Warum es hier keinen offensichtlichen Mehrwert für dich gibt! Reflexionen über das Bloggen

Meine knappe Antwort lautet: … Weil ich gegen ökonomische Kategorien verwehre und ich eher das Konzept des inspirierenden Müßiggangs verfolge. Da wird dann Tagebuch geschrieben, um sich selbst weiterzuentwickeln.

Dazu passt ganz schön das folgende Zitat von Rudolf von Laban.

„Der Mensch bewegt sich, um ein Bedürfnis zu befriedigen. Mit seiner Bewegung zielt er auf etwas hin, das für ihn von Bedeutung ist. Das Ziel seiner Bewegung ist leicht zu erkennen, wenn diese sich auf ein konkretes Objekt richtet; es können aber auch immaterielle Dinge sein, die eine Bewegung auslösen.“ (Laban, Rudolf von: Die Kunst der Bewegung. Wilhelmshaven 2003, S. 9)

Blogs, nicht nur Reiseblogs, sind ja ebenfalls Bewegungen, die irgendwohin führen. Vor dem virtuellen Zeitalter haben wir beim Schreiben die Feder geschwungen und sie über ein Blatt Papier tanzen lassen. „Warum es hier keinen offensichtlichen Mehrwert für dich gibt! Reflexionen über das Bloggen“ weiterlesen

Jägerhaus und Hubertuskapelle im Hainberge

Am Samstag hat mich die Hubertuskapelle im Hainberge gerufen, was ich dann auch den anderen Teilnehmerinnen des Wildfrauenhauses schmackhaft gemacht habe und so starteten wir gegen 10 Uhr am Hauptbahnhof in Hannover.

Kennengelernt hatte ich diese Tour durch einen lieben Freund, der die Strecke noch aus seiner Kindheit als Sonntagsausflug kannte, siehe hier.

Los ging es damals an  der Burganlage in Wohldenberg, die jetzt ein katholisches  Bildungszentrum beherbergt. Um 1731 wurden die spätmittelalterlichen Teile durch eine barocke  Hubertuskapelle ergänzt. Die zeitgleich errichte, ebenfalls  Hubertuskapelle genannte ausgebaute Grotte am Hainberg (die Felsinschriften nennen die Jahre 1727  und 1733), steht in direkter Verbindung zu ihr, weshalb uns auch der Autor der Jubiläumsschrift zur Hubertuskapelle von 1933 diesen Weg u.a.  mit folgenden Worten empfiehlt:

Ein Marsch von anderthalb bis zwei Stunden, teilweise auf bequemen Waldsteigen, teilweise auf einem chauffierten Wege führend, bringt uns zum Ziele. (S. 5)

Das Jägerhaus, eine alte Traditionsgaststätte, stand leer, als ich es vor zwei Jahren erstmalig besuchte. Mittlerweile hat es neue Besitzer gefunden, sodass eine Öffnung zum Sommer geplant ist. Ursprünglich war es als Jagdhaus vom Grafen Ernst Friedrich Herbert von Münster errichtet worden.

Im alten Führer heißt es:

Der Wanderer fühlt sich, wenn er am Ziele, dem Jägerhause angekommen ist, reich belohnt für seine Wandermühe. Ein Waldidyll von eigenartigem Reiz und Zauber liegt vor seinen Blicken. Der freundliche Wirt, der schon eine lange Reihe von Jahrn das Haus ständig bewohnt, könnte erzählen von den Ausrufen des Entzückens und der Bewunderung, in die die Wanderer beim Anblick des Jägerhauses und seiner prächtigen Umgebung ausbrachen, besonders von dem so oft wiederholten Rufe: ‚Hier möchte ich wohnen‘: er könnte erzählen von den begeisterten Schilderungen, die die Besucher sich nachher gegenseitig über ihre tiefen Eindrücke entwarfen aber später in Karten und Briefen, die zum Jägerhaus flogen, niederlegten; könnte erzählen von der treuen Liebe und Anhänglichkeit, die in der Umgebung wohnende ‚Stammgäste‘ dem Jägerhause bewahren Dn durch häufigen Besuch selbst in rauher Winterzeit immer wieder von neuem befunden. (S. 6)

Es macht Spaß  im alten Büchlein zu lesen.  Dr. Karl Henkel lässt uns an seinem unmittelbaren Erleben teilhaben, um uns erst dann die Ergebnisse seiner Quellenstudien mitzuteilen.

Heutige Wander- und Ausflugsführer stellen dagegen meist nur nüchtern die Gegegebenheiten dar und schwelgen sprachlich nicht in euphorisch-poetisch-romantischen Betrachtungen, die die Seele des Ortes berühren dürfen, wie diese Schrift. Ach, ich sagte es schon einmal hier im Blog: Wir brauchen eine neue Romantik!

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Unkalkulierbarkeit als neue Tugend oder Wege aus der Mobbinggesellschaft

Jetzt hat mich letztens  jemand als „unkalkulierbar“ bezeichnet.

Für mich war klar, dass damit meine Person abgewertet werden sollte, was mich im ersten Moment schwer verletzt hat. Gerade deshalb machte ich mir in der Folgezeit so meine Gedanken, ob die Aussage auch in meiner Einschätzung negativ oder doch eher positiv sein könnte. Ich kam dabei zu interessanten Ergebnissen, die ich hier gerne teilen möchte.

Am Anfang meiner Überlegungen steht ein Satz, den ich im philosophischen Radio hörte. Er  besagt, dass je genauer wir etwas vermessen, umso mehr  die Unterschiede hervortreten.

Wenn ich also in der Arbeitswelt ständigen Evaluationen unterworfen werde, fördert das die Qualität nur insofern, als dass sie alle Mitarbeiter an einer äußeren Schablone misst, deren Kriterien meist noch nicht einmal kommuniziert, geschweige denn selbst bestimmt werden. Man könnte hier auch von Gleichmacherei, Maschinisierung, Entmenschlichung, Zombifizierung sprechen. Der Untergang des Abendlandes naht, wie Herr Spengler schon im Jahre 1920 richtig erkannt hat.

Wer in die Schablone passt oder sich passend macht, darf friedlich weiter seine Tätigkeit verrichten. Die Handlung an sich aber, dass hier nämlich  überhaupt eine Schablone an die Arbeits-Sklaven angelegt wird, führt dazu, – oh Schreck – dass einige Mitarbeiter als nicht regelkonform und somit für das zweifelhafte System als störend eingestuft werden. Dank der Schablone fällt das nun auch den dumpfesten Persönlichkeiten richtig auf; deshalb muss nun – wie ja schon eine volkstümliche Spruchweisheit verkündet – , was nicht passt, passend gemacht werden.

Regeln werden aufgestellt, die nun streng überwacht werden. Die Meute kann losgelassen und die Hetze kann beginnen, indem andere – besser genormte Mitarbeiter – auf das „schwarze Schafe“ angesetzt und/oder konstruierte Sachverhalte instrumentalisiert werden. Der Einfachheit halber ist das Mobbing-Opfer nur eine Person, da nur so gemeinschaftliche Solidarität gegen die nächste Stufe der Hierarchie-Pyramide verhindert werden kann. Der Sündenbock trägt nun die alleinige Schuld für das schlechte Abschneiden im Evaluations-Ranking, die mangelnde Auslastung, die Kritik im Netz, … usw. Probleme werden individualisiert und die Kollegen atmen freudig auf, dass ihre zeitweilige und geheime Regel-Unkonformität nicht aufgedeckt wird und freuen sich darüber, dass nicht sie an den Pranger gestellt werden, sondern jemand anderes.

Es folgen zweifelhafte Disziplinierungen, vielleicht auch die Entfernung aus der Gemeinschaft der Befehlsempfänger. Die Existenzsicherung wird angegriffen; die Gesundheit mit psychischem Druck zerstört.

In anderen Parallel-Kulturen werden Hühner geopfert, um die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Sind wir davon so weit entfernt?

Ich denke nicht. In unserer posthumanen Gesellschaft ist nur der ein guter Mitarbeiter, der – im Sinne der Herrschaftsausübung – kalkulierbar für eine Gesellschaft ist, die schon längst keine Gemeinschaft mehr ist, sondern nur noch die Interessenvertretung einer Elite darstellt, die ihre Macht  nur  mit Hilfe all der Büttel des Systems, die – während sie ihr merkwürdiges Tageswerk verrichten – noch davon ausgehen, dass sie dem „Guten“ dienen, letztendlich ihre Seele aber schon der Bewusstlosigkeit geopfert haben, aufrechterhalten kann.

Umso mehr sich das Gesellschaftsgefüge im Neofeudalismus auflöst, umso mehr muss im kleinen System, also beispielsweise im Arbeitsumfeld des Krankenhauses, des Finanzamtes, des Wirtschaftskonzerns  oder was weiß ich, institutioneller Druck aufgebaut werden, einfach um zu verhindern, dass die Zeichen des Zusammenbruches, die sich im Außen schon deutlich zeigen, nicht nach Innen auswirken. Die Methoden des Wirtschaftsliberalismus im Konglomerat mit einer anscheinend ungebrochenen deutschen Tradition, die vom Soldatenkaiser bis zur Gegenwart führt, und die die zweifelhafte Tugenden des Obrigkeits-Glaubens, des Wegschauens, Weghörens und des Mund Haltens befördert, soll das Herrschaftssystem fest in Beton gießen. Hinzu kommt eine Medien-Propaganda-Maschinerie, die das Bewusstsein der Menschen mit Kalendersprüchen verflacht. Umso dümmer die Bevölkerung, umso mehr Nutzen ziehen die Eliten daraus.

Mit all den aufgezeigten Methoden, das ist die Hoffnung, soll das System am Laufen erhalten bleiben. Die Gefahr ist allerdings groß, dass deren einzelne Mitglieder dabei schwermütig werden, was dann erst einmal einen erbarmungslosen Austausch von schwächelnden Mitarbeitern durch neue, die den Druck noch verkraften können, rechtfertigen wird. So braucht es dann kurzfristig u.a. einen unkontrollierten Bevölkerungsschub aus der ganzen Welt, der die Erwerbssuchenden, Erwerbslosen und „Drückeberger“ – wie sie ja auch medienwirksam genannt werden – dazu bringen wird, immer prekärere Lebensumstände zu tolerieren. Zusätzlich werden die Menschen durch vielfältige und  künstlich  ins Haus geholte  Kultur-, Religions- und Existenzkonflikte vom Nachdenken abgehalten.

Das hier aufgezeigte ist mittlerweile  bundesdeutsche Gegenwart, die allerdings – meiner Einschätzung nach – nicht von einem „Superhirn“ geplant wurde, sondern – im Gegenteil –  eher einer unbewussten Konsens-Politik geschuldet ist.

Ich komme jetzt zum Blick in die Zukunft.

Die Halbwertzeit, um mal einen passenden Begriff aus der Ökonomie für Sachwerte zu benutzen, indes wird – das ist meine Prophezeiung – bei der kommenden Generation von Arbeitssklaven geringer ausfallen, als bei der jetzigen. Bei einer gleichzeitigen weiter zunehmenden Robotisierung der Arbeitswelt ist hier Nachhaltigkeit jedoch nicht mehr nötig, auch wenn die Mitarbeiter des Gesundheits“management“ das Gegenteil behaupten mögen. Die unverfälschte Wahrheit ist aber, dass das System nur so lange am Leben erhalten bleiben muss, bis der technische Fortschritt so weit gediehen ist, dass intelligente Maschinen die meisten Arbeitsabläufe fast vollständig übernehmen können. Das wird – so meine Einschätzung – bei gleichbleibender technischer Entwicklung spätestens in zwanzig Jahren der Fall sein.

Die Maschinen, einmal programmiert, werden das Bestehende zementieren, indem sie die Notwendigkeit einer Kontrolle obsolet machen, indem sie offensichtlich und für jeden einsehbar „richtige“ Arbeits-Ergebnisse liefern. Der Weg dorthin ist indes nicht mehr überprüfbar, wer will schon eine rationale Beweisführung mit millionenfachem Daten-Output verifizieren können? Das gelingt niemanden,  weswegen uns eingeredet werden wird, dass wir den Maschinen  ganz einfach (sic!)  vertrauen müssen. In dieser Phase der Auflösung (von Entwicklung will ich hier nicht mehr sprechen, schließlich enthält dieses Wort im allgemeinen Sprachgebrauch implizit immer auch die Hoffnung auf einem positiven Fortschritt) werden die ehemaligen Arbeits-Sklaven bestenfalls noch als Unterhalter und Konsumenten benötigt, wenn überhaupt.

Ich denke an dieser Stelle lieber nicht weiter und verweise auf die zahlreichen Science Fiction-Produktionen in den Kinos, die uns auf weitergehende Szenarien vorbereiten.

Wenn wir indes all das hier Aufgezeigte nicht wollen, brauchen wir  die Tugend der Unkalkulierbarkeit, die offensichtlich gefürchtet wird. Wir müssen das Dogma der Rationalität hinterfragen und darüber nachdenken, was wir von vergangenen Zeitaltern lernen können, die sich in der Gegenwart nicht in der Form durchgesetzt haben, wie die Aufklärung und ihr alleiniger Gott – die Ratio. Brauchen wir also beispielsweise eine neue Romantik? Ich meine ja.

 

Hört auch hier:

Wolfgang Buschlinger – Das philosophische Radio

Sinngemäß  wird hier  gesagt, dass das Funktionieren  idealisiert und derjenige, der vermeintlich reguliert werden muss,  als „geisteskrank“ stigmatisiert wird: Wolfgang-Schmidbauer-Redezeit

 

Die blaue Blume der Romantik:

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Jenseits des Spiegels: DísCall

Jenseits des Spiegels befindet sich die Welt unserer Imagination, was auch nur eine Beschreibung dessen ist, was in der momentanen Wirklichkeit noch nicht verwirklicht ist.

Die Spiegel-Welt ist der Resonanz-Raum unserer Möglichkeiten, unserer (noch) nicht-gelebten Träume, unserer Wünsche und unserer Verfluchungen.

Als Künstlerin halte ich mich nur zu gerne in dieser Welt auf, muss dabei jedoch den Drang bezwingen, ganz darin versinken zu wollen und letztendlich mir dabei SELBST verloren zu gehen. Die Zaubermärchen des irisch-keltischen Raumes berichten von dieser Gefahr: Immer dann nämlich, wenn Sterbliche in das Elfenreich gelangen, wo ein Tag plötzlich sieben Jahre im menschlichen Leben zählt, haben sie die Spiegelscheibe zwar durchbrochen, jedoch versäumt, zeitnah den Rücktritt in ihre irdische Existenz anzutreten. Sie sind dann „zu spät“ zurückgekommen, um noch vorzufinden, was sie verlassen haben und sind so letztendlich für das Diesseits verloren.

In den deutschen Sagen von der Bergentrückung ist das Höhlenkönigreich, das unendliche Schätze birgt, für immer verschlossen. Die Trennung der beiden Welten ist unabweisbar vollzogen und sie kann nur dauerhaft durch die Kraft der Imagination, die sich jedoch nicht in den unendlichen Fluss des phantastischen Gaukelspiels verliert, überwunden werden.

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Die blaue Blume öffnet zwar den Berg und lässt uns hinter dem Spiegel blicken, doch dann, wenn die Kraft unserer inneren Schau erlischt, stehen wir vor geschlossenen Felsenwänden und sind dazu verdammt, dumpf auf eine utopische Zukunft zu vertrauen, in der ein Retter-Kaiser sein Berg-Grab verlassen wird, um ein wunderbares Friedensreich zu errichten. Uns bleiben vorerst nur die Geschichten aus fernen Vergangenheiten. Verzweifelt suchen wir die blaue Blume.

Doch selbst wenn wir sie gefunden haben, benötigen wir die Kraft der Dísen, die uns helfen werden, die Trennung zwischen den Welten dauerhaft aufzuheben. Sie sind – vergleichbar den Walküren – kriegerische Schlachthelferinnen und Sturmreiterinnen. Als solche unterstützen sie uns in den zahlreichen Kämpfen mit den Zumutungen der objektiven Welt und können uns die Manifestation dessen ermöglichen, was sich noch verschlossen in unserem Traum-Bewusstsein befindet und was sich dennoch beständig seinen Weg in das Diesseits bahnen will.

Die Dísen sind auch die Verkünderinnen des nahenden Todes, der auch nur eine Umschreibung für den Zustand ist, der uns erwartet, wenn sich unser Bewusstsein vom Diesseits ins Jenseits verschiebt. Sich SELBST gesegnet ist derjenige, der die Nabelschnur zwischen den Welten niemals hat abreißen lassen und auch diejenige, die im jetzigen Leben ihr Bewusstsein schon mit dem des Jenseits-Bewusstseins verbunden hat und sich gerade deshalb dabei SELBST-bewusst bleibt.

Und so manifestiere ich mein Werk in der objektiven Welt, indem ich Zwiesprache halte zwischen den Welten „vor“ und „hinter“ dem Spiegel. Die Dísen werden so zur Geburtshelferinnen des kreativen Traumes. Die Rahmentrommel kann die Reise begleiten, während die Leinwand zum Ort der Synthese zwischen „hier“ und „dort“ wird und so begebe ich mich auf meine schamanisch-magische Reise. Immer wieder. Zweifelsfrei. Willst du mich begleiten?

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Filmempfehlung:

Das heroische Sein und seine Abgründe!

Mein täglicher Weg zur Arbeit bietet die Begegnung mit zwei Denkmälern, die gegensätzlicher nicht sein können. Schon in der Überlegung, in welcher Reihenfolge ich sie hier vorstelle, steckt politische Brisanz und Aussage. Wo also anfangen?

Ich fange bei der heutigen Kurt-Schumacher-Kaserne, die vor dem II. Weltkrieg Sitz des Generalkommandos XI. Armeekorps, Wehrkreiskommando XI, Wehrkreisverwaltung XI. war.

1936 wurde im Zug der Aufrüstung der Wehrmacht mit dem Bau der heutige Kurt-Schuhmacher-Kaserne am damaligen Misburger Damm (heute: Hans-Böckler-Allee) begonnen.

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Der Hannoversche Stadtanzeiger berichtet im Oktober 1937:

„Von den Heeresneubauten, die in letzter Zeit im Standort Hannover errichtet wurden, verdient, städtebaulich und architektonisch beurteilt, das neue Gebäude des Generalkommandos, der höchsten Dienststelle unseres hannoverschen Korps, eine besondere Würdigung, zumal seine zentrale Lage bestimmend sein wird für die weitere Ausgestaltung der breiten Ausfallstraße am Misburger Damm.
Klar, einfach und kraftvoll im Grundriss, in der Linienführung und in der Gestaltung einzelner bildnerisch besonders betonter Gebäudeteile, ist hier die Aufgabe, in Zweckmäßigkeit und Schönheit etwas Neues zu schaffen, das zugleich soldatischer Wesensart entspricht, auf das Beste gelöst worden. Die gesamte bauliche Anlage ist durchaus der Forderung gerecht geworden, ein unserer Wehrmacht würdiges Heim zu sein. Besonders eindrucksvoll ist das Portal des Hauptgebäudes gestaltet worden.
Bis zum Obergeschoss durchschneiden hier vier breite Werksteinpfeiler den vierstöckigen Rohziegelbau. Ihren Abschluss finden sie in einer den Wehrwillen und die Wehrkraft zum Ausdruck bringenden Steinmetzarbeit, die überkrönt ist von dem weit ausschwingenden Wehrmachtsadler. Der Blick durch diesen Haupteingang fällt auf den Ehrenhof mit der durch hohe Glastüren erhellten Fahnenhalle. Hier werden in Zukunft beim Generalkommando als der höchsten Dienststelle des Standortes die Fahnen und Standarten der hannoverschen Truppenteile untergebracht sein.
Eine weitere Belebung des ganz auf Licht und Sonne abgestimmten Innenhofes ist durch gärtnerische Anlagen erzielt. Kleine Springbrunnen an den vier Ecken der mit Herbstblumen umsäumten Rasenfläche vervollständigen diese Grünlage.“

Inwieweit hier romantische Philosophie faschistische Architektur beeinflusst hat, wird deutlich, wenn wir  den Philosophen Schelling bemühen.

Der schreibt nämlich:

„Die Hoffnung war, dass das künstlerische Genie in einem ästhetisch anziehenden Werk den Werten und Überzeugungen der Gemeinschaft gültigen Ausdruck geben könne. Ein solches Werk würde, so der Traum, ‚ewige Einigkeit unter uns‘ stiften. (Schelling, Materialien, 112) (S. 49)

Diese Aussage erscheint typisch für die Romantik, die die zunehmende Modernisierung als einen destruktiver Prozess der Entzauberung verstand, der eine neue Sinnstiftung entgegengesetzt werden muss.

Schelling bemüht die Gemeinschaft als Ziel, dessen Werte im ästhetisch anziehenden Werk“ zum Ausdruck kommen. Genau diese Gemeinschaft aber, vor der der Einzelne zurücktritt, wird dann auch von Wilhelm Alex, General der Artillerie, angerufen, als er beim Richtfest am 3. April 1937 folgende Rede hält:

„Ich sehe davon ab, irgendeinen Mann besonders hervorzuheben. Die Männer, die hier geschafft haben, taten ihre Pflicht, keiner um eines persönlichen Lobes willen, sondern nur im Gedenken, mit den übrigen Arbeitskameraden zusammen etwas Großes auszurichten.“

Solch ein Ausspruch wäre in unserer heutigen Zeit undenkbar, zeigt er doch, dass der einzelne Mensch hier vor der Gemeinschaft zurücktritt, dass er also nicht aus egoistischen Motiven agiert, sondern sein Tun auf „etwas Großes“ abzielen lässt.

Und weiter geht es in der Rede:

„So ist dieser Bau geschaffen im Geist echten Soldatentums, eines Soldatentums, das sich vielleicht in keinem Menschen mehr verkörpert als in einem Sohne dieses Landes. Scharnhorst, der hier in Hannover vor 150 Jahren als Lehrer an der Artillerieschule zu seinen Schülern gesprochen und immer wieder die soldatische Forderung gestellt hat: ‚Viel leisten – wenig hervortreten. Mehr sein als scheinen!‘
In diesem Scharnhorstschen Geist wird auch der Stab des Generalkommandos, der in absehbarer Zeit in diesem Gebäude einzieht, ebenso wie die bis zur Stunde des Umzuges hier schaffenden Arbeiter seine Pflicht erfüllen.
Es soll uns nichts zu viel und nichts zu schwer sein, auch wenn den Leistungen keine Danksagungen folgen. Echte Soldaten sehen ihre Ehre nur in selbstloser Arbeit am Erfolg des Ganzen.“ (Quelle: Broschüre Kurt-Schumacher-Kaserne Hannover)

Ich frage mich nun: Wird das Sein  in dieser Lesart immer heroisch verstanden, wenn es sich der Gemeinschaft dienbar macht, die hier – auch in der Tradition der Romantik –   als eine homogene ethnische oder nationale Einheit gesehen wird?

Und wenn die Einheit nicht mehr durch friedliche Überzeugungsarbeit erreicht werden kann,  dann öffnen sich aggressive Tiefen, die zum Ausschluss und zur Verfolgung von Minoritäten führen können.  Wenn sich die Gemeinschaft dann  gar in ihre Abwehrstrategien immer weiter  hineinsteigert und gleichzeitig ihre einzelnen Mitglieder auf ein Pflichtbewusstsein im Dienst des Ganzen einschwört, dann stürzt das heroische Sein, das dem Volksgedanken untergeordnet wird,  in die bekannten Abgründe der jüngsten deutschen Geschichte und braucht nun individualistische Helden, die da, wo es nötig ist, sich wagemutig gegen das wild entfachte Treiben der Gemeinschaft stellen, die eigentlich, im Ursprung einmal, romantisch-„gut“ gedacht war.

Die möglichen Abgründe dokumentiert  die Gartenbauschule Ahlem, das zweite Denkmal, das am Ende meines Arbeitsweges steht.