Virtuelle Nachbarschaft

Mein Nachbar unterhält auch einen Blog: http://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/. Ich kenne meinen Nachbarn zwar nicht persönlich, kann mich noch nicht einmal erinnern, ihm im Treppenhaus begegnet zu sein, will damit sagen, dass mir sein Gesicht nicht geläufig ist. Nichtsdestotrotz kann ich nun tagtäglich lesen, welche Gedanken er mit der Weltöffentlichkeit teilen möchte und kann es – bei Bedarf – auch kommentieren.  Umgekehrt – ich will das nicht verschweigen – gilt das natürlich  für ihn auch.  

Diese „Begegnung“,  die keine reale ist, erscheint mir symptomatisch zu sein für Deutschland 2009, wo mir auf den Straßen fast ausschließlich nur noch autistische Persönlichkeiten begegnen, die entweder einen Mini-Kopfhörer im Ohr tragen, sodass sie sich dann per Handy, I-Pod oder wie das Realität verhindernde Gerät auch heißen mag, dauerberieseln lassen können oder aber – das ist die andere Alternative – ständig mit ihren  flat-tauglichen Handys ihre überaus wichtigen Mails kontrollieren oder gar – mit Hilfe der Freisprecheinrichtung – „wichtige „Botschaften „vor- sich- hin -brabbeln“ wie: „Ich stehe gerade an der Ampel, Ecke …. Die Ampel ist rot; sie ist immer noch rot. Bald bin ich aber zu Hause. Da kommt ein Auto.  … Die Ampel ist aber lange rot.“ 

Liebe Leser/innen, ich erspare euch weitere Details dieses in der „realen Realität“  belauschten Gesprächs, kann aber feststellen, dass  ich spätestens danach die Einschätzung des Medientheoretikers McLuhan geteilt habe: „The medium is the message.“ Es gibt keinen Inhalt, der über das verwendete Medium hinausgeht!

Ich zumindest möchte dies bei meinem Blog  auf eine in der gegenwärtigen Realität zunehmend befremdlicheren Art und Weise  „anders“ gestalten. Deshalb werde ich nicht plappern, wo es nichts zu sagen gibt, und werde stattdessen mir den Luxus erlauben, mich (und damit auch euch)  von Zeit zu Zeit Ruhe/Stille/Nichts zu schenken. In Anlehnung an die „Slow Food“-Bewegung nenne ich dies  „Slow Speech“, stellt es schließlich eine Gegenbewegung zum aktuellen Trend dar. Ansonsten hoffe ich, auch meinem Blog-Nachbarn irgendwann einmal real  zu begegnen und werde mir jetzt erst einmal eine DVD,   die den vielversprechenden Titel „Zen-Meditation“ trägt, anschauen.

10 Antworten auf „Virtuelle Nachbarschaft“

  1. So ist also das Gefühl, wenn man die ganze Wahrheit kennt. Oder fast zumindest. Den Handwerker werde ich nicht weiter kontaktieren. Sicher könnte ich dann auch die letzte Ungewissheit beseitigen, aber darf der Mensch alles, was er kann?
    Ich bedanke mich bei allen Beteiligten für den Spaß!

  2. Bleibt noch zu ergänzen, dass meine Söhne den Fußmatten-Auftrag übernommen und ihn dann etwas länger ausgeführt hatten, als ursprünglich beabsichtigt war. Außerdem wollte ich Sie, Muriel, nicht über meinen Blog-Eintrag informieren. Dies wollte ich Elmi überlassen. Dumm aber, dass ich beim vorliegenden Blog die Funktion „automatische Benachrichtung bei Links“ aktiviert hatte.
    Zur „ganzen“ Wahrheit fehlt jetzt nur noch die Aussage des vermuteten Handwerkers, der für das erstmalige Mattenverschieben zuständig sein müsste. Ob der wohl auch einen Blog hat?

  3. Die Wahrheit ist langweilig.

    Dennoch möchte ich nun etwas Licht in den Fußmattenskandal bringen. Als ich den ersten Eintrag diesbezüglich in Deinem Blog las, ich glaube es war am Dienstag, hatte ich die spontane Idee, dass es vielleicht ganz unterhaltsam wäre, würde die Matte allmorgendlich auf der Treppe etwas höher rutschen.

    Leider wohne ich, wie Du weißt, zu weit weg um die Sache jeden Abend selbst in die Hand zu nehmen. Also suchte ich nach jemandem, der dies für mich erledigen könnte. Da ich weder in Hannover, noch in Eurem Haus jemanden kenne, startete ich eine Google-Suche einzig mit der mir bekannten Wohnungsadresse, in der Hoffnung ein Bewohnerverzeichnis oder dergleichen zu finden. Dem war natürlich nicht so. Doch ich stieß auf eine Homepage, in deren Impressum die Adresse mit einem Namen und einer E-Mail-Adresse verknüpft war. Hoffnungsvoll richtete ich ein Anschreiben an diese Person, in dem ich mein Anliegen in Bezug auf Deinen Blog-Eintrag schilderte. Überraschender Weise erhielt ich kurze Zeit später eine positive Antwort und die Matte begann ihren Weg die Treppe hinauf zu nehmen.

    Alles klar?

  4. Damit wir mal anfangen, uns an die möglichst vollständige Wahrheit heranzutasten; dies ist mein vorläufiges Erklärungsmodell:
    Am Montag Nachmittag legt der Handwerker, der meine Küche ausräumt, die Fußmatte auf die Treppe, um sie zu schonen. Er versäumt, sie wieder an ihren Platz zu legen. Am nächsten Morgen sehe ich das, ziehe nicht sofort die Verbindung und verfasse einen Blog-Eintrag mit Foto. Eine Nachbarin, die aus mir nicht ganz erfindlichen Gründen zu dieser Zeit mein Blog bereits liest, erkennt am Foto, dass wir benachbart sind und beschließt, aus der Sache einen kleinen Spaß zu machen.
    Ich freue mich über jede Ergänzung und Korrektur, so läuft ja die Suche nach der Wahrheit.

  5. Metaphysisch betrachtet eine schwierige Frage. Konkret ist die Antwort da schon einfacher. Insofern sei meinerseits so viel verraten, dass selten die ganze Wahrheit bei einer Person liegt und dass mein Blog nicht die vollständige Antwort für die bewegliche Fußmatte liefert. Insofern wird hier, zumindest teilweise, geirrt.

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