Traum(atischer) Orient

Wie ich es geliebt habe, mich in den späten 80er Jahren in Glitzerstoffe zu hüllen und mich orientalisch in eine Traumwelt aus Tausendundeine Nacht zu tanzen! Die ersten Kreise brachte ich mir – grundlegend falsch – durch ein – rückblickend betrachtet – ziemlich schreckliches Buch einer türkischen Autorin bei, die in hochhackigen Schuhen auf dem Buchcover herumstelzte und im Anschluss an Shimmys und Hüftkreise türkische Rezepte zum Besten gab. Die Anleitung, wie man als Tänzerin ein Engagement in einem Nachtclub bekommt, überlas ich geflissentlich und übte fleißig zu Hause weiter, bis es dann endlich erste Bauchtanzkurse in Hannover gab, wo meine mühsam falsch erlernten Hüftkreise korrigiert wurden.

Das frauenbewegte Bauchtanz-Buch von Dietlinde Karkutli erschien und gab Nähanleitungen für das richtige Glitzer-Pailletten-Outfit, was selbstverständlich noch nicht per Internet erworben werden konnte, sondern mühsam improvisiert werden musste.

Die orientalische Exotik mit Amberduft und Kichererbsen verhieß Abwechslung vom schulischen Einerlei. Die Musik war fremd und ließ mich in eine Traumwelt entkommen, die so wunderbar anders war als das alltägliche Leben in einem Deutschland, das damals noch geteilt war.

Das Licht im „Haus der Jugend“, wo wir tanzten, wurde heruntergeschaltet und wir, die Tanzschülerinnen, ließen die Gaze-Schleier durch die Dunkelheit  wirbeln, drehten uns, um unsere eigene Achse — wunderbar.

Und jetzt – Jahrzehnte später – ist die fremde Exotik in Deutschland angekommen. Kopftuchtragende Frauen allüberall. Geschäfte mit islamischer Verkleidung und die orientalischen Köstlichkeiten sind zum Fett triefenden Döner verkommen. Macho-Männer besetzen die Straßen, rauchen ihre Wasserpfeifen, die das Aroma von Weingummi verbreiten. Testesterongeladener  Hiphop schallt aus dicken Autos, die viel zu schnell durch die Straßen mit den türkischen Lebensmittelgeschäften  und prekären Wettbüros  fahren. Feixende, migrationsgeschädigte Jugendliche wollen nicht mehr über „Werte und Normen“, die nicht vom Iman der örtlichen Moschee vorgegeben sind, diskutieren. Die Frauen haben sowieso zu schweigen. „Du Dulli, äh.“

Derweil sieht man im Fernsehen und im Internet islamische Terrorbanden, die westliche Touristen und Journalisten wahllos köpfen. Ein brachialer Männlichkeitskult wird hier in Szene gesetzt.  Despotismus eben. Und ich mag keine orientalische Musik mehr hören und schon gar nicht dazu tanzen.

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