Alltagszaubereien

Gestern ging es, zusammen mit einer Freundin, zum Völkerkundemuseum in Hamburg. Wir waren extra wegen der dort stattfindenen Sonderausstellung ĂŒber „Kubas afrikanische Geister“ angereist und verloren uns schon bald in der Betrachtung der afro-kubanischen Objekten, die ĂŒberwiegend magisch bespielt worden sind.

Die Ausstellung lÀuft noch bis zum 30.04 und zeigt 600 Exponate des Santeria und Palo Mayombe Kultes, die aus der hauseigenen Sammlung sowie dem Soul of Africa-Museum, das wir gerne auch noch einmal besuchen wollen, stammen.

Zur Einstimmung auf den Ausstellungsbesuch hatte ich uns ein afro-brasilianisches Tarot besorgt, das sich von den westafrikansichen Göttern hat inspirieren lassen, die ĂŒber den Sklavenhandel den Weg in die Neue Welt gefunden und sich dort mit christlich-indianischen EinflĂŒssen zu einer synkretischen Religion verbunden haben. Man kann hier sicherlich kritisieren, dass die Glaubenspraktiken der afro-amerikanischen Kulte, inklusive der Divinationspraktiken, rein gar nichts mit der Tradition des Tarots zu tun habent, allerdings steht im zugegebenermaßen nicht sehr umfangreichen beigelegten BĂŒchlein, dass es sich hier nur um eine Inspiration handelt und so kein Anspruch auf eine irgendwie geartete AuthentizitĂ€t erhoben wird. Der wĂŒrde ich sowieso kritisch gegenĂŒberstehen, zumal ich es ablehne, irgendwelchen religiösen Regeln, die von anderen erdacht worden sind, zu folgen, schließlich ist jede/r sein eigener Gott/seine eigene Göttin.

Als spielerische AnnÀherung zog meine Freundin die Karte die Hohepriesterin, die im vorliegenden Tarot der Orisha Nana Buruku zugeodnet wird. Sie ist die Urmutter, die aus dem zÀhen Schlamm neues Leben erschaffen kann und so bestÀndig Altes zu Neuem verwandelt. Sie stapft durch die Zeiten, fegt mit ihrem Besen weg, was fort muss, hÀlt an, was zu schnell ist und tanzt sich ganz langsam aus dem Ozean heraus, um als Regen die Erde neu zu befruchten.

In der Ausstellung fanden wir sie nicht vor, dafĂŒr aber Osain, der als Orisha der WĂ€lder die Karte des GehĂ€ngten zierte. Als Fetischobjekt ist er als gehörnter Betonkopf, der fĂŒr die Einweihung eines Priesters hergestellt wurde, vorhanden. Er wurde jedoch niemals spirituel genutzt, wie uns ein TĂ€felchen erklĂ€rt. Wie solche Fetische aussehen, wenn sie in religiösen Ritualen verwendet werden, kann man an den Köpfen sehen, die in der Vitrine daneben stehen und sichtbar mit Blut und Wachs beschmiert sind und so eine dunkle Farbe angenommen haben.

Die gezogene Tarotkarte zeigt Osain, wobei der Blick von oben, also wahrscheinlich vom Baumwipfel aus, auf ihn gerichtet ist. Er schreitet tĂ€nzerisch mit einem Zepter und einer Kalebasse, wohl als Symbole der Synthese von weiblicher und mĂ€nnlicher Macht, durch die WĂ€lder, die mit ihren heilerischen, tödlichen und ekstatischen Ingredienzien, vielfĂ€ltige VerĂ€nderungen des eigenen Blickwinkels ermöglichen, wie es eben auch durch den „GehĂ€ngten“ im traditionellen Tarot ausgedrĂŒckt wird.

Ein Bild von Osain ziert ĂŒbrigens die Wand meiner Wohnung. Es ist ein frĂŒhes Bild von mir, was ich in Gambia gemalt habe. Mit Osain selbst und der Energie, die er verkörpert, beschĂ€ftigte ich mich lange nicht mehr. Vielleicht ist die magische SynchronitĂ€t, die ich gestern erlebte, der Ruf, ihn als wilder Mann oder als wilde Frau in die WĂ€lder zu folgen, um zu verĂ€ndern, was der VerĂ€nderung bedarf?

Ein weiteres Bild von Osain:

Nachdem wir uns auf diese Art und Weise in der Ausstellung vielfĂ€ltige Anregungen fĂŒr Alltagszaubereien geholt hatten, besuchten wir die Bibliothek des Museums, die wunderbar altertĂŒmlich daher kommt. Ein Vater erklĂ€rt dort seinem Sohn, dass das hier aussieht „wie bei Harry Potter“ und wirklich stehen u.a. auch die Harry Potter-BĂŒcher im – auf zwei RegalwĂ€nden – platzierten Hexenarchiv, dessen Literatur u.a. den Bogen zwischen der neuheidnischen Gegenwart und der magischen Praxis verschiedener Religionen, wie sie im Museum nicht nur in Bezug auf Kuba, sondern auch in den Kontexten anderer Ethnien prĂ€sentiert wird, spannt. Leider fehlt aktuelle Literatur, zumindest sahen wir sie in der KĂŒrze der Zeit nicht.

Das Restaurant im ĂŒberbauten Innenhof des Museums heißt „Okzident“, bietet aber vorwiegend orientalische Köstlichkeiten. Die schrillen Stimmen der anderen GĂ€ste lassen uns zur Darstellung des arktischen Schamanismus mit Rahmentrommeln und obskuren Darstellungen von Tiergeistern flĂŒchten. Die SĂŒdseemasken, obwohl im spĂ€rlich beleuchteten Raum mit Natursound als Hintergrund prĂ€sentiert, entfĂŒhren uns in tropische WĂ€lder, die uns aber weniger dĂŒster erscheinen, als die Fetische des kubanischen Santeria-/Palo-Kultes. Zwergenhaft, verschwitzt und spöttisch lĂ€cheln sie einen an, bevor wir, auf diese Art von ihnen begleitet, ein Langhaus der Maori bestaunen dĂŒrfen.

Wir durchqueren Westafrika, um uns dann mit den Schönheitsidealen der Afrikaner vertraut zu machen und das alles in einem herrlich historischen GebĂ€ude von 1911. So kann ich bei der Besucherbefragung, die gerade durchgefĂŒhrt wurde (Evaluation ist schließlich alles!) nur Positives berichten. Doch meine Geschichten sind hier nicht gefragt, stattdessen kreuze ich lachende Smilies an, derweil meine Freundin zwischen altĂ€gyptischen Mumien verschollen geht.

FĂŒnf Stunden waren wir nun im Museum und die Zeit verging uns wie im Fluge, wofĂŒr Nana Buruku danke mĂŒssen.

Danke auch Ihnen fĂŒr Ihre hingebungsvolle Aufmerksamkeit! 🙂

P.S. Auf der RĂŒckfahrt zeichnet Mo, glĂŒcklich darĂŒber, weitgehend von grölenden Fußballfans verschont geblieben zu sein, im Zug Waldlandschaften. NatĂŒrlich.

Mami Wata – international!

mami-wataDiese Woche  erhielt ich von einer Leserin meines Buches einen Link auf ein anscheinend ebenfalls interessantes Buch, das aber – die astronomischen Preise auf „amazon.de“ lassen darauf schließen – vergriffen zu sein scheint: Cronenburg, Petra van: Schwarze Madonnen. Das Mysterium einer Kultfigur. Basel 1999, S. 210)

Hier ist Izabelas Zitat aus dem o.g. Buch:

Omnifunke erzĂ€hlt, 1994 hĂ€tte der Rat der Ifa durch sein Divinationssystem die Botschaft erhalten, mit den drei Göttinnen Yemoja, Oshun und Oya, den ‚dunklen MĂŒttern‘, werde ein Prozess weiblicher ErmĂ€chtigung beginnen:
die ganze Menschheit wird ihr gegenĂŒberstehen, sie ehren, empfangen und erinnern. Was 1993/94 in den IndustrielĂ€ndern mit einer neuen Hinwendung zur Schwarzen Madonna und der Wiederentdeckung der dunklen Göttinnen begann, sieht die Yoruba-Priesterin in einem weltweiten Zusammenhang: ‚Wir sind gezwungen, den Menschen zu bestĂ€tigen, dass die dunklen MĂŒtter hier sind, dass sie Integration symbolisieren, Gleichgewicht und Frieden als die notwendigen Bestandteile, um das Gleichgewicht der Erde wiederherzustellen.‘ Der weltweite Prozess in der weiblichen SpiritualitĂ€t, der durch die Wiederentdeckung des GeschichtenerzĂ€hlens und die BeschĂ€ftigung mit den Schattenseiten der Psyche in Gang gesetzt wurde, bedeutet fĂŒr die Priesterin den Beginn einer Befreiung, die weibliche und mĂ€nnliche KrĂ€fte in ein spirituelles Gleichgewicht bringt und dadurch Menschen befĂ€higen könnte, zu ‚Mitschöpfern‘ statt Zerstörern zu werden. Frauen begannen, ihre Gewohnheiten, ihre Ethik und ihre Politik miteinander zu teilen, (denn) unsere Leidenschaften zu verleugnen und uns in Angst zu verstecken wĂŒrde unsere Visionskraft beschrĂ€nken und die FĂ€higkeit, aktiv am kreativen Prozess teilzunehmen.

Diese kulturĂŒbergreifende „Integration“, die ich immer in  der Göttin Mami Wata, was ja nur ein anderer Name fĂŒr Yemaja/Yemoya (wie im o.g. Zitat verwendet), mit ihren afrikanischen, afro-amerikanischen, asiatischen und europĂ€ischen Wurzeln,  erblickt habe, finde ich im Zitat nicht nur bestĂ€tigt, sondern es entspricht auch meiner eigenen Vision, die die verschiedenen spirituellen Kulturen miteinander verbunden wissen möchte, ohne aber ihre jeweiligen Besonderheiten zu negieren.

Meine Zeichnung zeigt deshalb folgerichtig auch eine Mami Wata mit Rune und entsprechender Affirmation von Karl Spiesberger (Runenmagie. Handbuch der Runenkunde. Ulm 1954, S. 51)

Mami Wata???

Willkommen auf meiner Seite, in der ich in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden ĂŒber 
 (tja, das weiß ich selbst noch nicht) berichten werde.

Heute möchte ich euch erst einmal den Namen meines Blogs erklĂ€ren. “Mamiwata” habe ich ihn in Anlehnung an die afro-amerikanische Meeresgöttin Mami Wata genannt.

Mami Wata wird in ganz Westafrika, aber auch in Brasilien oder der Karibik verehrt. Hinter der Pidgin-Bezeichnung Mammy Wata oder auch Mami Wata (auch Yemanja) verbirgt sich eine fischschwÀnzige Wassernixe.

In der Ifa-Religion, die ursprĂŒnglich in Nigeria, Benin und Togo beheimatet ist, wird jedem Menschen ein Geistwesen zugeordnet. Bestimmt wird es im Orakel. So viel sei verraten: Meines ist nicht Mami Wata.

Trotzdem spricht mich Mami Wata an. Historisch gesehen stellt ihr Kult nĂ€mlich eine Verbindung zwischen europĂ€ischen, afrikanischen und indischen Traditionen dar. Insofern ist sie prĂ€destiniert dafĂŒr, ein Symbol fĂŒr eine religionsĂŒbergreifende SpiritualitĂ€t zu sein.

Ifa-AnhĂ€nger/innen werden das selbstverstĂ€ndlich anders sehen. Mir ist aber nicht die Zugehörigkeit zu irgendeiner spirituellen Richtung wichtig, sondern vielmehr die Auflösung von Grenzen. “Entgrenzung” also. Ich gehe nĂ€mlich davon aus, dass sich die Zeit der “Entweder-Oder”-Religionen (zumindest in den westlichen LĂ€ndern) dem Ende zuneigt und von einer ganzheitlichen Sicht der Welt abgelöst wird. Insofern finde ich dieselben Götter- und Geistwesen in unterschiedlichen Kulturkreisen wieder, allerdings mit verschiedenartigen Namen versehen. Sie sind allesamt Aspekte eines göttlichen Wesens, womit ich dann wieder mit der traditionellen Ifa-Religion ĂŒbereinstimme, die sich – was jetzt sicherlich einige Leser/innen verwundert – als monotheistisch definiert.

Unterschiedliche spirituelle Traditionen sind, folgt man meiner Argumentationsweise, nur verschiedenartige Wege, um sich der göttlichen Wesenseinheit, die ich einmal vorsichtig mit “Ganzheit” umschreiben möchte, anzunĂ€hern. Missionierungsversuche und die aggressive Variante der Glaubenskriege sind damit als vollkommen obsolet und kontraproduktiv erkannt. (Ob sie jemals aktuell waren oder einfach nur “bescheuert” sind, kann sich jede/r selbst beantworten!)

Nachdem es nun, entgegen meiner ursprĂŒnglichen Absicht, kompliziert geworden ist, gibt es hier noch ein Bild von Mami Wata, das ich 1999 angefertigt habe. Es ist eine Assemblage, bestehend aus Kies, StrĂ€uchern, einer Barbiepuppe mit Fischhaut, Plastikboot und Glasscherben.

Mami Wata