Der zweite Tag in Venedig und meine Gedanken zur aktuellen Kunst-Biennale. Teil 2

Der Samstag begann mit einer zweistündigen Stadtführung durch Venedig.

Wir bekamen dabei ein Audiogerät und Kopfhörer ausgehändigt, sodass wir die Führung, trotz der Besuchermassen in Venedig, gut verfolgen konnten.

Wir hielten uns dabei lange Zeit auf dem Marktplatz auf und bekamen nähere Informationen zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten präsentiert. Danach schlenderten wir durch das Gewirr der kleinen Straßen von Venedig, begleitet von  durchaus unterhaltsamen Erklärungen unserer Führerin Elisabeth.

Die Figur auf der Säule soll den Sieg über das Heidentum darstellen.

Mir hat die Stadtführung sehr viel Freude bereitet  und ich kann sie unumschränkt empfehlen. Man sieht schließlich nur, was man weiß und eine professionelle Führung kann den  ersten Zugang  erleichtern. Danach sollte man sich dann die Zeit nehmen, um seinen eigenen Vorlieben nachzugehen oder sich einfach treiben zu lassen, um sich von dem überraschen zu lassen, was einen begegnet.  So ähnlich halte ich es auf all meinen Reisen. “Der zweite Tag in Venedig und meine Gedanken zur aktuellen Kunst-Biennale. Teil 2” weiterlesen

Die Reise in die Unterwelt: Helheim

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Helheim ist das Reich der Toten, die durch Altersschwäche und Krankheit gestorben sind. Die Überlieferung sagt, dass die Toten, die einmal in Helheim angekommen sind, diese Welt, die durch einen Zaun, genannt Helgrind, umschlossen ist, nicht mehr verlassen können.

Helheim entspricht unserem Unbewusstein im Sinne des noch Nicht-Manifestierten und Unbekannten.

Auf einer räumlich-menschliche Ebene bezogen kann dies bedeuten, dass das eigene Unbewusste, was durch Helheim repräsentiert ist, in diesem Zustand gefangen ist, es sei denn, es würde durch eine Reihe hilfreicher Methoden ins Bewusstsein transformiert werden. Diese Methoden stehen uns in Midgard, der Welt, die wir momentan bewohnen, offen. Hier können wir Asgard erreichen und so selbst zum Gott/zur Göttin werden. Voraussetzung dafür ist aber immer die Reise in die eigene Unterwelt, zur Göttin Hel, die die antagonistische Energie zu Odin darstellt.

Die Reise auf dem Helweg dauert neun Tage. Dabei muss der Fluss Gjöll, der von Modgunn und vom Hund Garm bewacht wird, überwunden werden. Die Zahl Neun entspricht auch den Monaten der Schwangerschaft oder aber auch den neun Tagen, die Odin am Baum hing, um Wissen zu erlangen und der auf diese Art und Weise eine weibliche Initiationserfahrung, die als mögliches Potential immer durch Schwangerschaft und Geburt gegeben ist, nacherlebte.

Der Heilige Gral, von dem uns u.a. in den Artus-Sagen berichtet wird, ist nichts anderes als die Gebärmutter, die wohlige Höhle, aus der wir gekommen sind und zu der wir zurückkehren werden,wenn unser menschliches Dasein beendet ist. Der Gral kann als ein ein mittelalterliches Symbol für Helheim verstanden werden, genauso wie die blutige Lanze oder das Schwert eines für Asgard sein kann.

Welche Methoden sind dies aber, die uns nach Helheim führen können? Zwei Ansätze der verstandesmäßigen Selbstreflexion möchte ich hier kurz vorstellen.

Voraussetzung für beide Methoden stellt dar, dass wir auf einer zeitlich-menschlichen Ebene Helheim als ein Synonym für das ansehen, was wir in unserem Leben (noch) nicht manifestiert haben oder aber – auch interessant – jenes, was wir während unserer Lebensgeschichte „verloren“ haben. Im schamanischen Kontext spricht man hier von Seelenanteilen. Es ist das, was wir nicht gelebt haben, weil vielleicht ein traumatisches Ereignis uns den Mut, das Vertrauen und die Lebenslust genommen hat. Allerdings – bevor man nun leichtfertig den Entschluss fasst, jenes, was man verloren hat, zurückholen zu wollen – muss man sich zuerst einmal die Frage stellen, ob man dies überhaupt will? Wenn man nämlich tief in sich selbst hinabtaucht, wird man eventuell feststellen, dass damit auch eine gewisse Naivität zurückholen würde, denn schließlich haben uns eben gerade die negativ-traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit nicht nur geschädigt, sondern uns auch neue Erkenntnisse, die wir vielleicht nicht mehr missen wollen, ermöglicht. Deshalb stelle ich hier noch einmal eindringlich die Frage: Wollen wir also Seelenanteile, die im Grabesschoß Helheims verborgen sind, WIRKLICH ins aktive Leben zurückholen? Und wenn wir diese Frage jetzt immer noch mit Ja beantworten, dann – und erst dann – sollten wir uns überlegen, wie wir das, was wir zurückholen wollen, mit dem integrieren können, was seitdem in unserem Leben an Erfahrungsschatz, neuen Einsichten und daraus resultierenden Weisheiten hinzugekommen ist? Wenn ich den entsprechenden Seelenanteil nun zurückholen möchte, dann sollte ich mir vorab darüber Gedanken machen, welche neuen Energien mir damit zur Verfügung gestellt werden, die gegebenenfalls die Kraft haben, das gegenwärtig manifestierte Leben zu verändern. Welche Resultate sind zu erwarten? Will ich das überhaupt in dieser Form oder ist die Gefahr zu groß, sodass ich dies ablehnen muss?

Eine weitere Möglichkeit mit Helheim zu arbeiten, erschließt sich uns durch die Frage, ob die Vergangenheit, die wir vielleicht nicht aus traumatischen Gründen, sondern einfach aus einer inneren Entscheidung heraus, nicht gelebt haben, für uns bisher unerkannte Potentiale der Selbstwerdung enthält?

Die eigenen Lebensgeschichte spiegelt doch immer den Sieg einer Entscheidung über andere Potentiale wieder. Wenn du darüber nachdenken möchtest, gehe gedanklich zurück zu einer solchen Entscheidungssituation und spiele alternativ das Leben durch, dass dir wahrscheinlich gewesen wäre, wenn du dich an einem möglichen  Zäsur-Punkt, an dieser Wegkreuzung, anders entschieden hättest. Eine solche Meditation, wie ich sie eben beschrieben habe, kann uns zu Potentialen in uns führen, die darauf warten, manifestiert zu werden. Dieser Prozess, den ich hier vorschlage, ist durchaus anspruchsvoll und kann uns auch leicht an unsere Grenzen bringen. Wenn ich damals z.B. keine Kinder bekommen hätte/einen anderen Job angenommen/ein anderes Studienfach belegt hätte/… , wie wäre dann mein Leben verlaufen? Und wenn ich diese Möglichkeiten dann gedanklich-imaginär durchspiele, stellt sich mir als nächstes die Frage, ob hier Potentiale erkennbar sind, die in der Gegenwart verwirklicht werden können?  Möchte ich diese ungelebten Potentiale jetzt in mein Leben holen oder lieber nicht? Und wenn nein, warum nicht? Wenn ich hier jedoch positive Möglichkeiten sehe, bin ich dann überhaupt noch in der Lage diese in meine Gegenwart zu integrieren oder muss ich notwendige Abstriche machen? Was davon kann ich JETZT, in diesem Augenblick, verwirklichen und in welcher Form?

Die aufgezeigten Methoden entfalten ihre ganze Kraft wenn sie mit künstlerischen Dialogen, Traumarbeit, Orakel und Ritualen kombiniert werden. Die Reflexionen sind erst der Anfang! Zu der zeitlichen Dimension kommt so die notwendige räumliche dazu, die im eigenen Ich verwirklicht wird.

Diese Methoden führen dich und mich zu Hel, der Unterweltsgöttin, die als Tochter von Loki beschrieben ist, und die – davon bin ich tief, sehr tief überzeugt -, die Allmutter selbst ist, die sich hier in ihrem dunklen Aspekt zeigt. Sie erwartet uns im Untergrund. Hagalaz, die Rune der Verwandlung und Transformation, die in sich alle weiteren Runen enthält, führt uns dabei in diese Verborgenste aller Neun Welten. Dort spinnen auch die Nornen, die Schicksalsfrauen, ihre Fäden, die die Unterwelt mit dem Himmel verbindet, denn das, was unten ist, ist gleichbedeutend mit oben. Und so treibt der Faden der Nornen in einer zirkularen Endlosschleife unser Bewusstsein linear voran und verbindet so Helheim mit Asgard. Beständig. Auch für dich!

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