Unkalkulierbarkeit als neue Tugend oder Wege aus der Mobbinggesellschaft

Jetzt hat mich letztens  jemand als „unkalkulierbar“ bezeichnet.

Für mich war klar, dass damit meine Person abgewertet werden sollte, was mich im ersten Moment schwer verletzt hat. Gerade deshalb machte ich mir in der Folgezeit so meine Gedanken, ob die Aussage auch in meiner Einschätzung negativ oder doch eher positiv sein könnte. Ich kam dabei zu interessanten Ergebnissen, die ich hier gerne teilen möchte.

Am Anfang meiner Überlegungen steht ein Satz, den ich im philosophischen Radio hörte. Er  besagt, dass je genauer wir etwas vermessen, umso mehr  die Unterschiede hervortreten.

Wenn ich also in der Arbeitswelt ständigen Evaluationen unterworfen werde, fördert das die Qualität nur insofern, als dass sie alle Mitarbeiter an einer äußeren Schablone misst, deren Kriterien meist noch nicht einmal kommuniziert, geschweige denn selbst bestimmt werden. Man könnte hier auch von Gleichmacherei, Maschinisierung, Entmenschlichung, Zombifizierung sprechen. Der Untergang des Abendlandes naht, wie Herr Spengler schon im Jahre 1920 richtig erkannt hat.

Wer in die Schablone passt oder sich passend macht, darf friedlich weiter seine Tätigkeit verrichten. Die Handlung an sich aber, dass hier nämlich  überhaupt eine Schablone an die Arbeits-Sklaven angelegt wird, führt dazu, – oh Schreck – dass einige Mitarbeiter als nicht regelkonform und somit für das zweifelhafte System als störend eingestuft werden. Dank der Schablone fällt das nun auch den dumpfesten Persönlichkeiten richtig auf; deshalb muss nun – wie ja schon eine volkstümliche Spruchweisheit verkündet – , was nicht passt, passend gemacht werden.

Regeln werden aufgestellt, die nun streng überwacht werden. Die Meute kann losgelassen und die Hetze kann beginnen, indem andere – besser genormte Mitarbeiter – auf das „schwarze Schafe“ angesetzt und/oder konstruierte Sachverhalte instrumentalisiert werden. Der Einfachheit halber ist das Mobbing-Opfer nur eine Person, da nur so gemeinschaftliche Solidarität gegen die nächste Stufe der Hierarchie-Pyramide verhindert werden kann. Der Sündenbock trägt nun die alleinige Schuld für das schlechte Abschneiden im Evaluations-Ranking, die mangelnde Auslastung, die Kritik im Netz, … usw. Probleme werden individualisiert und die Kollegen atmen freudig auf, dass ihre zeitweilige und geheime Regel-Unkonformität nicht aufgedeckt wird und freuen sich darüber, dass nicht sie an den Pranger gestellt werden, sondern jemand anderes.

Es folgen zweifelhafte Disziplinierungen, vielleicht auch die Entfernung aus der Gemeinschaft der Befehlsempfänger. Die Existenzsicherung wird angegriffen; die Gesundheit mit psychischem Druck zerstört.

In anderen Parallel-Kulturen werden Hühner geopfert, um die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Sind wir davon so weit entfernt?

Ich denke nicht. In unserer posthumanen Gesellschaft ist nur der ein guter Mitarbeiter, der – im Sinne der Herrschaftsausübung – kalkulierbar für eine Gesellschaft ist, die schon längst keine Gemeinschaft mehr ist, sondern nur noch die Interessenvertretung einer Elite darstellt, die ihre Macht  nur  mit Hilfe all der Büttel des Systems, die – während sie ihr merkwürdiges Tageswerk verrichten – noch davon ausgehen, dass sie dem „Guten“ dienen, letztendlich ihre Seele aber schon der Bewusstlosigkeit geopfert haben, aufrechterhalten kann.

Umso mehr sich das Gesellschaftsgefüge im Neofeudalismus auflöst, umso mehr muss im kleinen System, also beispielsweise im Arbeitsumfeld des Krankenhauses, des Finanzamtes, des Wirtschaftskonzerns  oder was weiß ich, institutioneller Druck aufgebaut werden, einfach um zu verhindern, dass die Zeichen des Zusammenbruches, die sich im Außen schon deutlich zeigen, nicht nach Innen auswirken. Die Methoden des Wirtschaftsliberalismus im Konglomerat mit einer anscheinend ungebrochenen deutschen Tradition, die vom Soldatenkaiser bis zur Gegenwart führt, und die die zweifelhafte Tugenden des Obrigkeits-Glaubens, des Wegschauens, Weghörens und des Mund Haltens befördert, soll das Herrschaftssystem fest in Beton gießen. Hinzu kommt eine Medien-Propaganda-Maschinerie, die das Bewusstsein der Menschen mit Kalendersprüchen verflacht. Umso dümmer die Bevölkerung, umso mehr Nutzen ziehen die Eliten daraus.

Mit all den aufgezeigten Methoden, das ist die Hoffnung, soll das System am Laufen erhalten bleiben. Die Gefahr ist allerdings groß, dass deren einzelne Mitglieder dabei schwermütig werden, was dann erst einmal einen erbarmungslosen Austausch von schwächelnden Mitarbeitern durch neue, die den Druck noch verkraften können, rechtfertigen wird. So braucht es dann kurzfristig u.a. einen unkontrollierten Bevölkerungsschub aus der ganzen Welt, der die Erwerbssuchenden, Erwerbslosen und „Drückeberger“ – wie sie ja auch medienwirksam genannt werden – dazu bringen wird, immer prekärere Lebensumstände zu tolerieren. Zusätzlich werden die Menschen durch vielfältige und  künstlich  ins Haus geholte  Kultur-, Religions- und Existenzkonflikte vom Nachdenken abgehalten.

Das hier aufgezeigte ist mittlerweile  bundesdeutsche Gegenwart, die allerdings – meiner Einschätzung nach – nicht von einem „Superhirn“ geplant wurde, sondern – im Gegenteil –  eher einer unbewussten Konsens-Politik geschuldet ist.

Ich komme jetzt zum Blick in die Zukunft.

Die Halbwertzeit, um mal einen passenden Begriff aus der Ökonomie für Sachwerte zu benutzen, indes wird – das ist meine Prophezeiung – bei der kommenden Generation von Arbeitssklaven geringer ausfallen, als bei der jetzigen. Bei einer gleichzeitigen weiter zunehmenden Robotisierung der Arbeitswelt ist hier Nachhaltigkeit jedoch nicht mehr nötig, auch wenn die Mitarbeiter des Gesundheits“management“ das Gegenteil behaupten mögen. Die unverfälschte Wahrheit ist aber, dass das System nur so lange am Leben erhalten bleiben muss, bis der technische Fortschritt so weit gediehen ist, dass intelligente Maschinen die meisten Arbeitsabläufe fast vollständig übernehmen können. Das wird – so meine Einschätzung – bei gleichbleibender technischer Entwicklung spätestens in zwanzig Jahren der Fall sein.

Die Maschinen, einmal programmiert, werden das Bestehende zementieren, indem sie die Notwendigkeit einer Kontrolle obsolet machen, indem sie offensichtlich und für jeden einsehbar „richtige“ Arbeits-Ergebnisse liefern. Der Weg dorthin ist indes nicht mehr überprüfbar, wer will schon eine rationale Beweisführung mit millionenfachem Daten-Output verifizieren können? Das gelingt niemanden,  weswegen uns eingeredet werden wird, dass wir den Maschinen  ganz einfach (sic!)  vertrauen müssen. In dieser Phase der Auflösung (von Entwicklung will ich hier nicht mehr sprechen, schließlich enthält dieses Wort im allgemeinen Sprachgebrauch implizit immer auch die Hoffnung auf einem positiven Fortschritt) werden die ehemaligen Arbeits-Sklaven bestenfalls noch als Unterhalter und Konsumenten benötigt, wenn überhaupt.

Ich denke an dieser Stelle lieber nicht weiter und verweise auf die zahlreichen Science Fiction-Produktionen in den Kinos, die uns auf weitergehende Szenarien vorbereiten.

Wenn wir indes all das hier Aufgezeigte nicht wollen, brauchen wir  die Tugend der Unkalkulierbarkeit, die offensichtlich gefürchtet wird. Wir müssen das Dogma der Rationalität hinterfragen und darüber nachdenken, was wir von vergangenen Zeitaltern lernen können, die sich in der Gegenwart nicht in der Form durchgesetzt haben, wie die Aufklärung und ihr alleiniger Gott – die Ratio. Brauchen wir also beispielsweise eine neue Romantik? Ich meine ja.

 

Hört auch hier:

Wolfgang Buschlinger – Das philosophische Radio

Sinngemäß  wird hier  gesagt, dass das Funktionieren  idealisiert und derjenige, der vermeintlich reguliert werden muss,  als „geisteskrank“ stigmatisiert wird: Wolfgang-Schmidbauer-Redezeit

 

Die blaue Blume der Romantik:

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