Sommersonnenwende

Die heutige Sommersonnenwende  illustriere ich mit dem Drachenkampf-Relief von Bernhard Hoetger , das seit 1936 den Eingang zur Böttcherstraße in Bremen ziert.

Die vergoldete Bronzetafel  war damals angebracht worden, um die Nationalsozialisten zu beschwichtigen, die das Gesamtkunstwerk  Böttcherstraße als „bewusste Verrücktheit“ kritisierten und gar mit Abriss drohten. Dies konnte durch den „Lichtbringer“ verhindert werden: Die Böttcherstraße wurde unter Denkmalschutz gestellt, um  die „Verfallskunst der Weimarer Zeit“ auch für nachfolgende Generationen zu dokumentieren. 1944 wurden große Teile zerstört; in den Folgejahren jedoch  – mit einigen bedauerlichen Veränderungen (Haus Atlantis) – wiederhergestellt.

Der schwerttragende Mann, der gegen den Drachen kämpft,  lässt sich vielfältig interpretieren:

– als Metapher der christlichen Lehre: Der Erzengel Michael kämpft gegen den Drachen, der für das Böse steht.

– als atlantische Metapher. Hier  kann der Drache als „Materialismus“ gedeutet werden. Der Lichtbringer ist der kommende Gott, der „im Werden aufersteht“ und sich über die Naturgesetze erhebt. Ludwig Roselius, der Bauherr der Böttcherstraße,  sagt:

„Ich spreche von den Menschen, die, vom heiligen Feuer innerer Überzeugung getrieben, Taten tun müssen, die an Größe sie selbst weit übertreffen. Solche Menschen sind Mittler zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt.“  (Roselius, Ludwig: Reden und Schriften zur Böttcherstraße in Bremen. Bremen 1932, S. 100 f.)

– als nationalsozialistische  Metapher:

„Eine neue Weltanschauung kommt zu den Menschen, tötet die Geister der Vergangenheit und führt die Menschen in ein glückliches tausendjähriges Reich.“ (Senator für Kultur und Ausländerintegration, Bremen (Hrsg.): Bernhard Hoetger. Sein Werk in der Böttcherstraße Bremen, S. 214)

Ich  füge diesen Interpretationen eine weitere hinzu: Der  Drache symbolisiert die Kräfte der Dunkelheit, die  nach der Sommersonnenwende immer mächtiger werden, bis sie dann in sechs Monaten – am Höhepunkt ihrer  Herrschaft – vom Lichtbringer zurückgedrängt werden. Der Drache liegt am Boden, doch die Freude der Menschen an den lichtvollen Tagen der Fülle  ist von kurzer Dauer. Ein neuer Zyklus des Kampfes zwischen Licht und Dunkelheit beginnt.

Auf einer introspektiven Ebene können wir uns, nachdem wir den längsten Tag des Jahres genossen haben,  die Frage stellen,  welche  „Schatten“-Aspekte unserer Persönlichkeit, also welche Eigenschaften, die wir an uns nicht mögen, wir transformieren wollen? Gibt es  Kräfte (in uns oder außerhalb von uns), die uns in unserer Entwicklung hemmen?  Wie können wir mit ihnen umgehen?

Wenn wir in unseren Gedankenspielereien noch verwegener sind, können wir gar darüber nachdenken,  ob nicht  die Kräfte der Dunkelheit, dessen Sinnbild der Drache mit den drei Köpfen ist,  unser Wachstum bestärken, indem sie uns Erkenntnisse zur Verfügung stellen, die uns einen ungetrübten Blick auf die Realität ermöglichen und uns so ermächtigen, für uns selbst (bzw. für unser Selbst!) zu handeln?