Vom Rosengarten zum Opferberg!

In Bad Frankenhausen befindet sich das Rosarium Sangershausen, wo ich letztes Jahr eine fast schwarze Rose bewundern durfte.

Rosen sind in Deutschland erst um 800 n. Chr.. eingeführt wurden.

Ein Friedhof wurde auch als Rosengarten bezeichnet, handelte es sich dabei schließlich häufig um eine mit Dornen umrankte Begräbnisstätte und so schläft auch das Dornröschen ihren hundertjährigen Schlaf inmitten von Heckenrosen, die beständig wachsen und wachsen und alles, was lebendig ist,  einbetten in ein Grab von Blüten und Dornen, bis dann endlich der Prinz auftaucht, der nicht halten wird, was er verspricht.

In Hildesheim gibt es den tausendjährigen Rosenstrauch.

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Die Kreuzgänge von Kirchen und Klöstern wurden mit Rosen bepflanzt, auf dass die Toten, die hier bestattet wurden, inmitten von Rosen lagen.  Der Hildesheim Dom ist meiner Meinung nach durch die Restaurierung und Modernisierung entsakrilisiert , ursprünglich aber auf einem Platz der Göttin angelegt worden, der im Zuge der Christianisierung mit Rosen in Verbindung gebracht wurde.

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Bernwardstür
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Radleuchter

Diametral entgegengesetzt zum Dom befindet sich die Michaeliskirche, die  Irminsul-Darstellungen auf den Säulen aufweist. Die Michaeliskirche stellt sozusagen das dem weiblichen entgegengesetzte männlich konnotierte Heiligtum, das sich bis auf den Zierenberg  hinauf erstreckt. Der heilige Michael im Namen von Kirchen und Orten verweist  auf Thor und Thyr, den Göttern  des Kampfes und des Sieges also.

Und so folge ich dann der Zierenbergstraße nach oben. Ein kleines Schild aus alten Zeiten weist auf eine “Opferstätte für den germanischen Kriegsgott” hin und wirklich handelt es sich bei der barocken St. Mauritiuskirche, die  auf dem einstmaligen germanischen Heiligtum errichtet wurde, um einen beeindruckenden Kraftort.

 

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Barocke Innenansichten laden zum Verweilen ein.  Grabungen legten hier eine kleine Taufkapelle frei, die aus der Frühzeit der Christianisierung der Franken stammen soll.

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Ein herbstlicher Blick vom Zierenberg hinab auf Hildesheim, lässt mich darüber nachdenken, wie das, was in Vergessenheit zu fallen scheint, wieder zur neuer Blüte erwachen könnte? Rosenblüte eben.110120111004

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Vom Opfertanz zum Walkürenritt

 

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Thor kämpft gegen die Riesen, Set tötet Apep und ich töte Monster. Mixed media, 29 x 40 cm.

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Isolation – Isolator – der Isolator – Set – Loki. Mixed media, 40 x 29 cm.

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Das Erwachen des Bewusstsein. Der Walkürenritt kann beginnen. Xeper. Mixed media, 40 x 29 cm.

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Über die Riesen!

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Kleine Vorbemerkung: Ein Essay aus dem Jahre 2012, was ich aus durchaus aktuellem Anlass hier erstmals veröffentliche. Nicht jeder wird es  indes verstehen. Wie heißt es so schön? Das Mysterium schützt sich selbst.

„Was bedeuten Riesen für dich?“, wurde ich unlängst gefragt. Wer sich jetzt wundern sollte, wieso mir solch merkwürdig-märchenhafte Fragen gestellt werden, dem sei gesagt, dass eine solche Fragestellung in manchen Kreisen eine durchaus legitime Diskussionsgrundlage darstellt, was für mich Grund genug sein soll, sich damit – auch an dieser Stelle – ausführlicher zu beschäftigen. „Und wer weiß“, sagte ich mir voller Hoffnung, „vielleicht würde ich dabei unverhofft die Lösung für mein „alltägliches Elend“ finden. Doch damit ging ich – wie sich noch zeigen wird – in die Irre und alles wurde noch komplizierter und herausfordernder, als es sowieso schon war.

„Was bedeuten Riesen für mich?“, fragte ich mich also wiederholt selbst und erinnerte mich dabei an die großen, hünenhaften Gestalten der Volksmärchen, deren Körpergröße im eigenartigen Widerspruch zu deren kleinem Verstand stand. „Leicht zu übertölpeln“, kam mir als Beschreibung für einen Umgang mit ihnen in den Sinn; ein konkretes Volksmärchen, mit dem ich all dies hätte untermalen können, fiel mir allerdings nicht ein.

Um diesen Erinnerungseindruck vom „dummen Riesen“ näher zu erforschen, schlug ich in der Edda nach und traf dort u.a. auf Wafthrudnir, einen Riesen, der von Odin inkognito besucht wird, einzig allein, um im Wettstreit die Frage zu klären, wer von den beiden Kontrahenten weiser sei. Wafthrudnir unterliegt zwar, doch Odins Sieg kommt nur mit Hilfe einer List zustande, ist also eher ein Pyrrhussieg. Odin stellt nämlich Wafthrudnir u.a. eine Frage, die nur er selbst beantworten kann. Er möchte von ihm wissen, was er Balder vor seinem Tod auf dem Scheiterhaufen ins Ohr geflüstert haben soll. Dies kann Wafthrudnir nun wirklich nicht wissen; er erkennt aber, dass er Odin vor sich hat, der ihm eine intellektuelle Falle stellt. So sagt er:

Nicht Einer weiß, was in der Urzeit du

Sagtest dem Sohn ins Ohr.

Den Tod auf dem Munde meldet ich

Schicksalsworte

Von der Asen Ausgang

Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden:

Du wirst immer der Weiseste sein.

(Simrock, Karl (Übersetzung): Die Edda. Stuttgart 1878)

„Wenn die Riesen aber doch so klug sind wie Wafthrudnir, dann macht es Sinn, ihr Reich zu besuchen“, sagte ich mir und machte mich auf – in einer schamanischen Reise – ihre Welt zu besuchen, von der ich nur wusste, dass sie Utgard heißt und eine der neun Welten ist.

Ein Flößer war mir behilflich, das Grenzgewässer zu überqueren. Auf der anderen Seite des Flusses erwartete mich eine kalte, gebirgige Welt, deren kahle Berge immer wieder von nur spärlich bewachsen Ebenen aufgelockert werden. Ich drang in diese Einöde nicht weit vor, zu kalt und abweisend kam mir diese Welt vor, in der sich alles – wie in einer zähflüssigen Masse – stark verlangsamt bewegen musste. So traf ich schon bald, an einen Felsen gelehnt, einen Riesen, der sich langsam und zögerlich vom felsigen Grund abhob. Ich stellte ihm eine persönliche Frage und erhielt als Antwort nur Schweigen. In dieser zeitverzögerten Welt ist alles Wollen und Streben vergebens. Stattdessen händigte mir der Koloss einen grauen, runden Stein aus, der symbolisch die Antwort auf meine Frage enthalten sollte. Gleichzeitig wusste ich, denn ich nahm – zeitgleich mit meinem eigenen – auch das Bewusstsein des Riesen wahr, dass er mir gegenüber vollkommen gleichgültig  eingestellt war und mir, die ich in seinen Augen so unendlich klein und unbedeutend war, jedes Geheimnis ganz offen verraten konnte, wohlwissend, dass dies für das Weltgeschehen vollkommen unbedeutend war. Was könnte ich, der ich nur ein Mensch bin, überhaupt bewegen? Nichts.

So kehrte ich zurück in meine Welt und der Stein verriet mir, dass er ein Zeichen für all die Kräfte ist, die sich einem in den Lebensweg stellen. An seiner runden Form erkannte ich, dass er eine Druse war, die, wenn sie denn vorsichtig aufgeschlagen werden würde, ihre ganze Schönheit und Pracht entfalten würde. Dies wiederum, soviel war mir klar, stand für die Kräfte des eigenen Selbst, die zur Entfaltung gebracht werden sollten, was aber – was nun ein wenig obskur ist – von den Riesen verhindert wird.

Um gerade Letzteres zu verstehen, müssen wir uns erneut an germanische Mythenwelten erinnern. Dort nämlich ist ein Riese, nämlich Ymir, das erste Lebewesen, aus dem die neun Welten entstehen. Diese Schöpfungsmythologie verweist auf indoeuropäische Wurzeln. Im vedischen Mythos gehen aus den Körperteilen des Riesen Purusha die verschiedenen Teile der Welt hervor. Die Edda dagegen berichtet von der Quelle Hvergelmir, die der Mitte Nebelheims entspringt, und aus der wiederum Wasserläufe hervorgehen, die in eine „gähnende Kluft“, genannt Ginungagap, münden. Dort, wo heute unsere Welt ist, trifft das Eis auf die Hitze und das Feuer Muspelheims. Aus dem geschmolzenen Eis entsteht schließlich der Riese Ymir, ein Zwitterwesen, von dem all die Reifriesen abstammen.

Als das Eis taut, entsteht daraus die Kuh Audhumla. Von den vier Milchströmen, die aus ihrem Euter rinnen, ernährt sich Ymir. Die Kuh wiederum erhält sich dadurch am Leben, dass sie die salzigen Eisblöcke (oder Steine) ableckt. Beim ersten Mal, als sie das tut, taucht aus den Steinen ein Mann auf, genannt Búri. Er hat einen Sohn, der Burr heißt. Snorri teilt nicht mit, ob er ihn mit einer Riesin zeugt, wie später Burr, oder ob er ihn, genauso wie Ymir, aus sich selbst heraus schöpft.

Ymir nämlich kann dies. Einer seiner Füße erschafft mit den anderen einen Sohn, von dem die Reifriesen abstammen. Die Tochter des Riesen Bölthorn, genannt Bestla, vermählt sich mit Burr. Ihre drei Söhne sind die ersten Götter, nämlich Odin, Wili und We. Diese töten den Riesen Ymir. In seinem Blut ertrinken alle Hrimthursen (Reifriesen), nur der Riese Bergelmir und sein Weib retten sich und zeugen ein neues Riesengeschlecht. Die Götter bilden aus dem Körper des Riesen Ymir die Welt. „Und längs den Seeküsten jenseits gaben sie den Riesengeschlechtern Wohnplätze, und nach innen rund um die Erde machten sie eine Burg wider die Anfälle der Riesen, und zu dieser Burg verwendeten sie die Augenbrauen Ymir, des Riesen, und nannten die Burg Midgard.“ (Gm 41/Die Burg Midgard ist nicht zu verwechseln mit Midgard, der Menschenwelt.)

Warum die Götter Odin, Vili und Vé Ymir erschlagen und aus seinem Körper die Welt erschaffen, darüber geben die Quellen keine Auskunft. Wenn wir diesen Mord aber in Zusammenhang mit 1 Mose 6,4 ziehen, wo von einer ersten Schöpfung die Rede ist, mit der der biblische Gott nicht zufrieden ist und die er deshalb zerstört, verweist der universale Zerstörungs-Mythos (von dem beispielsweise ja auch Platon in seinem Atlantis-Mythos berichtet) – ganz vorsichtig ausgedrückt – evtl. auf eine historische Tatsache, in der die Erde in den Zeiten einer nicht spezifizierbaren Urzeit von männlichen Göttern, wir können auch von Außerirdischen sprechen, kolonialisiert war, die sich mit Menschenfrauen vereinigten und so die Nephilim, riesenhafte Mischwesen, zeugten.

Dies korrespondiert letztendlich mit der protogermanischen Überlieferung, in der drei Götter den Urriesen töten. Im germanischen Kontext muss ich annehmen, dass die Riesen Außerirdische sind, welche die Energien aus sich selbst heraus erschufen, die wir als göttlich empfinden und für die wir unendlich viele Namen besitzen. Die Riesen mussten dann aber bemerken, dass sich diese Götter und Göttinnen gegen sie selbst wandten. Schließlich wurde nicht nur der Urriese umgebracht, die Götter schufen auch das erste Menschenpaar aus Bäumen und sie fungierten in der Folge als Verteidiger der Menschenwelt gegen die Riesen.

Im christlich-hebräischen Kontext muss ich, im Gegensatz dazu, davon ausgehen, dass die „Götter“ (und eben nicht die „Riesen“) ein Synonym für die Außerirdischen sind, die mit Menschenfrauen besagte Halbwesen, genannt Riesen, erschufen, diese dann aber, nachdem dadurch ihre Geheimnisse ausgeplaudert worden waren, vernichteten. In der Lutherbibel heißt es dann auch: „Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.“

Die Riesen verrieten den Menschen, wie uns die Apokryphen berichten, verbotenes Wissen und werden deshalb von den Göttern bis zum Ende der Welt „gebunden“; ihre Nachkommenschaft kommt dagegen in einer Sintflut ums Leben.

In der Edda – hier gibt es Parallelen zur christlich-hebräischen Überlieferung – sind die Riesen ebenfalls “gebunden“ und zwar in „Jötunheim“. Schließlich sind die Riesen nicht nur unkontrollierbare Naturgewalten, mit der sie auf einer profanen Interpretationsebene gerne gleichgesetzt werden. Über diese einfache Deutung hinaus erschließt sich eine weitere Interpretationsebene, und in der versuchen die Riesen, warum auch immer, Macht über die Menschenwelt zu erlangen, indem sie die Energien, die entstehen, wenn Menschen sich zusammenschließen – freiwillig oder unfreiwillig – kontrollieren und für Zwecke nutzen, die uns destruktiv vorkommen, die aber – wertfrei ausgedrückt – darauf ausgerichtet sind, die Welt, so wie wir sie kennen, zu destabilisieren.

Nach dem mystischen Weltbild, dem ich ja durchaus anhänge, lassen sich intellektuelle  Erkenntnisse auch in der Prosa finden; die Science-Fiction-Literatur erscheint mir dafür besonders geeignet zu sein, spielen deren Autoren doch mitunter mit obskuren Ideen, die sich dem üblichen, einengenden Gedankenkorsett entziehen und gerade dadurch auf eine Wirklichkeit jenseits der objektivierbaren Zahlenspielereien, die heutzutage sehr in Mode sind, verweisen. So sei mir an dieser Stelle ein Zitat aus einem Roman erlaubt, in dem die „Bewusstseinsparasiten“ (die ich mit „riesenhafte Kräfte“ übersetzen würde) wie folgt beschrieben werden:

„Sie zapfen den Menschen die Lebenskraft ab, ohne dass diese sich dessen bewusst werden. Ein Mensch, der sie erkennt und besiegt, wird für sie doppelt gefährlich, denn seine Kräfte der Selbsterneuerung werden die Oberhand behalten. Geschieht dies, so versuchen die Bewusstseinsparasiten vermutlich, ihn auf andere Weise zu vernichten – indem sie etwa andere Menschen gegen ihn aufbringen. (Wilson, Colin: Die Seelenfresser. Hemsbach über Weinheim 1983, S. 78)

Diese riesenhaften Kräfte versteht das menschliche Bewusstsein (noch) nicht und die Riesen müssen uns deshalb als „dumm“ erscheinen. Die Götter jedoch können diese Bewusstseinsebene verstehen, denn sie stammen selbst von Riesen ab, sind also ihre Geschöpfe. Sie wissen aber auch von den destabilisierenden Gefahren, die von den Riesen ausgehen. Warum sonst schützt Thor die Welt der Menschen mit einem Wall und ist auch ansonsten ständig damit beschäftigt, nicht nur gegen die Midgardschlange, sondern auch gegen die Riesen zu kämpfen? Vielleicht will er aber auch nur verhindern, dass das Wissen der Riesen zu uns dringt, da diese Kenntnis dem Menschen, aus Sicht der Asen, nicht dienlich wäre, evtl. gar zum Verderben führen würde, was an die biblische Paradiesgeschichte erinnert, wo der Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis auch von Gott verboten wurde.

Doch Thor tut vermeintlich gut daran, uns vor den riesenhaften Kräften zu schützen. Schließlich werden diese Kräfte schließlich gemäß der nordischen Eschatologie, Ragnarök herbeiführen. Andererseits ist besagte Vernichtung keine endgültige, sondern vielmehr – im Sinne des zyklisch-germanischen  Weltbildes – wird aus den Trümmern der alten eine neue, gereinigte Welt aufsteigen.

An dieser Stelle komme ich wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was bedeuten Riesen für mich? Diese Frage führt letztendlich, wie mein Essay hoffentlich gezeigt hat, zum Konflikt, ob ich mich, und auch hier muss ich differenzieren zwischen persönlichen und weltgesellschaftlichen Belangen, eher für eine Stabilisierung der Verhältnisse ausspreche oder aber Auflösung herbeiführen möchte.

Niko Paech sagt im TAZ-Interview vom 21.01.2012:

„Für gesellschaftlichen Wandel brauchen Sie zunächst Pioniere, die geringe Risikoaversion haben und keine Angst, sich lächerlich zu machen. Dann kommen die, bei denen die Beobachtung der Pioniere ausreicht, um auch mitzumachen. Dann die, die ein Netzwerk brauchen. Dann werden jene stimuliert, die sich erst kuschlig genug fühlen, wenn das Neue von genug Leuten gemacht wird. Und irgendwann sind wir am Punkt angekommen, wo eine soziale Dynamik ausgelöst wird. Diese Diffusionslogik zeigt, dass es gar nicht funktionieren kann (wenn man denn positiven, gesellschaftlichen Wandel möchte, Anm. d. Autorin), gleich in den Mainstream zu gehen.“

Da ich mir an dieser Stelle (noch) nicht anmaßen möchte, Belange von universaler Bedeutung zu lösen, beschränke ich mich im Folgenden auf eine persönliche Ebene, wobei mir natürlich bewusst ist, dass persönliche Entscheidungen niemals abgelöst vom gesellschaftlichen Arrangement gesehen werden können und dass die persönliche Entscheidung für eine „Destabilisierung“ im eigenen Leben auch – quasi als Dominoeffekt – Auswirkungen auf die unmittelbare Umwelt hat.

Jedoch wird eine „Stabilisierung der Verhältnisse“ als Lösungsansatz für die Mehrzahl meiner Zeitgenossen, so sie sich denn überhaupt mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen, attraktiver sein als eine „Destabilisierung“, die nur risikofreudigen Naturen vorbehalten sein wird.

Die „Festigung des Bestehenden“ verheißt schließlich süße, verlockende Sicherheit. Die überwiegende Mehrheit der Menschen möchte in ihrer vermeintlichen Ruhe nicht gestört werden. Wer mag es ihnen auch verdenken, schließlich wäre alles andere auch düster-beängstigend. Dabei wird gerne übersehen, dass das menschliche Leben selbst ständiger Veränderung unterworfen ist. Die „Stabilität“ erscheint uns nur harmonisch, wenn wir sie mit einem gewissen inneren Abstand betrachten; bei näherer Sichtung tun sich jedoch bei jedem von uns Dramen auf, die unterschwellige, destruktive Abgründe nur mühsam verdecken. Dies liegt – wie ich schon mit meinem kleinen Ausflug in die Welt der Science-Fiction-Literatur gezeigt habe – an den „riesenhaften Kräften“, die unser Bewusstsein kolonisieren, seitdem die Menschheit sich entschlossen hat, die nur instinktgebundene Existenz zu verlassen.

Ist ein solcher Status Quo, wie ich ihn aufgezeigt habe, es wert, erhalten zu bleiben? Ich meine „Nein“, denn alles andere verdient die Bezeichnung „Tod“.

Eine „Festigung des Bestehenden“ wäre für mich, um auf eine gesellschaftliche Argumentationsebene zurückzukehren, nur wünschenswert, wenn wir in einer Welt lebten, die derjenigen der Wanen, der Fruchtbarkeitsgötter, gleichen würde, die wiederum nichts anderes als eine freundlich-fröhliche Wicca-Welt darstellt.

Edred Thorsson beschreibt diesen Existenzbereich wie folgt:

„In diesem Reich wird das organische Vorbild der organischen Existenz geformt. Das ist eine Welt des ewigen Gleichgewichts der zyklischen Natur – hier gibt es ständiges Wachstum, aber man kann hier keine tatsächlichen Veränderungen oder Geschehnisse sehen. Es gibt ewiges Wohlergehen, Frieden, Freude und Bequemlichkeit. Es ist das Reich sowohl der organischen als auch der persönlichen Zyklen.“ (Thorsson, Edred: Die neun Tore von Midgard. Uhlstädt-Kirchhasel 2004, S. 74 f).

Wenn wir aber in diesem Land, welches wir auch mit „Utopien“ benennen könnten, (noch) nicht leben können, dann zeigen sich für mich im persönlichen Leben nur zwei praktikable Möglichkeiten auf, nämlich entweder gegen die riesenhaften Kräfte – wie Thor – zu kämpfen (und dieses „Kämpfen“ beinhaltet auch – obwohl sie es abstreiten würden – die Attitüde der sogenannten Lichtarbeiter und selbsternannten Lebensratgeber, sich zwanghaft alles schönzureden, um so den negativen Kräften keine Aufmerksamkeit zu geben) oder aber, was unbequem ist, sich mit den riesenhaften Kräften zu verbinden und sie dadurch letztendlich zu beherrschen. Dadurch lernen wir die Waffen unserer Gegner zu nutzen und können so die „benannten“ und „erkannten“ Kräfte – zumindest für uns selbst – unschädlich machen oder – um einmal den Sprachgebrauch meines Anti-Virus-Programmes zu bemühen – „in Quarantäne schicken“.

Eine schwierige Entscheidung ist dies und ich neige dazu, sozusagen hin und her zu switchen, wohlwissend, dass gerade letztere Möglichkeit keine Option für die Allgemeinheit darstellt und ich mich damit auf Wirkkräfte einlasse, deren Intentionen ich nicht immer verstehen kann.

Das Reich der Riesen charakterisiert Thorsson nämlich folgendermaßen:

„Als Ausgleich zu Vanaheimr ist Jötunheimr ein Ort ständigen Wechsels. Es und seine Bewohner versuchen alles, das ihnen begegnet, zu opponieren und zu ändern. Aber das Reich selbst kann in keiner eigenen Metamorphose untergehen. Es ist ein Katalysator für Veränderung und Evolution, kann sich selbst nicht ändern oder entwickeln. Jötunheimr ist ein Ort der Auflösung – und der möglichen Täuschung für die, die auf seine „Tricke“ nicht vorbereitet sind. Jötunheimr ist die reaktive Kraft der Zerstörung, die zur evolutionären Veränderung nötig ist. (Thorsson, S. 75)

Jötunheimr als Raum der „evalutionären Veränderung“ ist immer dann gefragt, wenn auch im persönlichen Leben Transformationen angesagt sind. Doch die Riesen sind – wie ich ja schon mit Hilfe der Schilderung meiner schamanischen Reise dargelegt habe – uns gegenüber gleichgültig eingestellt, und mehr als einen lässig von ihnen hingeworfenen Hinweis auf unsere vermeintlich großen Fragen können wir von ihnen – ganz praktisch gesehen – nicht erwarten. Um aber wahre Veränderungen herbeizuführen, müssen wir uns, so wir denn Magier sind, mit göttlichen Energien verbinden oder aber – dies ist die zweite Möglichkeit – göttliche Eigenschaften oder religiöse Vorstellungen zu einem eigenständigen göttlichen Wesen (aus uns selbst) personifizieren. Um aber erstere Möglichkeit zu praktizieren, muss die göttliche Kraft dazu bereit sein. Die Riesen, die ich quasi als Götter der Götter ansehe, sind es jedenfalls nicht. Loki aber, der zu den Asen gehört, andererseits aber sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite von Riesen abstammt, bietet uns diese Möglichkeit, verlangt aber durchaus seinen Preis dafür. Schließlich ist er ein „Trickster“ und daher müssen wir wissen, worauf wir uns bei ihm einlassen, was wiederum schier unmöglich ist.

Insbesondere stellt sich mir die Frage, ob es eine Option ist, sich mit der Energie von Loki zu verbinden, um die „Seelenfresser“, die meinem Weltbild entsprechend ja von den Riesen initiiert sind, zu isolieren

Zuerst erschien es mir unklar, ob Loki, der ja selbst von seiner Abstammung – sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite – ein Riese ist, hier unterstützend wirken kann.

Nachdem ich diese Frage eine Zeitlang mit mir herumgetragen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass er dafür geeignet ist, schließlich verhält er sich gegenüber den Riesen ambivalent, hilft einerseits zum Beispiel Thor bei der Rückholung des Hammers Mjölnir, andererseits verschuldet er Balders Tod, was letztendlich zu Lokis „Fesselung“ durch die Asen führt, die sich dadurch – meine Interpretation – von nun an in besonderem Maße den „riesischen Energien“ ausgesetzt fühlen. Schließlich ist derjenige, der sie, eben durch seinen ständigen Gestaltwandel davor schützen konnte, nicht mehr dazu in der Lage. Insofern ist die Gefahr groß, dass die Asen von einer Gesellschafts-Hypnose heimgesucht werden und in Zukunft auch immer weniger die Menschen vor den Riesen schützen können, was sich gegenwärtig u.a. dadurch zeigt, dass sich die westlichen Gesellschaften zunehmend zu Überwachungsstaaten entwickeln.

So können wir uns also auf die Götter nicht mehr verlassen und sind auf uns selbst zurückgeworfen. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, sich mit Lokis Kräften zu verbinden. Loki, mit seiner Vorliebe für den Gestaltwandel, kann uns, wenn ich einmal auf der Ebene von Midgard argumentieren darf, lehren, es ihm gleichzutun. Dies wiederum enthält die Option zu verhindern, dass sich die riesenhaften Kräfte an unser Bewusstsein andoggen. Wahrscheinlich ist eben dieser Gestaltwandel, wir könnten auch vom ständigen Paradigmenwechsel sprechen, im Ursprung eben eine riesenhafte Eigenschaft, die wiederum befähigt, den Einfluss der Riesen, der letztendlich zum Massenbewusstsein führt, zu beherrschen. Insofern kann Loki uns lehren, die soziale Matrix beständig zu unterbrechen und Stagnation, was immer gleichbedeutend mit einer Anpassung des Selbst an gesellschaftliche Konventionen ist, zu unterminieren.

Wenn wir uns mit Loki verbinden, dann lassen wir uns nicht mehr – ungewollt und getäuscht – von der Kraft der Riesen, die immer dann entsteht, wenn Menschen   aufeinandertreffen, verführen. Vielmehr haben wir es nun selbst in der Hand, die riesenhaften Energien für unsere Zwecke nutzbar zu machen. All das, was mit den Stichwörtern „Revolution“, „Rebellion“, „unorthodoxe Ideen“, „schillernder Charakter“ und „Verwandlungsfähigkeit“ beschrieben wird, holen wir so in unser Leben und dabei habe ich, um einmal zum Ausgangspunkt meiner Argumentation zurückzukehren, durchaus die Hoffnung, dass ich auf einer persönlichen Ebene damit mein „alltägliches Elend“ verändern kann. Du vielleicht auch!

Doch, auf eine gesellschaftspolitische Dimension bezogen, halten wir Ragnarök mit einer solchen Vorgehensweise nicht auf. Schließlich ist die aufgezeigte Handlungsweise eine individuelle, die niemals für die Mehrheit der Menschen einen praktikablen Weg darstellt. Und so wird am Ende aller Tage Loki, der sich von seiner Fesselung befreit hat, das Naglfar-Schiff steuern, um gemeinsam mit den von ihm mit der Riesin Angrboda gezeugten Ungeheuern, den Riesen und den Bewohnern Hels gegen die Asen zu ziehen (Gylf 50). Bevor Surtr, der Feuerriese, schließlich die Welt in Flammen aufgehen lässt, töten sich Loki und Heimdall gegenseitig und uns bleibt nur die Hoffnung auf eine bessere, neue Welt.

Heil Loki!

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Lost Places: Von Halberstadt nach Langenstein.

Wir starteten unsere Wildfrauenhaus-Wanderung in Halberstadt-Spiegelsberge: Dieser vom Halberstätter Domherr Ernst Ludwig Christoph Spiegel im 18. Jahrhundert angelegte Park ist  durchaus vergleichbar mit dem Hinüberschen Garten in Hannover-Marienwerder und den Parc Monceau in Paris, über die ich im Blog ja schon berichtet hatte. Alle diese Landschaftsgärten  haben gemein, dass sie starke freimaurerische Einflüsse aufweisen.

Der uns aus dem Hinüberschen Garten bekannte “Hexenturm” befindet sich hier in der Nähe des Jagdschlosses, was mich und meine Mitwanderinnen verwunderte, ist dieser Bereich traditionell doch eher mehr dem Lustwandel als der mysthischen Kontemplation vorbehalten. Mit Ausnahme des unteren Bereiches des Turmes empfanden wir die dort herrschende Energie jedenfalls als so leicht und beschwingt, dass wir uns animiert zu einer wirklich spaßige Unterhaltung fühlten. Schade nur, dass das im Jagdschloss lagernde wohl größte Weinfass der Welt, nicht gefüllt war, hätte dann nämlich hier unsere Wanderung, bevor sie im eigentlichen Sinne begonnen hätte, schon lustvoll enden können.

Weniger hedonistisch inspiriert fühlten wir uns in der abseits gelegene Eremitage, der Einsiedelei, die wohl in fernen Zeiten für magische Initiationsarbeiten genutzt wurde. Auch hier machten wir interessante geomantische Erfahrungen, bevor wir dann zum nahe gelegenen Bismarckturm, der – wie viele andere vergleichbare Gedenktürme   – auf Anregung der deutschen Studentenschaft zur Verehrung für den Gründer des zweiten deutschen Reiches  errichtet wurde, aufbrachen.

Zeitlich war unser Besuch beim Bismackturm passend gewählt, schließlich jährt sich der Geburtstag des Reichskanzlers am  1. April zum zweihundertsten Mal.

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Zurück ging es dann zur Eremitage.

“Wo bitte geht es zum KZ?”, fragte ich zwei Parkbankbesucher, die uns höflich  (und überhaupt nicht irritiert) den Weg vom Landschaftspark zum ehemaligen Konzentrationslager Langenstein/Zwieberge erklärten. Bevor wir dieses erreichten, gelangten wir noch zu diesem Denkmal:

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Die Beschriftung ist kaum entzifferbar, ein nettes Ehepaar klärte uns aber darüber auf, dass es sich hier um die Meding-Schanze  handelt. Dort wurde während des Ersten Weltkriegs 1916 ein von Hauptmann Werner von Meding und unter seiner Leitung bebautes  System aus Schützengräben angelegt, das der Zivilbevölkerung – gegen Eintritt – einen Einblick in das Kriegsgeschehen, insbesondere in dem damals neuartigen Stellungskampf,  geben sollteEin Verein ist gerade dabei die Schützengräben zu rekonstruieren, weswegen man sich auch heute noch hinter dem eigentlichen Denkmal, dass 1919  – sozusagen nachträglich – für  die Gefallenen der Halberstädter Garnison errichtet wurde,   hautnah in die Zeit des 1. Weltkriegs zurückversetzen lassen kann. Detaillierter Infos finden sich hier

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Nachdem wir die Schützengräben begangen hatten, verließen wir den Wald und passierten eine freie Acker- und Wiesenlandschaft. Dort überholte uns mit seinem Fahrrad ein älterer Mann, der uns zurief: “Das Landhaus hat heute Ruhetag.”

Durchaus ernsthaft antwortete ich darauf, dass wir nicht beabsichtigten, irgendwo einkehren zu wollen, standen nichtsdestotrotz aber wenig später vor den mehr als baufälligen Ruinen einer alten Ausflugsgaststätte, neumodisch ein verlorener Platz oder Lost Place genannt: Anscheinend war es das angekündigte Gasthaus!

Nachdem ich mich in Lost Place-Fotografie geübt hatte, entdeckte eine meiner Freundinnen  hinter der Ruine eine relativ neu angelegte Treppe, die uns, das war schon beim ersten Anblick klar,  in ihren schrecklichen Ausmaßen gleichermaßen sportlich abschreckte, wie auch herausforderte.  Doch die Neugierde trieb uns an.

Hier der Blick auf die Treppe: von unten und oben!
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Am Ende der Treppe erwartete uns der Gläserne Mönch, gleichwohl ein Naturdenkmal als auch ein germanischer Kultort, worauf sein alter Name Thorstein hinweist. Die Felsenformation soll der Waffe des Donnergottes – dem Mjölnir – ähneln. Schaut aber selbst:

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Nach einer kleinen Pause hatten wir die Idee, die Gedenkstätte des Konzentrationslagers auch “von oben” erreichen zu können, was uns zu einer längeren Rundwanderung auf dem Thekenberg bewegte, entlang an alten Stacheldrahtzäunen, die ein Privatgelände abzäunten, wo einst wohl die Häftlinge in Gruben und Stollen sich zu Tode schuften mussten. Wir erreichten dabei nicht – wie angedacht – die Gedenkstätte, sondern nur wieder die Treppe, die wir hinabstiegen, um den regulären Weg zur Gedenkstätte zu folgen.

Schon ziemlich erschöpft erreichten wir das eigentliche  Konzentrationslagers und ich fragte mich zum wiederholten Male, welche Kräfte in Gemeinschaften entstehen können, die im stillen Gehorsam und Duckmäusertum solche Entmenschlichungen zulassen? Inwieweit sind die Täter auch Opfer, die nicht wagten, in den Widerstand zu gehen, die einfach an ihr Wohl und das ihrer Familie gedacht haben, die deshalb den unbewussten Kräften ihr dämonisches Werk überließen, ohne sich dem Unrecht entgegenzustellen und inwieweit das alles auch heute noch passieren könnte und passiert?

Ein solcher Ort zwischen Leben und Tod kann das Tor zwischen beiden Zuständen in beide Richtungen öffnen.

Das ist die sogenannte Todeskiefer, an der unzählige Menschen gewaltsam den Tod fanden. Kann es einem schrecklicheren Ort geben?

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Wohl noch sozialistisch inszenierte Massengräber:

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Von  der Gedenkstätte ging es zum Ort Langenstein. Bevor wir den dortigen Bahnhof  erreichten, zeigte uns eine nette Frau eine Langensteiner Besonderheit: Höhlenwohnungen, in denen um 19oo Landarbeiter lebten.

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Vom Bahnhof Langenstein traten wir unsere Rückreise an.

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Diese war aufgrund von Zugausfällen eine Odyssee und zwang uns zu einem langen und beschwerlichen Umweg über Braunschweig. Er  führte aber noch zu einer weiteren obskur-angenehm-unterhaltsamen Begegnung mit einem  netten Zugschaffner, der uns mit den aufmunternden Worten begrüßte: “Ihr seht aber fertig aus!”

Und so freuen wir uns nun auf die nächste Wildfrauenhaus-Wanderung.

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Kyffhäuser

Sehr imposant ist das Kyffhäuserdenkmal, das – um hier einmal ein menschliches Bezugssystem als Vergleich zu wählen – wie ein gewaltiger Arm ist, der sich kräftig in den Himmel reckt, um die Erdenergie des Kyffhäusergebirges in den Himmel abzugeben.

Empfehlenswert ist es, sich von Kelbra aus, über die alte Alleestraße und durch pittoreske Obstplantagen hindurch, langsam dem Kyffhäuserdenkmal zu nähern.

Fritz Fenzl hat in seinem Buch „Magische Orte in Deutschland“ (Rosenheim 2011, S.179) das Kyffhäusergebirge als einen „wichtigen Ort des abwartenden Schlafens und des gewaltigen Wiederkommens“ bezeichnet. Leider erklärt er dabei nicht, was er damit genau meint. Ich nehme allerdings an, dass dahinter der Gedanke steht, dass der Kraftort darauf wartet, als ein solcher wahrgenommen zu werden und dass die Tore zur Anderswelt noch verschlossen sind, sich aber erneut öffnen möchten.

Und auch mir kam die Energie, während meines sommerlichen Aufenthaltes in Kelbra, nicht wirklich fassbar vor. Ich bin dort auf die Suche nach einer energetischen Wahrnehmung gegangen, die sich aber nur schwerlich offenbarte – jedenfalls nicht auf der schroffen Seite des Kyffhäusergebirges, die dem Südharz zugeneigt ist und auf der sich oberhalb der Königspfalz Tilleda, die Ruinen der Unterburg und schließlich die eigentliche Kyffhäuser-Burg mit ihrem imposanten Denkmal erheben.

Dieses – auf einer intuitiven Ebene – nicht Greifbare, was ich dort erlebte, würde ja durchaus Fritz Fenzls Beobachtung stützen. Ich wollte es jedoch genauer wissen. Insofern war ich zweimal beim Denkmal gewesen: das erste Mal ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes, das andere Mal am Ende. Und beim zweiten Mal kamen mir die schlummernden Energien dann „lebendiger“ vor und ich konnte mich dem imposanten Denkmal, bestehend aus einem Turmbau, der an eine imposante Walhalla-Burg erinnert und der sich aus einer künstlichen Grotte erhebt, neu annähern.

Was war in der Zwischenzeit geschehen? Ich war in Bad Frankenhausen gewesen, allerdings zu kurz, um die Salzstadt wirklich zu würdigen, war danach aber – eher notgedrungen, da das öffentliche Busnetz in diesem Landesteil desolat zu sein scheint – über das ganze Gebirge zurück zum Denkmal gewandert. So hatte ich – wenn auch nicht willentlich – die Energien der Südseite des Gebirges zum Norden getragen. Dies ist – eine mutige Hypothese – vielleicht die Voraussetzung dafür, dass sich der Kraftort mir ein wenig „entschleierte“, zumal die gespürten Energien auf beiden Seiten des Kyffhäusergebirges für mich als diametral entgegengesetzt fühlbar waren.

Das südliche Gebirge ist von weiblichen Energien getragen, die nördlichen, steil abfallenden Höhenzüge sind jedoch von männlichem Herrschaftsdenken dominiert.

Diese Wahrnehmung wird auch von den historischen Fakten unterstützt, die mir – zumindest in Bezug auf den südlichen Teil – zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt waren.

In der Nähe von Bad Frankenhausen finden sich nämlich sogenannte „Kannibalen“höhlen, in denen veneto-illyrische Feldbauerinnen, noch bevor die Germanen das Frankenhäuser Tal besiedelten, einer chtonischen Fruchtbarkeitsgöttin geopfert hatten. In einem der Höhlenheiligtümer fand sich gar ein hölzerner Spinnwirtel, „das Symbol der spinnenden Unterweltgottheiten, der Fruchtbarkeitsgöttin aus dem Kreise der Nerthus-Gottheiten, in deren unterirdische Behausung der heilige See und das heilige Moor führten.“ (nachzulesen bei: Behm-Blancke, Günter: Höhlen. Heiligtümer. Kannibalen. Leipzig 2005, S. 238)

Und so sind sie immer noch präsent – die weiblichen Wesen, die hier einst verehrt wurden, vielleicht später auch noch von den germanischen Eroberern, die sich einen direkten Zugang zum begehrten Salz schaffen wollten und deshalb die Gegend der Goldenen und Diamantenen Aue besiedelten,

„Die Germanen gelüstete es nach dem mitteldeutschen Salz, das sie bisher nur als kostbares Tauschmittel erhalten hatten. Zum Schutz gegen die feindlichen Absichten ihrer Nachbarn errichteten die mitteldeutschen Volksstämme nunmehr im Grenzgebiet, längs des Kyffhäusers und des Harzes, eine Reihe von Burgen. Wir wissen nicht, ob sie Schauplatz heißer Kämpfe wurden, aber wir wissen, dass die Veneto-Illyrer unterlagen. Sie gingen in den Kelten und Germanen auf.“ (ebd., S. 21).

„ (….) die alte venoto-illyrische Muttergottheit war der germanischen wesensähnlich“ (ebd., S. 236),

und so ist anzunehmen, dass die Göttin – nun wohl unter einem anderen Namen – auch später noch verehrt wurde. Geschichten, als abgesunkene Mythen sozusagen, erzählen immer noch davon, dass gute Menschen, die sich auf den Zauberberg verirren, Glück und Segen empfangen, böse jedoch mit einer Strafe rechnen müssen (nach: Ebd., S. 24).

Auf der nördlichen Seite ist von weiblichen Gottheiten wenig spürbar. Diese Seite ist geprägt von einer großen Burganlage, auf der sich das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal erhebt. Es wurde in der Regierungszeit von Wilhelm II. zu Ehren von Wilhelm I. errichtet. Vom Architekten Bruno Schmitz, der auch das Leipziger Völkerschlachtdenkmal entworfen hatte, wurde dabei das Reiterbild Wilhelms I. über eine Darstellung von Kaiser Barbarossa gestellt und damit in Zusammenhang mit der bekannten Kyffhäusersage gebracht, in der Barbarossa im Berg wohnt und darauf wartet, ihn verlassen zu können. Dass es sich in Wirklichkeit in der mittelalterlichen Sage um Barbarossas Enkel Friedrich II. handeln muss, der sich wünschte, das Römische Reich Deutscher Nation von der Macht der Kirche befreien zu können, ist ein Fehler, der sich durch eine Verwechslung des Stadtarztes Adelphus zu Landshut schon seit dem 16. Jh. festgeschrieben hatte.

Wie dem auch sei: Die künstlerische Darstellung Barbarossas erinnert an Wotan, was eben nicht nur eine Reminiszenz an wilhelminische Germanenverehrung sein kann, sondern es scheint auch möglich zu sein, dass die mittelalterliche Sage auf eine frühere Wotanverehrung am Berg hinweist; die vielen „Kegel“sagen, die am Kyffhäuserberg lokalisiert sind, verweisen jedoch auf den Donnergott Thor.

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Die männliche Energie der nördlichen Seite des Berges scheint also schon bis in frühgeschichtliche Zeiten zurückzuweisen. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass Sinn und Zweck des im 19. Jahrhundert errichteten Denkmals war, ein Bollwerk gegen äußere und innere Feinde zu zementieren. Kriegervereine, in deren Auftrag das 81 m hohe Monument errichtet worden ist, wollten mit Hilfe von solch großen Denkmälern, und das Kyffhäuser-Denkmal ist ja nur eines von vielen, die Reichseinheit betonen und sich gleichzeitig von der Sozialdemokratie abgrenzen.
neobarocke Baustil des Denkmals betont die imperialistische Intention des damaligen pompös-repräsentativen Zeitgeistes. Die heutigen Motorradfahrer, die den Kyffhäuser als Rennstrecke missbrauchen, setzen die Tradition des männlichen Testosterons ungebrochen fort.

Weiblichen und männlichen Energien des Gebirges verlangen nach einem Ausgleich. Vielleicht stellt  die Quelle des „Heiligen Borns“, der  auf der nördlichen Seite  des Gebirges gelegen  ist, den gesuchten Ort dar, wo beide zu einer Transformation zusammengeführt werden können. Dies ist allerdings nur eine Vermutung. Hier müsste geomantisch weiter geforscht werden, um so dem Ort sein Potential zurückzugeben.
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