Risikomanagement

Der Soziologe Niklas Luhmann konnte in den 50ziger Jahren noch  folgende Aussage treffen, die er vielleicht nicht ganz ernst gemeint hat:

“Ich finde es einfach ungerecht, dass man Vorgesetzte, die durch ihre Stellung ohnehin schon privilegiert sind, auch noch von der Forschung her stützt, mit Kursen über Menschenführung beglückt und mit entsprechenden Techniken ausrüstet, die von der Struktur her disprivilegierten Untergebenen dagegen ohne jede Hilfe lässt.” Der neue Chef

Mittlerweile sind die scheinbaren “Führungskompetenzen”, wie der Kurs zur Menschenführung  neusprachlich überschrieben ist, durchgesickert von der obersten zur untersten Hierarchie-Ebene. Jetzt werden auch die im luhmannschen Sinne Unterprivilegierten in Methoden und Skills ausgebildet, die es ihnen ermöglicht, die in der Hierarchie noch weiter unter ihnen stehenden zu manipulieren und zu domestizieren. Ganz neurolinguistisch eben!

Das neuzeitliche Lumpen-Prekariat ist von all den wirtschaftlich-pragmatischen Infusionen, die das eigene Leben pervertieren, nicht verschont geblieben. Und so arbeitet das Unterschichts-Coaching der Privatsender systemisch. Ziele werden ausgearbeitet  und auf eilig aufgestellten Whiteboards in der heimischen Wohnlandschaft visualisiert und referiert.  Die Frauenzeitschriften geben mittlerweile Tipps zur manipulativen Führung von Beziehungen, derweil die Männer sich durch zweifelhafte “Pickup”-Ratgeber “im Frauen rumkriegen” schulen lassen.

Herausgekommen ist dabei eine zombifizierte Gesellschaft, die Aggressionen und Ängste  als persönliche Schwäche abwertet,  sie “in Watte packt” und PROZESSMANAGEMENT betreibt, wo jemand durch die Unwegbarkeiten des Lebens  in Mitleidenschaft gezogen wird. Das wirtschaftliche Denken hat  jeden Bereich unseres Lebens übernommen. Manipulationstechniken, die irgendwann einmal für Führungskräfte erdacht worden sind, die auf diese Art und Weise “ihr Personal” zu maximaler Leistung anspornen sollten, haben sich mittlerweile in jeglichen “sozialen Kommunikationsprozessen” durchgesetzt – so unbewusst und perfide, dass die meisten Menschen, dies sogar abstreiten würden!  “Ich doch nicht!”, rufen sie entrüstet aus.

In solch einer pervertierten Gemeinschaft von Arbeitnehmern und Konsumenten, Leistungsempfängern und Leistungsgebern, Sklavenhaltern und Sklaven, Sklaven und Sklaven wird jeder zwangsweise Teilnehmende in seinen vielfältigen Interaktionen zuerst seinen eigenen Nutzen berechnen und sich fragen: “Lohnt sich das für mich?” Wenn er dann feststellen muss, dass es sich eben nicht lohnt, wird er entweder von diesen Mitmenschen Abstand nehmen oder diesen insofern zu manipulieren versuchen, als dass sich ein monetärer  oder machterzeugender Nutzen für ihn ergeben wird. Letztendlich quetschen wir uns so gegenseitig wie Zitronen aus, um uns dann der unerfreulichen Überreste zu entledigen, bis wir irgendwann selbst diesen zweifelhaften System zum Opfer fallen werden.

Wenn dies geschehen ist, vielleicht in einer Position als “Sklave”, für den das Bossing und Mobbing existenzbedrohliche Dimensionen angenommen hat, dann kann man sich an die Burnout-Beratung wenden. Diese empfiehlt dann – ganz der kapitalistischen Logik  folgend – RISIKOMANAGEMENT!

Ich selbst würde jedoch dringend anraten, das luftabschnürende Korsett der singulär wirtschaftlichen Bezugnahme in Frage zu stellen und das Geld, was im Zentrum unseres Lebens zu stehen scheint, zu entsakralisieren.

  • Vielleicht bietet die Familie (oder selbst gewählte Lebensgemeinschaften), sofern sie noch funktioniert und sich von den heutigen Verwerfungen distanzieren können,  eine letzte Enklave in der globalisiert-optimierten Welt. Ein Hinweis darauf, dass meine Überlegung richtig zu sein scheint und hier eine Bedrohung für die zombifizierte Gesellschaft besteht, sehe ich in der zunehmenden Verstaatlichung der Kindererziehung, die die Familie und den Zusammenhalt, der dort eventuell entstehen mag, schwächt, selbstverständlich um vordergründig die Bürger zu fördern, in Wirklichkeit sie aber zu flexiblen Lohnsklaven des Kapitals und/oder bloßen Konsumenten zu machen.
  • Auch sollten wir uns wieder alternativen Lebensmodellen zuwenden, wie sie in den 70iger Jahren erdacht, mittlerweile aber zu Geschäftsmodellen pervertiert worden sind. Es kann nicht sein, dass der Trend zur Selbstversorgung und Eigenproduktion dazu führt, sich für teures Geld erst ein entsprechendes Equipment inkl. Pachtgarten, der nur mit Auto erreichbar ist, zulegen zu müssen. Naturerfahrung braucht kein buchbares Gesamtpaket,  Ernährung keinen vegane Hype mit teuren Tofu-Würstchen und Soja-Milch.   Spiritualität lässt sich auch ohne Seminar beim Indianer ihres Vertrauens erleben. Hier die ehemals interessanten Ideen wieder vom Kommerz zu befreien und zu den Wurzeln zurückzukehren, ungeachtet dessen, dass das,  was dabei erneut ins Dasein gelangt  und von uns nun weitergedacht werden kann, nicht dem  aalglatten Perfektionsanspruch der Stock-Fotografie entspricht, dafür aber individuell und eigen ist.
  • Die Rückbesinnung auf die Nation und die eigene Identität, ohne dabei in Intoleranz zu verfallen, scheint mir die beste Gewähr gegen eine austauschbare Welt von Konsum-Sklaven zu sein. Ungezügelte Einwanderung, gerade von –  zur einheimischen Bevölkerung aus gesehenen –  kulturell und religiös stark differenzierenden Bevölkerungsgruppen,  ist abzulehnen, überfordert sie nämlich schnell die Stabilität des Bestehenden und fördert so das Entstehen von Parallelkulturen, die sich gegenseitig bekämpfen und so die Finanzeliten stärken, in dem die Kräfte der Menschen im alltäglichen “Kampf der Kulturen” aufgebraucht werden, anstatt sich der größeren Zusammenhänge bewusst zu werden und sich ggf. diese zu kritisieren.
  • Religion ist Privatsache. Eine staatliche Förderung und Einflussnahme ist abzulehnen.
  • Großen Zentralverwaltungen, wie der EU in Brüssel, sollten wir genauso misstrauen wie Bildungs- und Gesundheitsfabriken. Letztendlich trachten solche Systeme, einmal entfacht, immer nur dazu, sich selbst zu erhalten. Sie festigen sich dabei selbst beständig, auch wenn jeder der dortigen Mitarbeiter schon eingesehen hat, dass die eingeschlagene Richtung mindestens in eine Sackgasse, schlimmstenfalls in einem Crash münden wird. Im Zuge der Digitalisierung von Arbeitsabläufen ist die Gefahr groß, dass hier die Maschinen Prozesse übernehmen, die von Menschen nur noch schwer gestoppt werden können! (Um den letzten Punkt nachzuvollziehen, empfehle ich das Anhören des Beitrags  “Zukunftsfähig. Arbeit im digitalen Zeitalter” vom 16.02.2016 im Philosophischen Radio. Der Podcast dazu ist hier zu finden.)
  • Misstraue dem Kollektiv  (auch dem eigenen!) und stelle es immer wieder in Frage! So verhindern wir, ausgehend vielleicht von einer gut gemeinten Idee, eine totalitäre Meinungsdiktatur zu befördern! Wie dies geschehen kann, können wir nur allzu einprägsam an der Partei der Grünen sehen, die sich mittlerweile zur schlechten Karikatur ihrer selbst entwickelt hat!
  • Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte den Menschen die Existenznot nehmen, denen sie in Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung ausgesetzt sind. Mindestens  50% der Berufsbilder, die wir jetzt noch kennen, werden in den nächsten Jahren wegfallen. Ich selbst gehe sogar von höheren Zahlen aus. Daraus resultierende Verteilungskämpfe um prekäre Beschäftigungsverhältnisse könnten durch ein bedingungsloses Grundeinkommen verhindert werden. Die Arbeitsgesellschaft gehört der Vergangenheit an!
  • Volksabstimmungen könnten verhindern, dass die Politik ihre Bodenhaftigkeit verliert und nur noch den Lobbyisten zuarbeitet, anstatt den Bürgern verpflichtet zu sein.
  • Die Medien, die zur manipulativen Propaganda und zur Dauerwerbung, verkommen sind, sollten wir nicht mehr unterstützen und stattdessen auf alternative Quellen der Information, wie soziale Netzwerke, Blogs (sofern sie nicht nur Promoting-Werkzeuge sind) und persönliche Kontakte ausweichen. Unsere Meinung sollten wir auf die Straße tragen und uns über eventuell bestehende Maulkörbe im Zuge der “politischen Korrektheit” hinwegsetzen. Wir brauchen wieder Diskussionen und Diskurse, die ausgetragen werden können, ohne dass man dabei um seine Existenz fürchten muss! 

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Risikomanagement. Mixed Media, 40 x 29 cm. Februar 2016.

Die Vorskizze ist im Landesmuseum Hannover entstanden, inspiriert von den Gemälden  “Jacob Jordaens, Die Heilige Familie mit Elisabeth, Johannes und Zacharias” und Frans Snyders “Das Stillleben beim Wildhändler”. Der Titelgebung ist von Überlegungen und Erfahrungen beeinflusst, die im oben stehenden Artikel angeführt werden.

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Angemessene Aggressionen

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Die Moderatorin von WDR 5 im “Tischgespräch”  vom 23.12. ist erstaunt darüber, dass ihr Gast Hans-Joachim Maaz, der doch ein Institut für Beziehungskultur gegründet hat, Integration in dem Maße, wie sie uns momentan von Merkel & Co. zugemutet wird, für nicht möglich hält. Er spricht sich für Flüchtlingslager in den Herkunftsländern/Nachbarländern aus und verunsichert die Moderatorin dadurch, dass er davor warnt, dass die jetzige Gesellschaft in Parallelgesellschaften und Konflikten mündet. Er rät dazu, Aggression zu zeigen, da wo sie angemessen ist, um zu verhindern, dass die jetzigen gesellschaftlichen Verwerfungen in Gewalt umschlagen. Dies meint: Eigene Positionen vertreten, “Nein” zu sagen, sich zu distanzieren…. letztendlich das Gegenteil von dem, was sich nicht nur in  politischen, sondern auch  in beruflichen und semi-privaten Umfeldern  gegenwärtig erleben lässt.

Was passiert aber mit einem selbst, wenn man eben genau dies getan, nämlich “Nein” gesagt hätte?  Wenn andere billigste Manipulationen in Gesprächen anwenden (Ich nenne dies  “NLP für Dummies”) würden,  die sie wahrscheinlich in einer zweifelhaften Führungs-Fortbildung vermittelt bekommen hätten und die sie nun  – noch dazu dümmlich – rezipieren würden und die man, aufgrund von Hierarchieebenen zwar durchschauen, trotzdem aber lächelnd ertragen müsste, um sich dann doch von alldem innerlich zu distanzieren? Was würde man machen – mal ganz und gar fiktional angenommen – , wenn  von  den anderen Tatsachen gesetzt werden würden, die man schon aufgrund der eigenen Ethik und der eigenen Intelligenz ablehnen müsste, einfach deshalb, weil man den größeren Kontext und nicht nur den beschränkten Referenzrahmen sehen würde? Würde man dann nicht fast automatisch  in die Rolle der Rebellin gedrängt werden,  ohne dies jemals zuvor bewusst intendiert zu haben, einfach deshalb,  weil man noch die Moral hätte, die die anderen wohl niemals  besaßen? Und wenn man dann schlussendlich mit bösartigsten Mobbing-Attacken konfrontiert wäre, wie sie ja heutzutage an der Tagesordnung sind und wie sie gegen jeden erbarmungslos zur Anwendung kommen, der irgendwie “anders” ist, weil man durch sein bloßes Sosein  das scheinheilige “inklusive” Konsens-System gefährdet hätte, würde sich dann nicht die schlussendliche  Frage stellen, was dies, unabhängig vom Ausgang des Geschehens, mit der eigenen Persönlichkeit machen würde?

Erst einmal wäre man dann sicherlich gleichermaßen zum Rebellen wie auch zum Opfer geworden, dass nun – vielleicht auch mit Hilfe von Rechtsanwälten – gezwungen wäre, sich zu rechtfertigen, wo eigentlich die anderen Schuld auf sich geladen hätten. Darüber hinaus hätte man sicherlich sämtliche Naivität in Bezug auf die Bösartigkeit des Kollektivs ein für allemal verloren.  Man hätte, um hier einmal den Film “Matrix” zu referieren, die rote Pille genommen und nichts wäre wieder so wie zuvor. Systemimmanente  und faschistoide Vorgänge, die abliefen, würde man nun klar und deutlich als solche erkennen und letztendlich vor der schwerwiegenden Frage gestellt werden, eben die gleichen unlauteren  Mittel wie die Gegner  anzuwenden, um endlich in Ruhe gelassen zu werden und das Falsche nicht weiter  zu stärken oder aber zu entscheiden, dass dieses Niveau, was man eben erlebte, so abgrundtief in stinkendem Unrat und Fäkalien beheimatet wäre, als dass man sich auf diese Ebene der mitmenschlichen Kommunikation niemals begeben könne, wenn man denn auch in Zukunft sein eigenes Spiegelbild betrachten möchte. Das ist der Scheideweg, wo das Opfer zum Täter oder zur Walküre werden kann.  Die Natter hat einen gebissen. Ob das Gift wirkt und wie es wirkt,  entscheidet man selbst. Vorerst bleibt nur der Waldgang, wie uns Ernst Jünger empfiehlt.

Zur Vertiefung, lies auch hier: Stressauflösung

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Zur Hölle noch einmal! Kali

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Das ist das Haindl- Tarot, was ich momentan gerne benutze. Die mittlere Karte zeigt Kali – umgekehrt.

Kali – das ist die Vama Magna, die große Mutter, in ihren drei Aspekten – weiße Jungfrau,  rote und gebärende Mutter und  schwarze Todesgöttin.  Auf der Karte ist sie in ihrem dunklen Aspekt zu sehen, wie sie sich mit dem toten Shiva vereinigt, der einst  – genauso wie Brahma und Vishnu  – aus ihr geboren wurde.

Die Göttin ist hier in ihrem dritten und dunklen Aspekt zu sehen: als Zerstörerin. Sie ist Mutter und Grab zugleich. Eine Kinderfresserin, die nicht nach einer falschen Harmonie strebt, die doch nur Täuschung wäre.

Um ihren Hals hängt eine Kette mit Totenköpfe.

Sie ist die Göttin der Vampire, die am Abgrund  zwischen Eros und Thanatos tanzt. Sie trinkt das Leben und wird so selbst zum Abyss. Bodenlos!

Sie hat viele Namen. Sie lässt uns in unsere Tiefe blicken. Kali zerstört ihre Gegner und trinkt das Blut ihrer Feinde. Ich möchte es ihr gleichtun.

Sie ist Feuer, das gleichsam zerstörerisch wie auch schöpferisch wirkt.

Ihre Antipodin  ist die Eiskönigin, deren Gefühle zu Eis erstarrt sind, einfach deshalb, weil sie entweder niemals in ihre Kraft  gekommen ist oder weil sie  im Laufe ihres Lebens zu viele Enttäuschungen hat erdulden müssen, die ihr Feuer haben erlöschen lassen.  Eine schier endlose Stagnation ist die Folge.

Mutterschaft – zum Beispiel –  kann die Kräfte der weiblichen Energie binden und sie in den gesellschaftlich Rahmen pressen, der die Frauen domestiziert. Vereist. Dann erstarrt alles und die Frauen werden zu Eisköniginnen, immer kontrolliert und immer bedacht, nicht anzuecken, nicht aufzufallen, nicht aus den ihnen zugedachten Rahmen zu fallen.

Als kaltherzige und unbarmherzige Eisköniginnen kennen wir sie aus dem Märchen, aber auch im Film begegnen sie uns,  beispielsweise in “Die Chroniken von Narnia”. Sie sind böse und tyrannisch. Selbst wenn sie nicht die Maske der Eiskönigin tragen, können wir sie erkennen: als 13. Fee im Dornröschen-Märchen, genauso wie als Archetyp der bösen Stiefmutter oder als die “Ausnahme”-Frau in einer Führungsposition, die ihre Weiblichkeit der falschen Karriere hat opfern müssen und nun all das, was noch Leben in sich trägt, vernichten muss. Zwanghaft.

Die umgedrehte Kali bezeichnet eine solche Frau und weist gleichsam den Weg aus der erstarrten Maske heraus. Eine Frau (oder auch der weibliche Anteil eines Mannes) ist hier gemeint, die das Potential der Verwandlerin besitzt, dieses aber nicht ausleben will oder kann. Opfertanz eben. Und so ist das Feuer gedrosselt, die Flamme erlischt und das kalte Eis breitet sich aus.

Dem ist beizukommen mit Eismagie.  Wir drehen die Karte um. Kalis Feuer lässt das Eis schmelzen und alles gerät  in freudige Eruptionen. Die weiblichen Energien werden freigesetzt und der veränderte Bewusstseinszustand der Ekstase erschafft – sozusagen als inversen Prozess –  den Doppelgänger, der – wie C. G. Jung schon richtig erkannt hat – bei der Frau ein Mann (animus) und beim Mann eine Frau (anima) ist. Crowley nannte diese seine “scarlet woman” und ich habe ihn noch keinen Namen gegeben.

Kalis rote Zunge hängt heraus.  Ich rufe den Hexen-Sabbat aus,  male Kali mit breitem Pinselstrich auf die Leinwand, werde eins mit ihr. Und im Feuer des kreativen Flusses öffne ich die Acrylfarben-Tube mit meinem Mund und blaue Farbe ergießt sich auf meine Zunge. Rot wird zu blau und ist nun doch kein Eis mehr.

Und ich tanze auf dem, was tot ist in meinem Leben, nähre mich davon und transformiere es. Feuersturm. Opfertanz.  Und so bin ich zu einer neuen Kali geworden, die einen Dämon gebiert, den sie aussendet in die objektive Welt, um zu zerstören, was danach verlangt. Eine neue Schöpfung eben.

 

Work in progress:

100720151775

 

 

 

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“Totale Stressauflösung” oder “Auf den Spuren eines Taugenichts”


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In  Peter Sloterdijks Aufsatz „Streß und Freiheit“ werden zwei Formen der Unfreiheit vorgestellt: „Die erste Form der Unfreiheit erfahren wir als politische Unterdrückung, die zweite als Bedrückung durch die Realität, die man zu Recht oder zu Unrecht die äußere nennt.“ (S. 29)

„Die beiden primären Unterdrückungen lassen sich als Varianten von Streß-Erleben beschreiben. Politische Repression bildet ein Streß-System, das so lange Erfolge vorweist, wie die Unterdrückten sich eher für Streßvermeidung – umgangssprachlich: Gehorsam, Ergebung, Dienstbereitschaft – entscheiden als für Auflehnung und Revolution. In technischer Sprache bedeutet eine antityrannische Revolte eine ,maximale Streß-Kooperation‘ (nach Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen, 1996) seitens der Beherrschten zur Beseitigung einer unannehmbar gewordenen Belastung durch Herrschaft. Revolutionen brechen aus, wenn Kollektive in kritischen Momenten ihre Streß-Bilanz intuitiv neu berechnen und zu dem Schluss kommen, dass das Dasein in der Haltung unterwürfiger Streß-Vermeidung letztlich teurer kommt als der Auflehnungsstreß. Im äußersten Fall lautet die Rechnung: Besser tot als länger Sklave. Wo solches Bilanzziehen populär wird, ist es mit Herrschaftsduldung und Obrigkeitsgläubigkeit vorbei, momentan oder bleibend.“ (S. 29 f.)

Und weiter schreibt er über Jean Jacques Rousseau:

„ ,Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.‘ Jetzt war er zu einer Klarheit vorgestoßen, wie nur die tiefe Gelassenheit sie gewährt. Ohne Zweifel war diese ein Lohn der Angst, da die Gemütslage des Autors vom extremen Streß unter äußerer Feindschaftsnot in eine radikale Relaxation umgeschlagen war.“ ((Sloterdijk, S. 34)

Was Rousseau angeht, so darf man feststellen, dass er auf seine Weise den Endpunkt jeder möglichen Revolte gegen die Tyrannei des Realen erreicht hatte. Mit der wie auch immer flüchtigen doch zeitweilig vollkommenen Entlastung von Sorge, Streß und Wirklichkeit tritt subversiv und unwiderstehlich die reine Subjektivität ans Licht. In der Urszene des Subjekts offenbarte sich dieses als exemplarischer Taugenichts, weltfremd und unverwendbar – mehr glückliches Tier als Übermensch, mehr Träumer als Charakter, mehr Auswanderer als Weltverbesserer, mehr Urlauber als Unternehmer.

Und so wollen wir denn die Sorgengemeinschaft verlassen und zum Taugenichts werden, denn schließlich gelingt es uns nicht, sich   – für den Preis unserer Freiheit – dauerhaft anzupassen. Als Taugenichts werden wir insgeheim bewundert, aber auch belächelt.  Doch wenn wir uns vom anscheinend harmlosen Taugenichts zum Übermenschen entwickeln, wird die zum gegenwärtigen Zeitpunkt  manifestierte Welt beginnen, mit ihren unbewussten Kräften, was ich, wenn ich denn die nordische Mythologie als Bezugsrahmen nutze, als “Welt der Riesen” bezeichne, gegen uns anzukämpfen. In den Augen der Matrix  sind wir dann nicht mehr nur Weltflüchtige, sondern auch “eigenartig” in der Form, als dass wir unsere Subjektivität nutzen, um die zementierte Realität aufzuweichen und stellen somit eine Gefahr für das Belastungskollektiv dar.

Schließlich  kommt  das Bestreben, die Matrix im Sinne unseres subjektiven Willens zu verändern, einer Kündigung des unterschwelligen Vertrages mit der Sorgengemeinschaft gleich, die uns beständig vorschreibt, was man darf und was man soll.  Die Matrix und ihre  tumben Büttel wissen schließlich, wenn auch unbewusst,   dass ihr Konstrukt nur ein subtiles Gebilde darstellt, dass seine Form allein dadurch erringt, dass es beständig genährt wird, von denjenigen, die ihr –  ungefragt und von Repressionen bedrängt – Lebensenergie und Glauben zur Verfügung stellen. Dafür, dass sie diesen Pakt auf scheinbarer Gegenseitigkeiten eingehen, erhalten sie vielfältige Belobigungen und wertlosen Tand, der ihnen  ein Philister-Dasein in dem Rahmen dessen garantiert, der ihnen von der Matrix zugestanden wird. Derjenige jedoch, der an den Gitterstäben seines Käfigs rüttelt, stellt das Belastungskollektiv in Frage und damit auch diejenigen, die diesen dienen.  Er kann zwar – wenn er Glück hat –  als  unterhaltsamer Narr geduldet werden, ansonsten aber wird seine Vernichtung angestrebt.

Peter Sloterdijk  beschreibt diesen Vorgang eindringlich, wobei er allerdings den Bezug auf  die Literatur wart, was – da bin ich mir gewiss –   auch auf andere Manifestationen von “Lockerungen” zutrifft, die auf die Auflösung der Sorgengemeinschaft zielen.

„Sobald bei einem exemplarischen Einzelnen die völlige Stressauflösung eingetreten ist, wird dank deren infektiöser Bekundung durch Literatur bei vielen anderen die Frage evoziert, wie es in ihrem Fall mit der Auflösung steht. Modernität strebt immer letzten Lockerungen zu. Das ist der Grund, warum das Lesen von moderner Literatur nicht harmlos sein kann. Wo sie ihren Einfluss ungehindert entfaltet, wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die mit der Zeit die gesamte Gesellschaft verstrahlen könnte, sofern nicht rechtzeitig subjektivitätsdämpfende Maßnahmen ergriffen werden. Dies könnten nach Lage der Dinge nur freiheitsdämpfende und streßsichernde Maßnahmen sein. Wir verstehen, warum das Drama nur in dieser Folge ablaufen kann. Wenn das primäre Subjekt der neuen Freiheit das vom Sozialstress entbundene, mittelpunktlos in sich dahin driftende, von allen Meinungen emanzipierte, bis in die Tiefe seiner selbst sorglose rêverie-Subjekt ist, liegt auf der Hand, wieso die massenhafte Freisetzung von Subjektivität dieser Art auf eine Katastrophe des Sozialen hinauslaufen könnte. Sie bedroht die soziale Synthesis mit der individualistischen Kettenreaktion, an deren Ende die Massenflucht der sorglosen einzelnen aus dem Belastungskollektiv stünde. Diese würde die soziogenen Stressfelder zersetzen, die, wie gezeigt, den Zusammenhang zwischen den Gesellschaftern ausmachen. Tatsächlich ist der psychopolitische Großkörper, den wir Gesellschaft nennen, nichts anderes als eine von medial induzierten Stress-Themen in Schwingung versetzte Sorgengemeinschaft.“ (S. 37 f.)

Und so sind wir erst von der Dienerin des Belastungskollektivs  zum  “Taugenichts” geworden, haben dann  in der Freiheit  unsere eigene Subjektivität entdeckt und öffnen nun mit der Kraft unserer Utopien und Visionen die Welt jenseits des Spiegels.  Wir schaffen Kunst.  Wir sind “eigen”artig und …  glücklich.

Doch immer dann, wenn wir die Verbindung zwischen der inneren Welt, die immer auch mit den Numinosen kommuniziert, mit der Sorgengemeinschaft herstellen, wir also nicht in der geschützten Einsiedelei leben, dann stellen wir offensichtlich eine Gefahr für die objektive Welt dar, schließlich haben wir die geforderte Aufopferung unseres Selbst verweigert und könnten deshalb ein Vorbild für andere  darstellen. Und so werden wir von der Sorgengemeinschaft  moralisch abgewertet, als “krank” verurteilt und mit der Bedrohung unserer Existenz sanktioniert.

Wir werden in Teile zerlegt, was eine schamanische Initiation darstellt. Wir sind Odin, der am Baum hängt und sich selbst geopfert ist:  selber mir selbst.

Wenn wir diese Vorgänge jedoch  unbeschadet überleben, uns also selbst  wieder zusammensetzen, dann  WERDEN wir zum Übermenschen. Und so entscheiden wir uns jetzt für die rote Pille.

 

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Opfertanz

Thomas Altmann schreibt im „Manifest der Diloggún”:

„Durch die Vernichtung des körperlichen und formhaften Zustandes eines Gegenstandes, einer Pflanze oder eines Tieres wird geistige Energie freigesetzt, indem sie der Stofflichkeit entbunden, aus ihrer Bindung an Stoff befreit wir, und dies in überproportionalem Maße. Diese geistige Energie kann – und muss- sinnvollerweise auf ein geistiges Ziel gerichtet werden, um Resultate im Orun zu erzielen, die ihrerseits wieder in der diesseitigen Welt (Ayé) Realitäten bewegen. Ein Opfer ist ein magischer Akt.“
(Altmann, Thomas, 11/2009: Manifest der Diloggún, S.3)

In Afrika werden Hühner geopfert, um diese Kraft freizusetzen. In Deutschland ist es mittlerweile subtiler. Dort werden die Seelen von Menschen geopfert, um mit ihrer Lebensenergie die gesellschaftliche Trance, genährt aus Stasis und Angst, zu nähren. Wenn die Seele sich aber erst einmal vom Körper gelöst hat, dann bleibt der Mensch „seelenlos“ zurück. Er wird zum Zombie, zum blechernen Maschinenmenschen, der nur noch funktioniert.

Und der Maschinenmensch fragt sich, sofern er überhaupt noch dazu in der Lage ist, welchen Anteil er selbst am Schrecken der Welt, um ihn herum, hat?

Marko Pogacnik  schreibt:

„Lasst uns in Gedanken an den Anfang aller Existenz gehen. Die Welt, die um uns herum schwingt, stellt sich unseren Sinnen als eine fest in Form gegossene Welt dar. Die feste Form der Umwelt könnte sich jedoch eines Tages als Täuschung entpuppen, wenn sich die Vermutung bestätigen sollte, dass unsere fünf Sinne die Funktion haben, aus den Schwingungsfeldern unserer Umgebung diejenigen Elemente herauszupicken, die sich in einem festen, logisch nachvollziehbaren Weltbild zusammenfassen lassen. Würde das dann nicht bedeuten, das die Wirklichkeit, die wir beobachten, lieben oder sogar hassen, unsere eigene und eigenartige Schöpfung ist? Ich frage mich immer wieder, wie die Welt, durch die Augen einer Biene oder eines Bären gesehen, aussieht. (Pogacnik, Marko: Synchrone Welten. Geomantie des zwölfdimensionalen Lebensraums. Aarau und München 2011, S. 8?)

Doch NEIN: Ich widerspreche der Vorstellung einer 100% Konstruktion der Wirklichkeit durch das einzelne Individuum, wie es uns manche Esoteriker vermitteln wollen, schließlich würde dies auch bedeuten, dass ich mich selbst zum Opfer mache. Und obwohl ich – wie es uns Marko Pogacnik nahelegt – sicherlich meine Welt immer auch  konstruiere,  sie also durch verschiedene Gedanken-Filter betrachte, existiert  – da bin ich mir gewiss – eine objektive Welt, die wir mehr oder weniger vollständig, abhängig von der persönlichen Tagesform und von der uns zur Verfügung stehenden  Intelligenzleistung,  sowie der Synthese von intuitivem und intellektuellem Wissen,  … etc. erfassen, die wir aber nicht immer in unserem Sinne beeinflussen können.  So erkennt die Biene einen Teil der Wirklichkeit, wir aber einen anderen. Als Mensch, der  – um mit Nietzsche zu sprechen-  bestrebt sein sollte, sich zum Übermenschen zu entwickeln, obliegt es uns, auch die Wirklichkeitserfassung einer Biene in unser Weltbild zu integrieren, das eines Elefanten und jenes unser Mitmenschen. Und so werden wir, indem wir die terra mundi in all ihren Facetten erkennen, die objektive Wirklichkeit  also „paradimensional“ erfahren, zum Übermenschen, zum Magier und zur Zaunreiterin.

Mehr noch: Wir sind diejenigen, die Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe innehaben und dies häufig nicht wahrhaben wollen. Deshalb sei es LAUT verkündet: Wir sind die Hüterinnen der Erde.

Und wenn wir unsere Kraft nicht mehr verleugnen, dann ist der erste Schritt dafür getan, dass uns die äußere Welt keinerlei Leid mehr zuzufügen vermag. Schließlich, das wissen wir nun,  haben wir dieses Elend  teilweise (aber nicht vollständig!!!)  auch selbst erschaffen und dadurch haben wir  –  jetzt JA – das willfähige Opfer  der Zustände der objektiven Welt abgegeben. Unbewusst. Entfremdet von uns Selbst.

Rahel Jaeggi  schreibt dazu:

„Entfremdet (nämlich) sind wir immer von etwas, das uns zugleich eigen und fremd ist. In entfremdete Verhältnisse involviert, scheinen wir auf komplizierte Weise immer zugleich Opfer und Täter zu sein. Derjenige, der sich in seiner bzw. durch seine Rolle entfremdet, spielt diese gleichzeitig selbst; wer sich durch fremde Wünsche geleitet sieht, hat diese doch gleichzeitig  verursacht – und  es würde die Komplexität der Situation verkennen, wenn wir hier schlicht von internalisiertem Zwang oder von psychischer Manipulation sprächen. Soziale Institutionen, die uns erstarrt und fremd gegenüberstehen, sind gleichzeitig von uns geschaffen. Wir sind hier, das ist das Spezifische der Entfremdungsdiagnose, nicht Herr über das, was wir zusammen — tun.“ (Entfremdung: Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems, 2005)

Erich Fromm bringt das im  o.g. Zitat ausgedrückte  Gefühl der Ohnmacht noch drastischer auf dem Punkt, u.a.  auch,  indem er, ganz zufällig, eine Referenz auf meine  Riesen-Thematik  gibt. Er nutzt nämlich den Begriff „Riesenmaschine“, um zu beschreiben, was den bürgerlichen Menschen in einem Indifferenz-Verhältnis beherrscht.

„Er (der bürgerliche Mensch) produziert eine Welt der großartigsten und wunderbarsten Dinge; aber diese seine eigenen Geschöpfe stehen ihm fremd und drohend gegenüber; sind sie geschaffen, so fühlt er sich nicht mehr als ihr Herr, sondern als ihr Diener. Die ganze materielle Welt wird zum Monstrum einer Riesenmaschine, die ihm Richtung und Tempo seines Lebens vorschreibt. Aus dem Werk seiner Hände, bestimmt, ihm zu dienen, und ihn zu beglücken, wird eine ihm entfremdete Welt, der er demütig und ohnmächtig gehorcht.“

Und nachdem wir nun die tödliche Mechanik der Riesenmaschine erkannt haben: endlich,  erinnern wir uns daran, dass wir nicht Sklavin, sondern gleichsam Erbauer und Zerstörerin sind: ganz wie es uns beliebt. Wenn wir das Leid der objektiven Wirklichkeit teilweise selbst zu verantworten haben, dann können wir auch dessen  dumpfen Staccato durchbrechen, indem wir den Weg der EIGENMACHT beschreiten.  BEWUSST! Er besteht im beständigen Wandel, im beständigen „Werden“, womit wir die Festlegung auf ein starres Weltbild ablehnen müssen, denn dies würde erneut die riesenhaften Kräfte herbeirufen, die immer dann erwachen, wenn sich ein unbewusster Schlaf, oder  – anders ausgedrückt – eine Gesellschaftshypnose, über die Menschen wie ein starres Leichentuch legt.

Insofern sollte es unser beständiges Trachten sein,  die objektive Wirklichkeit in all ihren Facetten zu erkennen  und  auch zu beherrschen, indem wir unser subjektives Wollen in die objektive Welt tragen: gleichsam dekonstruktivistisch wie auch konstruktivistisch.

Dies ist auch die Botschaft von Odin, dem männlichen Hauptgott des germanischen Pantheons, dem mit Loki eine spirituelle Bruderschaft verbindet, hinter der sich das tiefe Geheimnis verbirgt, dass es sich bei Loki um einen abgespaltenen Schattensaspekt  von Odin handelt.

Loki hat  in seiner göttlichen Triade, bestehend aus Odin und seinen Brüdern Vili und Vé, dem Riesen Ymir getötet. Dadurch sorgt er dafür, dass das menschliche Leben dazu dienen soll, sich aus der Abhängigkeit zu ihren riesenhaften Schöpfern, symbolisiert durch Ymir,  zu  befreien und stattdessen das eigene Bewusstsein und damit gleichsam  eine  freudvolle Ekstase  zu entwickeln, um letztendlich  von ihnen – den Thursen-Riesen – eine Erklärung für ihre  fehlerhafte Schöpfung einfordern zu können.  Dann – und nur dann –  begegnen sich Gleiche unter Gleichen, was zu einer  reinigenden Metamorphose führen wird, wie sie uns nach dem Ende dieser Welt in der Edda versprochen wird.

Und so tanzt das einstige  Opfer auf den Überresten einer Zivilisation, die aufgehört hat, diesen Namen zu verdienen.

Schluss nun – ein für allemal – mit Riesen. Fort mit euch! „Existenz existiert“, wir erinnern uns an das Paradigma von Ayn Rand und trachten danach in der Kraft dieses Augenblicks,  unser Bewusstsein zu leben. Totentanz. Opfertanz. Freudenzauber.

050620151718

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