„Totale Stressauflösung“ oder „Auf den Spuren eines Taugenichts“


070620151729

In  Peter Sloterdijks Aufsatz „Streß und Freiheit“ werden zwei Formen der Unfreiheit vorgestellt: „Die erste Form der Unfreiheit erfahren wir als politische Unterdrückung, die zweite als Bedrückung durch die Realität, die man zu Recht oder zu Unrecht die äußere nennt.“ (S. 29)

„Die beiden primären Unterdrückungen lassen sich als Varianten von Streß-Erleben beschreiben. Politische Repression bildet ein Streß-System, das so lange Erfolge vorweist, wie die Unterdrückten sich eher für Streßvermeidung – umgangssprachlich: Gehorsam, Ergebung, Dienstbereitschaft – entscheiden als für Auflehnung und Revolution. In technischer Sprache bedeutet eine antityrannische Revolte eine ,maximale Streß-Kooperation‘ (nach Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen, 1996) seitens der Beherrschten zur Beseitigung einer unannehmbar gewordenen Belastung durch Herrschaft. Revolutionen brechen aus, wenn Kollektive in kritischen Momenten ihre Streß-Bilanz intuitiv neu berechnen und zu dem Schluss kommen, dass das Dasein in der Haltung unterwürfiger Streß-Vermeidung letztlich teurer kommt als der Auflehnungsstreß. Im äußersten Fall lautet die Rechnung: Besser tot als länger Sklave. Wo solches Bilanzziehen populär wird, ist es mit Herrschaftsduldung und Obrigkeitsgläubigkeit vorbei, momentan oder bleibend.“ (S. 29 f.)

Und weiter schreibt er über Jean Jacques Rousseau:

„ ,Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.‘ Jetzt war er zu einer Klarheit vorgestoßen, wie nur die tiefe Gelassenheit sie gewährt. Ohne Zweifel war diese ein Lohn der Angst, da die Gemütslage des Autors vom extremen Streß unter äußerer Feindschaftsnot in eine radikale Relaxation umgeschlagen war.“ ((Sloterdijk, S. 34)

Was Rousseau angeht, so darf man feststellen, dass er auf seine Weise den Endpunkt jeder möglichen Revolte gegen die Tyrannei des Realen erreicht hatte. Mit der wie auch immer flüchtigen doch zeitweilig vollkommenen Entlastung von Sorge, Streß und Wirklichkeit tritt subversiv und unwiderstehlich die reine Subjektivität ans Licht. In der Urszene des Subjekts offenbarte sich dieses als exemplarischer Taugenichts, weltfremd und unverwendbar – mehr glückliches Tier als Übermensch, mehr Träumer als Charakter, mehr Auswanderer als Weltverbesserer, mehr Urlauber als Unternehmer.

Und so wollen wir denn die Sorgengemeinschaft verlassen und zum Taugenichts werden, denn schließlich gelingt es uns nicht, sich   – für den Preis unserer Freiheit – dauerhaft anzupassen. Als Taugenichts werden wir insgeheim bewundert, aber auch belächelt.  Doch wenn wir uns vom anscheinend harmlosen Taugenichts zum Übermenschen entwickeln, wird die zum gegenwärtigen Zeitpunkt  manifestierte Welt beginnen, mit ihren unbewussten Kräften, was ich, wenn ich denn die nordische Mythologie als Bezugsrahmen nutze, als „Welt der Riesen“ bezeichne, gegen uns anzukämpfen. In den Augen der Matrix  sind wir dann nicht mehr nur Weltflüchtige, sondern auch „eigenartig“ in der Form, als dass wir unsere Subjektivität nutzen, um die zementierte Realität aufzuweichen und stellen somit eine Gefahr für das Belastungskollektiv dar.

Schließlich  kommt  das Bestreben, die Matrix im Sinne unseres subjektiven Willens zu verändern, einer Kündigung des unterschwelligen Vertrages mit der Sorgengemeinschaft gleich, die uns beständig vorschreibt, was man darf und was man soll.  Die Matrix und ihre  tumben Büttel wissen schließlich, wenn auch unbewusst,   dass ihr Konstrukt nur ein subtiles Gebilde darstellt, dass seine Form allein dadurch erringt, dass es beständig genährt wird, von denjenigen, die ihr –  ungefragt und von Repressionen bedrängt – Lebensenergie und Glauben zur Verfügung stellen. Dafür, dass sie diesen Pakt auf scheinbarer Gegenseitigkeiten eingehen, erhalten sie vielfältige Belobigungen und wertlosen Tand, der ihnen  ein Philister-Dasein in dem Rahmen dessen garantiert, der ihnen von der Matrix zugestanden wird. Derjenige jedoch, der an den Gitterstäben seines Käfigs rüttelt, stellt das Belastungskollektiv in Frage und damit auch diejenigen, die diesen dienen.  Er kann zwar – wenn er Glück hat –  als  unterhaltsamer Narr geduldet werden, ansonsten aber wird seine Vernichtung angestrebt.

Peter Sloterdijk  beschreibt diesen Vorgang eindringlich, wobei er allerdings den Bezug auf  die Literatur wart, was – da bin ich mir gewiss –   auch auf andere Manifestationen von „Lockerungen“ zutrifft, die auf die Auflösung der Sorgengemeinschaft zielen.

„Sobald bei einem exemplarischen Einzelnen die völlige Stressauflösung eingetreten ist, wird dank deren infektiöser Bekundung durch Literatur bei vielen anderen die Frage evoziert, wie es in ihrem Fall mit der Auflösung steht. Modernität strebt immer letzten Lockerungen zu. Das ist der Grund, warum das Lesen von moderner Literatur nicht harmlos sein kann. Wo sie ihren Einfluss ungehindert entfaltet, wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die mit der Zeit die gesamte Gesellschaft verstrahlen könnte, sofern nicht rechtzeitig subjektivitätsdämpfende Maßnahmen ergriffen werden. Dies könnten nach Lage der Dinge nur freiheitsdämpfende und streßsichernde Maßnahmen sein. Wir verstehen, warum das Drama nur in dieser Folge ablaufen kann. Wenn das primäre Subjekt der neuen Freiheit das vom Sozialstress entbundene, mittelpunktlos in sich dahin driftende, von allen Meinungen emanzipierte, bis in die Tiefe seiner selbst sorglose rêverie-Subjekt ist, liegt auf der Hand, wieso die massenhafte Freisetzung von Subjektivität dieser Art auf eine Katastrophe des Sozialen hinauslaufen könnte. Sie bedroht die soziale Synthesis mit der individualistischen Kettenreaktion, an deren Ende die Massenflucht der sorglosen einzelnen aus dem Belastungskollektiv stünde. Diese würde die soziogenen Stressfelder zersetzen, die, wie gezeigt, den Zusammenhang zwischen den Gesellschaftern ausmachen. Tatsächlich ist der psychopolitische Großkörper, den wir Gesellschaft nennen, nichts anderes als eine von medial induzierten Stress-Themen in Schwingung versetzte Sorgengemeinschaft.“ (S. 37 f.)

Und so sind wir erst von der Dienerin des Belastungskollektivs  zum  „Taugenichts“ geworden, haben dann  in der Freiheit  unsere eigene Subjektivität entdeckt und öffnen nun mit der Kraft unserer Utopien und Visionen die Welt jenseits des Spiegels.  Wir schaffen Kunst.  Wir sind „eigen“artig und …  glücklich.

Doch immer dann, wenn wir die Verbindung zwischen der inneren Welt, die immer auch mit den Numinosen kommuniziert, mit der Sorgengemeinschaft herstellen, wir also nicht in der geschützten Einsiedelei leben, dann stellen wir offensichtlich eine Gefahr für die objektive Welt dar, schließlich haben wir die geforderte Aufopferung unseres Selbst verweigert und könnten deshalb ein Vorbild für andere  darstellen. Und so werden wir von der Sorgengemeinschaft  moralisch abgewertet, als „krank“ verurteilt und mit der Bedrohung unserer Existenz sanktioniert.

Wir werden in Teile zerlegt, was eine schamanische Initiation darstellt. Wir sind Odin, der am Baum hängt und sich selbst geopfert ist:  selber mir selbst.

Wenn wir diese Vorgänge jedoch  unbeschadet überleben, uns also selbst  wieder zusammensetzen, dann  WERDEN wir zum Übermenschen. Und so entscheiden wir uns jetzt für die rote Pille.

 

Read Offline:
www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

Hinterlasse einen Kommentar

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei