Tanz im Neofeudalismus! Ein Abgesang auf den Tribal-Tanz

Letztes Wochenende bekam ich Besuch von einer Freundin, die leider nicht nur wegen mir (vorwurfsvoll guck), sondern auch wegen des Tribel-Dance-Festivals angereist war.

Ich selbst kam auf diese Art und Weise dann auch in den Genuss der Tribal-Samstagabend-Show, in der es zwar viele (zu viele?) tolle Darbietungen gab, woraus ich aber für mich die Schlussfolgerung gezogen hatte, dass ich dieser Art der Zurschaustellung in Zukunft weder Abend noch Geld opfern werde.

Warum? Nun, wenn ich den äußeren Rahmen außer Acht lasse (der – dies sei hier erwähnt – darin bestand, dass die Zuschauerinnen viel Eintritt bezahlen mussten, um dann letztendlich auf harten Stühlen zu sitzen, die kaum eine Sicht auf die Bühne zuließen) bleibt als mein Resümee übrig, dass es viele perfekt ausgeführte Tänze gab, die sich jedoch – das lag wohl an ihrer endlosen Reihung  – ständig wiederholten und letztendlich bei mir, die ich selbst nicht Tribal tanze und deshalb wohl auch nicht die nötige (sic!) Begeisterung mitbringe, nichts weiter ergab, als einen hirnlosen Brei aus persönlichem Exhibitionismus, Phantasialand-Unterhaltung und akrobatischen Einlagen (schneller-höher-weiter-anders -gähn!)

Wo bei der Tribal-Szene vor zwei Jahren (da kam ich erstmalig in dem zweifelhaften Genuss dieser Show!) noch die sexistisch eingefärbten Striptease-Vorführungen (die sich als „Burlesque“ oder als „dark fusion“ tarnten) überwogen, da hat die Tribal-Szene mittlerweile anscheinend das Mainstream-Tanztheater erreicht, das nur dem oberflächlichen Kommerz untergeordnet ist. Und – ähnlich wie beim Besuch einer Musical-Vorführung in den großen Unterhaltungs-Palästen oder wie beim Konsumieren der Samstagabendshow – fühle ich mich als Zuschauerin hinterher gleichsam „übersättigt“ wie auch „leer“.

Hier findet sich – bis auf wenige Ausnahmen – weder Inhalt, noch Seele. Und die ZuschauerInnen müssen sich dann sagen: „Das kann es doch nicht gewesen sein!‘, und hetzen zur nächsten Show, die in neuer Verkleidung dasselbe Nichts präsentieren wird.

Zu meiner Beobachtung passt dann auch, dass es auf solchen Veranstaltungen – Dieter Bohlen sei gegrüßt – immer auch einen „Contest“ geben muss, der – ganz kapitalistisch-auswählend -einige hervorhebt, um andere klammheimlich herabzuwürdigen. Das „Diplom“, das dann allen Beteiligten (seien sie nun Show-TänzerInnen oder Workshop-BesucherInnen) im Anschluss an diese – immerhin dreitägige  -Veranstaltung  ausgehändigt wurde, ist ein weiterer Fetisch, der unreflektiert den schnöden Marktgesetzen untergeordnet ist.

Tribal – das war ja mal im Ursprung ein Gemeinschaftstanz von Frauen, bei dem  die Tänzerinnen mit versteinerten Gesichtern die gleichen Tanzfiguren ausführten. Man mag es lieben oder nicht (ich tue es nicht), hervorgegangen jedenfalls ist diese Tanzform aus Bauchtanzbewegungen, die von der Frauenbewegung der 80er Jahre zur Kreation von egalitären Halbkreistänzen genutzt wurden. Als solche war Tribal niemals für Bühnenvorführungen geeignet und es wäre wohl auch besser gewesen, es hierbei bewenden zu lassen und ihn allenfalls beim Frauen- oder Mittelalterfest (oder ähnlichen Veranstaltungen!) zur Aufführung zu bringen, immer umrahmt von anderen (sic!) Programmpunkten.

Diese Art von Tribal-Tanz wird wohl, das ist die gute Nachricht, als ein Tanz für eine Minderheit von Frauen, die sich in „Stämmen“ organisiert und auf diese Art und Weise ihrer Tanzlust frönt und sich mit weiblicher Stärke verbindet, erhalten bleiben. Das ist gut so.

Tribal Fusion (und all die anderen „Ableger“ dieser Tanzform) reihen sich dagegen mit ihrem „Pops and Locks“ freiwillig und selbstgewählt in die kalte Unterhaltungsmaschinerie ein und werden  – das ist ja die Perfidität des Kapitalismus – darin ganz aufgelöst werden. Ist es HipHop oder Tribal, türkische Folklore oder Stummfilmästhetik? Showtanz eben.
Alles verschwimmt, genauso wie die dazugehörige Musik, elektrisch konzipiert, ein Klangteppich, austauschbar und „tot“.

Auch das ist gut so:

R.I.P. Tribal Fusion

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Emma
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Emma

Einfach super, Deine Ansicht. Hätte mich nie getraut, das so wortgewandt auf den Punkt zu bringen.