihren althergebrachten Lebenszusammenhängen, um ihr Glück in den neu entstehenden Ballungsräumen zu suchen.

Unterstützt wurde diese Landflucht durch eine Bevölkerungsexplosion, die schon im 18. Jahrhundert begonnen hatte und die letztendlich die Arbeits“kräfte“ zur Verfügung stellte, die die Industrialisierung für ihr Wachstum benötigte.

In den Städten entstand, um hier einmal den marxistischen Sprachgebrauch zu bemühen, eine reiche bourgeoise Oberschicht, demgegenüber ein städtisches Proletariat stand, das zum größten Teil unter erbärmlichen Bedingungen dahinvegetierte. Insofern ist die Annahme, dass die Arbeiter der Frühzeit der Industrialisierung ihrer verlorenen agrarisch geprägten Welt hinterher trauerten, nachvollziehbar, wenn auch nicht beweisbar.

Dieses angenommene Gefühl des Verlustes stellt wiederum den Nährboden für die neu entstandene „Heimatliteratur“ des Bildungsbürgertums dar, die eine Gegenwelt zu den industriellen „Moloch“-Städten aufzeigt. Nachdem die Idealisierung des Landlebens in der Heimatliteratur auch von der nationalsozialistischen „Blut und Boden“- Ideologie aufgenommen wurde, begegnet uns nach 1945 die Überhöhung des Landlebens in Heimat-Heftchen und vor allem in Fernsehspielen wieder. Gleichzeitig nimmt der angloamerikanische Einfluss zu, beispielsweise durch die Verfilmung von Fantasy-Literatur, die uns beispielsweise im „Herrn der Ringe“ eine überschaubare Hobbit-Welt präsentiert, die allerdings von Außen bedroht wird.

Und langsam, fast unmerklich, vollzieht sich in unserem Bewusstsein eine fast unumstößliche Verknüpfung des Heimat-Begriffes mit einer friedlichen Landidylle.

Beim Hören des Begriffes „Heimat“ entstehen bei uns Assoziationsketten vom niedlichen Landleben. Keine U-Bahnstationen mit gehetzten Menschen prägen das Bild, stattdessen sehen wir innere Bilder von Störchen auf reetgedeckten Hausdächern vor uns, und der Duft von Blaubeerkuchen, der im Kreis der Freunde im idyllischen Bauerngarten gegessen wird, durchzieht unsere Imagination.

Eine solche Romantisierung des Landlebens, die sicherlich nicht viel mit der Realität gemein hat, muss aber nicht „verkehrt“ oder „schlecht“ sein (um hier einmal „Begrifflichkeiten“ der moralischen Wertung zu nutzen). Schließlich kann ja gerade die „Überhöhung“ des Landlebens das Potential für eine zukunftsweisende Utopie aufzeigen. Vielleicht verleiten uns unsere Träume sogar zu mutigen Aktionen, um das Fantasierte in der Zukunft zu realisieren.

Bis es soweit ist, machen wir uns erst einmal auf, ein neues Heimatbewusstsein zu entwickeln.

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