Verlassen in Prieros, Teil 1

Was für ein gottverlassener Ort! Hier lernte ich, dass nicht nur Gebäude, sondern ganze Landstriche in Raum und Zeit verloren sein können. Von Hannover ging es nach Berlin/Ostbahnhof. Der Zug war voll besetzt und versprach Stress, sodass Mo und ich es sich dann im Speisewagen bei Sekt und Wein gemütlich machten. Die Fahrt verging bis zur Hauptstadt wie im Fluge. Glücklicherweise waren wir nun ausreichend angeheitert, um die Fahrt nach Königs Wusterhausen im überfüllten Regionalzug stehend ertragen zu können. Danach ging es weiter nach Bestensee und von dort mit dem Bus in die Einöde.

Zwei Nächte kosteten  für zwei Personen 132 Euro, was nicht gerade billig war. Die Hütte war niedlich, aber doch recht primitiv. Negativ fanden wir es, dass sie zwar in unmittelbarer Umgebung zum Wasser lag, dieses aber nicht erreichbar war, da das für uns versperrte Grundstück der Vermieterin vorgelagert war.

Die zwei Tage gaben mir ein Gefühl vom Leben im Schrebergarten, unterbrochen von einer ermüdenden samstäglichen Wanderung, bei der wir – letztendlich erfolgreich – dem Weg zum Wasser suchten und fanden.

Vorher folgten wir schnurgeraden Straßen und Wegen.

In Ufernähe begannen sie sich, vorbei an eingezäumten Waldgelände, Wochenendhäuschen und sozialistisch anmutenden Jugendlagern,  zu schlängeln.  Doch auch hier gab es erst einmal keine Möglichkeit an das Wasser zu kommen. Verlassene Ferienhäuschen, kurz vor dem Verfall, hatten zwar jeweils Wasserzugang. Dieser wurde aber mit Vorhängeschlössern eifersüchtig abgesichert.

 

Der Fontane -Weg mäanderte  poetisch am See entlang und führte uns zu einem traurig wirkenden Sandstrand. Dort lag am Rand der Kieferwald-Monokultur ein lebloser Korpus.

Mo fasste sich ein Herz und drehte die lebensgroße scheußliche Puppe, die ein Balletkostümchen trug, nach vorne um. Erwartet hatten wir nun, das über den Balletkostümchen eine SM-Gummimaske kleben würde, stattdessen lächelte uns eine Miss Piggy Schweinemaske mit gelben Zotteln an. Eine Aufhängung verriet uns, dass sie ursprünglich am Baum gehangen haben musste. Die weißen Schaumspuren und Papiertaschentücher, die vor ihr auf der Erde lagen, setzten bei uns Phantasien in Gang, die wir gar nicht kennenlernen wollten.

 

Solchermaßen angeekelt setzten wir unsere Wanderung fort und erreichten einen düsteren Campingplatz. Nachdem wir ihn passiert hatten,  warnte uns ein Schild vor irgendwelchen Tierchen, von denen die Kiefern befallen sein sollten und die beim Menschen allergisch Reaktionen auslösen sollten. Auf diese Art und Weise instruiert vermieden wir jeglichen Baumkontakt und gingen immer geradeaus – endlos geradeaus – eine desaströse, lange, sehr lange Straße durch das langweiligste Wäldchen, was wir jemals gesehen hatten entlang: zurück zur Ferienwohnung!

Irgendwann erreichten wir die Straße, die uns wie eine Erlösung vorkam.

Nachdem wir sie überquert hatten, ging es auf der anderen Seite genauso fad und endlos weiter. Zurück im teuren Schrebergarten erholten wir uns bei Dauerregen, um dann am späten Nachmittag den verschlafenen Ortskern von Prieros zu besuchen.

Beim Bäcker gab es Selterskuchen.  Mo schwelgte in Ost-Nostalgie  und teilte mir nach getätigtem Kauf mit,   dass dieser Kuchen schrecklich süß sei und sie mir, im Falle, dass es mir nicht munden würde, gerne die Hälfte abnehmen würde. Bitte sehr!

In der Bäckerei gab es, im Gegensatz zur Ferienwohnung, langsames Internet.

Danach ging es weiter in Richtung Biologiegarten, der jedoch Eintritt kostete und eigentlich auch schon geschlossen hatte. Der danach von uns eingeschlagene Weg endete wieder an einem zugeschlossenen Gatter, sodass wir hernach keine Experimente mehr eingingen und nur noch den breiten Straßen folgten. Der runde Dorfkern, der mit Mitteln aus der europäischen Union saniert wurde, war im Kontrast zur maroden Tristess der Gegend  überraschend aufwändig hergerichtet, jedoch erblickten wir dort fast keine Menschenseele.

Am Hafen ließen wir den Tag mit dem neidischen Blick auf spärlich vorbeifahrende Hausboote ausklingen. Endlich saßen wir am Wasser und das ganz ohne Miss Piggy.

 

Fazit:

  • Bei der Buchung einer Ferienwohnung auf direkten Zugang zum Wasser achten, ansonsten mein Rat: Lasst es sein!
  • Eine Ferienwohnung ohne WLAN ist nicht mehr zeitgemäß. Da tröstet auch der „Tüdelkram“ aus selbstgebastelten Toilettenpapierhaltern aus Stöckchen und Drähtchen  nicht darüber hinweg.
  •  Der Wald ist hier schrecklich monoton, deshalb auf Wasserwanderungen ausweichen. Auch hier muss man sich wohl vorab über mögliche Anlegestellen informieren. Die Uferbereiche sind zum größten Teil stacheldrahtgesichertes Privateigentum.
  • Es gibt so gut wie  keine touristische Infrastruktur, weshalb man sich im Vorfeld mit Infos versorgen muss,  besonders dann, wenn man nicht motorisiert ist.
  • Mückenspray ist hier überlebensnotwendig.
  • Nichtsdestotrotz scheinen die Bewohner dieses Landstriches eine zurückhaltende Freundlichkeit zu pflegen.
  • Wer Einsamkeit sucht, ist hier richtig.
  • Der Osten ist immer noch ein Abenteuer …
  • …. und ich  bevorzuge vier Sterne Hotels!

 

Die Fortsetzung der Schilderung meiner kleinen Reise folgt hier: Teil 2

8 Antworten auf „Verlassen in Prieros, Teil 1“

  1. Oh! Das hört sich ja auf den ersten Blick schrecklich an! Doch Ihr habt so tolle Abenteuer (Miss Piggy) erlebt, dass ich richtig neugierig geworden bin! Mal wirklich ein Ort abseits der Touristenpfade!
    LG
    Ulrike

  2. Torsten, der Artikel bildet ab, was ich gefühlt habe, als ich dort war. Im Verlauf der Reise, die ja noch weiterging, veränderte mich meine Sicht. Interessanterweise war sie beim Folgeaufenthalt in Cottbus zu Beginn noch ganz von der Prieros Erfahrung geprägt und verwandelte sich dann langsam ins Positive. Cottbus ist definitiv eine Reise wert. Darüber werde ich noch bloggen. … Ich fand die FeWo für das, was geboten wurde zu teuer. Ich habe gelernt, dass ich lieber mehr zahle, um mich wohlfühlen zu können. Das ist sicher aber alles Geschmacksache. Die Einsamkeit in Prieros habe ich nicht als angenehm erlebt. Auch das die Maßnahmen zur Dorfverschönerung nicht wirklich zu einer Belebung beitragen, fand ich seltsam. Vielleicht tue ich den Ort aber unrecht und ein anders aufgestellter Reisender wird dort genau die Ruhe finden, die es in den Großstädten immer weniger gibt. Wenn man die Wasserwege befährt, mag es in Prieros schöner sein. Mich zieht es allerdings erst einmal nicht mehr dorthin.

  3. Ich würde das gar nicht so dramatisch sehen. Okay, ohne WLAN ist doof heutzutage, besonders wenn das Mobilnetz auch eher schlecht ist. Aber bissel Ruhe und Abgeschiedenheit ist schon mal ganz schön. Vom Preis her schien die Fewo aber doch wirklich recht teuer zu sein. Ansonsten finde ich die Aussage der Osten sei ein Abenteuer doch etwas überzogen.

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