Warum es hier keinen offensichtlichen Mehrwert f√ľr dich gibt! Reflexionen √ľber das Bloggen

Meine knappe Antwort lautet: … Weil ich gegen √∂konomische Kategorien verwehre und ich eher das Konzept des inspirierenden M√ľ√üiggangs verfolge. Da wird dann Tagebuch geschrieben, um sich selbst weiterzuentwickeln.

Dazu passt ganz schön das folgende Zitat von Rudolf von Laban.

„Der Mensch bewegt sich, um ein Bed√ľrfnis zu befriedigen. Mit seiner Bewegung zielt er auf etwas hin, das f√ľr ihn von Bedeutung ist. Das Ziel seiner Bewegung ist leicht zu erkennen, wenn diese sich auf ein konkretes Objekt richtet; es k√∂nnen aber auch immaterielle Dinge sein, die eine Bewegung ausl√∂sen.“ (Laban, Rudolf von: Die Kunst der Bewegung. Wilhelmshaven 2003, S. 9)

Blogs, nicht nur Reiseblogs, sind ja ebenfalls Bewegungen, die irgendwohin f√ľhren. Vor dem virtuellen Zeitalter haben wir beim Schreiben die Feder geschwungen und sie √ľber ein Blatt Papier tanzen lassen. ‚ÄěWarum es hier keinen offensichtlichen Mehrwert f√ľr dich gibt! Reflexionen √ľber das Bloggen‚Äú weiterlesen

Jägerhaus und Hubertuskapelle im Hainberge

Am Samstag hat mich die Hubertuskapelle im Hainberge gerufen, was ich dann auch den anderen Teilnehmerinnen des Wildfrauenhauses schmackhaft gemacht habe und so starteten wir gegen 10 Uhr am Hauptbahnhof in Hannover.

Kennengelernt hatte ich diese Tour durch einen lieben Freund, der die Strecke noch aus seiner Kindheit als Sonntagsausflug kannte, siehe hier.

Los ging es damals an  der Burganlage in Wohldenberg, die jetzt ein katholisches  Bildungszentrum beherbergt. Um 1731 wurden die spätmittelalterlichen Teile durch eine barocke  Hubertuskapelle ergänzt. Die zeitgleich errichte, ebenfalls  Hubertuskapelle genannte ausgebaute Grotte am Hainberg (die Felsinschriften nennen die Jahre 1727  und 1733), steht in direkter Verbindung zu ihr, weshalb uns auch der Autor der Jubiläumsschrift zur Hubertuskapelle von 1933 diesen Weg u.a.  mit folgenden Worten empfiehlt:

Ein Marsch von anderthalb bis zwei Stunden, teilweise auf bequemen Waldsteigen, teilweise auf einem chauffierten Wege f√ľhrend, bringt uns zum Ziele. (S. 5)

Das J√§gerhaus, eine alte Traditionsgastst√§tte, stand leer, als ich es vor zwei Jahren erstmalig besuchte. Mittlerweile hat es neue Besitzer gefunden, sodass eine √Ėffnung zum Sommer geplant ist. Urspr√ľnglich war es als Jagdhaus vom Grafen Ernst Friedrich Herbert von M√ľnster errichtet worden.

Im alten F√ľhrer hei√üt es:

Der Wanderer f√ľhlt sich, wenn er am Ziele, dem J√§gerhause angekommen ist, reich belohnt f√ľr seine Wanderm√ľhe. Ein Waldidyll von eigenartigem Reiz und Zauber liegt vor seinen Blicken. Der freundliche Wirt, der schon eine lange Reihe von Jahrn das Haus st√§ndig bewohnt, k√∂nnte erz√§hlen von den Ausrufen des Entz√ľckens und der Bewunderung, in die die Wanderer beim Anblick des J√§gerhauses und seiner pr√§chtigen Umgebung ausbrachen, besonders von dem so oft wiederholten Rufe: ‚Hier m√∂chte ich wohnen‘: er k√∂nnte erz√§hlen von den begeisterten Schilderungen, die die Besucher sich nachher gegenseitig √ľber ihre tiefen Eindr√ľcke entwarfen aber sp√§ter in Karten und Briefen, die zum J√§gerhaus flogen, niederlegten; k√∂nnte erz√§hlen von der treuen Liebe und Anh√§nglichkeit, die in der Umgebung wohnende ‚Stammg√§ste‘ dem J√§gerhause bewahren Dn durch h√§ufigen Besuch selbst in rauher Winterzeit immer wieder von neuem befunden. (S. 6)

Es macht Spa√ü ¬†im alten B√ľchlein zu lesen. ¬†Dr. Karl Henkel l√§sst uns an seinem unmittelbaren Erleben teilhaben, um uns erst dann die Ergebnisse seiner Quellenstudien mitzuteilen.

Heutige Wander- und Ausflugsf√ľhrer stellen dagegen meist nur n√ľchtern die Gegegebenheiten dar und schwelgen sprachlich nicht in euphorisch-poetisch-romantischen Betrachtungen, die die Seele des Ortes ber√ľhren d√ľrfen, wie diese Schrift. Ach, ich sagte es schon einmal hier im Blog: Wir brauchen eine neue Romantik!

‚ÄěJ√§gerhaus und Hubertuskapelle im Hainberge‚Äú weiterlesen

Unkalkulierbarkeit als neue Tugend oder Wege aus der Mobbinggesellschaft

Jetzt hat mich letztens ¬†jemand als „unkalkulierbar“ bezeichnet.

F√ľr mich war klar, dass damit meine Person abgewertet werden sollte, was mich im ersten Moment schwer¬†verletzt hat. Gerade deshalb¬†machte ich mir in der Folgezeit so meine Gedanken, ob die Aussage auch in meiner Einsch√§tzung negativ oder doch eher positiv sein k√∂nnte. Ich kam dabei zu interessanten Ergebnissen, die ich hier gerne teilen m√∂chte.

Am Anfang meiner Überlegungen steht ein Satz, den ich im philosophischen Radio hörte. Er  besagt, dass je genauer wir etwas vermessen, umso mehr  die Unterschiede hervortreten.

Wenn ich also in der Arbeitswelt ständigen Evaluationen unterworfen werde, fördert das die Qualität nur insofern, als dass sie alle Mitarbeiter an einer äußeren Schablone misst, deren Kriterien meist noch nicht einmal kommuniziert, geschweige denn selbst bestimmt werden. Man könnte hier auch von Gleichmacherei, Maschinisierung, Entmenschlichung, Zombifizierung sprechen. Der Untergang des Abendlandes naht, wie Herr Spengler schon im Jahre 1920 richtig erkannt hat.

Wer in die Schablone passt oder sich passend macht, darf friedlich weiter seine T√§tigkeit verrichten. Die Handlung an sich aber, dass hier n√§mlich ¬†√ľberhaupt eine Schablone an die Arbeits-Sklaven angelegt wird, f√ľhrt dazu, – oh Schreck – dass einige Mitarbeiter als nicht regelkonform und somit f√ľr das zweifelhafte System als st√∂rend eingestuft werden. Dank der Schablone f√§llt das nun auch den dumpfesten Pers√∂nlichkeiten richtig auf; deshalb muss nun – wie ja schon eine volkst√ľmliche Spruchweisheit verk√ľndet – , was nicht passt, passend gemacht werden.

Regeln werden aufgestellt, die nun streng √ľberwacht werden. Die Meute kann losgelassen und die Hetze kann beginnen, indem andere – besser genormte Mitarbeiter – auf das „schwarze Schafe“ angesetzt und/oder konstruierte Sachverhalte instrumentalisiert werden. Der Einfachheit halber ist das Mobbing-Opfer nur eine Person, da nur so gemeinschaftliche Solidarit√§t gegen die n√§chste Stufe der Hierarchie-Pyramide verhindert werden kann. Der S√ľndenbock tr√§gt nun die alleinige Schuld f√ľr das schlechte Abschneiden im Evaluations-Ranking, die mangelnde Auslastung, die Kritik im Netz, … usw. Probleme werden individualisiert und die Kollegen atmen freudig auf, dass ihre zeitweilige und geheime Regel-Unkonformit√§t nicht aufgedeckt wird und freuen sich dar√ľber, dass nicht sie an den Pranger gestellt werden, sondern jemand anderes.

Es folgen zweifelhafte Disziplinierungen, vielleicht auch die Entfernung aus der Gemeinschaft der Befehlsempfänger. Die Existenzsicherung wird angegriffen; die Gesundheit mit psychischem Druck zerstört.

In anderen Parallel-Kulturen werden H√ľhner geopfert, um die Stabilit√§t des Systems zu gew√§hrleisten. Sind wir davon so weit entfernt?

Ich denke nicht. In unserer posthumanen Gesellschaft ist nur der ein guter Mitarbeiter, der – im Sinne der Herrschaftsaus√ľbung – kalkulierbar f√ľr eine Gesellschaft ist, die schon l√§ngst keine Gemeinschaft mehr ist, sondern nur noch die Interessenvertretung einer Elite darstellt, die ihre Macht ¬†nur ¬†mit Hilfe all der B√ľttel des Systems, die – w√§hrend sie ihr merkw√ľrdiges Tageswerk verrichten – noch davon ausgehen, dass sie dem „Guten“ dienen, letztendlich ihre Seele aber schon der Bewusstlosigkeit geopfert haben, aufrechterhalten kann.

Umso mehr sich das Gesellschaftsgef√ľge im Neofeudalismus aufl√∂st, umso mehr muss im kleinen System, also beispielsweise im Arbeitsumfeld des Krankenhauses, des Finanzamtes, des Wirtschaftskonzerns ¬†oder was wei√ü ich, institutioneller Druck aufgebaut werden, einfach um zu verhindern, dass die Zeichen des Zusammenbruches, die sich im Au√üen schon deutlich zeigen, nicht nach Innen auswirken. Die Methoden des Wirtschaftsliberalismus im Konglomerat mit einer anscheinend ungebrochenen¬†deutschen Tradition, die vom Soldatenkaiser bis zur Gegenwart f√ľhrt, und die die zweifelhafte Tugenden des Obrigkeits-Glaubens, des Wegschauens, Wegh√∂rens und des Mund Haltens bef√∂rdert, soll das Herrschaftssystem fest in Beton gie√üen. Hinzu kommt eine Medien-Propaganda-Maschinerie, die das Bewusstsein der Menschen mit Kalenderspr√ľchen verflacht. Umso d√ľmmer die Bev√∂lkerung, umso mehr Nutzen ziehen die Eliten daraus.

Mit all den aufgezeigten Methoden, das ist die Hoffnung, soll das System am Laufen erhalten bleiben. Die Gefahr ist allerdings gro√ü, dass deren einzelne Mitglieder dabei schwerm√ľtig werden, was dann erst einmal einen erbarmungslosen Austausch von schw√§chelnden Mitarbeitern durch neue, die den Druck noch verkraften k√∂nnen, rechtfertigen wird. So braucht es dann kurzfristig u.a. einen unkontrollierten Bev√∂lkerungsschub aus der ganzen Welt, der die Erwerbssuchenden, Erwerbslosen und „Dr√ľckeberger“ – wie sie ja auch medienwirksam genannt werden – dazu bringen wird, immer prek√§rere Lebensumst√§nde zu tolerieren. Zus√§tzlich werden die Menschen durch vielf√§ltige und ¬†k√ľnstlich ¬†ins Haus geholte ¬†Kultur-, Religions- und Existenzkonflikte vom Nachdenken abgehalten.

Das hier aufgezeigte ist mittlerweile ¬†bundesdeutsche Gegenwart, die allerdings – meiner Einsch√§tzung nach – nicht von einem „Superhirn“ geplant wurde, sondern – im Gegenteil – ¬†eher einer unbewussten Konsens-Politik geschuldet ist.

Ich komme jetzt zum Blick in die Zukunft.

Die Halbwertzeit, um mal einen passenden Begriff aus der √Ėkonomie f√ľr Sachwerte zu benutzen, indes wird – das ist meine Prophezeiung – bei der kommenden Generation von Arbeitssklaven geringer ausfallen, als bei der jetzigen. Bei einer gleichzeitigen weiter zunehmenden Robotisierung der Arbeitswelt ist hier Nachhaltigkeit jedoch nicht mehr n√∂tig, auch wenn die Mitarbeiter des Gesundheits“management“ das Gegenteil behaupten m√∂gen. Die unverf√§lschte Wahrheit ist aber, dass das System nur so lange am Leben erhalten bleiben muss, bis der technische Fortschritt so weit gediehen ist, dass intelligente Maschinen die meisten Arbeitsabl√§ufe fast vollst√§ndig √ľbernehmen k√∂nnen. Das wird – so meine Einsch√§tzung – bei gleichbleibender technischer Entwicklung sp√§testens in zwanzig Jahren der Fall sein.

Die Maschinen, einmal programmiert, werden das Bestehende zementieren, indem sie die Notwendigkeit einer Kontrolle obsolet machen, indem sie offensichtlich und f√ľr jeden einsehbar „richtige“ Arbeits-Ergebnisse liefern. Der Weg dorthin ist indes nicht mehr √ľberpr√ľfbar, wer will schon eine rationale Beweisf√ľhrung mit millionenfachem Daten-Output verifizieren k√∂nnen? Das gelingt niemanden, ¬†weswegen uns eingeredet werden wird, dass wir den Maschinen ¬†ganz einfach (sic!) ¬†vertrauen m√ľssen. In dieser Phase der Aufl√∂sung (von Entwicklung will ich hier nicht mehr sprechen, schlie√ülich enth√§lt dieses Wort im allgemeinen Sprachgebrauch implizit immer auch die Hoffnung auf einem¬†positiven Fortschritt) werden die ehemaligen Arbeits-Sklaven bestenfalls noch als Unterhalter und Konsumenten ben√∂tigt, wenn √ľberhaupt.

Ich denke an dieser Stelle lieber nicht weiter und verweise auf die zahlreichen Science Fiction-Produktionen in den Kinos, die uns auf weitergehende Szenarien vorbereiten.

Wenn wir indes all das hier Aufgezeigte¬†nicht wollen, brauchen wir ¬†die Tugend der Unkalkulierbarkeit, die offensichtlich gef√ľrchtet wird. Wir m√ľssen das Dogma der Rationalit√§t hinterfragen und dar√ľber nachdenken, was wir von vergangenen Zeitaltern lernen k√∂nnen, die sich in der Gegenwart nicht in der Form durchgesetzt haben, wie die Aufkl√§rung und ihr alleiniger Gott – die Ratio. Brauchen wir also beispielsweise eine neue Romantik? Ich meine ja.

 

Hört auch hier:

Wolfgang Buschlinger – Das philosophische Radio

Sinngem√§√ü ¬†wird hier ¬†gesagt, dass das Funktionieren ¬†idealisiert und derjenige, der vermeintlich reguliert werden muss, ¬†als „geisteskrank“ stigmatisiert wird:¬†Wolfgang-Schmidbauer-Redezeit

 

Die blaue Blume der Romantik:

250520151638

Jenseits des Spiegels: DísCall

Jenseits des Spiegels befindet sich die Welt unserer Imagination, was auch nur eine Beschreibung dessen ist, was in der momentanen Wirklichkeit noch nicht verwirklicht ist.

Die Spiegel-Welt ist der Resonanz-Raum unserer M√∂glichkeiten, unserer (noch) nicht-gelebten Tr√§ume, unserer W√ľnsche und unserer Verfluchungen.

Als K√ľnstlerin halte ich mich nur zu gerne in dieser Welt auf, muss dabei jedoch den Drang bezwingen, ganz darin versinken zu wollen und letztendlich mir dabei SELBST verloren zu gehen. Die Zauberm√§rchen des irisch-keltischen Raumes berichten von dieser Gefahr: Immer dann n√§mlich, wenn Sterbliche in das Elfenreich gelangen, wo ein Tag pl√∂tzlich sieben Jahre im menschlichen Leben z√§hlt, haben sie die Spiegelscheibe zwar durchbrochen, jedoch vers√§umt, zeitnah den R√ľcktritt in ihre irdische Existenz anzutreten. Sie sind dann „zu sp√§t“ zur√ľckgekommen, um noch vorzufinden, was sie verlassen haben und sind so letztendlich f√ľr das Diesseits verloren.

In den deutschen Sagen von der Bergentr√ľckung ist das H√∂hlenk√∂nigreich, das unendliche Sch√§tze birgt, f√ľr immer verschlossen. Die Trennung der beiden Welten ist unabweisbar vollzogen und sie kann nur dauerhaft durch die Kraft der Imagination, die sich jedoch nicht in den unendlichen Fluss des phantastischen Gaukelspiels verliert, √ľberwunden werden.

250520151638

Die blaue Blume öffnet zwar den Berg und lässt uns hinter dem Spiegel blicken, doch dann, wenn die Kraft unserer inneren Schau erlischt, stehen wir vor geschlossenen Felsenwänden und sind dazu verdammt, dumpf auf eine utopische Zukunft zu vertrauen, in der ein Retter-Kaiser sein Berg-Grab verlassen wird, um ein wunderbares Friedensreich zu errichten. Uns bleiben vorerst nur die Geschichten aus fernen Vergangenheiten. Verzweifelt suchen wir die blaue Blume.

Doch selbst wenn wir sie gefunden haben, ben√∂tigen wir die Kraft der D√≠sen, die uns helfen werden, die Trennung zwischen den Welten dauerhaft aufzuheben. Sie sind – vergleichbar den Walk√ľren – kriegerische Schlachthelferinnen und Sturmreiterinnen. Als solche unterst√ľtzen sie uns in den zahlreichen K√§mpfen mit den Zumutungen der objektiven Welt und k√∂nnen uns die Manifestation dessen erm√∂glichen, was sich noch verschlossen in unserem Traum-Bewusstsein befindet und was sich dennoch best√§ndig seinen Weg in das Diesseits bahnen will.

Die D√≠sen sind auch die Verk√ľnderinnen des nahenden Todes, der auch nur eine Umschreibung f√ľr den Zustand ist, der uns erwartet, wenn sich unser Bewusstsein vom Diesseits ins Jenseits verschiebt. Sich SELBST gesegnet ist derjenige, der die Nabelschnur zwischen den Welten niemals hat abrei√üen lassen und auch diejenige, die im jetzigen Leben ihr Bewusstsein schon mit dem des Jenseits-Bewusstseins verbunden hat und sich gerade deshalb dabei SELBST-bewusst bleibt.

Und so manifestiere ich mein Werk in der objektiven Welt, indem ich Zwiesprache halte zwischen den Welten „vor“ und „hinter“ dem Spiegel. Die D√≠sen werden so zur Geburtshelferinnen des kreativen Traumes. Die Rahmentrommel kann die Reise begleiten, w√§hrend die Leinwand zum Ort der Synthese zwischen „hier“ und „dort“ wird und so begebe ich mich auf meine schamanisch-magische Reise. Immer wieder. Zweifelsfrei. Willst du mich begleiten?

250520151656

 

Filmempfehlung:

Das heroische Sein und seine Abgr√ľnde!

Mein täglicher Weg zur Arbeit bietet die Begegnung mit zwei Denkmälern, die gegensätzlicher nicht sein können. Schon in der Überlegung, in welcher Reihenfolge ich sie hier vorstelle, steckt politische Brisanz und Aussage. Wo also anfangen?

Ich fange bei der heutigen Kurt-Schumacher-Kaserne, die vor dem II. Weltkrieg Sitz des Generalkommandos XI. Armeekorps, Wehrkreiskommando XI, Wehrkreisverwaltung XI. war.

1936 wurde im Zug der Aufr√ľstung der Wehrmacht mit dem Bau der heutige Kurt-Schuhmacher-Kaserne am damaligen Misburger Damm (heute: Hans-B√∂ckler-Allee) begonnen.

010220151082

010220151083

010220151084

 

Der Hannoversche Stadtanzeiger berichtet im Oktober 1937:

„Von den Heeresneubauten, die in letzter Zeit im Standort Hannover errichtet wurden, verdient, st√§dtebaulich und architektonisch beurteilt, das neue Geb√§ude des Generalkommandos, der h√∂chsten Dienststelle unseres hannoverschen Korps, eine besondere W√ľrdigung, zumal seine zentrale Lage bestimmend sein wird f√ľr die weitere Ausgestaltung der breiten Ausfallstra√üe am Misburger Damm.
Klar, einfach und kraftvoll im Grundriss, in der Linienf√ľhrung und in der Gestaltung einzelner bildnerisch besonders betonter Geb√§udeteile, ist hier die Aufgabe, in Zweckm√§√üigkeit und Sch√∂nheit etwas Neues zu schaffen, das zugleich soldatischer Wesensart entspricht, auf das Beste gel√∂st worden. Die gesamte bauliche Anlage ist durchaus der Forderung gerecht geworden, ein unserer Wehrmacht w√ľrdiges Heim zu sein. Besonders eindrucksvoll ist das Portal des Hauptgeb√§udes gestaltet worden.
Bis zum Obergeschoss durchschneiden hier vier breite Werksteinpfeiler den vierst√∂ckigen Rohziegelbau. Ihren Abschluss finden sie in einer den Wehrwillen und die Wehrkraft zum Ausdruck bringenden Steinmetzarbeit, die √ľberkr√∂nt ist von dem weit ausschwingenden Wehrmachtsadler. Der Blick durch diesen Haupteingang f√§llt auf den Ehrenhof mit der durch hohe Glast√ľren erhellten Fahnenhalle. Hier werden in Zukunft beim Generalkommando als der h√∂chsten Dienststelle des Standortes die Fahnen und Standarten der hannoverschen Truppenteile untergebracht sein.
Eine weitere Belebung des ganz auf Licht und Sonne abgestimmten Innenhofes ist durch g√§rtnerische Anlagen erzielt. Kleine Springbrunnen an den vier Ecken der mit Herbstblumen ums√§umten Rasenfl√§che vervollst√§ndigen diese Gr√ľnlage.“

Inwieweit hier romantische Philosophie faschistische Architektur beeinflusst hat, wird deutlich, wenn wir ¬†den Philosophen Schelling bem√ľhen.

Der schreibt nämlich:

‚ÄěDie Hoffnung war, dass das k√ľnstlerische Genie in einem √§sthetisch anziehenden Werk den Werten und √úberzeugungen der Gemeinschaft g√ľltigen Ausdruck geben k√∂nne. Ein solches Werk w√ľrde, so der Traum, ‚Äöewige Einigkeit unter uns‚Äė stiften. (Schelling, Materialien, 112) (S. 49)

Diese Aussage erscheint typisch f√ľr die Romantik, die die zunehmende Modernisierung als einen destruktiver Prozess der Entzauberung verstand, der eine neue Sinnstiftung entgegengesetzt werden muss.

Schelling bem√ľht die Gemeinschaft als Ziel, dessen Werte im √§sthetisch anziehenden Werk“ zum Ausdruck kommen. Genau diese Gemeinschaft aber, vor der der Einzelne zur√ľcktritt, wird dann auch von Wilhelm Alex, General der Artillerie, angerufen, als er beim Richtfest am 3. April 1937 folgende Rede h√§lt:

„Ich sehe davon ab, irgendeinen Mann besonders hervorzuheben. Die M√§nner, die hier geschafft haben, taten ihre Pflicht, keiner um eines pers√∂nlichen Lobes willen, sondern nur im Gedenken, mit den √ľbrigen Arbeitskameraden zusammen etwas Gro√ües auszurichten.“

Solch ein Ausspruch w√§re in unserer heutigen Zeit undenkbar, zeigt er doch, dass der einzelne Mensch hier vor der Gemeinschaft zur√ľcktritt, dass er also nicht aus egoistischen Motiven agiert, sondern sein Tun auf „etwas Gro√ües“ abzielen l√§sst.

Und weiter geht es in der Rede:

„So ist dieser Bau geschaffen im Geist echten Soldatentums, eines Soldatentums, das sich vielleicht in keinem Menschen mehr verk√∂rpert als in einem Sohne dieses Landes. Scharnhorst, der hier in Hannover vor 150 Jahren als Lehrer an der Artillerieschule zu seinen Sch√ľlern gesprochen und immer wieder die soldatische Forderung gestellt hat: ‚Viel leisten – wenig hervortreten. Mehr sein als scheinen!‘
In diesem Scharnhorstschen Geist wird auch der Stab des Generalkommandos, der in absehbarer Zeit in diesem Geb√§ude einzieht, ebenso wie die bis zur Stunde des Umzuges hier schaffenden Arbeiter seine Pflicht erf√ľllen.
Es soll uns nichts zu viel und nichts zu schwer sein, auch wenn den Leistungen keine Danksagungen folgen. Echte Soldaten sehen ihre Ehre nur in selbstloser Arbeit am Erfolg des Ganzen.“¬†(Quelle: Brosch√ľre Kurt-Schumacher-Kaserne Hannover)

Ich frage mich nun: Wird das Sein  in dieser Lesart immer heroisch verstanden, wenn es sich der Gemeinschaft dienbar macht, die hier Рauch in der Tradition der Romantik Р  als eine homogene ethnische oder nationale Einheit gesehen wird?

Und wenn die Einheit¬†nicht mehr durch friedliche √úberzeugungsarbeit erreicht werden kann, ¬†dann √∂ffnen¬†sich aggressive Tiefen, die zum Ausschluss und zur Verfolgung von Minorit√§ten f√ľhren k√∂nnen. ¬†Wenn sich die Gemeinschaft dann ¬†gar in ihre Abwehrstrategien immer weiter ¬†hineinsteigert und gleichzeitig ihre einzelnen Mitglieder auf ein Pflichtbewusstsein¬†im Dienst des Ganzen einschw√∂rt, dann st√ľrzt das heroische Sein, das dem Volksgedanken untergeordnet¬†wird, ¬†in die bekannten Abgr√ľnde der j√ľngsten deutschen Geschichte und braucht nun individualistische Helden, die da, wo es n√∂tig ist, sich wagemutig¬†gegen das wild entfachte Treiben der Gemeinschaft stellen, die eigentlich, im Ursprung einmal, romantisch-„gut“ gedacht war.

Die m√∂glichen Abgr√ľnde dokumentiert ¬†die Gartenbauschule Ahlem, das zweite Denkmal, das am Ende meines Arbeitsweges steht.