Die Angst-Gesellschaft

everything130620151742

Naphta in Thomas Manns „Der Zauberberg“:

»Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, sich der schlotternden Furcht vor dem Begriff ›Reaktion‹ zu entschlagen.“

Das Gefühl der Angst lässt uns im Status Quo verharren. Angst wird gefördert, von denjenigen, die ein Interesse daran haben, dass sich das System selbst erhält. Und so werden denn Blockwarte instruiert, um zu bespitzeln und Buch zu führen über die vermeintlichen Missetaten der Delinquentin. „Sie stehen unter Beobachtung!“ Wir stehen alle unter Beobachtung.

Und so will ich euch denn eine Geschichte erzählen, von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen. Naiv wie sie war, schrieb sie einen langen Text, in dem sie ihr Unbehagen über das System, indem sie zu agieren genötigt war, zum Ausdruck brachte. Den veröffentlichte sie nicht, was ein Leichtes gewesen her, sondern übergab sie den in der Rangordnung über ihr Gestellten, mit der unschuldigen Intention, dass nun gemeinsam nach Lösungen für diese schier unhaltbaren Zustände gesucht werden sollte. Schließlich fühlte sie sich diesem  zur Loyalität verpflichtet. Doch, oh Schreck! Statt konstruktive Gespräche begann nun eine großangelegte Einschüchterungs- und Angst-Maschinerie gegen sie zu arbeiten und die Protagonistin unserer kleinen Geschichte wurde vor lauter Furcht ganz krank. Es dauerte seine Zeit und sehr viel innere Immigration, bis sie sich in ihre Situation gefügt hatte. Doch Frieden war es nicht. Immer wieder gab es von wechselnden Erfüllungsgehilfen ausgeübte Attacken gegen sie, sodass fast der nachhaltige Eindruck entstehen konnte, dass man sie loswerden wolle. Die NLP-gestählerten Gegner beriefen sich dabei – charmant lächelt – auf ihre „Pflicht“ und säuselten mit falscher Stimme, dass sie ja nur ihr Bestes im Sinne hätten und sie doch offensichtlich für die von ihr ausgeübte Tätigkeit nicht mehr geeignet wäre. Und um das zu beweisen, konstruierten sie in ihrer scheinbaren All-Macht Beweismittel, indem sie kleine Provokateure und Nervensägen instrumentalisierten, und sprachen schließlich die Drohung aus, sie gar schrecklich bestrafen zu wollen.

Es folgte eine Disziplinierung.

ENDE

Nun reibe ich mir – sozusagen im Nachgang –  verwundert die Augen  frage mich zum wiederholten Male, warum das System solche übermäßige Angst vor konstruktiver Kritik haben muss, sodass es anscheinend zu Mitteln greifen muss, die jenseits eines menschlichen Wertekanons liegen müssen?  Ich frage mich auch, warum Menschen soweit verrohen, als dass sie sich zum Denunzianten, Blockwart und Verleugner degenerieren lassen können? Oder bin ich gar, wenn ich Kant seinen kategorischen Imperativ hochhalte, hoffnungslos antiquiert und in meinem Denken nicht mehr zeitgemäß –  in den neuen Zeiten?

Und so folge ich denn Hans Castorp:

Hoch oben, über den Wolken,  auf dem Zauberberg, kann der Krieg nun vorüberziehen, während ich mich der Humanität erinnere, die abhanden gekommen zu sein scheint.

Risikomanagement

Der Soziologe Niklas Luhmann konnte in den 50ziger Jahren noch  folgende Aussage treffen, die er vielleicht nicht ganz ernst gemeint hat:

„Ich finde es einfach ungerecht, dass man Vorgesetzte, die durch ihre Stellung ohnehin schon privilegiert sind, auch noch von der Forschung her stützt, mit Kursen über Menschenführung beglückt und mit entsprechenden Techniken ausrüstet, die von der Struktur her disprivilegierten Untergebenen dagegen ohne jede Hilfe lässt.“ Der neue Chef

Mittlerweile sind die scheinbaren „Führungskompetenzen“, wie der Kurs zur Menschenführung  neusprachlich überschrieben ist, durchgesickert von der obersten zur untersten Hierarchie-Ebene. Jetzt werden auch die im luhmannschen Sinne Unterprivilegierten in Methoden und Skills ausgebildet, die es ihnen ermöglicht, die in der Hierarchie noch weiter unter ihnen stehenden zu manipulieren und zu domestizieren. Ganz neurolinguistisch eben!

Das neuzeitliche Lumpen-Prekariat ist von all den wirtschaftlich-pragmatischen Infusionen, die das eigene Leben pervertieren, nicht verschont geblieben. Und so arbeitet das Unterschichts-Coaching der Privatsender systemisch. Ziele werden ausgearbeitet  und auf eilig aufgestellten Whiteboards in der heimischen Wohnlandschaft visualisiert und referiert.  Die Frauenzeitschriften geben mittlerweile Tipps zur manipulativen Führung von Beziehungen, derweil die Männer sich durch zweifelhafte „Pickup“-Ratgeber „im Frauen rumkriegen“ schulen lassen.

Herausgekommen ist dabei eine zombifizierte Gesellschaft, die Aggressionen und Ängste  als persönliche Schwäche abwertet,  sie „in Watte packt“ und PROZESSMANAGEMENT betreibt, wo jemand durch die Unwegbarkeiten des Lebens  in Mitleidenschaft gezogen wird. Das wirtschaftliche Denken hat  jeden Bereich unseres Lebens übernommen. Manipulationstechniken, die irgendwann einmal für Führungskräfte erdacht worden sind, die auf diese Art und Weise „ihr Personal“ zu maximaler Leistung anspornen sollten, haben sich mittlerweile in jeglichen „sozialen Kommunikationsprozessen“ durchgesetzt – so unbewusst und perfide, dass die meisten Menschen, dies sogar abstreiten würden!  „Ich doch nicht!“, rufen sie entrüstet aus.

In solch einer pervertierten Gemeinschaft von Arbeitnehmern und Konsumenten, Leistungsempfängern und Leistungsgebern, Sklavenhaltern und Sklaven, Sklaven und Sklaven wird jeder zwangsweise Teilnehmende in seinen vielfältigen Interaktionen zuerst seinen eigenen Nutzen berechnen und sich fragen: „Lohnt sich das für mich?“ Wenn er dann feststellen muss, dass es sich eben nicht lohnt, wird er entweder von diesen Mitmenschen Abstand nehmen oder diesen insofern zu manipulieren versuchen, als dass sich ein monetärer  oder machterzeugender Nutzen für ihn ergeben wird. Letztendlich quetschen wir uns so gegenseitig wie Zitronen aus, um uns dann der unerfreulichen Überreste zu entledigen, bis wir irgendwann selbst diesen zweifelhaften System zum Opfer fallen werden.

Wenn dies geschehen ist, vielleicht in einer Position als „Sklave“, für den das Bossing und Mobbing existenzbedrohliche Dimensionen angenommen hat, dann kann man sich an die Burnout-Beratung wenden. Diese empfiehlt dann – ganz der kapitalistischen Logik  folgend – RISIKOMANAGEMENT!

Ich selbst würde jedoch dringend anraten, das luftabschnürende Korsett der singulär wirtschaftlichen Bezugnahme in Frage zu stellen und das Geld, was im Zentrum unseres Lebens zu stehen scheint, zu entsakralisieren.

  • Vielleicht bietet die Familie (oder selbst gewählte Lebensgemeinschaften), sofern sie noch funktioniert und sich von den heutigen Verwerfungen distanzieren können,  eine letzte Enklave in der globalisiert-optimierten Welt. Ein Hinweis darauf, dass meine Überlegung richtig zu sein scheint und hier eine Bedrohung für die zombifizierte Gesellschaft besteht, sehe ich in der zunehmenden Verstaatlichung der Kindererziehung, die die Familie und den Zusammenhalt, der dort eventuell entstehen mag, schwächt, selbstverständlich um vordergründig die Bürger zu fördern, in Wirklichkeit sie aber zu flexiblen Lohnsklaven des Kapitals und/oder bloßen Konsumenten zu machen.
  • Auch sollten wir uns wieder alternativen Lebensmodellen zuwenden, wie sie in den 70iger Jahren erdacht, mittlerweile aber zu Geschäftsmodellen pervertiert worden sind. Es kann nicht sein, dass der Trend zur Selbstversorgung und Eigenproduktion dazu führt, sich für teures Geld erst ein entsprechendes Equipment inkl. Pachtgarten, der nur mit Auto erreichbar ist, zulegen zu müssen. Naturerfahrung braucht kein buchbares Gesamtpaket,  Ernährung keinen vegane Hype mit teuren Tofu-Würstchen und Soja-Milch.   Spiritualität lässt sich auch ohne Seminar beim Indianer ihres Vertrauens erleben. Hier die ehemals interessanten Ideen wieder vom Kommerz zu befreien und zu den Wurzeln zurückzukehren, ungeachtet dessen, dass das,  was dabei erneut ins Dasein gelangt  und von uns nun weitergedacht werden kann, nicht dem  aalglatten Perfektionsanspruch der Stock-Fotografie entspricht, dafür aber individuell und eigen ist.
  • Die Rückbesinnung auf die Nation und die eigene Identität, ohne dabei in Intoleranz zu verfallen, scheint mir die beste Gewähr gegen eine austauschbare Welt von Konsum-Sklaven zu sein. Ungezügelte Einwanderung, gerade von –  zur einheimischen Bevölkerung aus gesehenen –  kulturell und religiös stark differenzierenden Bevölkerungsgruppen,  ist abzulehnen, überfordert sie nämlich schnell die Stabilität des Bestehenden und fördert so das Entstehen von Parallelkulturen, die sich gegenseitig bekämpfen und so die Finanzeliten stärken, in dem die Kräfte der Menschen im alltäglichen „Kampf der Kulturen“ aufgebraucht werden, anstatt sich der größeren Zusammenhänge bewusst zu werden und sich ggf. diese zu kritisieren.
  • Religion ist Privatsache. Eine staatliche Förderung und Einflussnahme ist abzulehnen.
  • Großen Zentralverwaltungen, wie der EU in Brüssel, sollten wir genauso misstrauen wie Bildungs- und Gesundheitsfabriken. Letztendlich trachten solche Systeme, einmal entfacht, immer nur dazu, sich selbst zu erhalten. Sie festigen sich dabei selbst beständig, auch wenn jeder der dortigen Mitarbeiter schon eingesehen hat, dass die eingeschlagene Richtung mindestens in eine Sackgasse, schlimmstenfalls in einem Crash münden wird. Im Zuge der Digitalisierung von Arbeitsabläufen ist die Gefahr groß, dass hier die Maschinen Prozesse übernehmen, die von Menschen nur noch schwer gestoppt werden können! (Um den letzten Punkt nachzuvollziehen, empfehle ich das Anhören des Beitrags  „Zukunftsfähig. Arbeit im digitalen Zeitalter“ vom 16.02.2016 im Philosophischen Radio. Der Podcast dazu ist hier zu finden.)
  • Misstraue dem Kollektiv  (auch dem eigenen!) und stelle es immer wieder in Frage! So verhindern wir, ausgehend vielleicht von einer gut gemeinten Idee, eine totalitäre Meinungsdiktatur zu befördern! Wie dies geschehen kann, können wir nur allzu einprägsam an der Partei der Grünen sehen, die sich mittlerweile zur schlechten Karikatur ihrer selbst entwickelt hat!
  • Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte den Menschen die Existenznot nehmen, denen sie in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung ausgesetzt sind. Mindestens  50% der Berufsbilder, die wir jetzt noch kennen, werden in den nächsten Jahren wegfallen. Ich selbst gehe sogar von höheren Zahlen aus. Daraus resultierende Verteilungskämpfe um prekäre Beschäftigungsverhältnisse könnten durch ein bedingungsloses Grundeinkommen verhindert werden. Die Arbeitsgesellschaft gehört der Vergangenheit an!
  • Volksabstimmungen könnten verhindern, dass die Politik ihre Bodenhaftigkeit verliert und nur noch den Lobbyisten zuarbeitet, anstatt den Bürgern verpflichtet zu sein.
  • Die Medien, die zur manipulativen Propaganda und zur Dauerwerbung, verkommen sind, sollten wir nicht mehr unterstützen und stattdessen auf alternative Quellen der Information, wie soziale Netzwerke, Blogs (sofern sie nicht nur Promoting-Werkzeuge sind) und persönliche Kontakte ausweichen. Unsere Meinung sollten wir auf die Straße tragen und uns über eventuell bestehende Maulkörbe im Zuge der „politischen Korrektheit“ hinwegsetzen. Wir brauchen wieder Diskussionen und Diskurse, die ausgetragen werden können, ohne dass man dabei um seine Existenz fürchten muss! 

P1000146

Risikomanagement. Mixed Media, 40 x 29 cm. Februar 2016.

Die Vorskizze ist im Landesmuseum Hannover entstanden, inspiriert von den Gemälden  „Jacob Jordaens, Die Heilige Familie mit Elisabeth, Johannes und Zacharias“ und Frans Snyders „Das Stillleben beim Wildhändler“. Der Titelgebung ist von Überlegungen und Erfahrungen beeinflusst, die im oben stehenden Artikel angeführt werden.

Angemessene Aggressionen

020420112124 (Nicht-Orte, 2015)

Die Moderatorin von WDR 5 im „Tischgespräch“  vom 23.12. ist erstaunt darüber, dass ihr Gast Hans-Joachim Maaz, der doch ein Institut für Beziehungskultur gegründet hat, Integration in dem Maße, wie sie uns momentan von Merkel & Co. zugemutet wird, für nicht möglich hält. Er spricht sich für Flüchtlingslager in den Herkunftsländern/Nachbarländern aus und verunsichert die Moderatorin dadurch, dass er davor warnt, dass die jetzige Gesellschaft in Parallelgesellschaften und Konflikten mündet. Er rät dazu, Aggression zu zeigen, da wo sie angemessen ist, um zu verhindern, dass die jetzigen gesellschaftlichen Verwerfungen in Gewalt umschlagen. Dies meint: Eigene Positionen vertreten, „Nein“ zu sagen, sich zu distanzieren…. letztendlich das Gegenteil von dem, was sich nicht nur in  politischen, sondern auch  in beruflichen und semi-privaten Umfeldern  gegenwärtig erleben lässt.

Was passiert aber mit einem selbst, wenn man eben genau dies getan, nämlich „Nein“ gesagt hätte?  Wenn andere billigste Manipulationen in Gesprächen anwenden (Ich nenne dies  „NLP für Dummies“) würden,  die sie wahrscheinlich in einer zweifelhaften Führungs-Fortbildung vermittelt bekommen hätten und die sie nun  – noch dazu dümmlich – rezipieren würden und die man, aufgrund von Hierarchieebenen zwar durchschauen, trotzdem aber lächelnd ertragen müsste, um sich dann doch von alldem innerlich zu distanzieren? Was würde man machen – mal ganz und gar fiktional angenommen – , wenn  von  den anderen Tatsachen gesetzt werden würden, die man schon aufgrund der eigenen Ethik und der eigenen Intelligenz ablehnen müsste, einfach deshalb, weil man den größeren Kontext und nicht nur den beschränkten Referenzrahmen sehen würde? Würde man dann nicht fast automatisch  in die Rolle der Rebellin gedrängt werden,  ohne dies jemals zuvor bewusst intendiert zu haben, einfach deshalb,  weil man noch die Moral hätte, die die anderen wohl niemals  besaßen? Und wenn man dann schlussendlich mit bösartigsten Mobbing-Attacken konfrontiert wäre, wie sie ja heutzutage an der Tagesordnung sind und wie sie gegen jeden erbarmungslos zur Anwendung kommen, der irgendwie „anders“ ist, weil man durch sein bloßes Sosein  das scheinheilige „inklusive“ Konsens-System gefährdet hätte, würde sich dann nicht die schlussendliche  Frage stellen, was dies, unabhängig vom Ausgang des Geschehens, mit der eigenen Persönlichkeit machen würde?

Erst einmal wäre man dann sicherlich gleichermaßen zum Rebellen wie auch zum Opfer geworden, dass nun – vielleicht auch mit Hilfe von Rechtsanwälten – gezwungen wäre, sich zu rechtfertigen, wo eigentlich die anderen Schuld auf sich geladen hätten. Darüber hinaus hätte man sicherlich sämtliche Naivität in Bezug auf die Bösartigkeit des Kollektivs ein für allemal verloren.  Man hätte, um hier einmal den Film „Matrix“ zu referieren, die rote Pille genommen und nichts wäre wieder so wie zuvor. Systemimmanente  und faschistoide Vorgänge, die abliefen, würde man nun klar und deutlich als solche erkennen und letztendlich vor der schwerwiegenden Frage gestellt werden, eben die gleichen unlauteren  Mittel wie die Gegner  anzuwenden, um endlich in Ruhe gelassen zu werden und das Falsche nicht weiter  zu stärken oder aber zu entscheiden, dass dieses Niveau, was man eben erlebte, so abgrundtief in stinkendem Unrat und Fäkalien beheimatet wäre, als dass man sich auf diese Ebene der mitmenschlichen Kommunikation niemals begeben könne, wenn man denn auch in Zukunft sein eigenes Spiegelbild betrachten möchte. Das ist der Scheideweg, wo das Opfer zum Täter oder zur Walküre werden kann.  Die Natter hat einen gebissen. Ob das Gift wirkt und wie es wirkt,  entscheidet man selbst. Vorerst bleibt nur der Waldgang, wie uns Ernst Jünger empfiehlt.

Zur Vertiefung, lies auch hier: Stressauflösung

Unkalkulierbarkeit als neue Tugend oder Wege aus der Mobbinggesellschaft

Jetzt hat mich letztens  jemand als „unkalkulierbar“ bezeichnet.

Für mich war klar, dass damit meine Person abgewertet werden sollte, was mich im ersten Moment schwer verletzt hat. Gerade deshalb machte ich mir in der Folgezeit so meine Gedanken, ob die Aussage auch in meiner Einschätzung negativ oder doch eher positiv sein könnte. Ich kam dabei zu interessanten Ergebnissen, die ich hier gerne teilen möchte.

Am Anfang meiner Überlegungen steht ein Satz, den ich im philosophischen Radio hörte. Er  besagt, dass je genauer wir etwas vermessen, umso mehr  die Unterschiede hervortreten.

Wenn ich also in der Arbeitswelt ständigen Evaluationen unterworfen werde, fördert das die Qualität nur insofern, als dass sie alle Mitarbeiter an einer äußeren Schablone misst, deren Kriterien meist noch nicht einmal kommuniziert, geschweige denn selbst bestimmt werden. Man könnte hier auch von Gleichmacherei, Maschinisierung, Entmenschlichung, Zombifizierung sprechen. Der Untergang des Abendlandes naht, wie Herr Spengler schon im Jahre 1920 richtig erkannt hat.

Wer in die Schablone passt oder sich passend macht, darf friedlich weiter seine Tätigkeit verrichten. Die Handlung an sich aber, dass hier nämlich  überhaupt eine Schablone an die Arbeits-Sklaven angelegt wird, führt dazu, – oh Schreck – dass einige Mitarbeiter als nicht regelkonform und somit für das zweifelhafte System als störend eingestuft werden. Dank der Schablone fällt das nun auch den dumpfesten Persönlichkeiten richtig auf; deshalb muss nun – wie ja schon eine volkstümliche Spruchweisheit verkündet – , was nicht passt, passend gemacht werden.

Regeln werden aufgestellt, die nun streng überwacht werden. Die Meute kann losgelassen und die Hetze kann beginnen, indem andere – besser genormte Mitarbeiter – auf das „schwarze Schafe“ angesetzt und/oder konstruierte Sachverhalte instrumentalisiert werden. Der Einfachheit halber ist das Mobbing-Opfer nur eine Person, da nur so gemeinschaftliche Solidarität gegen die nächste Stufe der Hierarchie-Pyramide verhindert werden kann. Der Sündenbock trägt nun die alleinige Schuld für das schlechte Abschneiden im Evaluations-Ranking, die mangelnde Auslastung, die Kritik im Netz, … usw. Probleme werden individualisiert und die Kollegen atmen freudig auf, dass ihre zeitweilige und geheime Regel-Unkonformität nicht aufgedeckt wird und freuen sich darüber, dass nicht sie an den Pranger gestellt werden, sondern jemand anderes.

Es folgen zweifelhafte Disziplinierungen, vielleicht auch die Entfernung aus der Gemeinschaft der Befehlsempfänger. Die Existenzsicherung wird angegriffen; die Gesundheit mit psychischem Druck zerstört.

In anderen Parallel-Kulturen werden Hühner geopfert, um die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Sind wir davon so weit entfernt?

Ich denke nicht. In unserer posthumanen Gesellschaft ist nur der ein guter Mitarbeiter, der – im Sinne der Herrschaftsausübung – kalkulierbar für eine Gesellschaft ist, die schon längst keine Gemeinschaft mehr ist, sondern nur noch die Interessenvertretung einer Elite darstellt, die ihre Macht  nur  mit Hilfe all der Büttel des Systems, die – während sie ihr merkwürdiges Tageswerk verrichten – noch davon ausgehen, dass sie dem „Guten“ dienen, letztendlich ihre Seele aber schon der Bewusstlosigkeit geopfert haben, aufrechterhalten kann.

Umso mehr sich das Gesellschaftsgefüge im Neofeudalismus auflöst, umso mehr muss im kleinen System, also beispielsweise im Arbeitsumfeld des Krankenhauses, des Finanzamtes, des Wirtschaftskonzerns  oder was weiß ich, institutioneller Druck aufgebaut werden, einfach um zu verhindern, dass die Zeichen des Zusammenbruches, die sich im Außen schon deutlich zeigen, nicht nach Innen auswirken. Die Methoden des Wirtschaftsliberalismus im Konglomerat mit einer anscheinend ungebrochenen deutschen Tradition, die vom Soldatenkaiser bis zur Gegenwart führt, und die die zweifelhafte Tugenden des Obrigkeits-Glaubens, des Wegschauens, Weghörens und des Mund Haltens befördert, soll das Herrschaftssystem fest in Beton gießen. Hinzu kommt eine Medien-Propaganda-Maschinerie, die das Bewusstsein der Menschen mit Kalendersprüchen verflacht. Umso dümmer die Bevölkerung, umso mehr Nutzen ziehen die Eliten daraus.

Mit all den aufgezeigten Methoden, das ist die Hoffnung, soll das System am Laufen erhalten bleiben. Die Gefahr ist allerdings groß, dass deren einzelne Mitglieder dabei schwermütig werden, was dann erst einmal einen erbarmungslosen Austausch von schwächelnden Mitarbeitern durch neue, die den Druck noch verkraften können, rechtfertigen wird. So braucht es dann kurzfristig u.a. einen unkontrollierten Bevölkerungsschub aus der ganzen Welt, der die Erwerbssuchenden, Erwerbslosen und „Drückeberger“ – wie sie ja auch medienwirksam genannt werden – dazu bringen wird, immer prekärere Lebensumstände zu tolerieren. Zusätzlich werden die Menschen durch vielfältige und  künstlich  ins Haus geholte  Kultur-, Religions- und Existenzkonflikte vom Nachdenken abgehalten.

Das hier aufgezeigte ist mittlerweile  bundesdeutsche Gegenwart, die allerdings – meiner Einschätzung nach – nicht von einem „Superhirn“ geplant wurde, sondern – im Gegenteil –  eher einer unbewussten Konsens-Politik geschuldet ist.

Ich komme jetzt zum Blick in die Zukunft.

Die Halbwertzeit, um mal einen passenden Begriff aus der Ökonomie für Sachwerte zu benutzen, indes wird – das ist meine Prophezeiung – bei der kommenden Generation von Arbeitssklaven geringer ausfallen, als bei der jetzigen. Bei einer gleichzeitigen weiter zunehmenden Robotisierung der Arbeitswelt ist hier Nachhaltigkeit jedoch nicht mehr nötig, auch wenn die Mitarbeiter des Gesundheits“management“ das Gegenteil behaupten mögen. Die unverfälschte Wahrheit ist aber, dass das System nur so lange am Leben erhalten bleiben muss, bis der technische Fortschritt so weit gediehen ist, dass intelligente Maschinen die meisten Arbeitsabläufe fast vollständig übernehmen können. Das wird – so meine Einschätzung – bei gleichbleibender technischer Entwicklung spätestens in zwanzig Jahren der Fall sein.

Die Maschinen, einmal programmiert, werden das Bestehende zementieren, indem sie die Notwendigkeit einer Kontrolle obsolet machen, indem sie offensichtlich und für jeden einsehbar „richtige“ Arbeits-Ergebnisse liefern. Der Weg dorthin ist indes nicht mehr überprüfbar, wer will schon eine rationale Beweisführung mit millionenfachem Daten-Output verifizieren können? Das gelingt niemanden,  weswegen uns eingeredet werden wird, dass wir den Maschinen  ganz einfach (sic!)  vertrauen müssen. In dieser Phase der Auflösung (von Entwicklung will ich hier nicht mehr sprechen, schließlich enthält dieses Wort im allgemeinen Sprachgebrauch implizit immer auch die Hoffnung auf einem positiven Fortschritt) werden die ehemaligen Arbeits-Sklaven bestenfalls noch als Unterhalter und Konsumenten benötigt, wenn überhaupt.

Ich denke an dieser Stelle lieber nicht weiter und verweise auf die zahlreichen Science Fiction-Produktionen in den Kinos, die uns auf weitergehende Szenarien vorbereiten.

Wenn wir indes all das hier Aufgezeigte nicht wollen, brauchen wir  die Tugend der Unkalkulierbarkeit, die offensichtlich gefürchtet wird. Wir müssen das Dogma der Rationalität hinterfragen und darüber nachdenken, was wir von vergangenen Zeitaltern lernen können, die sich in der Gegenwart nicht in der Form durchgesetzt haben, wie die Aufklärung und ihr alleiniger Gott – die Ratio. Brauchen wir also beispielsweise eine neue Romantik? Ich meine ja.

 

Hört auch hier:

Wolfgang Buschlinger – Das philosophische Radio

Sinngemäß  wird hier  gesagt, dass das Funktionieren  idealisiert und derjenige, der vermeintlich reguliert werden muss,  als „geisteskrank“ stigmatisiert wird: Wolfgang-Schmidbauer-Redezeit

 

Die blaue Blume der Romantik:

250520151638