Wider dem Gehorsam!

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“Wider dem Gehorsam”, Din A3, Mixed Media, Februar 2016

Nicht nur ausgehend von der Lektüre des Buches Wider den Gehorsam von  Arno Grün, sondern auch aus einer direkten Betroffenheit heraus,  möchte ich mir an dieser Stelle meine Gedanken zum  Thema “Gehorsam” machen.

Zuerst sei betont, dass nicht nur ich betroffen bin. Letztendlich – bei genauer Betrachtung – sind wir es alle –   sei es als Täter-Tyrann, als Opfer oder  als Mittäter/ Mitläufer, was in einem historisch  als Obrigkeits-Staat angesehenen Deutschland auch nicht wirklich verwundern sollte. Die in der Vergangenheit geschaffenen Strukturen wirken schließlich nach, es sei denn, sie wären rekapituliert und damit  bewusst gemacht  worden, was – meiner Meinung nach –  in Deutschland bisher nicht  geschehen ist.

Und so wird auch heute noch unreflektiert “Gehorsam” eingefordert. Dies wird nicht direkt postuliert, sondern stattdessen hinter vielfältigen Euphemismen verborgen.

Das Wort  “Gehorsam”  erzeugt  – bei mir zumindest – eine unmittelbare  Abwehr.  Vielfältige negative Assoziationen werden geweckt, zu Recht, denn nach Arno Grün setzt ein gehorsames Verhalten immer die Aberkennung des eigenen Selbst zum Unwert voraus und das wünsche ich mir zumindest nicht. Die Werte des Unterdrückers (oder des Unterdrücker-Systems und ihrer Vertreter) werden bei den Unterwerfungs-Vorgängen  zum eigentlichen Wert erhoben.

Als Beispiel  für die Gehorsamkeits-Dressur, die hier gemeint ist, können wir uns ein kleines Kind vorstellen,  das “brav” sein will und  das deshalb tut, was Mami und Papi verlangen. Wenn sich nun aber auch das erwachsen gewordene Ich des Kindes  Verleugnungs-Prozeduren  unterwirft und sich auf diese  Art und Weise “gehorsam” zeigt, vielleicht auch  einfach deshalb, weil da kein ausgebildetes Selbst vorhanden ist und stattdessen nur ein verstörendes  Vakuum darauf wartet, gefüllt zu werden, dann ist eben ein solcher  Mensch besonders empfänglich dafür, “gehorsam” gegenüber den Werten von anderen oder verfestigten Strukturen zu sein. “Bitte, gebt mir einen Sinn!”, schreit die innere Leere und will gefüllt werden.

Gerade für solche Menschen, die niemals ein eigenes Selbst ausgebildet haben, denen das Wort “gehorsam” aber auch nicht behagt,    bietet das positiv konnotierte Wort “Treue” eine Ausfluchts<möglichkeit, die verschleiert, dass man sich schon längst Gehorsamkeits-Strukturen unterworfen hat und diese auch benötigt, um sich nicht als das Staubkorn erkennen zu müssen, was man in diesem Fall wäre. Man ist dann eben seinen Arbeitgeber, seiner Partei oder den Kaninchenzüchter-Verband  treu verpflichtet und tut seine “Pflicht”.

Und so verrichtet man dann eben seinen Dienst und stellt keine unbequemen Fragen. Vielleicht hat man sich das Denken sowieso schon abgewöhnt oder – was praktischer für das kranke System wäre –  man hat gar niemals gelernt, sich seines Verstandes zu bedienen, was einem zum perfekten Untergebenen machen würde. Wenn dann  – ganz hypothetisch angenommen –  diesen Blöd-Menschen  trotzdem einmal Ungereimtheiten im  Gehorsamkeits-Zurichtungs-System  auffallen würden, dann könnten  diese mit dem Verweis darauf, dass  das “den Oberen” noch nicht aufgefallen wäre und es deshalb richtig sein müsse  und dass das im Übrigen alle so machen würden, erfolgreich abgewehrt werden.  Jemand der auf diese Art und Weise  “treu” ist,  denkt nur, was ihm erlaubt ist und führt Befehle aus, ohne sich über deren Sinn und Zweck,  Gedanken zu machen. “Umso geringer die Intelligenz der Menschen, umso folgsamere  Untertanen habe ich”, meint deshalb der despotische Herrscher selbstgewiss.  Der Volksmund indes entlarvt diese Menschen und bezeichnet  pflichtbewussten Befehlsempfänger gerne als “treudoof”, eine Eigenschaft, die auch heute noch vom Gehorsamkeits-System oder von den Blödmaschinen: Die Fabrikation der Stupidität (edition suhrkamp), um mal den Titel eines anderen empfehlenswerten Buches zu zitieren, verlangt wird.

Der Mitläufer und der Mittäter hat die Gewalt des Tyrannen erfahren. Er befindet sich in einem steten Überlebenskampf, mit dem Ziel, nicht abgewertet zu werden. Er sucht die Erlösung davon, indem er sich den Täter unterordnet und seine Werte bedingungslos übernimmt und verteidigt. Er wird dann beispielsweise zum Spitzel und  zum Blockwart, der den Tyrannen eilfertig Informationen darüber zuträgt, wer sich im bestehenden System eben nicht gehorsam zeigt. Der Denunziant und Gesinnungs-Gehilfe  pludert so sein nicht vorhandenes Selbst zum narzistischen Ich auf.  Niemals reflektiert er, was  sein schäbiges Verhalten bewirkt oder wem es dient. Er hat sich längst schon die Werte einverleibt, denen  er einst hilflos gegenüberstand und setzt diese nun hemmungslos durch. Wenn er dann “über Leichen” geht, wäscht er trotz alldem seine Hände in Unschuld. Schließlich hat er “nur seine Pflicht”  getan und ist dem Dienstherrn treu ergeben.

Doch leider hat diese Pflichtversessenheit wenig mit der Übernahme von wirklicher Verantwortung gemein; jedoch wird durch das “korrekte Verhalten, in der man die Rolle ausfüllt,  die einem der Tyrann zugedacht hat, der Anschein von Verantwortung geweckt. Alles, was die Wahrheit, also die eigene Leere, die sich hinter der Pflichterfüllung verbirgt, verdeckt, muss erbarmungslos zerstört werden, denn schließlich wird ansonsten das eigene Tun in Frage gestellt.

“Die Ursachen des Gehorsams sind unmittelbar mit der Entfremdung verbunden. Denn die Gewalt, die unser Eigenes zum Fremden macht, ist dieselbe, die den Gehosam erzwingt. Das Ausmaß an Gewalt, das der Einzelne erfährt, bestimmt den Grad seiner Autoritätshörigkeit”. (Arno Grün)

Arno Grün stellt weiterhin  fest, dass unsere Gesellschaft “pathologisch” ist und wenn Demokratie gestärkt sein will, dann muss man die Wurzeln dieser Pathologie – also des kritiklosen, blinden Gehorsams, angehen, was wahrscheinlich für das Individuum bedeutet, über die eigene Gehorsamkeits-Domestizierung nachzudenken und was  im geschichtlich-soziologischen Kontext auch bedeuten muss, Gehorsamkeits-Kontinuitäten aufzuarbeiten, die in der bestehenden Gesellschaft-Struktur vorhanden sind und die unreflektiert von einem Befehlsempfänger zum nächsten weitergereicht werden.

Der Autor geht, wenn er davon träumt, “Demokratie zu stärken”  davon aus, dass dies im Interesse der herrschenden Lobbyindustrie und ihrer politischen Lakaien wäre. Dies glaube ich jedoch nicht. Schließlich bietet ein demokratischer Schein, der im Kern totalitäre Strukturen verbirgt, für die Macht- und Geldeliten so viele Vorteile, als dass diese sicherlich nicht die persönliche oder gesellschaftliche Infragestellung von herrschenden Strukturen, die ihnen nutzen, protegieren werden. Jedoch gelingt es ihnen mittlerweile zunehmend weniger – vor allem aufgrund der neuen Medien – , die Camouflage einer Demokratie aufrechtzuerhalten, die schon längst keine mehr ist.

Was sind nun aber die Auswege, die uns den aufrechten Weg vom Befehlsempfänger zum freien Individuum ermöglichen? Arno Grün geht darauf nicht direkt ein, was wohl der Schwierigkeit der Beantwortung dieser Frage geschuldet ist. Indirekt lässt sich aber aus  seinem Essay herauslesen, dass er Chancen darin sieht

  • die eigenen Lebenskräfte zu stärken
  • das eigene Selbst zu erkennen und zu entwickeln
  • empathische Wahrnehmung zu pflegen, denn Mitgefühl und Liebe sind dem Gehorsamkeits-System fremd.  (Da Empathie leider  ein schrecklich abgedroschener Begriff ist, ziehe ich die Schopenhauersche “Herzensgüte” hier vor.

Bei Arno Grün vermisse ich (zumindest im vorliegenden Buch), die  Auseinandersetzung darüber, wie man sich als denkendes Individuum in einem System der Tyrannei ganz praktisch verhalten sollte.  Welche Überlebensstrategien gibt es für ein denkendes Individuum in einem Kollektiv, das den dumpfen Gehorsam verpflichtet ist?

Vorerst erscheint mir der  Der Waldgang ein adäquates Mittel der Reaktion zu sein.

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“Wider dem Gehorsam”. Digitale Spielerei. Februar 2016

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