Der zweite Tag in Venedig und meine Gedanken zur aktuellen Kunst-Biennale. Teil 2

Der Samstag begann mit einer zweistündigen Stadtführung durch Venedig.

Wir bekamen dabei ein Audiogerät und Kopfhörer ausgehändigt, sodass wir die Führung, trotz der Besuchermassen in Venedig, gut verfolgen konnten.

Wir hielten uns dabei lange Zeit auf dem Marktplatz auf und bekamen nähere Informationen zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten präsentiert. Danach schlenderten wir durch das Gewirr der kleinen Straßen von Venedig, begleitet von  durchaus unterhaltsamen Erklärungen unserer Führerin Elisabeth.

Die Figur auf der Säule soll den Sieg über das Heidentum darstellen.

Mir hat die Stadtführung sehr viel Freude bereitet  und ich kann sie unumschränkt empfehlen. Man sieht schließlich nur, was man weiß und eine professionelle Führung kann den  ersten Zugang  erleichtern. Danach sollte man sich dann die Zeit nehmen, um seinen eigenen Vorlieben nachzugehen oder sich einfach treiben zu lassen, um sich von dem überraschen zu lassen, was einen begegnet.  So ähnlich halte ich es auf all meinen Reisen. “Der zweite Tag in Venedig und meine Gedanken zur aktuellen Kunst-Biennale. Teil 2” weiterlesen

O Isis und Osiris!

Bis zum 25. Februar wird im Hannoverschen Kestnermuseum die Ausstellung “O Isis und Osiris” gezeigt.  Der Titel der Ausstellung  ist  einer Arie des Freimaurers Mozart entnommen. In der Zauberflöte singt  nämlich der Priester Sarasto: „O Isis und Osiris, schenket der Weisheit Geist dem neuen Paar“.

Inhaltlich behandelt die Ausstellungen den Einfluss eines imaginären Ägyptens auf die Mysterienkulte, die die Freimaurer-Logen seit dem 18. Jahrhundert zelebrier(t)en.

Beispielsweise wird vom Gott Set(h) berichtet. Dieser ist vor allem durch den Osiris-Mythos bekannt.  Er tötete seinen Bruder Osiris und zerstückelte ihn.  Nach dessen Tod beansprucht Set(h) den Thron über ganz Ägypten. In ihrer Eigenschaft als liebende Gemahlin und Schwester fügte Isis, mit Hilfe von Magie,  die zerstreuten Glieder Osiris wieder zusammen und erweckte Osiris so wieder zu neuem Leben. In der Gestalt eines Milans empfing sie so Horus, der später zum Himmelsgott aufstieg und sich an Set für den Mord an seinen Vater rächte.

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Alltagszaubereien

Gestern ging es, zusammen mit einer Freundin, zum Völkerkundemuseum in Hamburg. Wir waren extra wegen der dort stattfindenen Sonderausstellung über “Kubas afrikanische Geister” angereist und verloren uns schon bald in der Betrachtung der afro-kubanischen Objekten, die überwiegend magisch bespielt worden sind.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30.04 und zeigt 600 Exponate des Santeria und Palo Mayombe Kultes, die aus der hauseigenen Sammlung sowie dem Soul of Africa-Museum, das wir gerne auch noch einmal besuchen wollen, stammen.

Zur Einstimmung auf den Ausstellungsbesuch hatte ich uns ein afro-brasilianisches Tarot besorgt, das sich von den westafrikansichen Göttern hat inspirieren lassen, die über den Sklavenhandel den Weg in die Neue Welt gefunden und sich dort mit christlich-indianischen Einflüssen zu einer synkretischen Religion verbunden haben. Man kann hier sicherlich kritisieren, dass die Glaubenspraktiken der afro-amerikanischen Kulte, inklusive der Divinationspraktiken, rein gar nichts mit der Tradition des Tarots zu tun habent, allerdings steht im zugegebenermaßen nicht sehr umfangreichen beigelegten Büchlein, dass es sich hier nur um eine Inspiration handelt und so kein Anspruch auf eine irgendwie geartete Authentizität erhoben wird. Der würde ich sowieso kritisch gegenüberstehen, zumal ich es ablehne, irgendwelchen religiösen Regeln, die von anderen erdacht worden sind, zu folgen, schließlich ist jede/r sein eigener Gott/seine eigene Göttin.

Als spielerische Annäherung zog meine Freundin die Karte die Hohepriesterin, die im vorliegenden Tarot der Orisha Nana Buruku zugeodnet wird. Sie ist die Urmutter, die aus dem zähen Schlamm neues Leben erschaffen kann und so beständig Altes zu Neuem verwandelt. Sie stapft durch die Zeiten, fegt mit ihrem Besen weg, was fort muss, hält an, was zu schnell ist und tanzt sich ganz langsam aus dem Ozean heraus, um als Regen die Erde neu zu befruchten.

In der Ausstellung fanden wir sie nicht vor, dafür aber Osain, der als Orisha der Wälder die Karte des Gehängten zierte. Als Fetischobjekt ist er als gehörnter Betonkopf, der für die Einweihung eines Priesters hergestellt wurde, vorhanden. Er wurde jedoch niemals spirituel genutzt, wie uns ein Täfelchen erklärt. Wie solche Fetische aussehen, wenn sie in religiösen Ritualen verwendet werden, kann man an den Köpfen sehen, die in der Vitrine daneben stehen und sichtbar mit Blut und Wachs beschmiert sind und so eine dunkle Farbe angenommen haben.

Die gezogene Tarotkarte zeigt Osain, wobei der Blick von oben, also wahrscheinlich vom Baumwipfel aus, auf ihn gerichtet ist. Er schreitet tänzerisch mit einem Zepter und einer Kalebasse, wohl als Symbole der Synthese von weiblicher und männlicher Macht, durch die Wälder, die mit ihren heilerischen, tödlichen und ekstatischen Ingredienzien, vielfältige Veränderungen des eigenen Blickwinkels ermöglichen, wie es eben auch durch den “Gehängten” im traditionellen Tarot ausgedrückt wird.

Ein Bild von Osain ziert übrigens die Wand meiner Wohnung. Es ist ein frühes Bild von mir, was ich in Gambia gemalt habe. Mit Osain selbst und der Energie, die er verkörpert, beschäftigte ich mich lange nicht mehr. Vielleicht ist die magische Synchronität, die ich gestern erlebte, der Ruf, ihn als wilder Mann oder als wilde Frau in die Wälder zu folgen, um zu verändern, was der Veränderung bedarf?

Ein weiteres Bild von Osain:

Nachdem wir uns auf diese Art und Weise in der Ausstellung vielfältige Anregungen für Alltagszaubereien geholt hatten, besuchten wir die Bibliothek des Museums, die wunderbar altertümlich daher kommt. Ein Vater erklärt dort seinem Sohn, dass das hier aussieht “wie bei Harry Potter” und wirklich stehen u.a. auch die Harry Potter-Bücher im – auf zwei Regalwänden – platzierten Hexenarchiv, dessen Literatur u.a. den Bogen zwischen der neuheidnischen Gegenwart und der magischen Praxis verschiedener Religionen, wie sie im Museum nicht nur in Bezug auf Kuba, sondern auch in den Kontexten anderer Ethnien präsentiert wird, spannt. Leider fehlt aktuelle Literatur, zumindest sahen wir sie in der Kürze der Zeit nicht.

Das Restaurant im überbauten Innenhof des Museums heißt “Okzident”, bietet aber vorwiegend orientalische Köstlichkeiten. Die schrillen Stimmen der anderen Gäste lassen uns zur Darstellung des arktischen Schamanismus mit Rahmentrommeln und obskuren Darstellungen von Tiergeistern flüchten. Die Südseemasken, obwohl im spärlich beleuchteten Raum mit Natursound als Hintergrund präsentiert, entführen uns in tropische Wälder, die uns aber weniger düster erscheinen, als die Fetische des kubanischen Santeria-/Palo-Kultes. Zwergenhaft, verschwitzt und spöttisch lächeln sie einen an, bevor wir, auf diese Art von ihnen begleitet, ein Langhaus der Maori bestaunen dürfen.

Wir durchqueren Westafrika, um uns dann mit den Schönheitsidealen der Afrikaner vertraut zu machen und das alles in einem herrlich historischen Gebäude von 1911. So kann ich bei der Besucherbefragung, die gerade durchgeführt wurde (Evaluation ist schließlich alles!) nur Positives berichten. Doch meine Geschichten sind hier nicht gefragt, stattdessen kreuze ich lachende Smilies an, derweil meine Freundin zwischen altägyptischen Mumien verschollen geht.

Fünf Stunden waren wir nun im Museum und die Zeit verging uns wie im Fluge, wofür Nana Buruku danke müssen.

Danke auch Ihnen für Ihre hingebungsvolle Aufmerksamkeit! 🙂

P.S. Auf der Rückfahrt zeichnet Mo, glücklich darüber, weitgehend von grölenden Fußballfans verschont geblieben zu sein, im Zug Waldlandschaften. Natürlich.

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Etwas Besonderes sein!

Wer möchte das nicht? Sich von der Menge abheben und  irgendwie einzigartig sein! Doch die meisten Entscheidungen, die wir treffen, sind die zwischen Alternativen, die uns andere vorgegeben haben und die uns innerhalb eines Variantenraumes individuell vorkommen, in Wirklichkeit aber nur kleine Abweichungen der immer gleichen Einfalt sind, die uns von der Bewusstseinsindustrie tagtäglich eingetrichterte wird.

Die Entscheidung lieber zum italienischen als zum griechischen Restaurant zu gehen, unsere Vorliebe für die Farbe Orange und unser Interesse am Jogging, all das macht nicht die Einzigartigkeit unseres Selbst aus. Wir nähern uns diesem aber an, wenn wir uns von den Erwartungshaltungen unserer Umwelt lösen.

1. Der erste Schritt dazu kann es sein, nicht  beständig danach, zu schielen,  was gerade angesagt ist und wie wir bei anderen ankommen.  So durchbrechen wir die Fernsteuerung, die uns beständig zombifiziert,  wenn wir nichts dagegen setzen.

Folgende Fragen können uns bei der eigenen Bewusstwerdung helfen:

Welche Art von Person möchtest du sein? Wie siehst du aus? Worüber denkst du nach? In welcher Umgebung hältst du dich auf? Lade das Bild immer wieder mit Kraft auf und hinterfrage fortlaufend, inwieweit dieses deinen oder fremden Erwartungen entspricht. Nur das, was nicht ferngesteuert Wünsche und Projektionen von anderen erfüllt, darf in diesem Prozess Bestand haben. Insofern musst du dich fortlaufend selbst in Frage stellen und damit auch niemals aufhören, ansonsten läufst du Gefahr, dass das, was du errungen haben, wieder in das Unbewusste zurücksinkt.

2.  Was kannst du jetzt schon tun, was diesem idealen Selbst entspricht? Fange mit kleinen Dingen an und gebe Ihnen beständig Aufmerksamkeit, sodass sie wachsen können. Zieh die Aufmerksamkeit  von den Lebensumständen ab, die nicht passend sind, ohne dabei deine ethische Verantwortung, die immer selbstgeschöpft sein sollte,  aufzugeben. Werde  nicht zum Unmenschen, indem du dich nur noch auf dich selbst konzentrierst, womit wir bei den Gefahren sind:

Die Gefahr an dieser Stelle ist es, ganz und gar im Eigenen zu verharren und den Kontakt zu seiner Umgebung zu verlieren. Dann wirst du zum Eigenbrötler, zum merkwürdigen Kauz oder gar zum Verrückten.

Meistens sind das Männer und so ist es kein Zufall, dass ich hier die männliche Schreibweise verwendet habe. Ihnen geht, in viel größerem Ausmaß als dies bei Frauen zu beobachten ist,  der soziale Bezug ab und so verharren sie in ihrer eigenen seltsamen Welt, die sie, mit zunehmenden Alter, immer weniger  mit ihrer Umwelt kommunizieren können. Manche  indes bedienen sich dazu Frauen, die  aufopferungsvoll ihren Alltag managen.

Vorrangig Frauen neigen leider dazu,  schon am ersten, hier aufgezählten Schritt zu scheitern, schließlich werden sie, seit ihrer frühen Jugend,  immer wieder dazu aufgefordert, sich vorrangig auf andere zu beziehen, sei es auf das Kind, dem Partner , den pflegebedürftigen Elternteil oder anderen Mitmenschen, die ihren Beistand abrufen und dem sie nur allzu gerne nachgeben, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es sich hier per se um gesellschaftlich anerzogene oder doch angeborene Determinanten handelt. Nichtsdestotrotz lassen sie sich durchbrechen. Wenn die Frauen nämlich immer wieder ausschließlich die  Erwartungen der anderen erfüllen, erlangen sie kein Bewusstsein über sich selbst und machen sich so  zum Opfer ihrer selbst.

Nun plädiere ich nicht dafür, jegliche soziale Verantwortung fallen zu lassen, vielmehr geht es darum, sich innerlich soweit davon zu isolieren, wie irgendwie möglich und auch nur dem nachzukommen, was den eigenen ethischen Überlegungen entspricht. So schaffen sich dann auch Frauen die notwendigen Freiräume, ihre eigenen Innenwelten zu entdecken und zu leben.

Hütet euch dabei aber vor Floskeln wie “Das tut man aber so”, “Das erwartet meine Familie/Religion von mir”, “Das würde immer schon so gemacht”. Das  sind Ausflüchte,  mit deren Hilfe wir uns vom eigentlichen Menschsein abschneiden.

3.  Im dritten Schritt muss man sein Sein nach außen tragen und danach trachten, seine eigene subjektive Welt im Objektiven zu verwirklichen. Menschen, die dies geschafft haben, gelten als Charismatiker, die nicht mehr, wie Marionetten an den Fäden hängen, die von anderen gespielt werden, sondern selbst zu Puppenspielern geworden sind. All dies lässt sich nicht durch gewalttätige-monströse Anstrengungen verwirklichen, vielmehr gelingt es, wenn man sich selbst immer wieder auf seine eigenen, selbst gewählten und immer wieder hinterfragten Kriterien bezieht. Man sollte beständig  darüber  reflektieren, für was man seine Kraft  investiert und mit wem man seine Zeit verbringt.

Nun bist du in der Königs- und Königinnenklasse angekommen. Du bist nun eine charismatische Persönlichkeit, die die eigene subjektive Welt zum Zentrum von dem macht, was sie umgibt. So strahlst du dann als deine eigene Sonne nach außen  und machst dir die Welt, wie sie dir gefällt.

 

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Die Seele erwandern und in den Wäldern baden …

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Meine Eltern hatten in den 70er Jahren eine Wald-Fototapete im Schlafzimmer, was ich sehr beruhigend fand. Da ich mich in meinen Teenager-Jahren aber mehr von exotischen Stränden angezogen fühlte, als von heimischen Wäldern, beschloss ich mir später zwar  auch das Wohnzimmer mit einer Fototapete zu dekorieren, jedoch sollte es nicht der deutsche Wald, sondern vielmehr der Meeresstrand unter tropischer Sonne sein: Es kam weder zum einen, noch zum anderen.  Die praktische Raufaser in weißer Farbe wurde von mir in den Folgejahren vorgezogen, derweil ich die Exotik der fernen Strände auch in der Realität kennen lernen und dabei feststellen durfte, dass die imaginären Vorstellungen meiner Jugend angenehmer waren, als die schnöden Realitäten. Und  so, um einige Erfahrungen reicher,  besann ich mich wieder auf das Eigene, nämlich dem deutschen Wald, der romantisch überhöht  in der deutschen Seele schlummert und beständig darauf wartet, wieder neu entdeckt zu werden. Ich zumindest begann nun regelmäßig die heimischen Wälder zu besuchen und entwickelte dabei mein Konzept des mythologischen Wanderns.

Das  Tarot als eine divinatorische Technik  diente mir u.a. dabei als Inspirationsquelle. Das Tarot  kann uns zeigen, was im objektiven Universum  gerade anliegt und  was bei den Gegebenheiten, die uns momentan umgeben, die  Wahrscheinlichste zukünftige Möglichkeit darstellt. Wenn die Tarot-Karten uns jedoch mit Vorhersagen konfrontieren, die uns nicht behagen,  liegt die  Entscheidung immer bei uns, diese anzunehmen oder uns dagegen zu entscheiden und das, was wir so erschaut  haben, magisch zu verwandeln oder gar zurückzuweisen.

Ähnlich verhält es sich bei den Wanderungen. Der Wald und überhaupt die Natur  wird  zum begehbaren Orakel, das uns mit Bildern zu unseren eigenen Fragen und Anliegen versorgt. Wir reflektieren uns – kraft unseres Willens – in der Landschaft und entdecken so das eigene Unbekannte. In dem wir uns willentlich in der Landschaft spiegeln, entdecken wir unser Unbewusstes, was nichts anderes als die Möglichkeiten beschreibt, die wir in unserem Leben noch nicht verwirklicht haben. Wir  werden auf diese Art und Weise  dem, was danach ruft, materialisiert zu werden. bewusst.  In den Wäldern  begegnen wir Frau Holle, die eine märchenhafte Inkarnation von der Unterwelts-Göttin Hel darstellt, die wiederum für das Unbewusste steht. Wir verbinden uns mit ihr und mit dem, was unsere eigene Kultur- und Geschichte ausmacht und stellen fest, dass wir hier, in den deutschen Wäldern,  alles  tiefgründiger und für uns angemessener vorfinden,  als dass, was in der neumodischen Schamanen-Instant-Szene  als  exotische Spielereien verkauft wird und was von uns erst mühsam – und mit zweifelhaften Resultaten – in die eigene  kulturelle Matrix übersetzt werden muss.

Doch nach “Medicine Walks” and “Walking in your Shoes” steht schon der nächste exotische Trend  vor der Tür. In Japan, das las ich vor einigen Tagen, ist das Waldbaden, was dort Shinrin-yoku heißt, modern. Waldbaden dient  in der streng getakteten japanischen Gesellschaft dazu, Stress abzubauen. Darüber hinaus wird beim lustvollen Eintauchen in den lebendigen Organismus des Waldes kein weiteres Ziel oder gar eine Aufgabe verfolgt. Es ist vielmehr ein absichtsloses Fallenlassen in das Blätterrauschen und  ein achtsames Zulassen von dem, was Gegenwart ist.  Das erscheint mir nachvollziehbar, denn  schließlich fühle auch ich mich ruhiger und entspannter, wenn ich mich in der Natur aufhalte. Ich erkläre es mir so, dass die Pflanzen ebenso unsere negativen Gefühle in Wohlgefallen transformieren, wie sie auch giftiges Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln können, weshalb das Umarmen der Bäume auch keine schlechte Idee darstellt.

Die japanische Vorliebe für den Wald fußt – so meine Vermutung – wohl auf den schamanisch orientierten Shintoismus, der davon ausgeht, dass die Natur beseelt ist.  

Waldbaden ist jedoch kein mythologisches Wandern, sondern eher ein  “Fallenlassen” und  ein “Sich-Selbst-Vergessen” in die Natur des Waldes, wohingegen die von mir favorisierte Form der Naturbegehung ein absichtsvoller Vorgang ist, der uns mit dem vertraut macht, was wir noch nicht kennen und dessen Voraussetzung auch das Bewusstsein der Trennung von Mensch und Natur darstellt. Der Wald wird zur Projektionsfläche des Individuums.

Franz Sternbald wird mir dabei  zum Vorbild. Ludwig Tieck erzählt uns in seinem Roman  “Franz Sternbalds Wanderungen” wie der Protagonist die Relevanz der Außenwelt, die er durchwandert,  nur insofern wahrnimmt, als dass sie ihm bisher unerschlossene Gebiete seines Ichs offenbart. : “Das Ich bildet in diesem Roman den wahren Schauplatz der Geschehnisse, auf dem die Phänomene der empirischen Welt in ästhetisch verwandelter Form erscheinen. So ist die stimmungserfüllte Naturszenerie vorwiegend Seelenlandschaft, Projektion von Sternbalds jeweiliger Gemütslage. Über seine zahllosen Reiseeindrücke bemerkt der Protagonist, dass sie ‘mit goldenem Schlüssel die Kammern unseres Geistes eröffnen, und uns die Schätze zeigen, die wir selbst noch nicht kannten. So entsteht ein (…) wohltuender Umgang mit uns selbst.” (Mayer, Gerhart: Der deutsche Bildungsroman. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Stuttgart 1992, S. 33)

Wenn ich also wandere, dann entdecke ich unbekannte Seiten meines Selbst. Ich nähere mich dem, was mich ausmacht, jenseits der vielen Gesellschafts-Masken, die ich trage. Das kann zutiefst beglückend sein, wobei ein eingeschobenes Waldbad dies noch verstärken kann. Insofern nehme ich den japanischen Trend gerne auf (zumal ich das sowieso schon immer getan habe) und wechsle bewusstseinsmäßig zwischen Selbst-Auflösung und Antinomismus bei meinen Wanderungen hin und her. Chaosmagie eben!

Weiterlesen: Mythologisch Wandern. 1. Teil und Mythologisch Wandern. 2. Teil

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Über die Dämonen!

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Die Geburt eines Dämons, Din A3, Mixed Media, Rauhnächte 2015/16

Die Vergangenheit umzudeuten, sodass uns – aus dem, was wir  uns rückblickend selbst oder auch anderen erzählen, eine eingängige Geschichte wird, führt, wenn dies unbewusst und nicht willentlich geschieht,  dazu, dass die eigentliche Wahrheit zu einem Energiefeld wird, was nicht mehr berührt werden will:  was in Ruhe gelassen werden will und was eigentlich danach verlangt, tief in den Zeitstrom zu versinken. Dass, was da immer weiter in die Tiefen unseres Unterbewusstseins absinkt,  kann zum Nacht-Alb werden, zum Dämon, der uns quält und der – von unseren Ängsten genährt –  immer monströser wird.

Der Dämon, den wir erschaffen haben,  ist von uns isoliert. Er ist nun ein anderer als wir selbst und doch schreit er danach, integriert zu werden.  Doch dazu müssten wir uns ihn bewusst machen, wogegen sich der Mensch in der Alltags-Hypnose wehrt und so befähigen wir den Dämon – gerade durch unsere Abwehr – dazu,  dass er uns, als das eigenständige Wesen, was er nun  ist, in unserem Innern vernichten möchte. Uns von Dämonen aller Art zu befreien, das ist der Sinn von schamanischen Extraktionen oder – im christlichen Bezugsrahmen gesprochen – von Teufelsaustreibungen.  Hier wird zumeist  jemand anderes als man selbst tätig, nämlich ein Schamanen-Priester,  um den Dämon fortzuschicken und/oder zu verwandeln.

Der Dämon  wird sich, einmal Energie geworden,  unabhängig  davon, ob er noch im Innern des Menschen haust oder schon im Außen befindet, danach trachten, sich mit seinesgleichen zusammenschließen und so das dämonische Kraftfeld stärken, wo jede gute Absicht  in Bösartigkeiten vielfältigster Art verwandelt wird.  Das ist die  dämonische Zone,  die im Kollektiv verwurzelt ist. Sie lässt sich von Mutigen bereisen, wie es einst Dante getan hat, der die neun Höllen durchschritten hat, sich dabei aber vom weisen Virgil führen ließ.   In dieser Zone befinden sich die größten Tabus und die monströsesten Abgründe. Den Dämon bei einer Extraktion deshalb nur einfach fortzuschicken, ohne ihn zu verwandeln, halte ich für grob fahrlässig, es sei denn, man hätte gute Gründe dafür, hier anders zu handeln, beispielsweise weil man die tiefste Dunkelheit als Treibstoff nutzt, um das, was noch nicht materialisiert ist, zu erschaffen.

Doch soweit sind wir noch nicht. Um uns der ungeliebten Dämonen erst einmal nur zu entledigen, benötigen wir keine Heiler oder Priester. Die Wahrheit will ans Tageslicht kommen und wir müssen uns nur der verdrängten Vorgänge bewusst werden, um den Dämon in sich aufzulösen und in etwas Stärkendes zu verwandeln. Indem wir Probleme klar benennen, ohne dabei verletzend zu werden, bezwingen wir auf diese Art und Weise nicht nur eigene, sondern auch fremde Dämonen.

Wir können uns die Kraft der Dämonen jedoch, wie ich schon andeutete,  auch zunutze machen. Wir isolieren dann unseren Willen, geben ihm einen Energiekörper und senden diesen als Dämon in das objektive Universum aus, um für uns tätig zu werden. Vielleicht verbinden wir unseren so erschaffenen Dämon sogar mit denen, die in der kollektiven Zone der Dunkelheit wohnen, um so die  Kraft  des von uns kreierten Energiekörpers  zu potenzieren.   Goethe hat  einen solchen  Vorgang im “Zauberlehrling” anschaulich geschildert und warnt darin vor einer Magie, deren Konsequenzen wir nicht mehr händeln können. Mit Gewissheit aber wird der Lehrling nach vielen Fehlversuchen und Ausdauer zum Meister werden. Wehe dem, der den Zorn eines solchermaßen gereiften Zauberers  auf sich gezogen hat und der nun nicht nur von den eigenen, sondern auch von fremden Dämonen gequält werden wird. Verdammt bis in alle Ewigkeit ist er:  es sei denn, er wäre selbst ein Magier.

Wenn die subjektive Welt und die objektive Welt der Magierin  jedoch eins geworden sind, dann braucht es keine Heerscharen von Dämonen mehr, die ausgesandt werden, um zu verändern, was noch nicht passend erscheint. Bis eine solche Vollendung erreicht ist, erschaffe ich mir meine individuelle Mythologien auf künstlerischen Wegen.

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Was sind die Götter?

Dark Goddesses

Dark Goddesses, mixed media, 49 x 42 cm

Das sind meine Gedanken zu den Göttern:

Die Götter bestehen im objektiven wie auch im subjektiven Universum. Sie sind also gleichfalls von mir (oder dir) kreiert, wie sie auch im Außen, also unabhängig vom Individuum bestehen. Vielleicht sind alle Götter ursprünglich vom Menschen erschaffen worden, haben dann aber ihre Autonomie errungen. Die Riesen sind die Götter der Götter.

Die meisten Götter pflegen eine Wechselwirkung von unabhängiger Existenz und “sich von der Glaubensenergie der Menschen nähren”.

Die Götter werden also durch den Glauben der Menschen größer, wobei verschiedene Menschen immer auch verschiedenen Vorstellungen von den Göttern folgen. Der Gott nimmt diese Energien auf und gibt ihnen Form. Götter können auch in Vergessenheit geraten. Ihre Energieformen werden  dann kleiner, was aber nicht meint, dass sie nicht mehr existent wären.

Die herrschenden Glaubenssysteme üben ein Dogma aus, was die Glaubensausübung ihrer Anhänger jeweils in eine vorgeschriebene Richtung kanalisieren soll. Es wird den Menschen also vorgeschrieben, wie ihre Sicht auf einem beliebigen Gott zu sein hat, dessen Energiekörper dann im Objektiven sich immer mehr in genau diese Richtung verfestigen wird.

Zu Göttern unseres eigenen Kulturkreises finden wir leichter Zugang als zu denen anderer Völker, einfach deshalb, weil uns zu ersteren schon durch die Geburt und eine lange Ahnenreihe ein intuitiver Zugang vererbt ist. Nichtsdestotrotz ist es uns möglich auch zu Göttern anderer Völker eine Verbindung aufzubauen.

Als kulturübergreifender “Archetyp” existieren Götter, die in verschiedenen Ausprägungen, allen Kulturen gemein sind. Als Beispiele wären hier die große Muttergöttin oder der Trickster-Gott zu nennen.

Es gibt jedoch auch Götter, die von der Menschheit unabhängig sind.

Als Magier kann ich mich, um meinem Willen zu wirken, auf die Energien der Götter beziehen.

Als Künstler kann ich individuelle Mythologien erschaffen. Eine solche Kunst hat ihren Ursprung im Subjektiven, erschafft gänzlich neue Gott-Energien oder bezieht sich – was meistens der Fall ist – auf schon bestehende.  Nicht nur das Leben des Künstlers wird so verwandelt, sondern auch die Götter werden durch das künstlerische Tun bewegt, schließlich sind deren Energien amorph.  Kunst ist also ein Dialog zwischen subjektiver und objektiver Realität und schafft so für alle Beteiligten neue Möglichkeits-Räume.

Was ist ein Künstler also anderes als ein Magier und Schamane?

Wir sollten danach trachten, selbst zum Gott zu werden, was meint unser Selbst zu perfektionieren. Dazu muss man erst ein Monster töten. Manchmal sind es auch mehrere. Ich bin gerade dabei.

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Jenseits des Spiegels: DísCall

Jenseits des Spiegels befindet sich die Welt unserer Imagination, was auch nur eine Beschreibung dessen ist, was in der momentanen Wirklichkeit noch nicht verwirklicht ist.

Die Spiegel-Welt ist der Resonanz-Raum unserer Möglichkeiten, unserer (noch) nicht-gelebten Träume, unserer Wünsche und unserer Verfluchungen.

Als Künstlerin halte ich mich nur zu gerne in dieser Welt auf, muss dabei jedoch den Drang bezwingen, ganz darin versinken zu wollen und letztendlich mir dabei SELBST verloren zu gehen. Die Zaubermärchen des irisch-keltischen Raumes berichten von dieser Gefahr: Immer dann nämlich, wenn Sterbliche in das Elfenreich gelangen, wo ein Tag plötzlich sieben Jahre im menschlichen Leben zählt, haben sie die Spiegelscheibe zwar durchbrochen, jedoch versäumt, zeitnah den Rücktritt in ihre irdische Existenz anzutreten. Sie sind dann “zu spät” zurückgekommen, um noch vorzufinden, was sie verlassen haben und sind so letztendlich für das Diesseits verloren.

In den deutschen Sagen von der Bergentrückung ist das Höhlenkönigreich, das unendliche Schätze birgt, für immer verschlossen. Die Trennung der beiden Welten ist unabweisbar vollzogen und sie kann nur dauerhaft durch die Kraft der Imagination, die sich jedoch nicht in den unendlichen Fluss des phantastischen Gaukelspiels verliert, überwunden werden.

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Die blaue Blume öffnet zwar den Berg und lässt uns hinter dem Spiegel blicken, doch dann, wenn die Kraft unserer inneren Schau erlischt, stehen wir vor geschlossenen Felsenwänden und sind dazu verdammt, dumpf auf eine utopische Zukunft zu vertrauen, in der ein Retter-Kaiser sein Berg-Grab verlassen wird, um ein wunderbares Friedensreich zu errichten. Uns bleiben vorerst nur die Geschichten aus fernen Vergangenheiten. Verzweifelt suchen wir die blaue Blume.

Doch selbst wenn wir sie gefunden haben, benötigen wir die Kraft der Dísen, die uns helfen werden, die Trennung zwischen den Welten dauerhaft aufzuheben. Sie sind – vergleichbar den Walküren – kriegerische Schlachthelferinnen und Sturmreiterinnen. Als solche unterstützen sie uns in den zahlreichen Kämpfen mit den Zumutungen der objektiven Welt und können uns die Manifestation dessen ermöglichen, was sich noch verschlossen in unserem Traum-Bewusstsein befindet und was sich dennoch beständig seinen Weg in das Diesseits bahnen will.

Die Dísen sind auch die Verkünderinnen des nahenden Todes, der auch nur eine Umschreibung für den Zustand ist, der uns erwartet, wenn sich unser Bewusstsein vom Diesseits ins Jenseits verschiebt. Sich SELBST gesegnet ist derjenige, der die Nabelschnur zwischen den Welten niemals hat abreißen lassen und auch diejenige, die im jetzigen Leben ihr Bewusstsein schon mit dem des Jenseits-Bewusstseins verbunden hat und sich gerade deshalb dabei SELBST-bewusst bleibt.

Und so manifestiere ich mein Werk in der objektiven Welt, indem ich Zwiesprache halte zwischen den Welten “vor” und “hinter” dem Spiegel. Die Dísen werden so zur Geburtshelferinnen des kreativen Traumes. Die Rahmentrommel kann die Reise begleiten, während die Leinwand zum Ort der Synthese zwischen “hier” und “dort” wird und so begebe ich mich auf meine schamanisch-magische Reise. Immer wieder. Zweifelsfrei. Willst du mich begleiten?

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Filmempfehlung:

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Über die Riesen!

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Kleine Vorbemerkung: Ein Essay aus dem Jahre 2012, was ich aus durchaus aktuellem Anlass hier erstmals veröffentliche. Nicht jeder wird es  indes verstehen. Wie heißt es so schön? Das Mysterium schützt sich selbst.

„Was bedeuten Riesen für dich?“, wurde ich unlängst gefragt. Wer sich jetzt wundern sollte, wieso mir solch merkwürdig-märchenhafte Fragen gestellt werden, dem sei gesagt, dass eine solche Fragestellung in manchen Kreisen eine durchaus legitime Diskussionsgrundlage darstellt, was für mich Grund genug sein soll, sich damit – auch an dieser Stelle – ausführlicher zu beschäftigen. „Und wer weiß“, sagte ich mir voller Hoffnung, „vielleicht würde ich dabei unverhofft die Lösung für mein „alltägliches Elend“ finden. Doch damit ging ich – wie sich noch zeigen wird – in die Irre und alles wurde noch komplizierter und herausfordernder, als es sowieso schon war.

„Was bedeuten Riesen für mich?“, fragte ich mich also wiederholt selbst und erinnerte mich dabei an die großen, hünenhaften Gestalten der Volksmärchen, deren Körpergröße im eigenartigen Widerspruch zu deren kleinem Verstand stand. „Leicht zu übertölpeln“, kam mir als Beschreibung für einen Umgang mit ihnen in den Sinn; ein konkretes Volksmärchen, mit dem ich all dies hätte untermalen können, fiel mir allerdings nicht ein.

Um diesen Erinnerungseindruck vom „dummen Riesen“ näher zu erforschen, schlug ich in der Edda nach und traf dort u.a. auf Wafthrudnir, einen Riesen, der von Odin inkognito besucht wird, einzig allein, um im Wettstreit die Frage zu klären, wer von den beiden Kontrahenten weiser sei. Wafthrudnir unterliegt zwar, doch Odins Sieg kommt nur mit Hilfe einer List zustande, ist also eher ein Pyrrhussieg. Odin stellt nämlich Wafthrudnir u.a. eine Frage, die nur er selbst beantworten kann. Er möchte von ihm wissen, was er Balder vor seinem Tod auf dem Scheiterhaufen ins Ohr geflüstert haben soll. Dies kann Wafthrudnir nun wirklich nicht wissen; er erkennt aber, dass er Odin vor sich hat, der ihm eine intellektuelle Falle stellt. So sagt er:

Nicht Einer weiß, was in der Urzeit du

Sagtest dem Sohn ins Ohr.

Den Tod auf dem Munde meldet ich

Schicksalsworte

Von der Asen Ausgang

Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden:

Du wirst immer der Weiseste sein.

(Simrock, Karl (Übersetzung): Die Edda. Stuttgart 1878)

„Wenn die Riesen aber doch so klug sind wie Wafthrudnir, dann macht es Sinn, ihr Reich zu besuchen“, sagte ich mir und machte mich auf – in einer schamanischen Reise – ihre Welt zu besuchen, von der ich nur wusste, dass sie Utgard heißt und eine der neun Welten ist.

Ein Flößer war mir behilflich, das Grenzgewässer zu überqueren. Auf der anderen Seite des Flusses erwartete mich eine kalte, gebirgige Welt, deren kahle Berge immer wieder von nur spärlich bewachsen Ebenen aufgelockert werden. Ich drang in diese Einöde nicht weit vor, zu kalt und abweisend kam mir diese Welt vor, in der sich alles – wie in einer zähflüssigen Masse – stark verlangsamt bewegen musste. So traf ich schon bald, an einen Felsen gelehnt, einen Riesen, der sich langsam und zögerlich vom felsigen Grund abhob. Ich stellte ihm eine persönliche Frage und erhielt als Antwort nur Schweigen. In dieser zeitverzögerten Welt ist alles Wollen und Streben vergebens. Stattdessen händigte mir der Koloss einen grauen, runden Stein aus, der symbolisch die Antwort auf meine Frage enthalten sollte. Gleichzeitig wusste ich, denn ich nahm – zeitgleich mit meinem eigenen – auch das Bewusstsein des Riesen wahr, dass er mir gegenüber vollkommen gleichgültig  eingestellt war und mir, die ich in seinen Augen so unendlich klein und unbedeutend war, jedes Geheimnis ganz offen verraten konnte, wohlwissend, dass dies für das Weltgeschehen vollkommen unbedeutend war. Was könnte ich, der ich nur ein Mensch bin, überhaupt bewegen? Nichts.

So kehrte ich zurück in meine Welt und der Stein verriet mir, dass er ein Zeichen für all die Kräfte ist, die sich einem in den Lebensweg stellen. An seiner runden Form erkannte ich, dass er eine Druse war, die, wenn sie denn vorsichtig aufgeschlagen werden würde, ihre ganze Schönheit und Pracht entfalten würde. Dies wiederum, soviel war mir klar, stand für die Kräfte des eigenen Selbst, die zur Entfaltung gebracht werden sollten, was aber – was nun ein wenig obskur ist – von den Riesen verhindert wird.

Um gerade Letzteres zu verstehen, müssen wir uns erneut an germanische Mythenwelten erinnern. Dort nämlich ist ein Riese, nämlich Ymir, das erste Lebewesen, aus dem die neun Welten entstehen. Diese Schöpfungsmythologie verweist auf indoeuropäische Wurzeln. Im vedischen Mythos gehen aus den Körperteilen des Riesen Purusha die verschiedenen Teile der Welt hervor. Die Edda dagegen berichtet von der Quelle Hvergelmir, die der Mitte Nebelheims entspringt, und aus der wiederum Wasserläufe hervorgehen, die in eine „gähnende Kluft“, genannt Ginungagap, münden. Dort, wo heute unsere Welt ist, trifft das Eis auf die Hitze und das Feuer Muspelheims. Aus dem geschmolzenen Eis entsteht schließlich der Riese Ymir, ein Zwitterwesen, von dem all die Reifriesen abstammen.

Als das Eis taut, entsteht daraus die Kuh Audhumla. Von den vier Milchströmen, die aus ihrem Euter rinnen, ernährt sich Ymir. Die Kuh wiederum erhält sich dadurch am Leben, dass sie die salzigen Eisblöcke (oder Steine) ableckt. Beim ersten Mal, als sie das tut, taucht aus den Steinen ein Mann auf, genannt Búri. Er hat einen Sohn, der Burr heißt. Snorri teilt nicht mit, ob er ihn mit einer Riesin zeugt, wie später Burr, oder ob er ihn, genauso wie Ymir, aus sich selbst heraus schöpft.

Ymir nämlich kann dies. Einer seiner Füße erschafft mit den anderen einen Sohn, von dem die Reifriesen abstammen. Die Tochter des Riesen Bölthorn, genannt Bestla, vermählt sich mit Burr. Ihre drei Söhne sind die ersten Götter, nämlich Odin, Wili und We. Diese töten den Riesen Ymir. In seinem Blut ertrinken alle Hrimthursen (Reifriesen), nur der Riese Bergelmir und sein Weib retten sich und zeugen ein neues Riesengeschlecht. Die Götter bilden aus dem Körper des Riesen Ymir die Welt. „Und längs den Seeküsten jenseits gaben sie den Riesengeschlechtern Wohnplätze, und nach innen rund um die Erde machten sie eine Burg wider die Anfälle der Riesen, und zu dieser Burg verwendeten sie die Augenbrauen Ymir, des Riesen, und nannten die Burg Midgard.“ (Gm 41/Die Burg Midgard ist nicht zu verwechseln mit Midgard, der Menschenwelt.)

Warum die Götter Odin, Vili und Vé Ymir erschlagen und aus seinem Körper die Welt erschaffen, darüber geben die Quellen keine Auskunft. Wenn wir diesen Mord aber in Zusammenhang mit 1 Mose 6,4 ziehen, wo von einer ersten Schöpfung die Rede ist, mit der der biblische Gott nicht zufrieden ist und die er deshalb zerstört, verweist der universale Zerstörungs-Mythos (von dem beispielsweise ja auch Platon in seinem Atlantis-Mythos berichtet) – ganz vorsichtig ausgedrückt – evtl. auf eine historische Tatsache, in der die Erde in den Zeiten einer nicht spezifizierbaren Urzeit von männlichen Göttern, wir können auch von Außerirdischen sprechen, kolonialisiert war, die sich mit Menschenfrauen vereinigten und so die Nephilim, riesenhafte Mischwesen, zeugten.

Dies korrespondiert letztendlich mit der protogermanischen Überlieferung, in der drei Götter den Urriesen töten. Im germanischen Kontext muss ich annehmen, dass die Riesen Außerirdische sind, welche die Energien aus sich selbst heraus erschufen, die wir als göttlich empfinden und für die wir unendlich viele Namen besitzen. Die Riesen mussten dann aber bemerken, dass sich diese Götter und Göttinnen gegen sie selbst wandten. Schließlich wurde nicht nur der Urriese umgebracht, die Götter schufen auch das erste Menschenpaar aus Bäumen und sie fungierten in der Folge als Verteidiger der Menschenwelt gegen die Riesen.

Im christlich-hebräischen Kontext muss ich, im Gegensatz dazu, davon ausgehen, dass die „Götter“ (und eben nicht die „Riesen“) ein Synonym für die Außerirdischen sind, die mit Menschenfrauen besagte Halbwesen, genannt Riesen, erschufen, diese dann aber, nachdem dadurch ihre Geheimnisse ausgeplaudert worden waren, vernichteten. In der Lutherbibel heißt es dann auch: „Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.“

Die Riesen verrieten den Menschen, wie uns die Apokryphen berichten, verbotenes Wissen und werden deshalb von den Göttern bis zum Ende der Welt „gebunden“; ihre Nachkommenschaft kommt dagegen in einer Sintflut ums Leben.

In der Edda – hier gibt es Parallelen zur christlich-hebräischen Überlieferung – sind die Riesen ebenfalls “gebunden“ und zwar in „Jötunheim“. Schließlich sind die Riesen nicht nur unkontrollierbare Naturgewalten, mit der sie auf einer profanen Interpretationsebene gerne gleichgesetzt werden. Über diese einfache Deutung hinaus erschließt sich eine weitere Interpretationsebene, und in der versuchen die Riesen, warum auch immer, Macht über die Menschenwelt zu erlangen, indem sie die Energien, die entstehen, wenn Menschen sich zusammenschließen – freiwillig oder unfreiwillig – kontrollieren und für Zwecke nutzen, die uns destruktiv vorkommen, die aber – wertfrei ausgedrückt – darauf ausgerichtet sind, die Welt, so wie wir sie kennen, zu destabilisieren.

Nach dem mystischen Weltbild, dem ich ja durchaus anhänge, lassen sich intellektuelle  Erkenntnisse auch in der Prosa finden; die Science-Fiction-Literatur erscheint mir dafür besonders geeignet zu sein, spielen deren Autoren doch mitunter mit obskuren Ideen, die sich dem üblichen, einengenden Gedankenkorsett entziehen und gerade dadurch auf eine Wirklichkeit jenseits der objektivierbaren Zahlenspielereien, die heutzutage sehr in Mode sind, verweisen. So sei mir an dieser Stelle ein Zitat aus einem Roman erlaubt, in dem die „Bewusstseinsparasiten“ (die ich mit „riesenhafte Kräfte“ übersetzen würde) wie folgt beschrieben werden:

„Sie zapfen den Menschen die Lebenskraft ab, ohne dass diese sich dessen bewusst werden. Ein Mensch, der sie erkennt und besiegt, wird für sie doppelt gefährlich, denn seine Kräfte der Selbsterneuerung werden die Oberhand behalten. Geschieht dies, so versuchen die Bewusstseinsparasiten vermutlich, ihn auf andere Weise zu vernichten – indem sie etwa andere Menschen gegen ihn aufbringen. (Wilson, Colin: Die Seelenfresser. Hemsbach über Weinheim 1983, S. 78)

Diese riesenhaften Kräfte versteht das menschliche Bewusstsein (noch) nicht und die Riesen müssen uns deshalb als „dumm“ erscheinen. Die Götter jedoch können diese Bewusstseinsebene verstehen, denn sie stammen selbst von Riesen ab, sind also ihre Geschöpfe. Sie wissen aber auch von den destabilisierenden Gefahren, die von den Riesen ausgehen. Warum sonst schützt Thor die Welt der Menschen mit einem Wall und ist auch ansonsten ständig damit beschäftigt, nicht nur gegen die Midgardschlange, sondern auch gegen die Riesen zu kämpfen? Vielleicht will er aber auch nur verhindern, dass das Wissen der Riesen zu uns dringt, da diese Kenntnis dem Menschen, aus Sicht der Asen, nicht dienlich wäre, evtl. gar zum Verderben führen würde, was an die biblische Paradiesgeschichte erinnert, wo der Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis auch von Gott verboten wurde.

Doch Thor tut vermeintlich gut daran, uns vor den riesenhaften Kräften zu schützen. Schließlich werden diese Kräfte schließlich gemäß der nordischen Eschatologie, Ragnarök herbeiführen. Andererseits ist besagte Vernichtung keine endgültige, sondern vielmehr – im Sinne des zyklisch-germanischen  Weltbildes – wird aus den Trümmern der alten eine neue, gereinigte Welt aufsteigen.

An dieser Stelle komme ich wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was bedeuten Riesen für mich? Diese Frage führt letztendlich, wie mein Essay hoffentlich gezeigt hat, zum Konflikt, ob ich mich, und auch hier muss ich differenzieren zwischen persönlichen und weltgesellschaftlichen Belangen, eher für eine Stabilisierung der Verhältnisse ausspreche oder aber Auflösung herbeiführen möchte.

Niko Paech sagt im TAZ-Interview vom 21.01.2012:

„Für gesellschaftlichen Wandel brauchen Sie zunächst Pioniere, die geringe Risikoaversion haben und keine Angst, sich lächerlich zu machen. Dann kommen die, bei denen die Beobachtung der Pioniere ausreicht, um auch mitzumachen. Dann die, die ein Netzwerk brauchen. Dann werden jene stimuliert, die sich erst kuschlig genug fühlen, wenn das Neue von genug Leuten gemacht wird. Und irgendwann sind wir am Punkt angekommen, wo eine soziale Dynamik ausgelöst wird. Diese Diffusionslogik zeigt, dass es gar nicht funktionieren kann (wenn man denn positiven, gesellschaftlichen Wandel möchte, Anm. d. Autorin), gleich in den Mainstream zu gehen.“

Da ich mir an dieser Stelle (noch) nicht anmaßen möchte, Belange von universaler Bedeutung zu lösen, beschränke ich mich im Folgenden auf eine persönliche Ebene, wobei mir natürlich bewusst ist, dass persönliche Entscheidungen niemals abgelöst vom gesellschaftlichen Arrangement gesehen werden können und dass die persönliche Entscheidung für eine „Destabilisierung“ im eigenen Leben auch – quasi als Dominoeffekt – Auswirkungen auf die unmittelbare Umwelt hat.

Jedoch wird eine „Stabilisierung der Verhältnisse“ als Lösungsansatz für die Mehrzahl meiner Zeitgenossen, so sie sich denn überhaupt mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen, attraktiver sein als eine „Destabilisierung“, die nur risikofreudigen Naturen vorbehalten sein wird.

Die „Festigung des Bestehenden“ verheißt schließlich süße, verlockende Sicherheit. Die überwiegende Mehrheit der Menschen möchte in ihrer vermeintlichen Ruhe nicht gestört werden. Wer mag es ihnen auch verdenken, schließlich wäre alles andere auch düster-beängstigend. Dabei wird gerne übersehen, dass das menschliche Leben selbst ständiger Veränderung unterworfen ist. Die „Stabilität“ erscheint uns nur harmonisch, wenn wir sie mit einem gewissen inneren Abstand betrachten; bei näherer Sichtung tun sich jedoch bei jedem von uns Dramen auf, die unterschwellige, destruktive Abgründe nur mühsam verdecken. Dies liegt – wie ich schon mit meinem kleinen Ausflug in die Welt der Science-Fiction-Literatur gezeigt habe – an den „riesenhaften Kräften“, die unser Bewusstsein kolonisieren, seitdem die Menschheit sich entschlossen hat, die nur instinktgebundene Existenz zu verlassen.

Ist ein solcher Status Quo, wie ich ihn aufgezeigt habe, es wert, erhalten zu bleiben? Ich meine „Nein“, denn alles andere verdient die Bezeichnung „Tod“.

Eine „Festigung des Bestehenden“ wäre für mich, um auf eine gesellschaftliche Argumentationsebene zurückzukehren, nur wünschenswert, wenn wir in einer Welt lebten, die derjenigen der Wanen, der Fruchtbarkeitsgötter, gleichen würde, die wiederum nichts anderes als eine freundlich-fröhliche Wicca-Welt darstellt.

Edred Thorsson beschreibt diesen Existenzbereich wie folgt:

„In diesem Reich wird das organische Vorbild der organischen Existenz geformt. Das ist eine Welt des ewigen Gleichgewichts der zyklischen Natur – hier gibt es ständiges Wachstum, aber man kann hier keine tatsächlichen Veränderungen oder Geschehnisse sehen. Es gibt ewiges Wohlergehen, Frieden, Freude und Bequemlichkeit. Es ist das Reich sowohl der organischen als auch der persönlichen Zyklen.“ (Thorsson, Edred: Die neun Tore von Midgard. Uhlstädt-Kirchhasel 2004, S. 74 f).

Wenn wir aber in diesem Land, welches wir auch mit „Utopien“ benennen könnten, (noch) nicht leben können, dann zeigen sich für mich im persönlichen Leben nur zwei praktikable Möglichkeiten auf, nämlich entweder gegen die riesenhaften Kräfte – wie Thor – zu kämpfen (und dieses „Kämpfen“ beinhaltet auch – obwohl sie es abstreiten würden – die Attitüde der sogenannten Lichtarbeiter und selbsternannten Lebensratgeber, sich zwanghaft alles schönzureden, um so den negativen Kräften keine Aufmerksamkeit zu geben) oder aber, was unbequem ist, sich mit den riesenhaften Kräften zu verbinden und sie dadurch letztendlich zu beherrschen. Dadurch lernen wir die Waffen unserer Gegner zu nutzen und können so die „benannten“ und „erkannten“ Kräfte – zumindest für uns selbst – unschädlich machen oder – um einmal den Sprachgebrauch meines Anti-Virus-Programmes zu bemühen – „in Quarantäne schicken“.

Eine schwierige Entscheidung ist dies und ich neige dazu, sozusagen hin und her zu switchen, wohlwissend, dass gerade letztere Möglichkeit keine Option für die Allgemeinheit darstellt und ich mich damit auf Wirkkräfte einlasse, deren Intentionen ich nicht immer verstehen kann.

Das Reich der Riesen charakterisiert Thorsson nämlich folgendermaßen:

„Als Ausgleich zu Vanaheimr ist Jötunheimr ein Ort ständigen Wechsels. Es und seine Bewohner versuchen alles, das ihnen begegnet, zu opponieren und zu ändern. Aber das Reich selbst kann in keiner eigenen Metamorphose untergehen. Es ist ein Katalysator für Veränderung und Evolution, kann sich selbst nicht ändern oder entwickeln. Jötunheimr ist ein Ort der Auflösung – und der möglichen Täuschung für die, die auf seine „Tricke“ nicht vorbereitet sind. Jötunheimr ist die reaktive Kraft der Zerstörung, die zur evolutionären Veränderung nötig ist. (Thorsson, S. 75)

Jötunheimr als Raum der „evalutionären Veränderung“ ist immer dann gefragt, wenn auch im persönlichen Leben Transformationen angesagt sind. Doch die Riesen sind – wie ich ja schon mit Hilfe der Schilderung meiner schamanischen Reise dargelegt habe – uns gegenüber gleichgültig eingestellt, und mehr als einen lässig von ihnen hingeworfenen Hinweis auf unsere vermeintlich großen Fragen können wir von ihnen – ganz praktisch gesehen – nicht erwarten. Um aber wahre Veränderungen herbeizuführen, müssen wir uns, so wir denn Magier sind, mit göttlichen Energien verbinden oder aber – dies ist die zweite Möglichkeit – göttliche Eigenschaften oder religiöse Vorstellungen zu einem eigenständigen göttlichen Wesen (aus uns selbst) personifizieren. Um aber erstere Möglichkeit zu praktizieren, muss die göttliche Kraft dazu bereit sein. Die Riesen, die ich quasi als Götter der Götter ansehe, sind es jedenfalls nicht. Loki aber, der zu den Asen gehört, andererseits aber sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite von Riesen abstammt, bietet uns diese Möglichkeit, verlangt aber durchaus seinen Preis dafür. Schließlich ist er ein „Trickster“ und daher müssen wir wissen, worauf wir uns bei ihm einlassen, was wiederum schier unmöglich ist.

Insbesondere stellt sich mir die Frage, ob es eine Option ist, sich mit der Energie von Loki zu verbinden, um die „Seelenfresser“, die meinem Weltbild entsprechend ja von den Riesen initiiert sind, zu isolieren

Zuerst erschien es mir unklar, ob Loki, der ja selbst von seiner Abstammung – sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite – ein Riese ist, hier unterstützend wirken kann.

Nachdem ich diese Frage eine Zeitlang mit mir herumgetragen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass er dafür geeignet ist, schließlich verhält er sich gegenüber den Riesen ambivalent, hilft einerseits zum Beispiel Thor bei der Rückholung des Hammers Mjölnir, andererseits verschuldet er Balders Tod, was letztendlich zu Lokis „Fesselung“ durch die Asen führt, die sich dadurch – meine Interpretation – von nun an in besonderem Maße den „riesischen Energien“ ausgesetzt fühlen. Schließlich ist derjenige, der sie, eben durch seinen ständigen Gestaltwandel davor schützen konnte, nicht mehr dazu in der Lage. Insofern ist die Gefahr groß, dass die Asen von einer Gesellschafts-Hypnose heimgesucht werden und in Zukunft auch immer weniger die Menschen vor den Riesen schützen können, was sich gegenwärtig u.a. dadurch zeigt, dass sich die westlichen Gesellschaften zunehmend zu Überwachungsstaaten entwickeln.

So können wir uns also auf die Götter nicht mehr verlassen und sind auf uns selbst zurückgeworfen. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, sich mit Lokis Kräften zu verbinden. Loki, mit seiner Vorliebe für den Gestaltwandel, kann uns, wenn ich einmal auf der Ebene von Midgard argumentieren darf, lehren, es ihm gleichzutun. Dies wiederum enthält die Option zu verhindern, dass sich die riesenhaften Kräfte an unser Bewusstsein andoggen. Wahrscheinlich ist eben dieser Gestaltwandel, wir könnten auch vom ständigen Paradigmenwechsel sprechen, im Ursprung eben eine riesenhafte Eigenschaft, die wiederum befähigt, den Einfluss der Riesen, der letztendlich zum Massenbewusstsein führt, zu beherrschen. Insofern kann Loki uns lehren, die soziale Matrix beständig zu unterbrechen und Stagnation, was immer gleichbedeutend mit einer Anpassung des Selbst an gesellschaftliche Konventionen ist, zu unterminieren.

Wenn wir uns mit Loki verbinden, dann lassen wir uns nicht mehr – ungewollt und getäuscht – von der Kraft der Riesen, die immer dann entsteht, wenn Menschen   aufeinandertreffen, verführen. Vielmehr haben wir es nun selbst in der Hand, die riesenhaften Energien für unsere Zwecke nutzbar zu machen. All das, was mit den Stichwörtern „Revolution“, „Rebellion“, „unorthodoxe Ideen“, „schillernder Charakter“ und „Verwandlungsfähigkeit“ beschrieben wird, holen wir so in unser Leben und dabei habe ich, um einmal zum Ausgangspunkt meiner Argumentation zurückzukehren, durchaus die Hoffnung, dass ich auf einer persönlichen Ebene damit mein „alltägliches Elend“ verändern kann. Du vielleicht auch!

Doch, auf eine gesellschaftspolitische Dimension bezogen, halten wir Ragnarök mit einer solchen Vorgehensweise nicht auf. Schließlich ist die aufgezeigte Handlungsweise eine individuelle, die niemals für die Mehrheit der Menschen einen praktikablen Weg darstellt. Und so wird am Ende aller Tage Loki, der sich von seiner Fesselung befreit hat, das Naglfar-Schiff steuern, um gemeinsam mit den von ihm mit der Riesin Angrboda gezeugten Ungeheuern, den Riesen und den Bewohnern Hels gegen die Asen zu ziehen (Gylf 50). Bevor Surtr, der Feuerriese, schließlich die Welt in Flammen aufgehen lässt, töten sich Loki und Heimdall gegenseitig und uns bleibt nur die Hoffnung auf eine bessere, neue Welt.

Heil Loki!

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Virtueller Kunstworkshop, Teil 2

Das Ergebnis meines virtuellen Kunstworkshops der letzten Woche gibt einen Eindruck davon, wie ein kreativer Prozess bei mir abläuft. Dies kann euch vielleicht animieren, es ähnlich zu versuchen oder aber eure kreativen Techniken mit meiner zu vergleichen.

Konkret habe ich ausgehend von einem zufällig ausgelosten Begriffes des Deutschen Wörterbuches von Jacob und Wilhelm Grimm in einem durchaus als tranceartig-schamanistisch zu beschreibenden Zustand Kornähren gemalt, die sich immer mehr zur Rune Othala verformten. Die Deutung dieser Rune habe ich dann erneut mit dem Begriff des Wörterbuches verknüpft, was wiederum neue Assoziationsketten freisetzte, die mich – was aber in der Video-Präsentation nicht eingearbeitet ist – letztendlich bis zu den Walküren, den germanischen Totendämonen, führten.

Mittels dieses spielerischen Prozesses kreiere ich, indem ich Kontexte verschiebe und das Bewusstseinsfeld der Synchonitäten für mich nutze, individuelle Mythologien, die aber durchaus das Kraftfeld tradierter Mythen berühren und mit ihnen wiederum in Dialog treten. Dies schafft einen rational-intuitiven Wachstumsprozess (Xeper!), kann aber auch – das ist quasi der doppelseitige Nutzen – das angesprochene Kraftfeld im objektiven Universum mäandernd-ausweitend befördern.

Und wie sieht es bei denjenigen aus, die ein solchermaßen initiiertes Kunstprodukt konsumieren – vielleicht sogar unwissend? Wird der Betrachter durch seine Rezeptionen und Interpretationen nicht auch in das Kraftfeld befördert, geht in das Gespräch damit und wird so selbst zum Teil des Stromes des Werdens? Und wenn er dies nicht ignoriert oder negiert, kann es ihn dann nicht auch befördern, sein Selbst beständig zu transformieren? Ist nicht genau dies die heilende Wirkung von Kunst, die sich als erweiterter “Aura” -Begriff beschreiben lässt?

Zum Nachlesen: Vorstellung der Projektidee
Weitere Erklärungen zum Konzept der Individuellen Mythologien finden sich hier.

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