Neue Romantik

Der “Welt am Sonntag” war die Forderung nach einer neuen Romantik durchaus heute eine Titelseite wert. Wiederholt habe ich dies hier ja auch schon im Blog postuliert, doch leider ist das, was da plakativ mit Gemälden von Caspar David Friedrich und modernen Adaptionen in der Zeitung referiert wird, nicht das, was ich selbst dabei im Sinne hatte.

Und so wird dann von einem Robert Macfarlane (Muss ich den kennen?) berichtet, der sich auf der Suche nach den “blinden Flecken” der Natur aufmacht, die Google Maps angeblich nicht aufzeigen soll. Der “Megatrend Natur” wird beschworen, der sich in der Vorliebe einer großstädtischen Hipster Szene für Biosupermärkte und dem Erfolg der Zeitschrift “Landlust” zeigen soll. Der Bestseller Rang des Buches “Das geheime Leben der Bäume” und das herbeigeredete Comeback der Schrebergärten soll als Indiz für ein “Enlivenment” herhalten, was nichts anderes bedeuten soll, als die Verlebendigung in der Natur, was meint, dass sich der Sklave des Maschinenzeitalters in der Natur lebendig fühlen darf, wo er sonst nur zu funktionieren hat.

Das, was hier beschrieben wird, ist Eskapismus und Kitsch, ein neues Lifestyle-Segment, das sich zwischen Yogakurs, Achtsamkeitstraining und Burnout-Klinik einreihen kann, mit all den Skills und Methoden, die ein “Human Enhancement” befördert, dass dem zunehmenden Staccato am Arbeitsplatz und in den urbanen Zombie-Wüsten erträglich machen soll und sich dabei selbst einreiht in den kapitalistischen Wirtschaftskreislauf des ewigen Wachstums, anstatt zu kritisieren und zu torpedieren.

Romantik ist das nicht, sondern pure Ablenkung, was auch den Autoren Wieland Freund und Richard Kämmerling zum Schluss des Artikels bewusst zu werden scheint, schließlich schreiben sie:

In einem jedoch unterscheiden sich die neuen Romantiker von den alten. Unter den Bedingungen des Anthropozäns, des Zeitalters der nicht länger bestreitbaren Herrschaft des Menschen über die Natur, suchen sie draußen nicht mehr sich selbst, sondern das Andere, die fremde, die ungleichförmige Erfahrung, vielleicht auch den Urlaub vom Ich.”

Das Anthropozän soll, wie ein Herr Weber im Interview verkündet, unser gegenwärtiges Zeitalter beschreiben, in dem der Dualismus Natur versus Kultur nicht mehr funktionieren soll und so heißt es dann:

“Alles Natürliche ist immer schon kulturell verstanden. Und gleichzeitig hat alles Kulturelle eine wilde Seite”

, eine Einsicht, die nicht wirklich neu ist und die erst in den letzten Jahrzehnten verleugnet wurde, in dem das Dogma der Wirtschaftlichkeit und des sezierenden Umgangs mit wissenschaftlichen Betrachtungen über eine Sichtweise gestellt wurde, die die Selbsterkenntnis und die Öffnung für mythologisch-spirituell-ästhetische Welten bei der Erfassung des Objektiven den Vorrang gab.

Doch warum, so frage ich mich, wird im Titelthema der Zeitung am falschen Begriff der “Romantik” festgehalten, wenn doch hier hauptsächlich nur tumber Eskapismus gemeint ist, der wiederum genau das unterstützt, was zur Alltagsflucht animiert hat? Der wirkliche Romantiker nämlich verachtet die Welt der Philister, der Spießer, Krämer und Ja-Sager und stellt ihnen das Wundersame und Bizarre entgegen. Er wird sich ihnen nicht zum Knecht machen.

Eine echte neue Romantik muss genau da anknüpfen, wo die alte aufgehört hat, gesellschaftlich wahrnehmbar zu sein und dabei in den parallelen Untergrund der Anthroposophen, Ästhetiker und Schöngeister abgetaucht ist. Doch dies birgt die Gefahr sich in den Innenwelten zu verlieren, ganz so, wie in den Tiefen des Rheins, wohin die Loreley die Fischer gelockt haben soll. Wer diesen süßen Sog aber widersteht, der kann die blaue Blume finden und mit Ironie die Welt der Krämer und Lakaien auf dem Kopf stellen. Meister Floh wird ihm den Weg weisen. Wirtschaftlich verwertbar ist dies alles jedoch nicht, sondern letztendlich eine Gefahr für das betonierte System der globalisierten Finanzlobbyisten, weswegen ein großes Medienimperium dafür wohl niemals Werbung machen wird.

Doch zurück zur Natur: Die ist in der echten Romantik niemals Fluchtpunkt, sondern immer ein Spiegel des eigenen Selbst, was es bewusst zu erkennen gilt. Innerer Vorgänge werden dabei in eine ästhetisch und phantastisch verwandelte Form transzendiert und öffnen den Raum für das Numinose. Es wird mythologisch gewandert. Es werden individuelle Mythologien erschaffen und die nüchterne Alltagswelt des Maschinenmenschens, der all das Wunderbare weder erkennen noch kreieren kann, wird zutiefst verachtet.

„mit goldenem Schlüssel die Kammern unseres Geistes eröffnen, und uns die Schätze zeigen, die wir selbst noch nicht kannten. So entsteht ein (…) wohltuender Umgang mit uns selbst.“ (Ludwieg Tieck in Franz Sternbalds Wanderung, zitiert nach: Thalmann, Hrsg., Bd. 1, München o. J., S.865 f.)

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KULTurWEGE … kunstWEGE … KUNSTmagie und KULTplatzentdeckungen

Risikomanagement, Detail
Risikomanagement, Detail, unfertig

Bildende Kunst ist quasi eine Landschaft auf Leinwand; eine Installation ist eine imaginäre Landschaft, die in dem objektiven Raum gesetzt wird; eine Performance bespielt die Landschaft und stellt dadurch eine Öffnung zu magischen Raumerfahrungen her.

Wandern kann eine Art von persönlicher Performance sein, in der wir unseren eigenen mythologischen Mustern folgen oder uns – auch das ist legitim – von den historisch-mythologischen Bedeutungen von Landschaften inspirieren lassen.

“Der Mensch bewegt sich, um ein Bedürfnis zu befriedigen. Mit seiner Bewegung zielt er auf etwas hin, das für ihn von Bedeutung ist. Das Ziel seiner Bewegung ist leicht zu erkennen, wenn diese sich auf ein konkretes Objekt richtet; es können aber auch immaterielle Dinge sein, die eine Bewegung auslösen.” (Laban, Rudolf von: Die Kunst der Bewegung. Wilhelmshaven 2003, S. 9)

Ich werde Kultplatz-Finderin und greife als solche auf archäologisches und geschichtliches Wissen zu, bediene mich aber auch volkstümlich-literarischer Überlieferungen, historischen Wunschdenkens (z.B. das Matriarchat!) oder spiele gänzlich mit subjektiv-künstlerischen Systemen, die ich auf die Landschaft – zu deren und meiner Freude – projiziere. Dadurch erschaffe ich intuitiv ein Resonanzfeld, in das sich nicht nur der Geist des Ortes manifestieren kann, sondern das auch das magische Wachstum und Gewahrsein einzelner Individuen, die sich an dieser Arbeit beteiligen möchten, begünstigt. Die blaue Blume öffnet den Berg.

Wenn du dabei sein möchtest, nimm bitte Kontakt mit mir auf. Weitere Infos: hier.

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Die Seele erwandern und in den Wäldern baden …

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Meine Eltern hatten in den 70er Jahren eine Wald-Fototapete im Schlafzimmer, was ich sehr beruhigend fand. Da ich mich in meinen Teenager-Jahren aber mehr von exotischen Stränden angezogen fühlte, als von heimischen Wäldern, beschloss ich mir später zwar  auch das Wohnzimmer mit einer Fototapete zu dekorieren, jedoch sollte es nicht der deutsche Wald, sondern vielmehr der Meeresstrand unter tropischer Sonne sein: Es kam weder zum einen, noch zum anderen.  Die praktische Raufaser in weißer Farbe wurde von mir in den Folgejahren vorgezogen, derweil ich die Exotik der fernen Strände auch in der Realität kennen lernen und dabei feststellen durfte, dass die imaginären Vorstellungen meiner Jugend angenehmer waren, als die schnöden Realitäten. Und  so, um einige Erfahrungen reicher,  besann ich mich wieder auf das Eigene, nämlich dem deutschen Wald, der romantisch überhöht  in der deutschen Seele schlummert und beständig darauf wartet, wieder neu entdeckt zu werden. Ich zumindest begann nun regelmäßig die heimischen Wälder zu besuchen und entwickelte dabei mein Konzept des mythologischen Wanderns.

Das  Tarot als eine divinatorische Technik  diente mir u.a. dabei als Inspirationsquelle. Das Tarot  kann uns zeigen, was im objektiven Universum  gerade anliegt und  was bei den Gegebenheiten, die uns momentan umgeben, die  Wahrscheinlichste zukünftige Möglichkeit darstellt. Wenn die Tarot-Karten uns jedoch mit Vorhersagen konfrontieren, die uns nicht behagen,  liegt die  Entscheidung immer bei uns, diese anzunehmen oder uns dagegen zu entscheiden und das, was wir so erschaut  haben, magisch zu verwandeln oder gar zurückzuweisen.

Ähnlich verhält es sich bei den Wanderungen. Der Wald und überhaupt die Natur  wird  zum begehbaren Orakel, das uns mit Bildern zu unseren eigenen Fragen und Anliegen versorgt. Wir reflektieren uns – kraft unseres Willens – in der Landschaft und entdecken so das eigene Unbekannte. In dem wir uns willentlich in der Landschaft spiegeln, entdecken wir unser Unbewusstes, was nichts anderes als die Möglichkeiten beschreibt, die wir in unserem Leben noch nicht verwirklicht haben. Wir  werden auf diese Art und Weise  dem, was danach ruft, materialisiert zu werden. bewusst.  In den Wäldern  begegnen wir Frau Holle, die eine märchenhafte Inkarnation von der Unterwelts-Göttin Hel darstellt, die wiederum für das Unbewusste steht. Wir verbinden uns mit ihr und mit dem, was unsere eigene Kultur- und Geschichte ausmacht und stellen fest, dass wir hier, in den deutschen Wäldern,  alles  tiefgründiger und für uns angemessener vorfinden,  als dass, was in der neumodischen Schamanen-Instant-Szene  als  exotische Spielereien verkauft wird und was von uns erst mühsam – und mit zweifelhaften Resultaten – in die eigene  kulturelle Matrix übersetzt werden muss.

Doch nach “Medicine Walks” and “Walking in your Shoes” steht schon der nächste exotische Trend  vor der Tür. In Japan, das las ich vor einigen Tagen, ist das Waldbaden, was dort Shinrin-yoku heißt, modern. Waldbaden dient  in der streng getakteten japanischen Gesellschaft dazu, Stress abzubauen. Darüber hinaus wird beim lustvollen Eintauchen in den lebendigen Organismus des Waldes kein weiteres Ziel oder gar eine Aufgabe verfolgt. Es ist vielmehr ein absichtsloses Fallenlassen in das Blätterrauschen und  ein achtsames Zulassen von dem, was Gegenwart ist.  Das erscheint mir nachvollziehbar, denn  schließlich fühle auch ich mich ruhiger und entspannter, wenn ich mich in der Natur aufhalte. Ich erkläre es mir so, dass die Pflanzen ebenso unsere negativen Gefühle in Wohlgefallen transformieren, wie sie auch giftiges Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln können, weshalb das Umarmen der Bäume auch keine schlechte Idee darstellt.

Die japanische Vorliebe für den Wald fußt – so meine Vermutung – wohl auf den schamanisch orientierten Shintoismus, der davon ausgeht, dass die Natur beseelt ist.  

Waldbaden ist jedoch kein mythologisches Wandern, sondern eher ein  “Fallenlassen” und  ein “Sich-Selbst-Vergessen” in die Natur des Waldes, wohingegen die von mir favorisierte Form der Naturbegehung ein absichtsvoller Vorgang ist, der uns mit dem vertraut macht, was wir noch nicht kennen und dessen Voraussetzung auch das Bewusstsein der Trennung von Mensch und Natur darstellt. Der Wald wird zur Projektionsfläche des Individuums.

Franz Sternbald wird mir dabei  zum Vorbild. Ludwig Tieck erzählt uns in seinem Roman  “Franz Sternbalds Wanderungen” wie der Protagonist die Relevanz der Außenwelt, die er durchwandert,  nur insofern wahrnimmt, als dass sie ihm bisher unerschlossene Gebiete seines Ichs offenbart. : “Das Ich bildet in diesem Roman den wahren Schauplatz der Geschehnisse, auf dem die Phänomene der empirischen Welt in ästhetisch verwandelter Form erscheinen. So ist die stimmungserfüllte Naturszenerie vorwiegend Seelenlandschaft, Projektion von Sternbalds jeweiliger Gemütslage. Über seine zahllosen Reiseeindrücke bemerkt der Protagonist, dass sie ‘mit goldenem Schlüssel die Kammern unseres Geistes eröffnen, und uns die Schätze zeigen, die wir selbst noch nicht kannten. So entsteht ein (…) wohltuender Umgang mit uns selbst.” (Mayer, Gerhart: Der deutsche Bildungsroman. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Stuttgart 1992, S. 33)

Wenn ich also wandere, dann entdecke ich unbekannte Seiten meines Selbst. Ich nähere mich dem, was mich ausmacht, jenseits der vielen Gesellschafts-Masken, die ich trage. Das kann zutiefst beglückend sein, wobei ein eingeschobenes Waldbad dies noch verstärken kann. Insofern nehme ich den japanischen Trend gerne auf (zumal ich das sowieso schon immer getan habe) und wechsle bewusstseinsmäßig zwischen Selbst-Auflösung und Antinomismus bei meinen Wanderungen hin und her. Chaosmagie eben!

Weiterlesen: Mythologisch Wandern. 1. Teil und Mythologisch Wandern. 2. Teil

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Über die Riesen!

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Kleine Vorbemerkung: Ein Essay aus dem Jahre 2012, was ich aus durchaus aktuellem Anlass hier erstmals veröffentliche. Nicht jeder wird es  indes verstehen. Wie heißt es so schön? Das Mysterium schützt sich selbst.

„Was bedeuten Riesen für dich?“, wurde ich unlängst gefragt. Wer sich jetzt wundern sollte, wieso mir solch merkwürdig-märchenhafte Fragen gestellt werden, dem sei gesagt, dass eine solche Fragestellung in manchen Kreisen eine durchaus legitime Diskussionsgrundlage darstellt, was für mich Grund genug sein soll, sich damit – auch an dieser Stelle – ausführlicher zu beschäftigen. „Und wer weiß“, sagte ich mir voller Hoffnung, „vielleicht würde ich dabei unverhofft die Lösung für mein „alltägliches Elend“ finden. Doch damit ging ich – wie sich noch zeigen wird – in die Irre und alles wurde noch komplizierter und herausfordernder, als es sowieso schon war.

„Was bedeuten Riesen für mich?“, fragte ich mich also wiederholt selbst und erinnerte mich dabei an die großen, hünenhaften Gestalten der Volksmärchen, deren Körpergröße im eigenartigen Widerspruch zu deren kleinem Verstand stand. „Leicht zu übertölpeln“, kam mir als Beschreibung für einen Umgang mit ihnen in den Sinn; ein konkretes Volksmärchen, mit dem ich all dies hätte untermalen können, fiel mir allerdings nicht ein.

Um diesen Erinnerungseindruck vom „dummen Riesen“ näher zu erforschen, schlug ich in der Edda nach und traf dort u.a. auf Wafthrudnir, einen Riesen, der von Odin inkognito besucht wird, einzig allein, um im Wettstreit die Frage zu klären, wer von den beiden Kontrahenten weiser sei. Wafthrudnir unterliegt zwar, doch Odins Sieg kommt nur mit Hilfe einer List zustande, ist also eher ein Pyrrhussieg. Odin stellt nämlich Wafthrudnir u.a. eine Frage, die nur er selbst beantworten kann. Er möchte von ihm wissen, was er Balder vor seinem Tod auf dem Scheiterhaufen ins Ohr geflüstert haben soll. Dies kann Wafthrudnir nun wirklich nicht wissen; er erkennt aber, dass er Odin vor sich hat, der ihm eine intellektuelle Falle stellt. So sagt er:

Nicht Einer weiß, was in der Urzeit du

Sagtest dem Sohn ins Ohr.

Den Tod auf dem Munde meldet ich

Schicksalsworte

Von der Asen Ausgang

Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden:

Du wirst immer der Weiseste sein.

(Simrock, Karl (Übersetzung): Die Edda. Stuttgart 1878)

„Wenn die Riesen aber doch so klug sind wie Wafthrudnir, dann macht es Sinn, ihr Reich zu besuchen“, sagte ich mir und machte mich auf – in einer schamanischen Reise – ihre Welt zu besuchen, von der ich nur wusste, dass sie Utgard heißt und eine der neun Welten ist.

Ein Flößer war mir behilflich, das Grenzgewässer zu überqueren. Auf der anderen Seite des Flusses erwartete mich eine kalte, gebirgige Welt, deren kahle Berge immer wieder von nur spärlich bewachsen Ebenen aufgelockert werden. Ich drang in diese Einöde nicht weit vor, zu kalt und abweisend kam mir diese Welt vor, in der sich alles – wie in einer zähflüssigen Masse – stark verlangsamt bewegen musste. So traf ich schon bald, an einen Felsen gelehnt, einen Riesen, der sich langsam und zögerlich vom felsigen Grund abhob. Ich stellte ihm eine persönliche Frage und erhielt als Antwort nur Schweigen. In dieser zeitverzögerten Welt ist alles Wollen und Streben vergebens. Stattdessen händigte mir der Koloss einen grauen, runden Stein aus, der symbolisch die Antwort auf meine Frage enthalten sollte. Gleichzeitig wusste ich, denn ich nahm – zeitgleich mit meinem eigenen – auch das Bewusstsein des Riesen wahr, dass er mir gegenüber vollkommen gleichgültig  eingestellt war und mir, die ich in seinen Augen so unendlich klein und unbedeutend war, jedes Geheimnis ganz offen verraten konnte, wohlwissend, dass dies für das Weltgeschehen vollkommen unbedeutend war. Was könnte ich, der ich nur ein Mensch bin, überhaupt bewegen? Nichts.

So kehrte ich zurück in meine Welt und der Stein verriet mir, dass er ein Zeichen für all die Kräfte ist, die sich einem in den Lebensweg stellen. An seiner runden Form erkannte ich, dass er eine Druse war, die, wenn sie denn vorsichtig aufgeschlagen werden würde, ihre ganze Schönheit und Pracht entfalten würde. Dies wiederum, soviel war mir klar, stand für die Kräfte des eigenen Selbst, die zur Entfaltung gebracht werden sollten, was aber – was nun ein wenig obskur ist – von den Riesen verhindert wird.

Um gerade Letzteres zu verstehen, müssen wir uns erneut an germanische Mythenwelten erinnern. Dort nämlich ist ein Riese, nämlich Ymir, das erste Lebewesen, aus dem die neun Welten entstehen. Diese Schöpfungsmythologie verweist auf indoeuropäische Wurzeln. Im vedischen Mythos gehen aus den Körperteilen des Riesen Purusha die verschiedenen Teile der Welt hervor. Die Edda dagegen berichtet von der Quelle Hvergelmir, die der Mitte Nebelheims entspringt, und aus der wiederum Wasserläufe hervorgehen, die in eine „gähnende Kluft“, genannt Ginungagap, münden. Dort, wo heute unsere Welt ist, trifft das Eis auf die Hitze und das Feuer Muspelheims. Aus dem geschmolzenen Eis entsteht schließlich der Riese Ymir, ein Zwitterwesen, von dem all die Reifriesen abstammen.

Als das Eis taut, entsteht daraus die Kuh Audhumla. Von den vier Milchströmen, die aus ihrem Euter rinnen, ernährt sich Ymir. Die Kuh wiederum erhält sich dadurch am Leben, dass sie die salzigen Eisblöcke (oder Steine) ableckt. Beim ersten Mal, als sie das tut, taucht aus den Steinen ein Mann auf, genannt Búri. Er hat einen Sohn, der Burr heißt. Snorri teilt nicht mit, ob er ihn mit einer Riesin zeugt, wie später Burr, oder ob er ihn, genauso wie Ymir, aus sich selbst heraus schöpft.

Ymir nämlich kann dies. Einer seiner Füße erschafft mit den anderen einen Sohn, von dem die Reifriesen abstammen. Die Tochter des Riesen Bölthorn, genannt Bestla, vermählt sich mit Burr. Ihre drei Söhne sind die ersten Götter, nämlich Odin, Wili und We. Diese töten den Riesen Ymir. In seinem Blut ertrinken alle Hrimthursen (Reifriesen), nur der Riese Bergelmir und sein Weib retten sich und zeugen ein neues Riesengeschlecht. Die Götter bilden aus dem Körper des Riesen Ymir die Welt. „Und längs den Seeküsten jenseits gaben sie den Riesengeschlechtern Wohnplätze, und nach innen rund um die Erde machten sie eine Burg wider die Anfälle der Riesen, und zu dieser Burg verwendeten sie die Augenbrauen Ymir, des Riesen, und nannten die Burg Midgard.“ (Gm 41/Die Burg Midgard ist nicht zu verwechseln mit Midgard, der Menschenwelt.)

Warum die Götter Odin, Vili und Vé Ymir erschlagen und aus seinem Körper die Welt erschaffen, darüber geben die Quellen keine Auskunft. Wenn wir diesen Mord aber in Zusammenhang mit 1 Mose 6,4 ziehen, wo von einer ersten Schöpfung die Rede ist, mit der der biblische Gott nicht zufrieden ist und die er deshalb zerstört, verweist der universale Zerstörungs-Mythos (von dem beispielsweise ja auch Platon in seinem Atlantis-Mythos berichtet) – ganz vorsichtig ausgedrückt – evtl. auf eine historische Tatsache, in der die Erde in den Zeiten einer nicht spezifizierbaren Urzeit von männlichen Göttern, wir können auch von Außerirdischen sprechen, kolonialisiert war, die sich mit Menschenfrauen vereinigten und so die Nephilim, riesenhafte Mischwesen, zeugten.

Dies korrespondiert letztendlich mit der protogermanischen Überlieferung, in der drei Götter den Urriesen töten. Im germanischen Kontext muss ich annehmen, dass die Riesen Außerirdische sind, welche die Energien aus sich selbst heraus erschufen, die wir als göttlich empfinden und für die wir unendlich viele Namen besitzen. Die Riesen mussten dann aber bemerken, dass sich diese Götter und Göttinnen gegen sie selbst wandten. Schließlich wurde nicht nur der Urriese umgebracht, die Götter schufen auch das erste Menschenpaar aus Bäumen und sie fungierten in der Folge als Verteidiger der Menschenwelt gegen die Riesen.

Im christlich-hebräischen Kontext muss ich, im Gegensatz dazu, davon ausgehen, dass die „Götter“ (und eben nicht die „Riesen“) ein Synonym für die Außerirdischen sind, die mit Menschenfrauen besagte Halbwesen, genannt Riesen, erschufen, diese dann aber, nachdem dadurch ihre Geheimnisse ausgeplaudert worden waren, vernichteten. In der Lutherbibel heißt es dann auch: „Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.“

Die Riesen verrieten den Menschen, wie uns die Apokryphen berichten, verbotenes Wissen und werden deshalb von den Göttern bis zum Ende der Welt „gebunden“; ihre Nachkommenschaft kommt dagegen in einer Sintflut ums Leben.

In der Edda – hier gibt es Parallelen zur christlich-hebräischen Überlieferung – sind die Riesen ebenfalls “gebunden“ und zwar in „Jötunheim“. Schließlich sind die Riesen nicht nur unkontrollierbare Naturgewalten, mit der sie auf einer profanen Interpretationsebene gerne gleichgesetzt werden. Über diese einfache Deutung hinaus erschließt sich eine weitere Interpretationsebene, und in der versuchen die Riesen, warum auch immer, Macht über die Menschenwelt zu erlangen, indem sie die Energien, die entstehen, wenn Menschen sich zusammenschließen – freiwillig oder unfreiwillig – kontrollieren und für Zwecke nutzen, die uns destruktiv vorkommen, die aber – wertfrei ausgedrückt – darauf ausgerichtet sind, die Welt, so wie wir sie kennen, zu destabilisieren.

Nach dem mystischen Weltbild, dem ich ja durchaus anhänge, lassen sich intellektuelle  Erkenntnisse auch in der Prosa finden; die Science-Fiction-Literatur erscheint mir dafür besonders geeignet zu sein, spielen deren Autoren doch mitunter mit obskuren Ideen, die sich dem üblichen, einengenden Gedankenkorsett entziehen und gerade dadurch auf eine Wirklichkeit jenseits der objektivierbaren Zahlenspielereien, die heutzutage sehr in Mode sind, verweisen. So sei mir an dieser Stelle ein Zitat aus einem Roman erlaubt, in dem die „Bewusstseinsparasiten“ (die ich mit „riesenhafte Kräfte“ übersetzen würde) wie folgt beschrieben werden:

„Sie zapfen den Menschen die Lebenskraft ab, ohne dass diese sich dessen bewusst werden. Ein Mensch, der sie erkennt und besiegt, wird für sie doppelt gefährlich, denn seine Kräfte der Selbsterneuerung werden die Oberhand behalten. Geschieht dies, so versuchen die Bewusstseinsparasiten vermutlich, ihn auf andere Weise zu vernichten – indem sie etwa andere Menschen gegen ihn aufbringen. (Wilson, Colin: Die Seelenfresser. Hemsbach über Weinheim 1983, S. 78)

Diese riesenhaften Kräfte versteht das menschliche Bewusstsein (noch) nicht und die Riesen müssen uns deshalb als „dumm“ erscheinen. Die Götter jedoch können diese Bewusstseinsebene verstehen, denn sie stammen selbst von Riesen ab, sind also ihre Geschöpfe. Sie wissen aber auch von den destabilisierenden Gefahren, die von den Riesen ausgehen. Warum sonst schützt Thor die Welt der Menschen mit einem Wall und ist auch ansonsten ständig damit beschäftigt, nicht nur gegen die Midgardschlange, sondern auch gegen die Riesen zu kämpfen? Vielleicht will er aber auch nur verhindern, dass das Wissen der Riesen zu uns dringt, da diese Kenntnis dem Menschen, aus Sicht der Asen, nicht dienlich wäre, evtl. gar zum Verderben führen würde, was an die biblische Paradiesgeschichte erinnert, wo der Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis auch von Gott verboten wurde.

Doch Thor tut vermeintlich gut daran, uns vor den riesenhaften Kräften zu schützen. Schließlich werden diese Kräfte schließlich gemäß der nordischen Eschatologie, Ragnarök herbeiführen. Andererseits ist besagte Vernichtung keine endgültige, sondern vielmehr – im Sinne des zyklisch-germanischen  Weltbildes – wird aus den Trümmern der alten eine neue, gereinigte Welt aufsteigen.

An dieser Stelle komme ich wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was bedeuten Riesen für mich? Diese Frage führt letztendlich, wie mein Essay hoffentlich gezeigt hat, zum Konflikt, ob ich mich, und auch hier muss ich differenzieren zwischen persönlichen und weltgesellschaftlichen Belangen, eher für eine Stabilisierung der Verhältnisse ausspreche oder aber Auflösung herbeiführen möchte.

Niko Paech sagt im TAZ-Interview vom 21.01.2012:

„Für gesellschaftlichen Wandel brauchen Sie zunächst Pioniere, die geringe Risikoaversion haben und keine Angst, sich lächerlich zu machen. Dann kommen die, bei denen die Beobachtung der Pioniere ausreicht, um auch mitzumachen. Dann die, die ein Netzwerk brauchen. Dann werden jene stimuliert, die sich erst kuschlig genug fühlen, wenn das Neue von genug Leuten gemacht wird. Und irgendwann sind wir am Punkt angekommen, wo eine soziale Dynamik ausgelöst wird. Diese Diffusionslogik zeigt, dass es gar nicht funktionieren kann (wenn man denn positiven, gesellschaftlichen Wandel möchte, Anm. d. Autorin), gleich in den Mainstream zu gehen.“

Da ich mir an dieser Stelle (noch) nicht anmaßen möchte, Belange von universaler Bedeutung zu lösen, beschränke ich mich im Folgenden auf eine persönliche Ebene, wobei mir natürlich bewusst ist, dass persönliche Entscheidungen niemals abgelöst vom gesellschaftlichen Arrangement gesehen werden können und dass die persönliche Entscheidung für eine „Destabilisierung“ im eigenen Leben auch – quasi als Dominoeffekt – Auswirkungen auf die unmittelbare Umwelt hat.

Jedoch wird eine „Stabilisierung der Verhältnisse“ als Lösungsansatz für die Mehrzahl meiner Zeitgenossen, so sie sich denn überhaupt mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen, attraktiver sein als eine „Destabilisierung“, die nur risikofreudigen Naturen vorbehalten sein wird.

Die „Festigung des Bestehenden“ verheißt schließlich süße, verlockende Sicherheit. Die überwiegende Mehrheit der Menschen möchte in ihrer vermeintlichen Ruhe nicht gestört werden. Wer mag es ihnen auch verdenken, schließlich wäre alles andere auch düster-beängstigend. Dabei wird gerne übersehen, dass das menschliche Leben selbst ständiger Veränderung unterworfen ist. Die „Stabilität“ erscheint uns nur harmonisch, wenn wir sie mit einem gewissen inneren Abstand betrachten; bei näherer Sichtung tun sich jedoch bei jedem von uns Dramen auf, die unterschwellige, destruktive Abgründe nur mühsam verdecken. Dies liegt – wie ich schon mit meinem kleinen Ausflug in die Welt der Science-Fiction-Literatur gezeigt habe – an den „riesenhaften Kräften“, die unser Bewusstsein kolonisieren, seitdem die Menschheit sich entschlossen hat, die nur instinktgebundene Existenz zu verlassen.

Ist ein solcher Status Quo, wie ich ihn aufgezeigt habe, es wert, erhalten zu bleiben? Ich meine „Nein“, denn alles andere verdient die Bezeichnung „Tod“.

Eine „Festigung des Bestehenden“ wäre für mich, um auf eine gesellschaftliche Argumentationsebene zurückzukehren, nur wünschenswert, wenn wir in einer Welt lebten, die derjenigen der Wanen, der Fruchtbarkeitsgötter, gleichen würde, die wiederum nichts anderes als eine freundlich-fröhliche Wicca-Welt darstellt.

Edred Thorsson beschreibt diesen Existenzbereich wie folgt:

„In diesem Reich wird das organische Vorbild der organischen Existenz geformt. Das ist eine Welt des ewigen Gleichgewichts der zyklischen Natur – hier gibt es ständiges Wachstum, aber man kann hier keine tatsächlichen Veränderungen oder Geschehnisse sehen. Es gibt ewiges Wohlergehen, Frieden, Freude und Bequemlichkeit. Es ist das Reich sowohl der organischen als auch der persönlichen Zyklen.“ (Thorsson, Edred: Die neun Tore von Midgard. Uhlstädt-Kirchhasel 2004, S. 74 f).

Wenn wir aber in diesem Land, welches wir auch mit „Utopien“ benennen könnten, (noch) nicht leben können, dann zeigen sich für mich im persönlichen Leben nur zwei praktikable Möglichkeiten auf, nämlich entweder gegen die riesenhaften Kräfte – wie Thor – zu kämpfen (und dieses „Kämpfen“ beinhaltet auch – obwohl sie es abstreiten würden – die Attitüde der sogenannten Lichtarbeiter und selbsternannten Lebensratgeber, sich zwanghaft alles schönzureden, um so den negativen Kräften keine Aufmerksamkeit zu geben) oder aber, was unbequem ist, sich mit den riesenhaften Kräften zu verbinden und sie dadurch letztendlich zu beherrschen. Dadurch lernen wir die Waffen unserer Gegner zu nutzen und können so die „benannten“ und „erkannten“ Kräfte – zumindest für uns selbst – unschädlich machen oder – um einmal den Sprachgebrauch meines Anti-Virus-Programmes zu bemühen – „in Quarantäne schicken“.

Eine schwierige Entscheidung ist dies und ich neige dazu, sozusagen hin und her zu switchen, wohlwissend, dass gerade letztere Möglichkeit keine Option für die Allgemeinheit darstellt und ich mich damit auf Wirkkräfte einlasse, deren Intentionen ich nicht immer verstehen kann.

Das Reich der Riesen charakterisiert Thorsson nämlich folgendermaßen:

„Als Ausgleich zu Vanaheimr ist Jötunheimr ein Ort ständigen Wechsels. Es und seine Bewohner versuchen alles, das ihnen begegnet, zu opponieren und zu ändern. Aber das Reich selbst kann in keiner eigenen Metamorphose untergehen. Es ist ein Katalysator für Veränderung und Evolution, kann sich selbst nicht ändern oder entwickeln. Jötunheimr ist ein Ort der Auflösung – und der möglichen Täuschung für die, die auf seine „Tricke“ nicht vorbereitet sind. Jötunheimr ist die reaktive Kraft der Zerstörung, die zur evolutionären Veränderung nötig ist. (Thorsson, S. 75)

Jötunheimr als Raum der „evalutionären Veränderung“ ist immer dann gefragt, wenn auch im persönlichen Leben Transformationen angesagt sind. Doch die Riesen sind – wie ich ja schon mit Hilfe der Schilderung meiner schamanischen Reise dargelegt habe – uns gegenüber gleichgültig eingestellt, und mehr als einen lässig von ihnen hingeworfenen Hinweis auf unsere vermeintlich großen Fragen können wir von ihnen – ganz praktisch gesehen – nicht erwarten. Um aber wahre Veränderungen herbeizuführen, müssen wir uns, so wir denn Magier sind, mit göttlichen Energien verbinden oder aber – dies ist die zweite Möglichkeit – göttliche Eigenschaften oder religiöse Vorstellungen zu einem eigenständigen göttlichen Wesen (aus uns selbst) personifizieren. Um aber erstere Möglichkeit zu praktizieren, muss die göttliche Kraft dazu bereit sein. Die Riesen, die ich quasi als Götter der Götter ansehe, sind es jedenfalls nicht. Loki aber, der zu den Asen gehört, andererseits aber sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite von Riesen abstammt, bietet uns diese Möglichkeit, verlangt aber durchaus seinen Preis dafür. Schließlich ist er ein „Trickster“ und daher müssen wir wissen, worauf wir uns bei ihm einlassen, was wiederum schier unmöglich ist.

Insbesondere stellt sich mir die Frage, ob es eine Option ist, sich mit der Energie von Loki zu verbinden, um die „Seelenfresser“, die meinem Weltbild entsprechend ja von den Riesen initiiert sind, zu isolieren

Zuerst erschien es mir unklar, ob Loki, der ja selbst von seiner Abstammung – sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite – ein Riese ist, hier unterstützend wirken kann.

Nachdem ich diese Frage eine Zeitlang mit mir herumgetragen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass er dafür geeignet ist, schließlich verhält er sich gegenüber den Riesen ambivalent, hilft einerseits zum Beispiel Thor bei der Rückholung des Hammers Mjölnir, andererseits verschuldet er Balders Tod, was letztendlich zu Lokis „Fesselung“ durch die Asen führt, die sich dadurch – meine Interpretation – von nun an in besonderem Maße den „riesischen Energien“ ausgesetzt fühlen. Schließlich ist derjenige, der sie, eben durch seinen ständigen Gestaltwandel davor schützen konnte, nicht mehr dazu in der Lage. Insofern ist die Gefahr groß, dass die Asen von einer Gesellschafts-Hypnose heimgesucht werden und in Zukunft auch immer weniger die Menschen vor den Riesen schützen können, was sich gegenwärtig u.a. dadurch zeigt, dass sich die westlichen Gesellschaften zunehmend zu Überwachungsstaaten entwickeln.

So können wir uns also auf die Götter nicht mehr verlassen und sind auf uns selbst zurückgeworfen. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, sich mit Lokis Kräften zu verbinden. Loki, mit seiner Vorliebe für den Gestaltwandel, kann uns, wenn ich einmal auf der Ebene von Midgard argumentieren darf, lehren, es ihm gleichzutun. Dies wiederum enthält die Option zu verhindern, dass sich die riesenhaften Kräfte an unser Bewusstsein andoggen. Wahrscheinlich ist eben dieser Gestaltwandel, wir könnten auch vom ständigen Paradigmenwechsel sprechen, im Ursprung eben eine riesenhafte Eigenschaft, die wiederum befähigt, den Einfluss der Riesen, der letztendlich zum Massenbewusstsein führt, zu beherrschen. Insofern kann Loki uns lehren, die soziale Matrix beständig zu unterbrechen und Stagnation, was immer gleichbedeutend mit einer Anpassung des Selbst an gesellschaftliche Konventionen ist, zu unterminieren.

Wenn wir uns mit Loki verbinden, dann lassen wir uns nicht mehr – ungewollt und getäuscht – von der Kraft der Riesen, die immer dann entsteht, wenn Menschen   aufeinandertreffen, verführen. Vielmehr haben wir es nun selbst in der Hand, die riesenhaften Energien für unsere Zwecke nutzbar zu machen. All das, was mit den Stichwörtern „Revolution“, „Rebellion“, „unorthodoxe Ideen“, „schillernder Charakter“ und „Verwandlungsfähigkeit“ beschrieben wird, holen wir so in unser Leben und dabei habe ich, um einmal zum Ausgangspunkt meiner Argumentation zurückzukehren, durchaus die Hoffnung, dass ich auf einer persönlichen Ebene damit mein „alltägliches Elend“ verändern kann. Du vielleicht auch!

Doch, auf eine gesellschaftspolitische Dimension bezogen, halten wir Ragnarök mit einer solchen Vorgehensweise nicht auf. Schließlich ist die aufgezeigte Handlungsweise eine individuelle, die niemals für die Mehrheit der Menschen einen praktikablen Weg darstellt. Und so wird am Ende aller Tage Loki, der sich von seiner Fesselung befreit hat, das Naglfar-Schiff steuern, um gemeinsam mit den von ihm mit der Riesin Angrboda gezeugten Ungeheuern, den Riesen und den Bewohnern Hels gegen die Asen zu ziehen (Gylf 50). Bevor Surtr, der Feuerriese, schließlich die Welt in Flammen aufgehen lässt, töten sich Loki und Heimdall gegenseitig und uns bleibt nur die Hoffnung auf eine bessere, neue Welt.

Heil Loki!

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Landschaft als Orakel! Mythologisch Wandern. Wie geht das? 2. Teil

Ith

Interessanterweise hat sich mir diese Wanderung, auch schon in der Vorbereitung, als extrem widerspenstig gezeigt. So wollten meine Freundin und ich eigentlich eine Etappe des beworbenen Ith-Hils-Weges gehen, mussten aber feststellen, dass die Anfangs- und Zielpunkte mit Bus- und Bahn nur schwerlich bis überhaupt nicht zu erreichen sind.

Nachdem schon die Planung keinen Erfolg verhieß, entschlossen wir uns – zugegebenermaßen war ich ziemlich genervt – einfach nach Cloppenbrügge zu fahren, um von dort eine Rundwanderung zu starten. Der Flyer verhieß Märchenhaftes und ließ sich im Coppenbrügger Reisebüro auch in der Druckversion abholen.

Nun ja … diese Wanderung war wirklich anstrengend und zeichnete sich durch eine extrem eigenartige Beschilderung aus, die uns zwar ständig mit Sagen und Göttern konfrontierte, uns aber einfache Ortshinweise verweigerte. Sportlich ging es los, doch wir (oder war ich es nur?) scheuten den steilen Aufstieg, was dann einen gemächlichen Anfang ergab, der fatalerweise aber nach ca. zwei Minuten doch zum Aufstieg führte. Dumm gelaufen. Noch übler war es, dass der Weg in einem Waldarbeiter-Trekker-Pfad mündete, der uns zum Abstieg und der Entdeckung einer Schwefelquelle zwang. Die “grillbratende” einheimische Bevölkerung war auch keine große Hilfe, sodass wir nach einer erneuten Rast den zweiten Anlauf für den Aufstieg zur Felsenformation “Adam und Eva” erprobten. Auch hier führte uns der gewählte, anscheinend “bequemere” Weg ins tiefe Dickicht. Immer tiefer ging es im Steilaufstieg in den Wald hinein, wo sich dann auch dieser Weg als Waldarbeiter-Pfad entpuppte, der im Nirgendwo endete. Querfeldein erreichten wir schließen den Gipfel und den schmalen Kammweg. Ich fragte mich zum wiederholten Male, warum meine Wanderbegleitung das flache Cuxland nicht vorab in Erwägung gezogen hatte und wurde von unzähligen “Bärlauch, Bärlauch”-Rufen durch eine frühblühende, wirklich hübsch anzusehende Ithlandschaft geführt. Beim Ith-Turm schließlich, der einen romantischen Blick auf das nahe Atomkraftwerk bot, ging es zurück nach Coppenbrügge. Total erschöpft bin ich zu Haus angekommen und muss sagen, dass rückblickend die Wanderung nicht ganz so schlecht war, wie sie mir in den ersten vier Stunden vorgekommen war.

Schön wäre es aber, liebe Verantwortlichen (wer immer ihr seid!), Waldarbeiterwege abzusperren, sodass Wanderinnen nicht in den tiefen Schlammfurchen versinken (Ich habe jetzt das Prinzip des mittelalterlichen Hohlweges verstanden!), bevor sie im forstwirtschaftlichen Nirgendwo landen. Auch wären Schilder, die nicht nur “Pilze” oder andere Symbole zeigen und nicht nur auf den jeweiligen Märchen- und Sagen-Podcast-Content hinweisen, stattdessen aber – ganz profan – Ortsnamens-Beschriftungen auf Pfeilen aufweisen, auch unterhalb des Ith-Kammes angenehm gewesen.

Bei einem eventuellen zweiten Anlauf zu einer Ith-Wanderung würde ich mich auf “einen steilen Aufstieg” einstellen, um dann hinterher entspannt die sagenhaften Plätze des Iths genießen zu können.

Doch genug der profanen Worte:

Wenn ich den Ith rückblickend als Person ansehe, dann würde ich meinen, dass er sich meines Besuches mit aller Kraft verweigern wollte. Vielleicht lag es aber auch einfach nur daran, dass ich zum “Opfer” des Aufstiegs nicht bereit gewesen war und so der Berggeist -nehmen wir mal an, dass es so etwas gibt – sein Geheimnis (immer vorausgesetzt, dass er eines hat!) nicht preisgeben wollte. Vielleicht hätte ich auch ganz zu Beginn meiner Wanderung dem Baumheiligtum Coppenbrügges: “Peterlinde” meine Ehrerbietung bringen müssen und um Unterstützung für die Wanderung bitten sollen.

Ich lese die Landschaft wie ein Orakel und bin dann – ganz und gar freiwillig – in einer virtuellen Welt, die ich als Spiegelbild meiner inneren Zustände ansehe. Das ist letztendlich ein Spiel, dass natürlich von einer unglaublichen Wichtigkeit des eigenen Selbst ausgeht. “Gut so!”, denke ich, “wer glaubt sonst an mich, wenn nicht Ich!”

Ein solcher Umgang mit der Landschaft eröffnet Dimensionen, die mit dem alltäglichen Bewustsein nicht mehr viel gemein haben.

Ihr merkt es: Das ist der Beginn des Geschichtenerzählens. Die Wanderung wird zur persönlichen Quest und ich bin mittendrin.

Ich kann entscheiden, inwiefern diese Geschichte für mich Relevanz haben soll und inwieweit ich mich auf das Spiel einlassen mag oder nicht.

Und ihr, die ihr die Geschichte hört, könnt mir vielleicht die Frage beantworten: Was – zur Hölle – war da gestern los? Und so beginnt ihr – vollkommen spielerisch – eure eigene Reise.

Habt ihr auch Lust auf Wanderungen? Dann partizipiert am Wildfrauenhaus.

Zum Weiterlesen: Mythologisch Wandern. Teil 1

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Neujahrswanderung

Harzer Schmalspurbahn

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Eigentlich beabsichtigten meine Freundin und ich nur einen kleinen Harz-Rundweg. Was kann es  aber besseres geben als das neue Jahr mit der Besteigung eines Berges zu beginnen, besonders dann, wenn dieser so Mythologie-überladen ist wie der Brocken?

Der Weg hinauf kann dann leicht als eine symbolische Vorab-Inszenierung angesehen werden: Der Berg steht für das Ziel, das wir im Verlauf des Jahres erreichen wollen.   Beim Hinaufgehen übergehen wir dann leichten oder schweren Fußes alle Widrigkeiten, was uns  – quasi magisch-vorwegnehmend  – dafür stärkt, Herausforderungen im knallharten Lebenskampf mit ähnlicher Bravour  zu meistern. Man ist gewappnet für all die Ärgernissen, die auf einen warten, immer sein Ziel vor Augen, selbst wenn dieses sich als zugig erweisen sollte.  Sogar Glatteis und der damit verbundene Fall auf die festgefrorene hausdünne Schneedecke macht einer  wahren Heldin im Lebensabenteuer nichts aus.  Alsbald richtet sie sich wagemutig wieder auf und wandert – ganz Camphells Heldenreise folgend – weiter durch den Nebel, der beständig stärker wurde und der uns – ganz profan gesehen  – eine Aussicht auf die tief unter uns liegende  Landschaft oder – wieder ganz symbolisch gesehen – auf die  überwundene Profanität  ermöglichte. Weiter ging es: hurtig und geschwind, bis wir dann, es war wohl gegen 14.30 Uhr in der entmystifiziertenWelt,  – auf dem Hochplateau des Brocken ankamen. Ein  eisiger Wind fegte uns fast fort. Der Berggeist war uns nicht wohlgesonnen oder wollte uns – meine Annahme –  zumindest prüfen.  Wahrlich das  war kein Ort zum Verweilen.

Vielleicht war das Ziel  – wieder ganz symbolisch gesehen – dann doch nicht so gut gewählt? Aber wie heißt es so schön in den Kalendersprüchen, die ich  – schon wegen ihrer  dumpfen Plattheit – so  überhaupt nicht mag: Der Weg ist das Ziel. Und so ging es wieder hinab vom Berg, wo mir – kurz vor Einbruch der Dunkelheit – die Destination “Torfhaus” erreichten. Ein Bier zum Schluss verkürzte die Wartezeit auf den Bus – in einer Lokalität, die wohl an Amerika erinnern sollte, stattdessen aber nur den krampfhaften Versuch der Gastronomie-Wirtschaft illustrierte, auf eine hippe Lifestyle-Mode aufzuspringen, die irgendwie nur plebejisch-dümmlich wirkte. Nun ja …  wem es gefällt!

Einvernehmlich benannten wir die Wanderung zum leichten genussvollen Spaziergang um,  bei dem es ganz und gar unerheblich ist, ob überhaupt ein Ziel vorhanden ist. Ich  zumindest habe auch  im wirklichen Leben keine krampfhafte To-do-Liste für das beginnende Jahr aufgestellt, stattdessen pflege ich   – mein Vorsatz – eine gewisse genießerische Gelassenheit, was mich allerdings nicht davon abhalten wird, im nächsten Jahr erneut den Brocken zu besteigen.  Und dies selbstverständlich am Neujahrstag!

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Mythologisch Wandern. Wie geht das? 1. Teil


Brockenwanderung

Für eine “mythologische” Wanderung gibt es zwei Ausgangspunkte, die ich einmal als intro- und extroperspektivisch beschreiben möchte.

Da Letzteres sicherlich einfacher nachvollziehbar ist (und auch häufiger) praktiziert wird, möchte ich euch im Folgenden dieses Modell, also das extroperspektivische, am Beispiel der letzten Wildfrauenhaus-Wanderung vorstellen. Später dann können wir uns mit der anderen Variante beschäftigen und werden – um mal die Konklusion vorwegzunehmen – feststellen, dass es sich bei Wanderungen  “von dieser Art” zumeist um Mischformen  beider Varianten handelt.

Ich beginne mit einer Selbstverständlichkeit: Vor wirklich jeder Wanderung gibt es erst einmal ein paar Regularien zu klären. Wer kommt mit?  Wie lang darf die Anreise sein? Wie sieht überhaupt die Erwartungshaltung  der einzelnen Wanderinnen aus?   Der spirituelle Hintergrund  der einzelnen  Teilnehmerinnen sollte  zumindest bekannt sein, bzw. es sollte eine gegenseitige Toleranz selbstverständlich sein.

Ich selbst liebe es zwar verschiedene  “Paradigmen” auszuprobieren, dies ist aber sicherlich nicht jederfraus Sache und ich weiß nicht, ob sich die katholische Pilgerin in einer Wandergruppe von Teufelsanbeterinnen wohlfühlen würde?

Spaß beiseite und zurück zum Praktischen:

Selbstverständlich sollte die Länge und der Schwierigkeitsgrad der Wanderung an die gesundheitliche Verfassung und dem sportlichen Ehrgeiz – so er denn vorhanden ist –  der Mitwanderinnen angepasst sein. Es ist von Vorteil notfalls Aussteigepunkte und Abkürzungen zu kennen, die verhindern, dass die Wanderung für einige  zur persönlichen Prüfung wird.

Im “Wildfrauenhaus” hat sich mittlerweile eine kleine Gruppe herauskristallisiert, die regelmäßig teilnimmt. Wir wissen uns gegenseitig gut einzuschätzen und insofern stellt das oben genannte kein Problem dar. Erwähnen wollte ich es trotzdem.

Bevor ich in die nähere Planung der letzten Wanderung gegangen bin, besprachen wir uns alle insofern, als dass wir keine Anreise über zwei Stunden in Kauf nehmen wollten.

Mehrere Etappenziel oder zumindest eines sollte in irgendeiner Form mit Spiritualtiät oder Mythologie in Zusammenhang stehen.

Denkbar sind also überlieferte Kultorte (beispielsweise ein altes Kloster), genauso wie archäologische Fundorte oder “Naturwunder” (was für ein schönes Wort!), die mit Sagen und anderen Überlieferungen verknüpft sind, dessen ursprünglicher Wahrheitsgehalt aber im Dunkel der Vergangenheit liegt und nun Anlass für vielfältige Spekulationen geben kann.

Ich wählte den Wurmberg als buchstäblichen Höhepunkt der Wanderung aus, schließlich verweist ja schon der Name auf einem Lindwurm, einen Drachen also.

Einst kämpfte Thor mit der Midgardsschlange, eines weltumschlingenden Wesens und nahm damit all die späteren Drachenkämpfe der alten Epen, Märchen und Sagen vorweg. Wohingegen diese aber zumeist erfolgreich verliefen, erlag der mächtige Gott dem Gift der Schlange, was nicht verwunderlich ist:  Schließlich ist die Midgardschlange ein Geschöpf  Lokis, des Trickster-Gottes.

All dies  sind meine Assoziationen, quasi meine introperspektivische Sicht,  die ich mit der Bezeichung “Wurmberg” verbinde.  Ihr mögt andere haben und solche Wanderungen laden dazu ein, ihnen nachzuspüren und sich darüber gegenseitig  auszutauschen.

Wir starteten am frühen Morgen im Torfhaus, wanderten durch das Hochmoor, was einen naturschönen Anblick bot. Schließlich stand das Wollglas in voller Blüte.  An den Hopfensäcke,  imposanten Granitfelsen,  ging es vorbei zum Dreieckigen Pfahl, einer alten Grenzbefestigung, die das Königreich Hannover, Herzogtum  Braunschweig und die Grafschaft Stolberg-Wernigerode trennte. Heute verläuft hier die Ländergrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Danach nahmen wir den Ulmer Weg, gingen am Brockenstein vorbei, um letztendlich einen steilen und anstrengenden Aufstieg zum Wurmberg zu meistern. Dort mussten wir leider feststellen, dass dort keiner Göttin, stattdessen  aber dem Highspeed-Testesteron, gehuldigt wird.

Der vermeintliche Kultplatz, den es dort gegeben haben sollte,  stellte sich  nach einer umfangreichen archäologischen Ausgrabung als banale Försterhütte heraus.  Eine interessante Geschichte ist das, die leider auf dem  Wurmberg selbst nicht dokumentiert wird. Nachlesen lässt sie  sich bei Wikipedia und hier: “Der Fall Wurmberg“.

Die Hexen- oder Heidentreppe fanden wir nicht, stattdessen beobachteten wir Biker in sportlicher Nobelausstattung auf ihrer Kamikaze-Tour bergab. Die Bäume waren gepolstert, um Stürze zu vermeiden. Im Hintergrund spielte Salsamusik und irgendwie wirkte die ganze Bergkuppel wie ein einziges Ballermann-Gelände, dessen Mallorca-Feeling nur durch die österreichischen Bauarbeiter gestört wurde, die damit beschäftigt waren, den Berg zur Eventplattform umzubauen. Steiermarker Jungs eben.

Der momentane Zustand des Wurmberges führte unsere  Erwartungshaltungen bezüglich des “Kultortes” Wurmberg ad absurdum, was nicht heißen soll, dass dies kein spiritueller Ort ist; seine Energien aber sind im Baggerlärm versunken.

Letztendlich fiel es uns nicht schwer, diesen “mystischen” Ort zu verlassen und wir waren froh den ruhigen Abstieg nach Braunlage, entlang der warmen Bode gewählt zu haben.

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