Mythologisch Wandern. Wie geht das? 1. Teil


Brockenwanderung

FĂŒr eine „mythologische“ Wanderung gibt es zwei Ausgangspunkte, die ich einmal als intro- und extroperspektivisch beschreiben möchte.

Da Letzteres sicherlich einfacher nachvollziehbar ist (und auch hĂ€ufiger) praktiziert wird, möchte ich euch im Folgenden dieses Modell, also das extroperspektivische, am Beispiel der letzten Wildfrauenhaus-Wanderung vorstellen. SpĂ€ter dann können wir uns mit der anderen Variante beschĂ€ftigen und werden – um mal die Konklusion vorwegzunehmen – feststellen, dass es sich bei Wanderungen  „von dieser Art“ zumeist um Mischformen  beider Varianten handelt.

Ich beginne mit einer SelbstverstĂ€ndlichkeit: Vor wirklich jeder Wanderung gibt es erst einmal ein paar Regularien zu klĂ€ren. Wer kommt mit?  Wie lang darf die Anreise sein? Wie sieht ĂŒberhaupt die Erwartungshaltung  der einzelnen Wanderinnen aus?   Der spirituelle Hintergrund  der einzelnen  Teilnehmerinnen sollte  zumindest bekannt sein, bzw. es sollte eine gegenseitige Toleranz selbstverstĂ€ndlich sein.

Ich selbst liebe es zwar verschiedene  „Paradigmen“ auszuprobieren, dies ist aber sicherlich nicht jederfraus Sache und ich weiß nicht, ob sich die katholische Pilgerin in einer Wandergruppe von Teufelsanbeterinnen wohlfĂŒhlen wĂŒrde?

Spaß beiseite und zurĂŒck zum Praktischen:

SelbstverstĂ€ndlich sollte die LĂ€nge und der Schwierigkeitsgrad der Wanderung an die gesundheitliche Verfassung und dem sportlichen Ehrgeiz – so er denn vorhanden ist –  der Mitwanderinnen angepasst sein. Es ist von Vorteil notfalls Aussteigepunkte und AbkĂŒrzungen zu kennen, die verhindern, dass die Wanderung fĂŒr einige  zur persönlichen PrĂŒfung wird.

Im „Wildfrauenhaus“ hat sich mittlerweile eine kleine Gruppe herauskristallisiert, die regelmĂ€ĂŸig teilnimmt. Wir wissen uns gegenseitig gut einzuschĂ€tzen und insofern stellt das oben genannte kein Problem dar. ErwĂ€hnen wollte ich es trotzdem.

Bevor ich in die nĂ€here Planung der letzten Wanderung gegangen bin, besprachen wir uns alle insofern, als dass wir keine Anreise ĂŒber zwei Stunden in Kauf nehmen wollten.

Mehrere Etappenziel oder zumindest eines sollte in irgendeiner Form mit SpiritualtiÀt oder Mythologie in Zusammenhang stehen.

Denkbar sind also ĂŒberlieferte Kultorte (beispielsweise ein altes Kloster), genauso wie archĂ€ologische Fundorte oder „Naturwunder“ (was fĂŒr ein schönes Wort!), die mit Sagen und anderen Überlieferungen verknĂŒpft sind, dessen ursprĂŒnglicher Wahrheitsgehalt aber im Dunkel der Vergangenheit liegt und nun Anlass fĂŒr vielfĂ€ltige Spekulationen geben kann.

Ich wĂ€hlte den Wurmberg als buchstĂ€blichen Höhepunkt der Wanderung aus, schließlich verweist ja schon der Name auf einem Lindwurm, einen Drachen also.

Einst kĂ€mpfte Thor mit der Midgardsschlange, eines weltumschlingenden Wesens und nahm damit all die spĂ€teren DrachenkĂ€mpfe der alten Epen, MĂ€rchen und Sagen vorweg. Wohingegen diese aber zumeist erfolgreich verliefen, erlag der mĂ€chtige Gott dem Gift der Schlange, was nicht verwunderlich ist:  Schließlich ist die Midgardschlange ein Geschöpf  Lokis, des Trickster-Gottes.

All dies  sind meine Assoziationen, quasi meine introperspektivische Sicht,  die ich mit der Bezeichung „Wurmberg“ verbinde.  Ihr mögt andere haben und solche Wanderungen laden dazu ein, ihnen nachzuspĂŒren und sich darĂŒber gegenseitig  auszutauschen.

Wir starteten am frĂŒhen Morgen im Torfhaus, wanderten durch das Hochmoor, was einen naturschönen Anblick bot. Schließlich stand das Wollglas in voller BlĂŒte.  An den HopfensĂ€cke,  imposanten Granitfelsen,  ging es vorbei zum Dreieckigen Pfahl, einer alten Grenzbefestigung, die das Königreich Hannover, Herzogtum  Braunschweig und die Grafschaft Stolberg-Wernigerode trennte. Heute verlĂ€uft hier die LĂ€ndergrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Danach nahmen wir den Ulmer Weg, gingen am Brockenstein vorbei, um letztendlich einen steilen und anstrengenden Aufstieg zum Wurmberg zu meistern. Dort mussten wir leider feststellen, dass dort keiner Göttin, stattdessen  aber dem Highspeed-Testesteron, gehuldigt wird.

Der vermeintliche Kultplatz, den es dort gegeben haben sollte,  stellte sich  nach einer umfangreichen archĂ€ologischen Ausgrabung als banale FörsterhĂŒtte heraus.  Eine interessante Geschichte ist das, die leider auf dem  Wurmberg selbst nicht dokumentiert wird. Nachlesen lĂ€sst sie  sich bei Wikipedia und hier: „Der Fall Wurmberg„.

Die Hexen- oder Heidentreppe fanden wir nicht, stattdessen beobachteten wir Biker in sportlicher Nobelausstattung auf ihrer Kamikaze-Tour bergab. Die BĂ€ume waren gepolstert, um StĂŒrze zu vermeiden. Im Hintergrund spielte Salsamusik und irgendwie wirkte die ganze Bergkuppel wie ein einziges Ballermann-GelĂ€nde, dessen Mallorca-Feeling nur durch die österreichischen Bauarbeiter gestört wurde, die damit beschĂ€ftigt waren, den Berg zur Eventplattform umzubauen. Steiermarker Jungs eben.

Der momentane Zustand des Wurmberges fĂŒhrte unsere  Erwartungshaltungen bezĂŒglich des „Kultortes“ Wurmberg ad absurdum, was nicht heißen soll, dass dies kein spiritueller Ort ist; seine Energien aber sind im BaggerlĂ€rm versunken.

Letztendlich fiel es uns nicht schwer, diesen „mystischen“ Ort zu verlassen und wir waren froh den ruhigen Abstieg nach Braunlage, entlang der warmen Bode gewĂ€hlt zu haben.

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