Von Pillau nach Palmnicken und Rauschen

(Samstag, 7. Juli) Mit dem Bus fahren wir zur Marinestadt Pillau/Baltijsk. Es riecht nach verbrannten Laub und überall kehren Kadetten das Laub weg. Noch bis vor Kurzem war diese Stadt für ausländische Gäste gesperrt und nur mit Sondergenehmigung besuchbar.

Pillau

Pillau liegt direkt am Frischen Haff und liegt an dessen einziger Öffnung zur Ostsee gegenüber Fischhausen/Samland, weshalb der Ort schon immer eine strategische Bedeutung innehatte. 

Es gibt eine alte fünfstrahlige  Festung aus dem Dreißigjährigen Krieg, die aber, laut Reiseleiterin, nur nach Voranmeldung besucht werden könnte. Mein Reiseführer sagt indes etwas anderes: Zeit, um es zu überprüfen, wer Recht hat, habe ich jedoch nicht, da ich mich den Vorgaben der Reisegesellschaft anpassen muss.  

Ein russischer Reisebus hat ebenfalls In Pillau angehalten und hört sich Erklärungen zur Festung an. 

Wir schauen in die ehemalige Reformierte Kirche (Baujahr 1866) , die jetzt der orthodoxen Kirche untersteht, hinein. Dort findet gerade ein Gottesdienst statt und Frauen mit Kopftüchern verneigen devot ihr Haupt vor einem Priester. 

Die Reiseleiterin zeigt uns noch das Denkmal Peter d. Großen (vormals stand hier Friedrich d. Große), verliert aber kaum ein Wort darüber, dass von hier aus am Ende des Zweiten Weltkriegs, nachdem sowjetische Panzer bei Elbing den Fluchtweg nach Westen abgeschnitten hatten und Königsberg Mitte Januar 1945 durch die sowjetische Armee eingekesselt wurde,  für die Bevölkerung Pillau mit seinen vielen Hafenbecken, die letzte Hoffnung darstellte, Ostpreußen über die Ostsee verlassen zu können.

Diejenigen, die nicht mehr auf den Schiffen unterkamen, wählten, bei eisiger Kälte, den gefährlichen Weg über die zugefrorene Haff. Viele starben dabei. Mein Reiseführer berichtet sogar davon, dass manchmal im Haff, das, begründet durch die Ablagerunge des Pegels,  nur fünf Meter tief ist, Überreste von 1945 ins Eis eingebrochener Wagen zu sehen sind.

Am Ufer bei Balg, an der gegenüberliegenden Seite, werden nicht selten noch Geschirr, Stahlhelme und dergleichen angespült.  (Strunz, Gunnar: Königsberg. Kaliningrader Gebiet. Berlin 2017, S. 188)

Das einzige Hotel am Platz stammt noch aus deutscher Zeit und zeigt sogar noch deutsche Beschriftung. Am Hafenkai in Pillau, wo sich noch ein altes deutsches Gasthaus (Der Goldene Anker, heute: Hotel Zolotoj Jakob), was auch  jetzt als Hotel genutzt wird befindet, spreche die Reiseleiterin darauf an, ob es stimmen würde, dass der U-Boot-Kapitän, der die Wilhelm Gustloff  beschossen und zum Untergang gebracht hat, in Königsberg mit einem Denkmal geehrt werden würde?  Sie bestätigt diess und ich  spreche mein Unverständnis darüber aus, betone gar, dass ich das geschmacklos finde, und bin bald im heftigsten Disput verwickelt. Hier, im Lande der militärischen Präsenz und der Heldenverehrung, scheint das Mitgefühl für deutsche Zivilopfer gering zu sein. 

In Pillau gibt es übrigens einen großen Friedhof, auf dem russische und deutsche Opfer des Krieges begraben liegen, darunter auch 204 Tote des Flüchtlingsschiffs “Wilhelm Gustloff (siehe hier!) Obwohl unsere russische Reiseleiterin fast pausenlos redet, beherrscht sie die Kunst, mit vielen Worten NICHTS zu sagen.

Das ehemalige Zentrum Pillaus ist jetzt ein Aufmarschplatz mit befremdlichen Dekorationen.

Palmnicken/Jantarnyi

Leider habe ich vom Ort überhaupt nichts gesehen, stattdessen wird an einem Bernstein-Museum mit Verkaufsausstellung angehalten.

Ein Stopp im Zentrum ist angeblich nicht möglich, was ja nicht schlimm gewesen wäre, wenn man denn zurückgelaufen wäre.

Die Manufaktor selbst kann man nicht besichtigen und ich frage mich, was ich hier soll? Das Bernsteinmuseum interessiert mich nicht, da ich die Bernstein-Ausstellung auf der Marienburg besichtigt hatte und diese einen Standard gesetzt hat, der hier sicherlich nicht hätte eingehalten werden können.

Wenn wir wenigsten zum Strand gegangen wären, hätten wir selbst nach Bernstein Ausschau halten können!  So war es insgesamt enttäuschend. 

Mein Reiseführer schreibt:

Hier sollte man zum Strand hinunter gehen denn zum einen sind dort einige dünnmächtige Schichten jener berühmten Blauen Erde zwischen den Strandsand aufgeschlossen, zum anderen befand sich hier bis in den 1960er Jahren ein Bernsteintagebau, der Anfang der 1980er Jahre durch Meereseinbrüche überschwemmt worden ist, so dass Fundmöglichkeiten von bis zu einem Zentimeter großen Bersteinstücken gegeben sind. (Ebd., S. 173)

In Palmnicken gibt es auch ein großes Denkmal, dass an den Tod von 3000 KZ-Häftlingen erinnern soll, die in der Nacht vom 31.01 auf den 01.02.1945 am Strand von Palmnicken von SS-Wachleuten ermordet wurden. Auch dieses sehe ich nicht, nur das auf die Wand gemalte Panorama vom alten Königsberg, das die Wand zwischen Bernsteinmuseum und Verkaufsladen ziert.

Rauschen/Svetlogorsk

Weiter geht es nach Rauschen. Die Landschaft wird hügeliger und  auf den Dächern der Häuser befinden sich viele Storchennester mit Jungtieren.

Der Bus hält an einer Straße, die von Verkaufsständen gesäumt ist. Da wir uns hier im Bernstein-Abbaugebiet befinden, wird überall an der Straße Bernstein verkauft, sei es nun in geschliffener oder roher Form. Ich sehe auch, dass China-Import-Bernstein mit Einschlüssen verkauft wird. 

Ein steiler Weg führt zum Strand, der  seit der Sturmflut 2012 recht schmal ist.

Auch hier setzen sich die Buden fort. Es gibt also auch russischen “Budenzauber”, nicht nur polnischen.

Hier haben wir glücklicherweise Zeit zur freien Verfügung, die ich für einen kleinen Strandspaziergang nutze. Danach gehe ich den Berg aufwärts und damit  zum Ort zurück und entscheide mich dabei gegen die kleine Seilbahn, die alternativ zur Verfügung gestanden hätte  und mich mühelos  nach oben befördert hätte. Oben angekommen bleibt mir leider nicht mehr die Zeit, mir die alten deutschen Villen, die verstreut im Wald stehen, genauer anzusehen. Dazwischen sind immer Neubauten gewürfelt, sodass sich leider ein recht uneinheitliches Bild ergibt.

Insgesamt ist es schwierig, die einstige Schönheit des Ortes noch erahnen zu können. Leider habe ich das Jugendstil-Warmbad nicht gesehen, genauso wenig wie den Kur- oder Stadtpark mit der Skulptur “Die Wasserträgerin” von Hans Brachert. Schade!

Bei Gruppenreisen muss man ja leider immer wieder Konzessionen machen und alles wird nur oberflächlich angeschnitten, ohne dass man Zeit zur Vertiefung hat. Das ist der Nachteil, andererseits würde ich dieses Gebiet nur individuell bereisen wollen, wenn ich ein Auto zur Verfügung hätte. 

Als wir den Ort verlassen, fahren wir am Mühlenteich vorbei, der einst noch von den Ordensrittern angelegt wurde. Deren Burg steht nicht mehr. 

Zurück in Königsberg!

Der Bus wird  auf dem bewachten Parkplatz eines Supermarktes geparkt, der im  1925  von Hanns Hopp errichtetenHaus der Technik, einer ehemaligen Ausstellungshalle der Deutschen Ostmesse (Schlageier-Haus, 1935),  untergebracht ist. Dieses glänzt im  Backstein-Expressionismus, was u.a. an den hervorstehenden Steinen erkennbar ist.

Abends  mache ich noch einen kleinen Spaziergang in Königsberg. Überall zeigt die Polizei Präsenz und ich frage mich, ob dies nur anlässlich des Russlands-Fußballspiel der Fall ist oder ob dies die Regel darstellt. 

Die Russen treibt es jedenfalls in die Kneipen, um sich das Sportereignis gemeinschaftlich anzuschauen. Später habe ich erfahren, dass  ihre Mannschaft verloren hat.

#Königsberg #Rauschen #Pillau #Palmnicken #Bernstein #Backsteinexpressionismus #Ostpreußen #WilhelmGustloff

 

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