Zarathustra am Maschsee. Teil 2

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Wir setzen also unseren kleinen Spaziergang fort.

Ein Wort zur Warnung: Mit  Teil 1  dieser Artikelserie solltest du dich zuvor vertraut gemacht haben, denn andernfalls wird dir das Folgende seltsam vorkommen. Nachdem wir die Bronzelöwen hinter uns gelassen haben, begegnen wir knapp vor der Höhe der Geibelstraße einen Menschenpaar.
Auf diese Doppelfigur von Georg Kolbe möchte ich zum Schluss unseres Spazierganges  noch einmal zurückkommen.

An dieser Stelle  meiner Argumentation ist es erst einmal nur bedeutsam, dass das Menschenpaar im Kontext der von mir verfolgten Interpretation der Skulpturen-Landschaft als Illustration zum Zarathustra – zumindest oberflächig betrachtet  –  „nicht passt“.

Der Löwe nämlich verwandelt  sich bei Nietzsche  in ein Kind.

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Das Kind begegnet uns gleich zweimal am Maschsee, nämlich im Fischreiter, der nächsten Skulptur, und später  im Putto auf dem Musikpavillon. Beide Skulpturen befinden sich am Südufer und gehen auf dem Bildhauer Hermann Scheuernstuhl zurück.

Die tierischen Vorstufen  sind nun überwunden. Das Kind ist das autonome Individuum und der ÜBERMENSCH.

Fischreiter1

Fischreiter2

Was macht aber einen ÜBERMENSCHEN aus?

Das ist  u.a. der Künstler. Er ist der Prototyp des Übermenschen, der neue Werte aus sich selbst erschafft und fröhlich hinaus in die Welt trägt.

Der Künstler, in Nietzsches ambivalenter Sicht zugleich leidenschaftlicher Welterzeuger und Vampir ohne große Leidenschaften, verwirklicht die ästhetische Vernunft (und „vernünftelt“ (Kant) nicht darüber). Als der – wie Nietzsche herausfordernd formuliert – „im verwegensten Sinne …Unnütze“ (Ü 37, 1870/71) will er nicht zur allgemeinen Kultur und Bildung beitragen, sondern verkörpert in seiner Person die höhere Form einer künstlerischen Kultur. Deren Signatur ist die Verwandlung des abgelehnten Lebens in ein bejahtes Dasein, der vorgefundenen Welt in einen gewollten Entwurf. Die ästhetische Vernunft ist keineswegs der zweifelhafte Versuch, die aus Praxis und Geschichte  vertriebene Wahrheit im Schongebiet der Kunst überwintern zu lassen (das sind spätmoderne Hirngespinste), sondern schon im Ansatz leiborientierte Weltbewältigung. Wahrheit gibt es für die ästhetische Vernunft nur, solange es Lust gibt, und als Verführung zum guten Leben und Gelingensethik wird ästhetische Vernunft aktiv. (Schirmacher, Wolfgang: Kunst und Künstlichkeit der Wahrnehmung: Kulturphilosophie nach den Nihilismus, zitiert nach: http://www.egs.edu)

Rückblickend  verstehen wir nun auch die Funktion der Menschenpaar-Skulptur, die uns zwischen „Löwe“ und „Kind“ begegnet ist.

Das Paar stellt die radikale Zensur dar, die die Verwandlung des Löwen zum Kind erfordert.

Man muss nämlich den Gedanken an die ewige Wiederkunft, dass sich nämlich  alles unendlich wiederholt, ertragen, um den Nihilismus des Löwen zu überwinden und sich stattdessen mit einem „Akt der gänzlichen Einverleibung“  idendtifizieren, um als Übermensch geboren zu werden.

Wie könnte dies besser bildlich umgesetzt werden, als durch einen Mann und eine Frau,  die immer die Möglichkeit in sich tragen, dass sie durch Vereinigung und Empfängnis ein neues Leben erschaffen können?

Das Menschenpaar verweist so auf die Geburt von etwas Neuem, dass seine Vorstufen vergessen hat: Wenn wir  als Kind in das Leben treten, wissen wir nicht darum, was vorher war.  Wir können uns nicht an jene Existenzstufen erinnern, die wir durchlebten, bevor wir Mench geworden sind.

Insofern erstaunt es auch nicht, dass das Fischreiter-Kind, das den Fisch lenkt, gerade beabsichtigt, diesen in das erfrischende Nass des Sees hüpfen zu lassen, denn schließlich verweist die allgemeine Symbolik des Wassers auf das Urmeer und das mütterliche  Fruchtwasser, aus dem jegliches Leben entspringt.

Ein neues Leben beginnt im Kind, was vollkommene Unschuld und freudiges Spiel ist.

Jedoch birgt der Zustand des Kindes  eine  nicht zu unterschätzende Gefahr in sich. Wenn das Kind  nämlich die Stimme des Common Sense vernimmt oder die des einsamen Denkens, anstatt ihnen mit den Mitteln der ästhetischen  Vernunft zu begegnen, kann es zurückfallen in das unkritische  und einlullende Wir oder in jenes des einsamen Ichs, was sich feindlich gegen die Welt aufstellt.

Das Putto-Kind auf dem Musikpavillion  streckt dann auch optimistisch sein Ärmchen  in den Himmel und will uns damit vermutlich sagen:

„Ich bin kein statischer Endzustand, sondern muss immer wieder neu errungen werden.“

Hier geht es weiter: Zarathustra am Maschsee. Teil 3

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