Auf den Spuren des nationalsozialistischen Berlins

Um den Spuren des Nationalsozialismus, ganz besonders, wenn man sich denn f√ľr Architektur interessiert, in Berlin zu folgen, bieten sich verschiedene Anlaufpunkte an. Ich entschied mich f√ľr den Flughafen Tempelhof und das Olympia-Stadium. Im Nachgang rate ich aber dazu, gerade im Winterhalbjahr, sich auf nur einem Programmpunkt zu beschr√§nken. Ich kam n√§mlich erst um kurz nach 15 Uhr beim Stadium an, was schade war, konnte ich das Gel√§nde so nur in Eile begehen. Schlie√üzeit war n√§mlich schon um 16 Uhr.

Zuerst ging es zum Flughafen, dessen Vorg√§ngerbau schon in den 20 Jahren entstanden war¬†und der in den Jahren 1937 bis 1941 ¬†in der heutigen Form errichtet wurde. Nach den Pl√§nen der Nationalsozialisten sollte Tempelhof zum gr√∂√üte Flughafen der Welt werden. Er wurde jedoch, aufgrund der Kriegshandlungen, erst nach dem Krieg fertiggestellt und manche Abschnitte zeigen immer noch den Rohbeton. Im Jahre 2008 stellte der Flughafen¬†den Betrieb g√§nzlich ein, was ihm jedoch nicht zu einem „lost place“ machte, schlie√ülich sind immer noch viele Firmen dort ans√§ssig. Au√üerdem werden Hallen f√ľr Events vermietet.

Momentan sind leider immer noch Fl√ľchtlinge im Flughafengeb√§ude untergebracht. Ob es daran lag, dass ich die Abflughalle nicht sehen konnte? Auch der sogenannte „Rosinenbomber“, aus der Zeit der Berliner Luftbr√ľcke, konnte nur aus der Entfernung heraus betrachtet werden.

Ich nahm n√§mlich an einer F√ľhrung teil, die ¬†einen vielschichtigen Streifzug durch die „Unterwelten“ des Flughafens bot und dabei nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus beschr√§nkt blieb. Sie bietet ein Feuerwerk von interessanten Orten und Geschichten und ist insgesamt empfehlenswert.

Zuerst musste ich jedoch den Startpunkt der F√ľhrung finden. Als Nichts-Ortskundige¬†steuerte ich erst einmal irrt√ľmlich in Richtung auf das ¬†„altes Fundb√ľro“ zu. Als ich meinem Fehler bemerkte, bekam ich einem sinnlichen Eindruck von der Monumentalit√§t der Architektur. Wenn man n√§mlich in gro√üer Eile – an den riesigen Geb√§udekomplexen vorbei – den richtigen Weg finden muss, verst√§rkt dies in der subjektiven Wahrnehmung noch einmal die realen Ausma√üe des Geb√§udekomplexes hin zum Gigantischen. Die Architektur scheint einen quasi eine Pr√ľfung aufzuerlegen, die ¬†dazu auffordert – ganz im zarathustrischen Sinne – zum √úbermenschen zu werden, dem die Un -WEG -samkeiten des Lebens nichts mehr anzuhaben zu scheinen. Vielleicht war es jedoch auch die Intention des Architekten, dass man sich von der damaligen Monumentalit√§t, die √ľbrigens auch in den Nachbarl√§ndern in den 30er Jahren in Mode war, eingesch√ľchtert f√ľhlen sollte?

Highlights der F√ľhrung durch die Unterwelten des Flughafens waren f√ľr mich die Luftschutzr√§ume, die, zur zweifelhaften Aufheiterung der Schutzsuchenden, mit Wilhelm Busch-Zeichnungen verziert sind, der geheime Kommandoraum der US Army Air Force mit seiner zerfledderten Lagekarte und nat√ľrlich das verbrannte Filmarchiv, in dem einst geheime Luftaufnahmen gelagert und am Ende des Zweiten Weltkrieges in Brand gesteckt wurden.

√úber das offene Flugfeld des Tempelhofes schlenderte ich, fast drei Stunden sp√§ter, zur√ľck zur U-Bahn Haltestelle und machte mich nach Charlottenburg zum Olympiastadium ¬†auf. Dieses versank fast vollst√§ndig im Nebel, was mich zu surreal anmutenden Fotografien inspirierte.

Mein Foto des Tages:

Hier ist das ganze Album zu betrachten.

Zarathustra am Maschsee. Teil 3

„Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf“, hei√üt es im Zarathustra.

Teil 1, Teil 2

Das Menschenpaar bildet eine Linie mit dem Fackeltr√§ger, der √ľber den Maschsee schwebt.

Das Paar schaut  direkt zum Fackelträger. Tun wir es ihm nach:
Fackelträger

Fackelträger2

Der Fackeltr√§ger, √ľbrigens genauso wie ¬†der Fischreiter und der Putto von Hermann Scheuernstuhl gestaltet, t√§nzelt auf einer Weltkugel, streckt seine rechte Hand in die H√∂he, w√§hrend seine linke eine Fackel h√§lt.

Er blickt von Norden nach S√ľden, steht dabei auf einer S√§ule, die aus wei√üen Steinquadern errichtet ist und die auf diese Art und Weise ¬†– ¬†vielleicht nicht nur zuf√§llig ¬†– ¬†an die Prestigebauten des alten Roms erinnert, f√ľr die wei√üer Carrera-Marmor benutzt wurde.

Die Fackel verweist  sicherlich auf die 1936 in Berlin stattgefundenen Olympischen Spiele. Der Fackelträger selbst wurde 1937 aufgestellt.

Im Fackelträger erfährt das Kind seine Steigerung.

Wirklich? Aufgepasst: ¬†An dieser Stelle verlasse ich die auf Friedrich Nietzsche bezogene ¬†Rezeption des „Zarathustras“ . ¬† Von nun an ¬†m√ľssen wir die Weltsicht des Nationalsozialismus in unsere √úberlegungen ¬†miteinbeziehen, um zu verstehen, was hier gemeint sein k√∂nnte.

Dabei  kann ich allerdings nicht oft genug betonen, dass es sich wohlgemerkt um meine persönliche  Interpretation des Skulpturen-Ensembles am Maschsee handelt. Sie ist  bisher durch keinerlei Quellen belegt (,bzw. habe ich mich  (noch) nicht auf eine entsprechende Suche begeben).

Meine Interprettion kann „an den Haaren herbeigezogen“ sein. Sicher bin ich mir jedoch, dass der ¬†Blick auf die Skulpturen mit der Gedankenschablone, die ich hier entwickle, interessante Fragestellungen aufleuchten l√§sst, die es verdienen n√§her betrachtet zu werden.

Und so wiederhole ich es ein zweites Mal: Im Fackelträger erfährt das Kind seine Steigerung.

Diese Aussage ergibt durchaus einen Sinn, besonders, wenn wir jetzt einen kleinen Abstecher zu Aleister Crowley, dem großen britischen Okkultisten, unternehmen, der sich selbst als das Große Tier 666 bezeichnet hat.

In seiner Thelema-Bewegung  beschreibt ein Æon ein spirituelles Zeitalter. Laut ihm befinden wir uns im Zeitalter des Horus oder des Kindes, vorausgegangen sind die Zeitalter des Osiris und  der Isis.

Die Vorstellung von einer Abfolge von Æonen war schon beim Hermetic Order of the Golden Dawn gebräuchlich, der sich wiederum auf gnostisch-ägyptische Quellen berief, in der das göttliche Pleroma-Licht Mutter und Vater ins Sein brachte, deren Kinder wiederum die  Æonen oder auch die Götter sind.

Kannten die Nationalsozialisten dieses Gedankengut? Wollten sie das Zeitalter des Horus, was von Crowley auch als ¬†Zeitalter des Kindes beschrieben ist, implantieren? Oder wollten sie ein ganz neues, eigenes √Üon erschaffen, das Nietzsches postulierte „ewige Wiederkehr“ durchbricht?¬†Wollten sie den √úbermenschen erwecken und das, was Nietzsche als individuelle Entwicklungsstufe gemeint hat, ¬†zum arischen Volks-Gott umdeuten?

Säule

All dies ¬†muss an dieser Stelle ¬†unbeantwortet ¬†bleiben.¬†Leider verschwanden Unterlagen (oder wurden zum Verschwinden gebracht), die Auskunft h√§tten geben k√∂nnen, beispielsweise ¬†aus der Zeit, in der sich Crowley im Berlin aufhielt (1930 – 32) genauso wie „Dokumente, die den Einfluss esoterischen Denkens auf die Nazif√ľhrung belegten“. ¬†(Siehe auch: Goodrick-Clarke, Nicholas: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, ¬†S. 206 und Baigent, Michael/Leigh, Richard: Geheimes Deutschland, S. 321 f.)

Nietzsches Zarathustra ¬†jedenfalls wurde ¬†im Nationalsozialismus h√§ufig und gerne rezipiert ¬†(siehe auch: Wikipedia), womit ich jetzt ¬†– wie versprochen – ¬†zum Menschenpaar zur√ľckkomme. Georg Kolbe, ihr ¬†Bildhauer, ¬†hat sich erwiesenerma√üen nicht nur gedanklich, sondern auch ¬†k√ľnstlerisch ¬†mit ¬†Zarathustra auseinandergesetzt, u. a. um den Tod seiner Frau zu verarbeiten. ¬† Auch ¬†Hermann Scheuernstuhl ist eine solche Lekt√ľre ¬†zuzutrauen, immerhin hat er einen reformierten Zarathustrismus als Religion gepflegt, genannt: ¬†Mazdaznan.

Menschenpaar1

Wie die K√ľnstler der Skulpturen im Einzelnen ¬†zum Nationalsozialismus standen, ist ein anderes Thema, was ich hier abschlie√üend nur kurz anrei√üen m√∂chte.

Siegfried Schildmacher  jedenfalls betont im  HAZ-Artikel,  dass die Fackel  des Läufers als Symbol der Aufklärung gesehen werden kann, die dadurch, dass sie nach unten gehalten wird, zur heimlichen Kritik Hermann Scheuernstuhls am dunklen Zeitgeist wird.

Bei den Modellen f√ľr das Menschenpaar von Georg Kolbe, die ¬†melancholisch auf den Fackeltr√§ger blicken, ¬†handelt es sich um j√ľdische Geschwister, sodass hier – vom K√ľnstler gewollt oder ungewollt – im Figurenensemble am Maschsee ¬†eine Art von ¬†„Stolperstein“ implantiert ist, ¬†der ¬†auf die vielen Opfer der ¬†nationalsozialistische Ideologie verweist.

Über eine Maschsee-Figur, die nicht am Maschsee steht, könnt ihr hier nachlesen: Fischreiher

Zarathustra am Maschsee. Teil 2

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Wir setzen also unseren kleinen Spaziergang fort.

Ein Wort zur Warnung: Mit  Teil 1  dieser Artikelserie solltest du dich zuvor vertraut gemacht haben, denn andernfalls wird dir das Folgende seltsam vorkommen. Nachdem wir die Bronzelöwen hinter uns gelassen haben, begegnen wir knapp vor der Höhe der Geibelstraße einen Menschenpaar.
Auf diese Doppelfigur von Georg Kolbe m√∂chte ich zum Schluss unseres Spazierganges ¬†noch einmal zur√ľckkommen.

An dieser Stelle ¬†meiner Argumentation ist es erst einmal nur bedeutsam, dass das Menschenpaar im Kontext der von mir verfolgten Interpretation der Skulpturen-Landschaft als Illustration zum Zarathustra – zumindest oberfl√§chig betrachtet ¬†– ¬†„nicht passt“.

Der Löwe nämlich verwandelt  sich bei Nietzsche  in ein Kind.

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Br√ľder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Das Kind begegnet uns gleich zweimal am Maschsee, n√§mlich im Fischreiter, der n√§chsten Skulptur, und sp√§ter ¬†im Putto auf dem Musikpavillon. Beide Skulpturen befinden sich am S√ľdufer und gehen auf dem Bildhauer Hermann Scheuernstuhl zur√ľck.

Die tierischen Vorstufen ¬†sind nun √ľberwunden. Das Kind ist das autonome Individuum und der √úBERMENSCH.

Fischreiter1

Fischreiter2

Was macht aber einen √úBERMENSCHEN aus?

Das ist ¬†u.a. der K√ľnstler. Er ist der Prototyp des √úbermenschen, der neue Werte aus sich selbst erschafft und fr√∂hlich hinaus in die Welt tr√§gt.

Der K√ľnstler, in Nietzsches ambivalenter Sicht zugleich leidenschaftlicher Welterzeuger und Vampir ohne gro√üe Leidenschaften, verwirklicht die √§sthetische Vernunft (und „vern√ľnftelt“ (Kant) nicht dar√ľber). Als der – wie Nietzsche herausfordernd formuliert – „im verwegensten Sinne …Unn√ľtze“ (√ú 37, 1870/71) will er nicht zur allgemeinen Kultur und Bildung beitragen, sondern verk√∂rpert in seiner Person die h√∂here Form einer k√ľnstlerischen Kultur. Deren Signatur ist die Verwandlung des abgelehnten Lebens in ein bejahtes Dasein, der vorgefundenen Welt in einen gewollten Entwurf. Die √§sthetische Vernunft ist keineswegs der zweifelhafte Versuch, die aus Praxis und Geschichte ¬†vertriebene Wahrheit im Schongebiet der Kunst √ľberwintern zu lassen (das sind sp√§tmoderne Hirngespinste), sondern schon im Ansatz leiborientierte Weltbew√§ltigung. Wahrheit gibt es f√ľr die √§sthetische Vernunft nur, solange es Lust gibt, und als Verf√ľhrung zum guten Leben und Gelingensethik wird √§sthetische Vernunft aktiv. (Schirmacher, Wolfgang: Kunst und K√ľnstlichkeit der Wahrnehmung: Kulturphilosophie nach den Nihilismus, zitiert nach:¬†http://www.egs.edu)

R√ľckblickend ¬†verstehen wir nun auch die Funktion der Menschenpaar-Skulptur, die uns zwischen „L√∂we“ und „Kind“ begegnet ist.

Das Paar stellt die radikale Zensur dar, die die Verwandlung des Löwen zum Kind erfordert.

Man muss n√§mlich den Gedanken an die ewige Wiederkunft, dass sich n√§mlich ¬†alles unendlich wiederholt, ertragen, um den Nihilismus des L√∂wen zu √ľberwinden und sich stattdessen mit einem „Akt der g√§nzlichen Einverleibung“ ¬†idendtifizieren, um als √úbermensch geboren zu werden.

Wie könnte dies besser bildlich umgesetzt werden, als durch einen Mann und eine Frau,  die immer die Möglichkeit in sich tragen, dass sie durch Vereinigung und Empfängnis ein neues Leben erschaffen können?

Das Menschenpaar verweist so auf die Geburt von etwas Neuem, dass seine Vorstufen vergessen hat: Wenn wir  als Kind in das Leben treten, wissen wir nicht darum, was vorher war.  Wir können uns nicht an jene Existenzstufen erinnern, die wir durchlebten, bevor wir Mench geworden sind.

Insofern erstaunt es auch nicht, dass das Fischreiter-Kind, das den Fisch lenkt, gerade beabsichtigt, diesen in das erfrischende Nass des Sees h√ľpfen zu lassen, denn schlie√ülich verweist die allgemeine Symbolik des Wassers auf das Urmeer und das m√ľtterliche ¬†Fruchtwasser, aus dem jegliches Leben entspringt.

Ein neues Leben beginnt im Kind, was vollkommene Unschuld und freudiges Spiel ist.

Jedoch birgt der Zustand des Kindes ¬†eine ¬†nicht zu untersch√§tzende Gefahr in sich.¬†Wenn das Kind ¬†n√§mlich die Stimme des Common Sense vernimmt oder die des einsamen Denkens, anstatt ihnen mit den Mitteln der √§sthetischen ¬†Vernunft zu begegnen, kann es zur√ľckfallen in das unkritische ¬†und einlullende Wir oder in jenes des einsamen Ichs, was sich feindlich gegen die Welt aufstellt.

Das Putto-Kind auf dem Musikpavillion ¬†streckt dann auch optimistisch sein √Ąrmchen ¬†in den Himmel und will uns damit vermutlich sagen:

„Ich bin kein statischer Endzustand, sondern muss immer wieder neu errungen werden.“

Hier geht es weiter: Zarathustra am Maschsee. Teil 3

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Zarathustra am Maschsee. Teil 1

Wahrscheinlich ausgel√∂st durch meine momentane Besch√§ftigung mit Friedrich Nietzsche habe ich beim letzten Maschsee-Spaziergang Zarathustras „Rede von der Verwandlung“ ¬†durch diverse ¬†Skulpturen illustriert gefunden.

F√ľr die Hannover-Unkundigen sei erkl√§rt: Der Maschsee ist ein k√ľnstlich angelegter See, der den Hannoveranern als Naherholung dient. ¬†Erste Pl√§ne f√ľr das Anlegen eines Sees gehen bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zur√ľck. Umgesetzt wurden sie allerdings erst von der nationalsozialistischen Regierung, die beabsichtigte den Maschsee an ein Gauforum anzubinden, das u.a. aus Stadion, Aufmarschplatz, Feierhalle, Glockenturm und diversen Parteibauten bestehen sollte.

Wenn wir am S√ľdufer unseren ¬†Spaziergang beginnen und ¬†den Weg am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer entlanggehen, erreichen wir die L√∂wenbastion mit zwei gro√üen Bronzel√∂wen von Arno Breker, die eine Treppe flankieren.

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Das ¬†Maschseeufer kann insgesamt als milit√§rischer Festungswall angesehen werden, aus dem ¬†ausgearbeiteten Vorspr√ľnge, von denen die L√∂wenbastion der gr√∂√üte ist, ¬†jeweils hervorbrechen.

Diese Bollwerke erinnern in ihrer ¬†Funktion an die Wacht√ľrme einer mittelalterlichen Burganlage und wecken ¬†Assoziationen von Verteidigungssituationen. Zu dieser Beobachtung passt auch, dass die Blicke der L√∂wen dem Maschsee abgewendet sind.

Der L√∂we wird allgemeinhin als „K√∂nig der Tiere“ angesehen. Er wird ¬†als Symbol der St√§rke, des Mutes und der Macht ¬†gedeutet und findet sich h√§ufig in Wappen wieder.

Genauso wie in der Heraldik stehen auch die Maschsee-L√∂wen auf ihren Hinterf√ľ√üen, wodurch ihre K√∂rperhaltungen „aufsteigend“ ¬†und damit „siegreich“ wirken.

Dieses heroische Tier begegnet uns schon bei Nietzsche:

In der einsamsten W√ľste geschieht die zweite Verwandlung: zum L√∂wen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen W√ľste.
Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem großen Drachen ringen.[293]
Welches ist der gro√üe Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott hei√üen mag? ¬ĽDu-sollst¬ę hei√üt der gro√üe Drache. Aber der Geist des L√∂wen sagt ¬Ľich will¬ę.
¬ĽDu-sollst¬ę liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppentier, und auf jeder Schuppe gl√§nzt golden ¬ĽDu sollst!¬ę
Tausendj√§hrige Werte gl√§nzen an diesen Schuppen, und also spricht der m√§chtigste aller Drachen: ¬ĽAller Wert der Dinge ‚Äď der gl√§nzt an mir.¬ę
¬ĽAller Wert ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert ‚Äď das bin ich. Wahrlich, es soll kein ‚ÄļIch will‚ÄĻ mehr geben!¬ę Also spricht der Drache.
Meine Br√ľder, wozu bedarf es des L√∂wen im Geiste? Was gen√ľgt nicht das lastbare Tier, das entsagt und ehrf√ľrchtig ist?
Neue Werte schaffen ‚Äď das vermag auch der L√∂we noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen ‚Äď das vermag die Macht des L√∂wen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Br√ľder, bedarf es des L√∂wen.
Recht sich nehmen zu neuen Werten ‚Äď das ist das furchtbarste Nehmen f√ľr einen tragsamen und ehrf√ľrchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Tieres Sache.
Als sein Heiligstes liebte er einst das ¬ĽDu-sollst¬ę: nun mu√ü er Wahn und Willk√ľr auch noch im Heiligsten finden, da√ü er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des L√∂wen bedarf es zu diesem Raube.

Der L√∂we steht ¬†bei Nietsche f√ľr den Menschen, der sich in die Einsamkeit begibt, um der Fremdbestimmung zu entkommen.

Zuvor n√§mlich hat sich der Geist zum „Kamel“ verwandelt, was bei Nietzsche f√ľr eine Sklaven-Existenz steht, die dem sogenannten „Common Sense“ niemals hinterfragt. Im Gegenteil: Das Kamel ist ¬†darauf angewiesen, sich fremden Vorstellungen ¬†zu unterwerfen ¬†und seine dumpfe Erf√ľllung in der Zugeh√∂rigkeit zu einem „Rudel“ zu sehen.

Erst wenn es seine Lasten zerfetzt und in die ¬†sinn- und wertbereinigte ¬†und „einsamste“ W√ľste st√ľrmt, wird das Kamel zum L√∂wen. Nun ist es der Rebell, der die √ľberkommende Werte in Frage stellt und sie kompromisslos zur√ľckweist. ¬† Als Nihilist entdeckt er seinen Willen zur Autonomie, ersetzt aber die alten Werte, gegen die er ¬†einst aufbegehrte, nicht durch neue. Als radikaler Skeptiker entwickelt er keinen Sinnentwurf, der den Gesetzen des „Rudels“ etwas entgegensetzen k√∂nnte. Der L√∂we verharrt in der blo√üen Verneinung: Er ¬†entdeckt zwar seinen eigenen Willen, wird aber selbst nicht zum handelnden Subjekt.

So sagt er zwar: „Ich will“, kann aber die Frage ¬†nicht beantworten:

„Was willst du √ľberhaupt?“

Hier geht es weiter: Zarathustra am Maschsee. Teil 2