Etwas Besonderes sein!

Wer möchte das nicht? Sich von der Menge abheben und  irgendwie einzigartig sein! Doch die meisten Entscheidungen, die wir treffen, sind die zwischen Alternativen, die uns andere vorgegeben haben und die uns innerhalb eines Variantenraumes individuell vorkommen, in Wirklichkeit aber nur kleine Abweichungen der immer gleichen Einfalt sind, die uns von der Bewusstseinsindustrie tagtäglich eingetrichterte wird.

Die Entscheidung lieber zum italienischen als zum griechischen Restaurant zu gehen, unsere Vorliebe für die Farbe Orange und unser Interesse am Jogging, all das macht nicht die Einzigartigkeit unseres Selbst aus. Wir nähern uns diesem aber an, wenn wir uns von den Erwartungshaltungen unserer Umwelt lösen.

1. Der erste Schritt dazu kann es sein, nicht  beständig danach, zu schielen,  was gerade angesagt ist und wie wir bei anderen ankommen.  So durchbrechen wir die Fernsteuerung, die uns beständig zombifiziert,  wenn wir nichts dagegen setzen.

Folgende Fragen können uns bei der eigenen Bewusstwerdung helfen:

Welche Art von Person möchtest du sein? Wie siehst du aus? Worüber denkst du nach? In welcher Umgebung hältst du dich auf? Lade das Bild immer wieder mit Kraft auf und hinterfrage fortlaufend, inwieweit dieses deinen oder fremden Erwartungen entspricht. Nur das, was nicht ferngesteuert Wünsche und Projektionen von anderen erfüllt, darf in diesem Prozess Bestand haben. Insofern musst du dich fortlaufend selbst in Frage stellen und damit auch niemals aufhören, ansonsten läufst du Gefahr, dass das, was du errungen haben, wieder in das Unbewusste zurücksinkt.

2.  Was kannst du jetzt schon tun, was diesem idealen Selbst entspricht? Fange mit kleinen Dingen an und gebe Ihnen beständig Aufmerksamkeit, sodass sie wachsen können. Zieh die Aufmerksamkeit  von den Lebensumständen ab, die nicht passend sind, ohne dabei deine ethische Verantwortung, die immer selbstgeschöpft sein sollte,  aufzugeben. Werde  nicht zum Unmenschen, indem du dich nur noch auf dich selbst konzentrierst, womit wir bei den Gefahren sind:

Die Gefahr an dieser Stelle ist es, ganz und gar im Eigenen zu verharren und den Kontakt zu seiner Umgebung zu verlieren. Dann wirst du zum Eigenbrötler, zum merkwürdigen Kauz oder gar zum Verrückten.

Meistens sind das Männer und so ist es kein Zufall, dass ich hier die männliche Schreibweise verwendet habe. Ihnen geht, in viel größerem Ausmaß als dies bei Frauen zu beobachten ist,  der soziale Bezug ab und so verharren sie in ihrer eigenen seltsamen Welt, die sie, mit zunehmenden Alter, immer weniger  mit ihrer Umwelt kommunizieren können. Manche  indes bedienen sich dazu Frauen, die  aufopferungsvoll ihren Alltag managen.

Vorrangig Frauen neigen leider dazu,  schon am ersten, hier aufgezählten Schritt zu scheitern, schließlich werden sie, seit ihrer frühen Jugend,  immer wieder dazu aufgefordert, sich vorrangig auf andere zu beziehen, sei es auf das Kind, dem Partner , den pflegebedürftigen Elternteil oder anderen Mitmenschen, die ihren Beistand abrufen und dem sie nur allzu gerne nachgeben, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es sich hier per se um gesellschaftlich anerzogene oder doch angeborene Determinanten handelt. Nichtsdestotrotz lassen sie sich durchbrechen. Wenn die Frauen nämlich immer wieder ausschließlich die  Erwartungen der anderen erfüllen, erlangen sie kein Bewusstsein über sich selbst und machen sich so  zum Opfer ihrer selbst.

Nun plädiere ich nicht dafür, jegliche soziale Verantwortung fallen zu lassen, vielmehr geht es darum, sich innerlich soweit davon zu isolieren, wie irgendwie möglich und auch nur dem nachzukommen, was den eigenen ethischen Überlegungen entspricht. So schaffen sich dann auch Frauen die notwendigen Freiräume, ihre eigenen Innenwelten zu entdecken und zu leben.

Hütet euch dabei aber vor Floskeln wie “Das tut man aber so”, “Das erwartet meine Familie/Religion von mir”, “Das würde immer schon so gemacht”. Das  sind Ausflüchte,  mit deren Hilfe wir uns vom eigentlichen Menschsein abschneiden.

3.  Im dritten Schritt muss man sein Sein nach außen tragen und danach trachten, seine eigene subjektive Welt im Objektiven zu verwirklichen. Menschen, die dies geschafft haben, gelten als Charismatiker, die nicht mehr, wie Marionetten an den Fäden hängen, die von anderen gespielt werden, sondern selbst zu Puppenspielern geworden sind. All dies lässt sich nicht durch gewalttätige-monströse Anstrengungen verwirklichen, vielmehr gelingt es, wenn man sich selbst immer wieder auf seine eigenen, selbst gewählten und immer wieder hinterfragten Kriterien bezieht. Man sollte beständig  darüber  reflektieren, für was man seine Kraft  investiert und mit wem man seine Zeit verbringt.

Nun bist du in der Königs- und Königinnenklasse angekommen. Du bist nun eine charismatische Persönlichkeit, die die eigene subjektive Welt zum Zentrum von dem macht, was sie umgibt. So strahlst du dann als deine eigene Sonne nach außen  und machst dir die Welt, wie sie dir gefällt.

 

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Auf den Spuren des nationalsozialistischen Berlins

Um den Spuren des Nationalsozialismus, ganz besonders, wenn man sich denn für Architektur interessiert, in Berlin zu folgen, bieten sich verschiedene Anlaufpunkte an. Ich entschied mich für den Flughafen Tempelhof und das Olympia-Stadium. Im Nachgang rate ich aber dazu, gerade im Winterhalbjahr, sich auf nur einem Programmpunkt zu beschränken. Ich kam nämlich erst um kurz nach 15 Uhr beim Stadium an, was schade war, konnte ich das Gelände so nur in Eile begehen. Schließzeit war nämlich schon um 16 Uhr.

Zuerst ging es zum Flughafen, dessen Vorgängerbau schon in den 20 Jahren entstanden war und der in den Jahren 1937 bis 1941  in der heutigen Form errichtet wurde. Nach den Plänen der Nationalsozialisten sollte Tempelhof zum größte Flughafen der Welt werden. Er wurde jedoch, aufgrund der Kriegshandlungen, erst nach dem Krieg fertiggestellt und manche Abschnitte zeigen immer noch den Rohbeton. Im Jahre 2008 stellte der Flughafen den Betrieb gänzlich ein, was ihm jedoch nicht zu einem “lost place” machte, schließlich sind immer noch viele Firmen dort ansässig. Außerdem werden Hallen für Events vermietet.

Momentan sind leider immer noch Flüchtlinge im Flughafengebäude untergebracht. Ob es daran lag, dass ich die Abflughalle nicht sehen konnte? Auch der sogenannte “Rosinenbomber”, aus der Zeit der Berliner Luftbrücke, konnte nur aus der Entfernung heraus betrachtet werden.

Ich nahm nämlich an einer Führung teil, die  einen vielschichtigen Streifzug durch die “Unterwelten” des Flughafens bot und dabei nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt blieb. Sie bietet ein Feuerwerk von interessanten Orten und Geschichten und ist insgesamt empfehlenswert.

Zuerst musste ich jedoch den Startpunkt der Führung finden. Als Nichts-Ortskundige steuerte ich erst einmal irrtümlich in Richtung auf das  “altes Fundbüro” zu. Als ich meinem Fehler bemerkte, bekam ich einem sinnlichen Eindruck von der Monumentalität der Architektur. Wenn man nämlich in großer Eile – an den riesigen Gebäudekomplexen vorbei – den richtigen Weg finden muss, verstärkt dies in der subjektiven Wahrnehmung noch einmal die realen Ausmaße des Gebäudekomplexes hin zum Gigantischen. Die Architektur scheint einen quasi eine Prüfung aufzuerlegen, die  dazu auffordert – ganz im zarathustrischen Sinne – zum Übermenschen zu werden, dem die Un -WEG -samkeiten des Lebens nichts mehr anzuhaben zu scheinen. Vielleicht war es jedoch auch die Intention des Architekten, dass man sich von der damaligen Monumentalität, die übrigens auch in den Nachbarländern in den 30er Jahren in Mode war, eingeschüchtert fühlen sollte?

Highlights der Führung durch die Unterwelten des Flughafens waren für mich die Luftschutzräume, die, zur zweifelhaften Aufheiterung der Schutzsuchenden, mit Wilhelm Busch-Zeichnungen verziert sind, der geheime Kommandoraum der US Army Air Force mit seiner zerfledderten Lagekarte und natürlich das verbrannte Filmarchiv, in dem einst geheime Luftaufnahmen gelagert und am Ende des Zweiten Weltkrieges in Brand gesteckt wurden.

Über das offene Flugfeld des Tempelhofes schlenderte ich, fast drei Stunden später, zurück zur U-Bahn Haltestelle und machte mich nach Charlottenburg zum Olympiastadium  auf. Dieses versank fast vollständig im Nebel, was mich zu surreal anmutenden Fotografien inspirierte.

Mein Foto des Tages:

Hier ist das ganze Album zu betrachten.

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Modernes Wohnen

… für urbane Poser und all die, die es werden wollen. Hier herrscht der rechte Winkel vor, wobei die  Strenge der Form durch unterschiedliche Fenstergestaltung und die vermeintlich in die Luft gesetzten Balkons aufgelöst wird. Der Dekonstruktivismus – so scheint es mir -,der in der Architektur  gerade bei Zweckbauten momentan so favorisiert wird, findet hier in einer abgemilderten  Form für die Wohnbebauung Verwendung.

Die Aufnahmen entstanden gestern beim Tag der Architektur, der jährlich deutschlandweit stattfindet und bei dem ausgewählte Architekturprojekte vorgestellt werden, was für Besucher recht spannend ist.

Ich schaute mir die Neubebauung im Pelikan-Viertel in Hannover an, was aufgrund des ehemaligen Pelikan-Firmensitzes so heißt, wie es heißt.

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Auf der Seite des ausführenden Wohnungsbauunternehmens wird das Neubauprojekt VIER wie folgt beworben:

Zwischen zwei winkelförmigen Gebäuden im Norden und im Süden (Maßstab der Nachbarbebauung) sind an der Ost- und Westseite je drei punktförmige Einzelhäuser mit unterschiedlicher Kubatur eingefügt. Unter dem Motto Einzigartige Wohnvielfalt realisierten vier ausgewählte Architekturbüros unterschiedliche Wohntypologien und vier Wohnstile.

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Dies ist der Blick durch die Fensterfront der oberen Etage einer zweigeschossigen Wohnung auf dem tiefer gelegenen Balkon und den Innenhof, der durch den Rasenteppich und das Arrangements der einzelnen Begrünungs- und Spielplatzfelder seltsam künstlich wirkt. Ich frage mich, ob eine solche Architektur überhaupt Leben jenseits der Existenz als Maschinenwesen zulässt oder ob es nicht alles Organische, Wilde und Ekstatische  parasitär aufnimmt, um es dann, zombiefiziert und für die Warenwelt passend gemacht, wieder auszuspucken? Kann das permanente Leben in einer solchen Architektur gefährlich für das eigene Seelenwohl werden?

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Die Bebauung ist dicht, was wohl den innerstädtischen Grundstückspreisen und ökonomischen Interessen geschuldet ist. Manche Ausblicke enden schon an der nächsten Backsteinwand.

Die Vorliebe für den Backstein stellt wohl eine Reminiszenz an die Tradition der norddeutschen Backsteinarchitektur dar und  nimmt darüber hinaus den Stil der historischen Fabrikgebäude von 1906 in modernisierter Form wieder auf, was ich für begrüßenswert erachte.

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Andere Ausblicke bieten dagegen weite Sicht.  Dies ist eine Perspektive, die ich von einen anderen Zimmer der  Neubau-Wohnung aufgenommen habe. Sie zeigt eine Brachfläche des ehemaligen Pelikan Werksgeländes und im Hintergrund  Gebäude des historischen Fabrikgebäudes,  was mittlerweile für Praxen, Büros, Fitnessstudio, Gastronomie- und Hotelbetrieb genutzt wird.

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Das Foto zeigt die alte Fabrikbebauung in sanierter Form:

Fabrikgebäude von 1906, FA Pelikan

Schlossähnliche Einfahrt zur Fabrik mit ebensolcher Architektur!  Es ist noch nicht lange her, als dass auf der Grünfläche Pelikane gehalten wurden und ich als Studentin Füllfederhalter-Lieferungen an kleine Schreibwarenläden in Ostdeutschland, die sich gerade der kapitalistischen Wirtschaft öffneten, veranlasst habe.

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Hier ist eine Fabrikfrontansicht zu sehen, deren großangelegte Fenster wohl Modell für den Neubau-Balkon für Übermenschen gedient haben, der ebenfalls unten stehend abgebildet ist.

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Das erinnert doch irgendwie an die Architektur von Albert Speer?

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Ich verlasse die  Wohnungsbesichtigungen mit gemischten Gefühlen. Die Wohnungen erscheinen mir gut durchdacht und großzügig. Die Bebauung im Gesamtkonzept ist interessant, andererseits stößt mich die Durchgeplantheit, die Künstlichkeit und die Dichte der Häuser ab.

 

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Opfertanz

Thomas Altmann schreibt im „Manifest der Diloggún”:

„Durch die Vernichtung des körperlichen und formhaften Zustandes eines Gegenstandes, einer Pflanze oder eines Tieres wird geistige Energie freigesetzt, indem sie der Stofflichkeit entbunden, aus ihrer Bindung an Stoff befreit wir, und dies in überproportionalem Maße. Diese geistige Energie kann – und muss- sinnvollerweise auf ein geistiges Ziel gerichtet werden, um Resultate im Orun zu erzielen, die ihrerseits wieder in der diesseitigen Welt (Ayé) Realitäten bewegen. Ein Opfer ist ein magischer Akt.“
(Altmann, Thomas, 11/2009: Manifest der Diloggún, S.3)

In Afrika werden Hühner geopfert, um diese Kraft freizusetzen. In Deutschland ist es mittlerweile subtiler. Dort werden die Seelen von Menschen geopfert, um mit ihrer Lebensenergie die gesellschaftliche Trance, genährt aus Stasis und Angst, zu nähren. Wenn die Seele sich aber erst einmal vom Körper gelöst hat, dann bleibt der Mensch „seelenlos“ zurück. Er wird zum Zombie, zum blechernen Maschinenmenschen, der nur noch funktioniert.

Und der Maschinenmensch fragt sich, sofern er überhaupt noch dazu in der Lage ist, welchen Anteil er selbst am Schrecken der Welt, um ihn herum, hat?

Marko Pogacnik  schreibt:

„Lasst uns in Gedanken an den Anfang aller Existenz gehen. Die Welt, die um uns herum schwingt, stellt sich unseren Sinnen als eine fest in Form gegossene Welt dar. Die feste Form der Umwelt könnte sich jedoch eines Tages als Täuschung entpuppen, wenn sich die Vermutung bestätigen sollte, dass unsere fünf Sinne die Funktion haben, aus den Schwingungsfeldern unserer Umgebung diejenigen Elemente herauszupicken, die sich in einem festen, logisch nachvollziehbaren Weltbild zusammenfassen lassen. Würde das dann nicht bedeuten, das die Wirklichkeit, die wir beobachten, lieben oder sogar hassen, unsere eigene und eigenartige Schöpfung ist? Ich frage mich immer wieder, wie die Welt, durch die Augen einer Biene oder eines Bären gesehen, aussieht. (Pogacnik, Marko: Synchrone Welten. Geomantie des zwölfdimensionalen Lebensraums. Aarau und München 2011, S. 8?)

Doch NEIN: Ich widerspreche der Vorstellung einer 100% Konstruktion der Wirklichkeit durch das einzelne Individuum, wie es uns manche Esoteriker vermitteln wollen, schließlich würde dies auch bedeuten, dass ich mich selbst zum Opfer mache. Und obwohl ich – wie es uns Marko Pogacnik nahelegt – sicherlich meine Welt immer auch  konstruiere,  sie also durch verschiedene Gedanken-Filter betrachte, existiert  – da bin ich mir gewiss – eine objektive Welt, die wir mehr oder weniger vollständig, abhängig von der persönlichen Tagesform und von der uns zur Verfügung stehenden  Intelligenzleistung,  sowie der Synthese von intuitivem und intellektuellem Wissen,  … etc. erfassen, die wir aber nicht immer in unserem Sinne beeinflussen können.  So erkennt die Biene einen Teil der Wirklichkeit, wir aber einen anderen. Als Mensch, der  – um mit Nietzsche zu sprechen-  bestrebt sein sollte, sich zum Übermenschen zu entwickeln, obliegt es uns, auch die Wirklichkeitserfassung einer Biene in unser Weltbild zu integrieren, das eines Elefanten und jenes unser Mitmenschen. Und so werden wir, indem wir die terra mundi in all ihren Facetten erkennen, die objektive Wirklichkeit  also „paradimensional“ erfahren, zum Übermenschen, zum Magier und zur Zaunreiterin.

Mehr noch: Wir sind diejenigen, die Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe innehaben und dies häufig nicht wahrhaben wollen. Deshalb sei es LAUT verkündet: Wir sind die Hüterinnen der Erde.

Und wenn wir unsere Kraft nicht mehr verleugnen, dann ist der erste Schritt dafür getan, dass uns die äußere Welt keinerlei Leid mehr zuzufügen vermag. Schließlich, das wissen wir nun,  haben wir dieses Elend  teilweise (aber nicht vollständig!!!)  auch selbst erschaffen und dadurch haben wir  –  jetzt JA – das willfähige Opfer  der Zustände der objektiven Welt abgegeben. Unbewusst. Entfremdet von uns Selbst.

Rahel Jaeggi  schreibt dazu:

„Entfremdet (nämlich) sind wir immer von etwas, das uns zugleich eigen und fremd ist. In entfremdete Verhältnisse involviert, scheinen wir auf komplizierte Weise immer zugleich Opfer und Täter zu sein. Derjenige, der sich in seiner bzw. durch seine Rolle entfremdet, spielt diese gleichzeitig selbst; wer sich durch fremde Wünsche geleitet sieht, hat diese doch gleichzeitig  verursacht – und  es würde die Komplexität der Situation verkennen, wenn wir hier schlicht von internalisiertem Zwang oder von psychischer Manipulation sprächen. Soziale Institutionen, die uns erstarrt und fremd gegenüberstehen, sind gleichzeitig von uns geschaffen. Wir sind hier, das ist das Spezifische der Entfremdungsdiagnose, nicht Herr über das, was wir zusammen — tun.“ (Entfremdung: Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems, 2005)

Erich Fromm bringt das im  o.g. Zitat ausgedrückte  Gefühl der Ohnmacht noch drastischer auf dem Punkt, u.a.  auch,  indem er, ganz zufällig, eine Referenz auf meine  Riesen-Thematik  gibt. Er nutzt nämlich den Begriff „Riesenmaschine“, um zu beschreiben, was den bürgerlichen Menschen in einem Indifferenz-Verhältnis beherrscht.

„Er (der bürgerliche Mensch) produziert eine Welt der großartigsten und wunderbarsten Dinge; aber diese seine eigenen Geschöpfe stehen ihm fremd und drohend gegenüber; sind sie geschaffen, so fühlt er sich nicht mehr als ihr Herr, sondern als ihr Diener. Die ganze materielle Welt wird zum Monstrum einer Riesenmaschine, die ihm Richtung und Tempo seines Lebens vorschreibt. Aus dem Werk seiner Hände, bestimmt, ihm zu dienen, und ihn zu beglücken, wird eine ihm entfremdete Welt, der er demütig und ohnmächtig gehorcht.“

Und nachdem wir nun die tödliche Mechanik der Riesenmaschine erkannt haben: endlich,  erinnern wir uns daran, dass wir nicht Sklavin, sondern gleichsam Erbauer und Zerstörerin sind: ganz wie es uns beliebt. Wenn wir das Leid der objektiven Wirklichkeit teilweise selbst zu verantworten haben, dann können wir auch dessen  dumpfen Staccato durchbrechen, indem wir den Weg der EIGENMACHT beschreiten.  BEWUSST! Er besteht im beständigen Wandel, im beständigen „Werden“, womit wir die Festlegung auf ein starres Weltbild ablehnen müssen, denn dies würde erneut die riesenhaften Kräfte herbeirufen, die immer dann erwachen, wenn sich ein unbewusster Schlaf, oder  – anders ausgedrückt – eine Gesellschaftshypnose, über die Menschen wie ein starres Leichentuch legt.

Insofern sollte es unser beständiges Trachten sein,  die objektive Wirklichkeit in all ihren Facetten zu erkennen  und  auch zu beherrschen, indem wir unser subjektives Wollen in die objektive Welt tragen: gleichsam dekonstruktivistisch wie auch konstruktivistisch.

Dies ist auch die Botschaft von Odin, dem männlichen Hauptgott des germanischen Pantheons, dem mit Loki eine spirituelle Bruderschaft verbindet, hinter der sich das tiefe Geheimnis verbirgt, dass es sich bei Loki um einen abgespaltenen Schattensaspekt  von Odin handelt.

Loki hat  in seiner göttlichen Triade, bestehend aus Odin und seinen Brüdern Vili und Vé, dem Riesen Ymir getötet. Dadurch sorgt er dafür, dass das menschliche Leben dazu dienen soll, sich aus der Abhängigkeit zu ihren riesenhaften Schöpfern, symbolisiert durch Ymir,  zu  befreien und stattdessen das eigene Bewusstsein und damit gleichsam  eine  freudvolle Ekstase  zu entwickeln, um letztendlich  von ihnen – den Thursen-Riesen – eine Erklärung für ihre  fehlerhafte Schöpfung einfordern zu können.  Dann – und nur dann –  begegnen sich Gleiche unter Gleichen, was zu einer  reinigenden Metamorphose führen wird, wie sie uns nach dem Ende dieser Welt in der Edda versprochen wird.

Und so tanzt das einstige  Opfer auf den Überresten einer Zivilisation, die aufgehört hat, diesen Namen zu verdienen.

Schluss nun – ein für allemal – mit Riesen. Fort mit euch! „Existenz existiert“, wir erinnern uns an das Paradigma von Ayn Rand und trachten danach in der Kraft dieses Augenblicks,  unser Bewusstsein zu leben. Totentanz. Opfertanz. Freudenzauber.

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Zarathustra am Maschsee. Teil 1

Wahrscheinlich ausgelöst durch meine momentane Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche habe ich beim letzten Maschsee-Spaziergang Zarathustras “Rede von der Verwandlung”  durch diverse  Skulpturen illustriert gefunden.

Für die Hannover-Unkundigen sei erklärt: Der Maschsee ist ein künstlich angelegter See, der den Hannoveranern als Naherholung dient.  Erste Pläne für das Anlegen eines Sees gehen bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Umgesetzt wurden sie allerdings erst von der nationalsozialistischen Regierung, die beabsichtigte den Maschsee an ein Gauforum anzubinden, das u.a. aus Stadion, Aufmarschplatz, Feierhalle, Glockenturm und diversen Parteibauten bestehen sollte.

Wenn wir am Südufer unseren  Spaziergang beginnen und  den Weg am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer entlanggehen, erreichen wir die Löwenbastion mit zwei großen Bronzelöwen von Arno Breker, die eine Treppe flankieren.

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Das  Maschseeufer kann insgesamt als militärischer Festungswall angesehen werden, aus dem  ausgearbeiteten Vorsprünge, von denen die Löwenbastion der größte ist,  jeweils hervorbrechen.

Diese Bollwerke erinnern in ihrer  Funktion an die Wachtürme einer mittelalterlichen Burganlage und wecken  Assoziationen von Verteidigungssituationen. Zu dieser Beobachtung passt auch, dass die Blicke der Löwen dem Maschsee abgewendet sind.

Der Löwe wird allgemeinhin als “König der Tiere” angesehen. Er wird  als Symbol der Stärke, des Mutes und der Macht  gedeutet und findet sich häufig in Wappen wieder.

Genauso wie in der Heraldik stehen auch die Maschsee-Löwen auf ihren Hinterfüßen, wodurch ihre Körperhaltungen “aufsteigend”  und damit “siegreich” wirken.

Dieses heroische Tier begegnet uns schon bei Nietzsche:

In der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen Wüste.
Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem großen Drachen ringen.[293]
Welches ist der große Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heißen mag? »Du-sollst« heißt der große Drache. Aber der Geist des Löwen sagt »ich will«.
»Du-sollst« liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppentier, und auf jeder Schuppe glänzt golden »Du sollst!«
Tausendjährige Werte glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der mächtigste aller Drachen: »Aller Wert der Dinge – der glänzt an mir.«
»Aller Wert ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert – das bin ich. Wahrlich, es soll kein ›Ich will‹ mehr geben!« Also spricht der Drache.
Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das lastbare Tier, das entsagt und ehrfürchtig ist?
Neue Werte schaffen – das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des Löwen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.
Recht sich nehmen zu neuen Werten – das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Tieres Sache.
Als sein Heiligstes liebte er einst das »Du-sollst«: nun muß er Wahn und Willkür auch noch im Heiligsten finden, daß er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.

Der Löwe steht  bei Nietsche für den Menschen, der sich in die Einsamkeit begibt, um der Fremdbestimmung zu entkommen.

Zuvor nämlich hat sich der Geist zum “Kamel” verwandelt, was bei Nietzsche für eine Sklaven-Existenz steht, die dem sogenannten “Common Sense” niemals hinterfragt. Im Gegenteil: Das Kamel ist  darauf angewiesen, sich fremden Vorstellungen  zu unterwerfen  und seine dumpfe Erfüllung in der Zugehörigkeit zu einem “Rudel” zu sehen.

Erst wenn es seine Lasten zerfetzt und in die  sinn- und wertbereinigte  und “einsamste” Wüste stürmt, wird das Kamel zum Löwen. Nun ist es der Rebell, der die überkommende Werte in Frage stellt und sie kompromisslos zurückweist.   Als Nihilist entdeckt er seinen Willen zur Autonomie, ersetzt aber die alten Werte, gegen die er  einst aufbegehrte, nicht durch neue. Als radikaler Skeptiker entwickelt er keinen Sinnentwurf, der den Gesetzen des “Rudels” etwas entgegensetzen könnte. Der Löwe verharrt in der bloßen Verneinung: Er  entdeckt zwar seinen eigenen Willen, wird aber selbst nicht zum handelnden Subjekt.

So sagt er zwar: “Ich will”, kann aber die Frage  nicht beantworten:

“Was willst du überhaupt?”

Hier geht es weiter: Zarathustra am Maschsee. Teil 2

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