Ein zweites Leben!

beltane2
Unlängst habe ich – nach ca. sechs Jahren – einen zweiten Anlauf genommen, um mich in der virtuellen Realität „Second Life“ umzusehen. Die Volkshochschule Goslar war mein erster Anlaufpunkt, bietet sie nämlich auf der Plattform einen gut aufbereiteten Lern-Parcour, der es mir ermöglicht, zu lernen, wie ich meinen Avatar, mein zweites Ich also, halbwegs ansehnlich anziehe und wie ich mich überhaupt durch diese schier unendliche Welt bewege.

Soweit – so gut. Vielleicht lag mein Unbehagen gestern Abend daran, dass ich noch nicht alle bereitgestellten Aufgaben der VHS bewältigt habe. Jenseits des geschützten Rahmens des Bildungshauses jedenfalls traf ich auf eine gar schreckliche Welt des Kommerzes, wo jeder, wirklich jeder, anscheinend danach trachtet, irgendwelche virtuellen Güter zu verkaufen. Die Avatare, denen ich begegnete, musterten meine „Freebie“-Klamotten abschätzig und unterhielten sich lautstark darüber, was das denn für eine wäre, die in Second Life schon sechs Jahre alt ist, aber noch nicht einmal bereit gewesen war, ihren Avatar „richtig“ auszustaffieren. Ein „Lag“ im Spiel verhinderte eine adäquate Antwort meinerseits.

Nach erneutem Einloggen teleportierte ich mich zu einem buddhistisch inspirierte Park, den mir Second Life als „sehenswert“ empfahl. Auch dort gab es Verkaufsschilder und Spendenaufrufe, jedoch war er zumindest frei von oberflächigen Lifestyle-Aktivisten. In der „obskuren“ Welt wollte man mir Bauland verkaufen und „Folkwang“ offerierte Reisen zu den Göttinnen, selbstverständlich nur gegen Cash. Der heißt in Second Life Linden Dollar und lässt sich selbstverständlich „verdienen“ oder/und gegen Euros eintauschen.

Wenig begeistert von dieser „zweiten Welt“, die sich viel zu wenig von der realen unterscheidet, flüchtete ich in Utopien von einem Leben, das nicht den kapitalistischen Dogmen unterworfen ist.

Ich schaute mir zum wiederholten Male den folgenden Film an und fragte mich, ob das Venusprojekt auch eine Dependance in Second Life hat.

httpv://www.youtube.com/watch?v=KphWsnhZ4Ag#t=2268

Virtuelle Nachbarschaft

Mein Nachbar unterhält auch einen Blog: http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/. Ich kenne meinen Nachbarn zwar nicht persönlich, kann mich noch nicht einmal erinnern, ihm im Treppenhaus begegnet zu sein, will damit sagen, dass mir sein Gesicht nicht geläufig ist. Nichtsdestotrotz kann ich nun tagtäglich lesen, welche Gedanken er mit der Weltöffentlichkeit teilen möchte und kann es – bei Bedarf – auch kommentieren.  Umgekehrt – ich will das nicht verschweigen – gilt das natürlich  für ihn auch.  

Diese „Begegnung“,  die keine reale ist, erscheint mir symptomatisch zu sein für Deutschland 2009, wo mir auf den Straßen fast ausschließlich nur noch autistische Persönlichkeiten begegnen, die entweder einen Mini-Kopfhörer im Ohr tragen, sodass sie sich dann per Handy, I-Pod oder wie das Realität verhindernde Gerät auch heißen mag, dauerberieseln lassen können oder aber – das ist die andere Alternative – ständig mit ihren  flat-tauglichen Handys ihre überaus wichtigen Mails kontrollieren oder gar – mit Hilfe der Freisprecheinrichtung – „wichtige „Botschaften „vor- sich- hin -brabbeln“ wie: „Ich stehe gerade an der Ampel, Ecke …. Die Ampel ist rot; sie ist immer noch rot. Bald bin ich aber zu Hause. Da kommt ein Auto.  … Die Ampel ist aber lange rot.“ 

Liebe Leser/innen, ich erspare euch weitere Details dieses in der „realen Realität“  belauschten Gesprächs, kann aber feststellen, dass  ich spätestens danach die Einschätzung des Medientheoretikers McLuhan geteilt habe: „The medium is the message.“ Es gibt keinen Inhalt, der über das verwendete Medium hinausgeht!

Ich zumindest möchte dies bei meinem Blog  auf eine in der gegenwärtigen Realität zunehmend befremdlicheren Art und Weise  „anders“ gestalten. Deshalb werde ich nicht plappern, wo es nichts zu sagen gibt, und werde stattdessen mir den Luxus erlauben, mich (und damit auch euch)  von Zeit zu Zeit Ruhe/Stille/Nichts zu schenken. In Anlehnung an die „Slow Food“-Bewegung nenne ich dies  „Slow Speech“, stellt es schließlich eine Gegenbewegung zum aktuellen Trend dar. Ansonsten hoffe ich, auch meinem Blog-Nachbarn irgendwann einmal real  zu begegnen und werde mir jetzt erst einmal eine DVD,   die den vielversprechenden Titel „Zen-Meditation“ trägt, anschauen.