Von Danzig nach Königsberg

(Freitag, 6. Juli) Die Stadtführerin Anna zeigt uns innerhalb von zwei Stunden die Höhepunkte des wiederaufgebauten Danzigs.

Die Bernstein-Verkaufsshow

Zwischendurch besuchen wir noch ein hochpreisiges Juweliergeschäft, wo uns erklärt wird, wie sich echer Bernstein von gefälschten unterscheiden lässt. Dieser schwimmt  angeblich im Wasserbecken  mit Salz oben, Plastikimitate jedoch sinken auf dem Boden.

Nichtsdestotrotz kann ich mir nicht vorstellen, dass an den vielen Straßenständen nun ausschließlich Plastik verkauft wird, vermute eher, dass die kleine Vorführung ein abschreckender Trick ist, um die Reisegruppe von den hochpreisigen Angeboten des eigenen Ladens zu überzeugen.

Die im Geschäft verbrachte halbe Stunde hätte ich gerne sinnvoller verbracht. 

Die Danziger Altstadt

Die Stadt ist beeindruckend schön, wirkt jedoch zum Teil auch kulissenhaft. Es handelt sich hier eben nicht um die originale Bebauung, sondern die Architektur ist historischen Vorlagen und Erinnerungen angepasst, atmet also nicht mehr den Geist der Vergangenheit aus, sondern ist einer vornehmlich touristischen Nutzung unterworfen. 

Der Wiederaufbau des Kerns des alten Danzig um den Langen Markt erfolgte 1948 – 55. (…) Die Bauweise der historisierenden Häuser der ul. Ogarna (ehem. Hundegasse), die um 1950 als erste erbaut werden, war noch sehr karg und schablonenhaft. Später, um 1953, ergänzte man einige der Häuserfassaden mit Graffiti, Glasurdekorationen, Wandmalereien und Marmorverkleidungen. (Torbus, Thomas: Polen. Reisen zwischen Ostseeküste und Karpaten, Oder und Bug. Ostfildern 2005, S.320)

Obwohl man als Besucher in der Danziger Altstadt ein wenig an einen Themenwelt im Vergnügungspark erinnert wird,  finde ich es positiv, dass die Polen versucht haben, die von Kriegszerstörungen heimgesuchte statt, ihre  einmalige Schönheit zurückzugeben.  Das ist, meiner Meinung nach, attraktiver,  als eine seelenlose Neubebauung, die das historische Gewordensein verleugnet.  Später am Tage werde ich in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad , sein. Dort wurde die ehemals deutsche Tradition negiert und die Stadt sowjetisch überzeichnet, was ich furchtbar finde.

Zur russischen Grenze

Doch erst einmal geht es durch  das Mündungsgebiet der Weichsel  in Richtung  auf die russische Grenze zu. Die Fahrt gestaltet sich sehr mühselig,  weil in diesem Gebiet gerade an der Autobahn gebaut wird. 

Nach einer Woche individuellen Rundreise genieße ich erst einmal  das Rundum-Sorglos-Paket einer organisierten Reise. Zwar ist man dabei nicht so dicht am Land, einfach deshalb, weil die meisten Unwegsamkeiten durch die Reiseleitung abgefedert werden, dafür kann ich nun die Landschaft genießen, ohne mir Gedanken machen zu müssen wie ich von A nach B komme. Königsberg wäre beispielsweise, ohne Auto, nur mit einer polnischen Busverbindung erreichbar. Die Schienen einer direkten Verbindung zwischen Berlin und Königsberg existieren zwar noch, genutzt werden sie jedoch nicht.  Alles sehr unerfreulich! Hinter der Grenze hätte mich die kyrillische Schrift, die ich nicht verstehe,  erwartet. Russische Bushaltestellen sind nicht mit Fahrplänen ausgestattet. Nein, all das wollte ich mir nicht antun!

An Elbing/Elblag vorbei (ohne etwas zu sehen 🙂 )

Doch erst einmal  fahren wir an  Elbing/Elblag vorbei. Die Stadt liegt direkt am Frischen Haff. Hier beginnt auch der Oberländische Kanal, der die maurische Seenkette miteinander verbindet. Dieser Kanal wurde im 19. Jahrhundert durch die Preußen  gebaut; Pläne gab es schon bei den Deutschen Ordensleuten.  Die Schiffe bewegen sich auf Schienen eine Erhöhung hinauf. Leider fahren wir nicht zum Kanal, da es nicht zum ausgeschriebenen Programm gehört.  

In Elblag ist man gerade dabei in  der Innenstadt historisch nachempfundene Gebäude, ähnlich wie in Danzig, wieder neu entstehen zu lassen, erzählt der Reiseleiter. 

Doch ich sehe die Stadt nur aus der Ferne und beschließe noch einmal wiederzukommen, um mir alles in Ruhe anzuschauen.

Ab Elbing ist dann die Baustelle auch vorbei. Hinter Braunsberg/Braniewo befindet sich die polnisch-russische Grenze. Wir haben Glück, dass wir der einzige Reisebus sind. Wir müssen nämlich aussteigen und jeder muss einzeln den Reisepass vorzeigen und erhält dann  ein Migrationsticket, was später auch im Hotel und auch bei der Ausreise wieder vorgezeigt werden muss. Dieser Prozess dauert jeweils 3 – 5 Minuten, was sich bei großem Andrang leicht summieren kann. Wir haben jedenfalls Glück und die ganzen Grenzkontrollen neben nur ungefähr eineinhalb Stunden in Anspruch. Ich bin an die DDR erinnert. 

Das mobile Internet stelle ich erst einmal ab, da die Rooming Gebühren in Russland unverhältnismäßig hoch sind.

Der jetzt russische Teil von Ostpreußen begrüßt uns mit wunderschönen Alleen mit alten Bäumen. 

Kaliningrad

Kalingrad dagegen begrüßt mich mit Plattenbauten und einen viel zu hohen Individualverkehrsaufkommen. Es lässt sich nur schwer erahnen, wie es hier einmal ausgesehen haben mag. Leider machen wir vor dem Einchecken in das Hotel eine Stadtbegehung. Es wäre schöner gewesen, sich erst einmal frisch zu machen, zumal wir ja schon am Morgen eine Stadtführung in Danzig hatten.

Die erhalten gebliebenen Stadttore sehen wir nur vom Bus auf.

Die Dominsel, die einmal das Herz der Stadt war,  begehen wir zu Fuß.  Dabei passieren wir  Fischdorf, wo in den letzten Jahren  einige historisierende Gebäude (Speicher, Leuchtturm) entstanden sind, vielleicht weil man merkt, dass die Plattenbauten keine Heimeligkeit  versprühen.

Die ehemalige Mitte von Königsberg besteht nur noch aus Grünanlagen und wirkt daher leer.  Im Dom, der im Krieg schwer zerstört und danach (bis 1992) nicht sachgerecht gepflegt wurde,  müssen wir uns entscheiden, ob wir uns die Orgel (ein Nachbau), also das Innere des Kirchengebäudes, ansehen wollen, oder das Kantmuseum. Ich entscheide mich für letzteres.   Im Eingangsbereich, in den beiden Türmen , befindet sich jeweils ein evangelischer und ein orthodoxer Gebetsraum, da  in der Nutzung des Gebäudes  keine Glaubensrichtung bevorzugt werden wollte.

Wenig später stehe ich im Nachbau des Bibliothekzimmer, das der von mir sehr bewunderte E. T. A. Hoffmann in seiner großartigen Erzählung  „Der Goldene Topf“ erwähnt hat und das nun zum Kantmuseum gehört.

Wallenrodtsche Bibliothek (nicht original) im Kant-Museum

 

Die Totenmaske von Immanuel Kant ist ebenfalls nur ein Replik, dafür sollen im Grab vor dem Dom wirklich die Gebeine des Philosophen liegen.

Worüber unsere russische Reiseleiterin nicht gerne spricht!

Für sie ist ja alles „wunderschön“, weshalb beispielsweise das „Haus der Räte“ nur kurz im Vorbeifahren erwähnt wird.

Dass in den 70er Jahren gebaute Hochhaus wurde niemals bezogen, da – aufgrund der Sprengung des Königsberger Schlosses – der Untergrund absackte, was die Statik beeinträchtigte.  Zum Stadtjubiläum hat es eine hübsche Fassade erhalten, sodass nicht auf dem ersten Blick auffällt, dass es sich um eine Bauruine handelt. Die Reiseleiterin sagt, dass ein Investor gefunden ist und das Haus bald genutzt werden wird.  Ich schenke dieser Aussage kein Vertrauen.

Das Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff wurde vom russischen U-Boot-Kapitän 3. Ranges Alexander Marinesko zerstört. 13000 Flüchtlinge fanden so den Tod. Russland ehrt den Kapitän mit einem Denkmal, was gleich neben dem Schlossteich liegen soll. Unsere Reiseleiterin weist uns nicht darauf hin. Am nächsten Tag werde ich sie auf das Thema ansprechen …

Überhaupt stehen überall  fürchterlich brachial wirkende Denkmäler herum, was mich an einer pazifistischen Gesinnung Russlands zweifeln lässt. An der Außengrenze zur EU zeigt Russland starke militärische Präsenz und auch in Königsberg ist überall Polizei zu sehen, was vielleicht aber auch nur an der Fußballweltmeisterschaft liegen mag.  Auf der Fahrt nach Rauschen werden sogar unzählige Panzer an uns vorbeifahren, die jene Zeitgenossen, die immer die Freundschaft mit Russland  betonen, zum Nachdenken bringen sollten. Unsere Reiseleiterin, die ansonsten fast pausenlos redet, schweigt dazu.

Radisson Hotel Kaliningrad

Das Zimmer ist luxuriös und lässt keine Wünsche offen. Mir steht wahlweise eine Badewanne oder eine Dusche zur Verfügung. Pflegeprodukte stehen bereit (und ich liebe die von der Hotelmarke genutzten Produkte mit ihren Duft nach Bergamotte). Ein Wasserkocher steht bereit, eigentlich fehlt nur der Bademantel und die Filzpantoffeln. Jedenfalls liegt es zentral, gleich am Platz der Siege und der  großen orthodoxen Erlöserkathedrale. Am Abend werde ich mit einen dreigängigen Menü verwöhnt. Drei Nächte  bleibe ich hier  und rückblickend war dies das beste Hotel der Reise.

#Königsberg #Kaliningrad #Danzig #Ostpreußen #Elbing #Elblag

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